F/M

Feminismus / Marxismus

Die Schöneberger beziehen sich – zunächst das Avanti-Grundsatzpapier zitierend – auf die sog. Hausarbeitsdebatte der 1970er zwischen Feministinnen und MarxistInnen zurück: „‚Durch die Trennung von Reproduktions- und Produktionsarbeit wird unsichtbar gemacht, wie diese in Wirklichkeit zusammenhängen: Mit der Reproduktionsarbeit wird die ‚Ware Arbeitskraft’ (die der Lohnarbeiter verkauft) erst hergestellt. Daher befindet sie sich eigentlich auch im Kreislauf der Mehrwertproduktion. Doch diese Form der Arbeit ist gesellschaftlich ‚unsichtbar’ (manchmal auch für marxistische Theoretiker), sie erscheint lediglich als ‚Liebesdienst’ in Form von Fürsorge, Zuwendung, Mutterschaft und Ehe.“ (S. 32 / 33) Das klingt schlüssig u.v.a. ziemlich marxistisch, denn auch für die Ware Arbeitskraft müssen natürlich dieselben Maßstäbe / Kategorien gelten wie für alle anderen Waren. Die AVANTIS neigen ganz offensichtlich zur Position von Maria Rosa dalla Costa, deren Aufsatz ‚Die Frau und der gesellschaftliche Umsturz’ 1972 den Beginn der so genannten ‚Hausarbeitsdebatte’ markierte.“
Dazu und zu späteren Debatten über das Verhältnis von Marxismus und Feminismus ein paar Hinweise auf online zugängliche Text:

► Der die damalige Debatte eröffnende Text steht auf Deutsch im internet zur Verfügung:
+++ Mariarosa Dalla Costa, Die Frauen und der Umsturz der Gesellschaft:
http://www.klassenlos.tk/data/pdf/dalla_costa.pdf (dt. Übersetzung)
Das gleichnamige Buch (Merve: Westberlin, 1973, 3. Aufl.: 1978) enthält noch einen zweiten Aufsatz von Selma James; die komplette dritte engl. Auflage von 1975 gibt es hier: http://libcom.org/library/power-women-subversion-community-della-costa-selma-james, darin enthalten:
+++ Power of Women Collective, Comitato per il Salano Britainal Lavoro Domestico di Padova: Foreword (von 1975)
+++ Selma James: Introduction
+++ Mariarosa dalla Costa: Women and the Subversion of the Community
+++ Selma James: A Woman’s Place.

► In der New Left Review erschienen zu dieser Debatte u.a.:
+++ The Housewife and Her Labour Under Capitalism
von Wally Seccombe, Iss. I/83, January-February 1974, pp. 3 – 24
(dies dürfte wahrscheinlich die engl. Originalfassung des in FN 13 des Schöneberger Papiers genannten Textes der gleichen Autorin sein: Hausfrau und Hausarbeit im Kapitalismus, in: Die Internationale Nr. 7, 1975)
und
+++ Domestic Labour: Reply to Critics
ebenfalls von Wally Seccombe, Iss. I/94, November-December 1975, pp. 85 – 96
(kostenloser Zugang zu den Volltexten aus Uni-Netzen).

► Auch der Aufsatz von
+++ Claudia von Werlhof, Hausfrauisierung der Arbeit. Die Krise, in: Courage. Berliner Frauenzeitung H. 3 (März 1982), S. 34 – 43
steht im internet zur Verfügung: http://library.fes.de/courage/pdf/1982_03.pdf.

► Weitere dt. Texte zu der Debatte erschließt dieser Text:
http://theoriealspraxis.blogsport.de/1991/11/16/wo-viel-licht-ist-ist-auch-viel-schatten/, Abschnitt II.B.2.

► Weitere Texte nennen auch die Kommentare von Entdinglichung zu diesem blog-Beitrag, der sich seinerseits vor allem auf die „wertkritische“ Diskussion über die Beziehung von Geschlechterverhältnis und Kapitalismus bezieht:
Geschlecht & Kapital, Literaturüberblick
http://emanzipationoderbarbarei.blogsport.de/2008/07/17/geschlecht-kapital-literaturueberblick/

► Und Kritisches zum wertkritischen Ansatz findet sich bspw. dort:
Die „Krisis“ (nunmehr: „Exit“) und das Geschlechterverhältnis
http://theoriealspraxis.blogsport.de/1996/10/15/die-krisis-nunmehr-exit-und-das-geschlechterverhaeltnis/

► Während in der Hausarbeitsdebatte von einigen Beteiligten versucht wurde, v.a. die marxistische Wertanalyse direkt auf die Hausarbeit zu übertragen bzw. zu erstrecken, bezogen sich die französischen Materialistischen Feministinnen um die – in dem Schöneberger Text ebenfalls erwähnte – Christine Delphy sowie Monique Wittig eher auf allgemeine marxistische Konzepte wie „Klasse“, „Produktionsweise“, „transitorische Unterdrückung der herrschenden Klasse“ und übertrugen diese auf das Geschlechterverhältnis. Siehe zu dieser Strömung:
+++ http://en.wikipedia.org/wiki/Christine_Delphy (Engl.)
+++ http://es.wikipedia.org/wiki/Christine_Delphy (Kast. [‚Span.’])
+++ http://fr.wikipedia.org/wiki/Christine_Delphy (Frz.)
+++ http://de.wikipedia.org/wiki/Monique_Wittig (Dt.)
+++ http://fr.wikipedia.org/wiki/Monique_Wittig (Frz.)
+++ http://fr.wikipedia.org/wiki/F%C3%A9minisme_mat%C3%A9rialiste (Frz.)
+++ http://en.wikipedia.org/wiki/Material_feminism (Engl.)
und
+++ http://theoriealspraxis.blogsport.de/andere/monique-wittig-one-is-not-born-a-woman/.

