Gewerkschaftliche Organisierung und Organisation der RevolutionärInnen

M.E. Wert von einem Kommentar zu einem eigenen Artikel aufgewertet zu werden – eine Erläuterung von Bronsteyn:

Ich denke, es ist klar, dass Gewerkschaften und gewerkschaftsähnliche Strukturen wirklich breit sein sollten und keinen Arbeiter, keine Arbeiterin ausschließt.
Die Aufgabe der Organisation der Revolutionäre besteht in dem, was im Kommunistischen Manifest darüber steht:

„Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den andern Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen. Sie stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen. Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, daß sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andrerseits dadurch, daß sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten. Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weiter treibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.“

Ich habe deswegen eine so klare Vorstellung davon, weil ich diese Arbeitsweise bei der japanischen JRCL kennengelernt habe und mit eigenen Augen gesehen habe.
Die Partei JRCL (NC) ist bei vielen gewerkschaftlichen und gesellschaftlichen Bewegung im Hintergrund und unterstützt mit ihrem Apparat die Strukturen der autonomen Arbeiterbewegung (z.B. die kämpferische Eisenbahnergewerkschaft Doro-Chiba). Das Verhältnis der Partei zu den Gewerkschaftsinitiativen und Bewegungen, mit denen sie verbunden sind, ist ein, wie sie es sagen „Bruder-Schwester-Verhältnis“, kein „Eltern-Kind-Verhältnis“.
In der Praxis, konnte ich feststellen, ist es auch so.
Ganz anders als ich es in der deutschen Linken mit ihren vielen Avantagrden und „Massenorganisationen“ erlebt habe.
Die von mir gemachten Erfahrungen und Beobachtungen in Japan (seit 2009) haben mich davon überzeugt, dass diese Orientierung (KOA) Hand und Fuss hat, und mit einer RGO-Politik nichts zu tun hat. Sie ermöglicht gleichermassen, Sektierertum und Anpassung an den Reformismus zu vermeiden.
Natürlich steht Japan noch nicht vor einer Revolution, aber ich war überrascht, in der JRCL(NC)die älteste und eine der größten trotzkistischen Organisationen vorzufinden, deren Praxis (ich sprach viel gerade mit Basisarbeitern) mich überzeugte in dem Sinn, dass es eine Linie i9st, an der weitergearbeitet werden muss.
Die Organisation der Revolutionäre wird weder von der JRCL noch von mir als „die Elite“ oder die „Creme de la creme“ betrachtet, im Gegenteil sehen wir die Organisation der Revolutionäre in einer dienenden Rolle beim Aufbau der Organisationen der Arbeiter. In Japan sieht das so aus, dass selbst kleinste Gewerkschaftsverbände (von denen es in Japan viele gibt) auf den Apparat der Partei zurückgreifen können, wenn sie ihn brauchen.
Arbeiter treten erst dann in Massen in eine revolutionäre Partei ein, wenn diese durch ihre praktische Führung von Kämpfen der Klasse Vertrauen gewonnen hat. „Führungsanspruch erheben“ bringt gar nichts.
Bevor ich lange Worte mache, hier ein Text von mir dazu:
http://bronsteyn.wordpress.com/2012/01/04/gesprach-mit-aktivisten-der-japanischen-revolutionar-kommunistischen-liga-in-tokio-am-3-11-2009/

Siehe dazu auch die Antwort von neoprene:

„Ich denke, es ist klar, dass Gewerkschaften und gewerkschaftsähnliche Strukturen wirklich breit sein sollten und keinen Arbeiter, keine Arbeiterin ausschließt.“

Ich denke, daß jedem halbwegs interessierten Linken bekannt sein sollte, daß eine Gewerkschaft schon von ihrem Prinzip, der kollektiven Erkämpfung von z.B. Lohnerhöhungen, alle Arbeiter de facto ausschließt, die genau das nicht wollen, sondern sich individuell meinen erfolgreicher durchsetzen zu können. Da das leider die Mehrheit aller Werktätigen war und ist, waren und vor allem sind jetzt Gewerkschaften auch zumeist minoritäre Organisationen der Arbeiterklasse.

