Unverständliche De-Konstruktion?

Der folgende Text von „Karl Marx“ (14.08.2011 – 17:18 h) entstand aus anderem Anlaß (die dortige Diskussion ist an dieser Stelle hoffentlich übersichtlicher sortiert zu finden),


(„Yes means yes. No means no“ – Plakat der trotzkistisch orientierten Socialist Workers Party (SWP) beim Slutwalk Edinburgh)

kann aber auch als Stellungnahme zu dem hier von Kommentator „Klandestinen oder Angst“ (02. August 2011 um 22:32 Uhr) angesprochenen Problemen des Findens einer „gemeinsame Sprache“ gelesen werden:

Genosse „kein plan“ schreibt [bei indymedia]: „ich versteh diesen text nicht!!!!!“
Mein russischer Schüler Lenin sagte einen Satz, der von mir hätte sein können: „Ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Praxis.“

Und revolutionäre Theorie ist niemals eine leichte Kosten – gerade, weil sie als revolutionäre Theorie mit den herkömmlichen Ansichten, Sichtweisen, Vorurteilen und Begriffen bricht und neue Begriffe und Ansichten vorschlägt.
Deshalb schrieb ich im Vor- und Nachwort zur französischen Übersetzung des „Kapital“: „Das [Daß die Lektüre ziemlich schwierig sein wird] ist ein Nachteil, gegen den ich nichts weiter unternehmen kann, als die nach Wahrheit strebenden Leser von vornherein darauf hinzuweisen und gefaßt zu machen. Es gibt keine Landstraße für die Wissenschaft, und nur diejenigen haben, Aussicht, ihre lichten Höhen zu erreichen, die die Mühe nicht scheuen, ihre steilen Pfade zu erklimmen.“

Und das Erklimmen der lichten Höhen der Wissenschaften ist für Revolutionäre kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck: Ein Mittel, um zu erkennen, wogegen sich unserer Kampf genau richtet, was Ursachen, Wirkungen und Mechanismen sind, unter welchen Bedingungen wir kämpfen und welche Strategien unter diesen Bedingungen wahrscheinlich erfolgreich sind – und welche nicht.
Im Vorwort zur deutschen Ausgabe schrieb ich daher: „Ich unterstelle natürlich Leser, die etwas Neues lernen, also auch selbst denken wollen.“
Und deshalb es auch kein Wunder, daß Ihr Euch mit de-konstruktivistischer Theorie schwertut – zumal, wenn sie nicht nur für ein ‚gutes politisches Gewissen’ bei der nächsten queer Party sorgen, sondern revolutionäre Praxis anleiten soll.
Selber denken und neues Lernen ist anstrengend!

Ich tue mich manchmal auch schwer mit heutiger wissenschaftlicher und philosophischer Textproduktion.
Aber eines scheint mir doch mittlerweile klar zu sein, auch wenn es mir selbst im 19. Jahrhundert alles andere als klar war:
Genosse „kein plan“, Du schreibst: „aber ich verteh nicht warum es nun neben dem ganzen antideutschenrumstreitereien jetzt noch eine weiter spaltung dazu kommen muss…ein aufruf zur männerfeindlichkeit….
gibt es nicht genug wichtiger feindbilder die angegriffen werden können … egal welches hautfarbe, welcher glaube, welches geschlecht..es geht um denn respekt der menschen untereinander“
So ähnlich hatte der „wahre“, deutsche Sozialismus meiner Zeit in Bezug auf das Klassenverhältnis argumentiert. Friedrich Engels und ich hielten dieser deutschen Harmoniesucht entgegen:

„Und da sie [die französische sozialistisch-kommunistische Literatur] in der Hand des Deutschen aufhörte, den Kampf einer Klasse gegen die andre auszudrücken, so war der Deutsche sich bewußt, die ‚französische Einseitigkeit’ überwunden, statt wahrer Bedürfnisse das Bedürfnis der Wahrheit und statt der Interessen des Proletariers die Interessen des menschlichen Wesens, des Menschen überhaupt vertreten zu haben, des Menschen, der keiner Klasse, der überhaupt nicht der Wirklichkeit, der nur dem Dunsthimmel der philosophischen Phantasie angehört.“
Wir hatten diese deutsche Ummodelung der französischen Theorie damals, eine ‚Entmannung’ genannt – ein Sprachgebrauch, den uns Eure Flugi-Verteiler und Transpi-Träger sicherlich nicht durchgehen lassen würden. ;-) Aber auch ohne Macho-Metaphorik ist klar, revolutionäre Praxis braucht jedenfalls ein Minimum an Schärfe, Stärke und Eindeutigkeit: Herrschende und Ausbeutenden einerseits und Beherrschte und Ausgebeutete sitzen nicht im gleichen Boot.

Friedrich Engels und ich verfochten dies damals in Bezug auf das Klassenverhältnis. Daß dies ganz genauso auch für die anderen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse gilt, war uns dagegen nicht so klar.
Aber wie mein eingangs zitierter russische Schüler ebenfalls und zurecht sagte:

„Wir betrachten die Theorie von Marx keineswegs als etwas Abgeschlossenes und Unantastbares; wir sind im Gegenteil davon überzeugt, daß sie nur das Fundament der Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten nach allen Richtungen weiterentwickeln müssen, wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen.“
In diesem Sinne, Genossen, kümmert Euch um die De-Konstruktion und das Geschlechterverhältnis!

Ein Minimum an Schärfe und Eindeutigkeit

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