► Einen ganz anderen Ansatz als die Hausarbeitsdebatte, Marxismus und Feminismus zu verbinden, verfolgte das Projekt Sozialistischer Feminismus in den 1980er Jahren – unter anderem mit diesem Buch:
Geschlechterverhältnisse (Argument-Sonderband AS 110), Argument: (West)berlin, 1984.

► 1988 gab dann die Marburger Zeitschrift Perspektiven einen kurzen Überblick über die Unterschiede zwischen dem ‚real’sozialistisch-marxistische Verständnis der „Frauenfrage“, dem radikalfeministischen Bielefelder Ansatz von Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof, der an die werttheoretischen Diskussionen der 70er Jahre anknüpft, sowie dem sozialistischen Feminismus wie er in der BRD und Westberlin vor allem von den Frauen in der und um die Redaktion der philosophischen und sozialwissenschaftlichen Westberliner Zeitschrift Das Argument vertreten wurde:
http://theoriealspraxis.blogsport.de/images/Perspek_Fem_Marx_Nov_1988.pdf

► In der internationalen Diskussion war es dagegen üblicher zwischen liberalem Feminismus (der in der BRD erst in den 90er Jahren relevant wurde), radikalem und sozialistischem bzw. marxistischem Feminismus zu unterscheiden. Soweit die letzten beiden ihrerseits unterschieden wurden, so bezeichnete „marxistischer Feminismus“ in etwa das, was in der deutschen Debatte unter dem Namen „Frauenfrage“ diskutiert wurden, und „sozialistischer Feminismus“ ein tatsächliches Lernen von feministischen Positionen. Siehe zur internationalen Unterscheidung:
Juliet Mitchell, Frauenbefreiung – Frauenbewegung [1966-1971], Verlag Frauenpolitik: Münster, 1978, S. 63
http://arschhoch.blogsport.de/2011/07/26/feminismen/.

► Eine andere damals gebräuchliche Unterscheidung war die zwischen Gleichheits- und Differenzfeminismus: Liberaler Gleichberechtigungs-Feminismus sowie sozialdemokratisch-gewerkschaftlicher und ‚real’sozialistischer Gleichstellungs-Feminismus lassen sich danach als Gleichheitsfeminismus bezeichnen, der radikale Feminismus (und andere feministische Strömungen, die für das Verhältnis zum Marxismus weniger relevant sind) als Differenzfeminismus. Die sozialistischen Feministinnen standen teilweise zwischen diesen beiden Lagern, ohne dafür aber über eine ausgearbeitete theoretische Begrifflichkeit zu verfügen.

► Diese hätte dann in den 1990er Jahren Judith Butlers „De-Konstruktion“ der Kategorie „Geschlecht“ liefern können. Tatsächlich kam es aber zu neuen Mißverständnissen und schiefen Frontstellungen. 1998 antwortet Judith Butler in der New Left Review auf die Kritik, ihr Ansatz sei „merely cultural“ („bloß kulturell“), und sie bezog sich dabei positiv auf Marx, Engels und die sozialistischen Feministinnen:
+++ Judith Butler, Merely Cultural
in: New Left Review Iss. I/227, 1998, S. 33 – 44
aus Uni-Netzen kostenlos: http://www.newleftreview.org/?view=1939

► Auch die Prokla (damals auf der Cover-Rückseite noch ausgeschrieben als: Probleme des Klassenkampfs) diskutierte – und zwar in ihrem Heft 50 (März 1983) – über das Verhältnis von Marxismus und Feminismus, und zwar mit Beiträgen von Ursula Beer, Marianne Braig und Carola Lentz sowie Claudia von Werlhof:
Marianne Braig / Carola Lentz, Wider die Enthistorisierung der Marxschen Werttheorie, Seite 5 – 21.
Ursula Beer, Marx auf die Füße gestellt? Zum theoretischen Entwurf von Claudia v. Werlhof, Seite 22 – 37.
Claudia v. Werlhof, Lohn ist ein „Wert“. Leben nicht? Auseinandersetzung mit einer „linken“ Frau. Eine Replik auf Ursula Beer, Seite 38 – 58.
http://www.prokla.de/wp/wp-content/uploads/1983/Prokla50.pdf

► Dieser Debatte, in der damals ziemlich an einander vorbeigeschrieben wurde, versuchte kürzlich Frieder Otto Wolf noch mal eine andere Wendung zu geben; Claudia von Werlhof schlug allerdings das angebotene Rendezvous zwischen Kritischem Marxismus und Ökofeminismus aus:
+++ Frieder Otto Wolf, The Missed Rendezvous of Critical Marxism and Ecological Feminism, in: Capitalism, Nature, Socialism No. 2 (June 2007), S. 109-125
und
+++ Claudia von Welhof, F.O. Wolf and TINA, ebd., S. 126-131
beides aus Uni-Netzen im internet via: http://sfx.kobv.de/sfx_fub?url_ver=Z39.88-2004&url_ctx_fmt=infofi/fmt:kev:mtx:ctx&ctx_enc=info:ofi/enc:UTF-8&ctx_ver=Z39.88-2004&rfr_id=info:sid/sfxit.com:azlist&sfx.ignore_date_threshold=1&rft.object_id=960238500111.

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