Aus dem gleichen Grund halte ich auch die vielzitierte Stelle aus dem Manifest für problematisch bis falsch: „Das“ Proletariat als Klasse für sich gibt es ja schon mal gar nicht. Das wollen Kommunisten ja erst noch schmieden. Und nüchtern faktisch betrachtet, hat die Mehrheit der Lohnabhängigen hierzulande eben ganz offensichtlich ganz andere Interessen als die Kommunisten es gerne hätten, daß die das haben sollten.

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10 Antworten auf „Gewerkschaftliche Organisierung und Organisation der RevolutionärInnen“


  1. 1 Thomas 09. März 2012 um 13:56 Uhr

    @lieber dgs, unverfroren an dieser stelle der hinweis darauf, dass ich dir nochmal auf deinen punkt zum revolutionären bruch geantwortet habe…

  2. 2 B.I.Bronsteyn 09. März 2012 um 21:15 Uhr

    @neoprene
    „Ich denke, daß jedem halbwegs interessierten Linken bekannt sein sollte, daß eine Gewerkschaft schon von ihrem Prinzip, der kollektiven Erkämpfung von z.B. Lohnerhöhungen, alle Arbeiter de facto ausschließt, die genau das nicht wollen, sondern sich individuell meinen erfolgreicher durchsetzen zu können.“
    Ja, das ist bekannt. Na und?
    „Da das leider die Mehrheit aller Werktätigen war und ist, waren und vor allem sind jetzt Gewerkschaften auch zumeist minoritäre Organisationen der Arbeiterklasse.“
    Das stimmt nicht als Begründung. Die meisten der Unorganisierten sind deswegen nicht in einer Gewerkschaft z.B. des DGB, weil sie diese nicht als geeignete Interessensvertretung für sich selbst ansehen. Aber dass diese deswegen glauben würden, sie könnten allein gegen Gott und alle ist – sorry – Unsinn.
    „Aus dem gleichen Grund halte ich auch die vielzitierte Stelle aus dem Manifest für problematisch bis falsch.“
    Aus welchem Grund? Weil es unorganisierte Arbeiter gibt?
    Was ist das für eine Begründung und wofür?
    „„Das“ Proletariat als Klasse für sich gibt es ja schon mal gar nicht. “
    Du hast die unangenehme Eigenart, einem Diskussionsteilnehmer einen Standpunkt zu unterschieben und dann bombastisch zu „widerlegen“. Wo habe ich mit den durchaus anspruchsvollen Kategorien „Proletariat an sich“, „Proletariat für sich“ und Proletariat an und für sich“ in meinen Zeilen argumentiert? Nirgends. Ich bezweifle auch, dass du den Sinn dieser Kategorien verstanden hast. Zum Zeitpunkt des Erscheinens des Kommunistischen Manifests gab es ein Proletariat für sich (das für seine eigenen Interessen kämpfte) auch noch nicht.
    Aber was willst du schwafeln und mit aus dem Zusammenhang gerissenen Begriffsfetzen hantieren? Worum geht es dir?
    „Das wollen Kommunisten ja erst noch schmieden“
    Ja, und deswegen haben sie unter anderem das Kommunistische Manifst geschrieben. Ja und?
    Wo ist jetzt ein Beleg oder wenigstens eine Erläuterung, warum die zitierte Stelle des Manisfests „problematisch bis falsch“ ist.
    Ich habe kein Poblem, das ernsthaft zu diskutieren, aber ich gebe zu, dass mich rhetorische Tricks, Scheinargumente und diffuse Andeutungen statt Belege völlig unabhängig vom Thema schnell ärgerlich machen, wenn ich nicht begreife, was die andere Seite eigentlich will.
    Willst du behaupten, das Proletariat existiert gar nicht mehr und hat sich in der wundervollen nivellierten Mittelstandsgesellschaft des Neoliberalismus als Ende der Geschichte aufgelöst?
    Das ist jetzt polemisch gefragt, ich weiß.
    Oder willst du sagen, dass das Proletariat aus Menschen besteht, die mehrheitlich jetzt oder für immer der Ansicht sind, jeder für sich und Gott gegen alle sei die beste Art, die eigenen Interessen wahrzunehmen. Und wenn es so wäre, willst du sagen, dass das unveränderbar (auch nicht durch praktische Erfahrungen) ist?
    Und dann auch noch das:
    „Und nüchtern faktisch betrachtet, hat die Mehrheit der Lohnabhängigen hierzulande eben ganz offensichtlich ganz andere Interessen als die Kommunisten es gerne hätten, daß die das haben sollten.“
    Aus dem Satz, der eigentlich eine Banalität ist, folgt, dass du diesbezüglich offensichtlich eine resignative Sicht hast, falls du ein Kommunist sein solltest, was ich nicht glaube.
    Sonst klingt der Satz wie eine Gebetsformel der neoliberalen Propagandisten, die hoffen und beten, dass „diese Kommunisten“ niemals in der Lage sein werden, die Proletarier entlang ihrer Interessen zusammenzuführen, damit sie für ihre Interessen kämpfen.
    Gewiss, ich muss dir darin recht geben, dass es sehr sehr viele „Kommunisten“ gibt, die gerne hätten, dass die Proletarier keine eigenen Interessen hätten, sondern sich mit ihren Interessen identifizieren sollen. Das ist unbestreitbar.
    Die Frage ist schon interessant: welche Interessen haben die Angehörigen der Klasse des Proletariats. Da gibt es sicher viele gemeinsame, aber auch divergierende, nicht zuletzt auch rein individuelle Leidenschaften und Neigungen.
    Die kommunistische Zukunftsgesellschaft wird sich nach Marx und Engels dadurch auszeichnen, „daß das Wesen des menschlichen Geistes darin besteht, selber tätig zu sein (…), und daß daher keine Notwendigkeit besteht, Menschen zur Tätigkeit zu zwingen, wie im gegenwärtig bestehenden Gesellschaftszustand, sondern nur die, ihren natürlichen Tätigkeitsdrang in die richtige Bahn zu lenken“
    Sie gingen von der “Vernunftwidrigkeit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung, die beide voneinander trennt, aus der Arbeit eine Plackerei und das Vergnügen für die Mehrheit der Arbeiter unerreichbar macht“;
    Sie traten für eine praktische Bewegung zur Schaffung einer Gesellschaftsordnung ein, in der „die Arbeit zu dem gemacht werden kann, was sie eigentlich sein soll, nämlich zu einem Vergnügen, wobei jeder seinen eigenen Neigungen folgen darf. (…)“

    Solche Sätze sind dir sicher vollkommen unbekannt, wie ich das leider von vielen gewohnt bin, die sich als „Kommunisten“ ausgeben.

  3. 3 Neoprene 09. März 2012 um 23:10 Uhr

    Es scheint dir schon gar nicht mehr aufzufallen, was du als linke Selbstverständlichkeiten hier hingeschrieben hast. Deshalb noch mal die Stelle von dir, an der ich mich schon recht grundlegend gerieben habe:

    Ich denke, es ist klar, dass Gewerkschaften und gewerkschaftsähnliche Strukturen wirklich breit sein sollten und keinen Arbeiter, keine Arbeiterin ausschließt.

    Erstens ist in der Linken so gut wie gar nichts „klar“, dann wäre sie schon viel weiter, wenn es so wäre.

    Zweitens gehen mir so blöde inhaltsleere Optimismusflausen wie „wirklich breit“ enorm auf den Keks. Woran liegt es denn deiner Meinung nach, daß Gewerkschaften gemeinhin „schmal“ bleiben, selbst wenn sie selber „breit“ sein wollen? Was soll den „wirklich“ breit sein im Unterschied zu nur breit?

    Drittens, wer wird denn jetzt von wem weshalb „ausgeschlossen“, wenn es so wichtig wäre, damit nun endlich Schluß zu machen?

    Nun noch zu einer deiner Entgegenungen:

    Die meisten der Unorganisierten sind deswegen nicht in einer Gewerkschaft z.B. des DGB, weil sie diese nicht als geeignete Interessensvertretung für sich selbst ansehen. Aber dass diese deswegen glauben würden, sie könnten allein gegen Gott und alle ist – sorry – Unsinn.“

    Was, wenn nicht das zentrale Argument, daß man sich eben in dieser Konkurrenzgesellschaft in der auch die Arbeiter in einer manchmal ja sogar bitteren Konkurrenz stehen, in der es um ihre Existenz geht, *nicht* so wie die Gewerkschaften mit den Arbeitgebern anlegen sollte (wobei die DGB-Gewerkschaften sich da ja schon historisch herzlich wenig „anlegen“), fällt dir denn dazu ein?

    Auch ein wichtiger Punkt, und nun wirklich nicht erst von mir jetzt aufs Tapet gebracht ist die Marxsche These

    „Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den andern Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen.“

    Das haben sie eben doch. Wenn nämlich „das ganze Proletariat“ kommunistische Interessen hätte, dann bräuchte es doch die mühselige bis häufig erfolglose Arbeit von Kommunisten gar nicht, die Masse der Arbeiter von dem Bewußtsein, von den Interessen wegzukriegen, die sie nun mal haben. Und das sind, um das noch mal zu betonen, alles andere als kommunistische Vorstellungen. Jetzt, 20 Jahre nach dem Abdanken der Staaten die häufig „Realsozialismus“ genannt wurden, eher mehr als vorher. Und genau wegen diesem Sachverhalt habe ich die berühmte Phrase benutzt, daß es darum geht, aus den Arbeitern die „Klasse für sich“ zu machen, als Kurzform für eine organisierte Arbeiterbewegung, die um ihre Stellung in dieser Gesellschaft weiß und die sich deshalb zum Ziel gesetzt hat diese Klassengesellschaft und damit sich als Klasse abzuschaffen. Gut, du hast diesen Marxschen Begriff nicht selber verwendet, aber dein Einstieg mit der Breitenwirklung kommt doch genau aus diesem alten (jetzt nicht abwertend gemeint) Denken. Das ist doch noch nichts „Bombastisches2.

    Bezeichnend ist deine Frage/Unterstellung:

    „willst du sagen, dass das Proletariat aus Menschen besteht, die mehrheitlich jetzt oder für immer der Ansicht sind, jeder für sich und Gott gegen alle sei die beste Art, die eigenen Interessen wahrzunehmen. Und wenn es so wäre, willst du sagen, dass das unveränderbar (auch nicht durch praktische Erfahrungen) ist?“

    Willst du, weil du es gerne anders hättest, denn bestreiten, daß es *jetzt* in der Tat so ist? Wieso ist es für Linke wie dich eigentlich immer ein Beweis für Resignation, für Defaitismus usw., wenn man auch nur darauf hinweist, was der Ausgangspunkt für kommunistisches Ackern ist. Warum bedeutet meine in der Tat nur nüchterne Bestandsaufnahme denn, daß ich damit und deshalb gleich leugnen würde, daß das auch anders werden kann (ist ja übrigens auch nicht immer und überall so gewesen wie jetzt und hier)?

    Warum geben „Kommunisten“ wie du immer eine Karikatur des Selbstbetruges ab? Warum denn immer gleich der Sieg der fortschrittlichen Kräfte unabänderlich gesichert sein? Warum muß da immer gleich eine unbezweifelbare historische Tendenz zugange sein usw. ad nauseam. Außer neoliberaler Resignation kannst du dir wirklich nichts anders vorstellen als dein aktuelles Gewerkel?

    Und ja, ich bin kein geschulter Marxist, das gebe ich immer wieder (un)gerne zu. Und von Engels halte ich zudem auch nicht so viel wie von Marx. Aber selbst dir dürfte bekannt sein, daß Friedrich Engels das von dir angeführte Zitat schon Hundert Jahre früher gemacht hat. Zumindest das solltest du korrigieren.

  4. 4 richard 13. März 2012 um 9:52 Uhr

    Hallo B.I.Bronsteyn, Neoprene,

    was den Zustand der deutschen Gewerkschaften angeht, so gibt es wohl mindestens zwei Perspektiven die ein Arbeiter einnehmen kann. Nämlich einmal ein nüchterne Blick von „außen“ auf die Gewerkschaft in seinem Sektor oder ein getrübter Blick von „innen“ auf diese Gewerkschaft. Keines dieser Blickrichtungen wird der Sachlage insgesamt gerecht, weil selbst Funktionäre nicht „frei“ entscheiden können, wenn einem gesamten Sektor mit Massenentlassungen gedroht wird. Gleichzeitig gibt es aber eine Reihe von Erfahrungen der Arbeiter mit Gewerkschaften, die dazu führen nicht mehr diese Gewerkschaft unterstützen zu wollen. Dazu gehören für mich:

    1.) Die Kündigungsbedingungen in Unternehmen sind so, dass je unsicherer die Verhältnisse eines Arbeiters sind, die Kündigungen eher ausgesprochen werden können. Eine Funktion innerhalb der Gewerkschaft sichert unter Umständen den Arbeitsplatz, genauso wie eine Familie mit Kindern. Es ist wirklich nicht nur unterstellt, dass diese Bedingungen dazu führen, dass es eine Reihe von Personen gibt, für die die gewerkschaftliche Mitarbeit auch dazu dient, den eigenen Arbeitsplatz zu sichern.
    2.) Der Lohnkampf in den Gewerkschaften keine Auseinandersetzung zwischen den Arbeitern und den Unternehmen ist, sondern der Tarifparteien und den Unternehmen. Es gibt dutzende Fälle, in denen die Tarifparteien und Funktionsträger durch Privilegien quasi gekauft sind. Auch eine „kommunistische“ Gewerkschaft hätte letztendlich auch dieses Problem, dass eben in Konferenzen mit Delegierten verhandelt wird, anstatt wirklich die Arbeiter Ihre Forderungen stellen. Würden die Arbeiter nämlich Ihre „eignen“ Forderungen stellen können, dann wären manche Arbeiter plötzlich gefährdet, die sich irgendwo schön eingenistet haben.
    3.) Aber das Hauptproblem der Gewerkschaften ist, vor allem derjenigen die im Außenhandel ihre Profite generieren, dass die Gewerkschaft regelrecht erpresst wird mit dem Konkurrenz und Standortfaktor. In regelmäßigen Abständen stehen solche Unternehmen vor Massenentlassungen oder vor Lohnkürzungsanpassungen, um im internationalen Wettbewerb weiter die gewünschte Profite zu generieren. Es nützt auch nichts, wenn in Guten Zeiten Bonus gezahlt wird, wenn einige Jahre später wieder eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen erfolgt, und zwar ohne Alternative. Man mag den Gewerkschaftsfunktionären vorwerfen was man will, aber wenn das Unternehmen in Richtung eine Insolvenz läuft, dann ist für den Arbeitsplatzerhalt fast alles möglich.

    Das Beispiel mit der japanischen JRCL ist zwar vielleicht interessant und etwas erschreckend, aber gerade Japan trimmt seine Arbeiter auf eine Weise, die dazu führt, dass auch Deutsche Arbeiter derart getrimmt werden müssen, will Deutschland weiterhin führend bleiben im Export. Das Ergebnis kann ja nur sein, dass dieser Exportwahn aufhören muss. Aber sag das mal den Gewerkschaften, die halten dich für verrückt. Deutschland und Japan sind leider beides Völker, die keine Rücksicht nehmen auf die Lebensbedingungen ihrer Arbeiter, denn die Stärke der Nation wird als gutes empfunden, der Nationalstolz auf ihre Leistung, beschleunigt geradezu diese Tendenz führend in der Ausbeutung der Arbeiter zu sein.

    Man könnte doch mal wirklich anfangen den Exportwahn anzugreifen, wenn auch vorerst nur intellektuell. Denn dieser Verursacht viele Problem auch innerhalb der Gewerkschaften. Wie wäre denn eine Exportsteuer, damit damit die Binnennachfrage und deren Arbeiter gestärkt werden können?

    MsG
    Richard

  5. 5 Neoprene 13. März 2012 um 14:23 Uhr

    Erst mal die eher unwichtigen Punkte, jedenfalls für die Diskussion hier:

    Ja, jeder kennt einen Betriebsrat, der sich auch bis nur deshalb hat wählen lassen, weil er damit einen höheren Kündigungsschutz erhofft. Manchmal kommt das auch nur als Vorwurf von unzufriedenen Kollegen, die sich von einem Vertreter mehr erwartet haben.

    Und auch zugegeben, daß viele Betriebe die Verhandlungsführer der Gegenseite nicht nur mit Argumenten/Erpressungen zu „überzeugen“ versuchen, sondern auch noch ein paar Euro oben drauf legen. Der berühmtste Fall war da sicher die Affäre um den IGM-Betriebsrat des Wolfsburger VW-Werkes.

    Entscheidend scheint mir aber der von dir zuletzt angeführte Sachverhalt des Erpressungspotentials der Arbeitgeberseite zu sein. Denn das leuchtet ja regelmäßig nicht nur den Gewerkschaftsvertretern ein sondern auch den normalen Mitgliedern und vor allem den nichtorganisierten Kollegen. Ich will dir gar nicht widersprechen, wenn du betrübt feststellst, „Man mag den Gewerkschaftsfunktionären vorwerfen was man will, aber wenn das Unternehmen in Richtung eine Insolvenz läuft, dann ist für den Arbeitsplatzerhalt fast alles möglich.“ Es leuchtet Arbeitern, die wissen, daß sie nur solange Lohn und Brot bekommen, wie ihr Scheißladen mit ihnen einen ordentlichen Profit einfährt, leider regelmäßig ein, daß man dann zurückstecken muß. Denn daß ist doch das Grundsatzdilemma jeglicher Gewerkschaftspolitik: Man will durch zeitweiliges Aushebeln der Konkurrenz innerhalb der Arbeiterschaft irgendwelche Verbesserungen erzielen, die aber letztlich wieder zu Konkurrenznachteilen werden, wenn es wieder „normal“ weitergeht. Denn auch Gewerkschaftsaktivisten wollen ja weiterhin als Lohnarbeiter weitermachen (können). Deshalb bestand schon von Anfang der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung der objektive Druck, die Zahl der Gewerschaftsmitglieder zu vergrößern, sowohl innerhalb der einzelnen Branchen, als auch innerhalb der einzelnen Staaten und sogar darüber hinaus. Schon die erste Arbeiterinternationale hat das gewußt und versucht umzusetzen.

    Dieses grundlegend im Kapitalismus unslösbare Problem zu reduzieren auf die Frage, ob eine Branche nun besonders exportorientiert ist oder nur für den jeweiligen Binnenmarkt produziert, halte ich für weitgehend unerheblich. Ob die defacto-Konkurrenz der Arbeiter um die Jobs nun nur national ausgefochten wird oder international ändert an den Erwägungen und Möglichkeiten grundsätzlich nichts.

  6. 6 systemcrash 13. März 2012 um 14:49 Uhr

    man sollte vlt auch nicht vergessen, dass die verteidigung der eigenen „standortvorteile“ durch die gewerkschaften auch schnell eine nationalistische und chauvinistisch/rassistische tendenz bekommen kann. ich werde nie vergessen, wie lafontaine „deutsche löhne“ damit verteidigen wollte, dass er „fremdarbeiter“ für gesunkene löhne verantwortlich machte, die sich „unter tarif“ verkaufen [müssen]. anstatt an die gemeinsamen interessen aller arbeiter zu appelieren, bedient der reformismus partikularinteressen, die langfristig übelste folgen haben können.
    und dass die deutsche bewegung für M31 keinen schuldenerlass für griechenland einfordert, dürfte auch ein unangenehmes geschmäckle haben:

    http://www.arbeitermacht.de/infomail/610/aktionskonferenz.htm

  7. 7 richard 14. März 2012 um 20:43 Uhr

    Hallo neoprene,

    Erst mal die eher unwichtigen Punkte, jedenfalls für die Diskussion hier:

    Was „unwichtige Punkte sind, kannst du doch nur für dich feststellen. Was für mich oder andere wichtig sein könnte, wer weiß das.

    Ja, jeder kennt einen Betriebsrat, der sich auch bis nur deshalb hat wählen lassen, weil er damit einen höheren Kündigungsschutz erhofft. Manchmal kommt das auch nur als Vorwurf von unzufriedenen Kollegen, die sich von einem Vertreter mehr erwartet haben.

    Und auch zugegeben, daß viele Betriebe die Verhandlungsführer der Gegenseite nicht nur mit Argumenten/Erpressungen zu „überzeugen“ versuchen, sondern auch noch ein paar Euro oben drauf legen. Der berühmtste Fall war da sicher die Affäre um den IGM-Betriebsrat des Wolfsburger VW-Werkes.

    Hier finde ich, dass wenn man von mehr Arbeitermacht bzw. Arbeiterrechten redet, dann muss man erstmal die eigenen Reihe kritisch durchleuchten. Und da ist eben auf Seiten der Gewerkschaftebenen manches im Argen, sonst hätte wir nicht diese Abwärtsspirale. Würden wirklich die Arbeiter entscheiden, würde man genug Druck aufbauen können, um anständige Arbeitsbedingungen und Bezahlungen für alles Sektoren zu erreichen. Weil dass aber nicht so ist, also den nötigen Druck aufzubauen, können die Arbeiter schwacher Sektoren sich nicht wehren alleine. Zur Emanzipation gehört, dass der Stärkere dem Schwächeren hilft selber stark zu werden. Warum richten die Arbeiter nicht Solidaritätsfonds für Arbeiter aus schwachen Sektoren?

    Dieses grundlegend im Kapitalismus unslösbare Problem zu reduzieren auf die Frage, ob eine Branche nun besonders exportorientiert ist oder nur für den jeweiligen Binnenmarkt produziert, halte ich für weitgehend unerheblich. Ob die defacto-Konkurrenz der Arbeiter um die Jobs nun nur national ausgefochten wird oder international ändert an den Erwägungen und Möglichkeiten grundsätzlich nichts.

    Du kannst natürlich meinen Verweiß auf die imperialen Faktoren des Kapitalismus übergehen. Es geht nicht um nationale Befindlichkeiten, zu mindest mir nicht, sondern ich betrachte die Wehcselwirkungen des globalen Marktes auf die Arbeiterschaft sowohl global als dann auch national. Und hier muss man eben festellen, dass die exportierenden Sektoren quasi auf Kosten der Binnenwirtschaft ihre Profite generieren. Oder wie kannst du dir erklären, warum Lohnsteigerungen pro Sektor bestimmt werden, aber die Inflation alle betriift, auch diejenigen, die in „unwirtschaftlichen“ Sektoren Arbeiten müssen.

    Du sagst dann: „Es ist eben der Kapitalismus daran schulde“ Ok, was soll nun daraus geschlossen werden, was ich nicht schon wüsste.

    Besser fände ich es, wenn man dort wo man ist, versucht in gemeinschaft die Dinge anzutreiben, in eine Richtung, die eben allen Arbeiter am Herzen liegen müsste. Und für mich ist eine Exportsteuer sinnvoll, um den schwachen Arbeitern die Möglichkeit zur Emanzipation überhaupt erst zu geben. Schließlich arbeiten diese auch, nur eben nicht in einem so prfitavblen Bereich, weil es nicht der Weltmarkt ist, der die Waren nachfragt. Darauf mächte ich gerne Gegenargumente hören, falls ich mich irre.

    MsG
    Richard

  8. 8 Neoprene 14. März 2012 um 22:38 Uhr

    Ja. richard, das stimmt schon: „Was „unwichtige Punkte sind, kannst du doch nur für dich feststellen. Was für mich oder andere wichtig sein könnte, wer weiß das.“ Aber soviel kontextsensitives Lesen sollte dir als linkem Kämpfer schon zuzutrauen sein, meine kurze Eingangsstellungnahme korrekterweise so zu „lesen“.

    Was letztlich grundlegend im „Argen“ liegt in den „eigenen Reihen“, das wollte ich gerade etwas tiefer bohrend kritisiert haben als nur mit z.B. einer in Magazinen breit getretenen Sexsause von Mandatsträgern.

    Ich möchte aber schon mal entschieden deiner These widersprechen. „Würden wirklich die Arbeiter entscheiden, würde man genug Druck aufbauen können, um anständige Arbeitsbedingungen und Bezahlungen für alles Sektoren zu erreichen.“ Nein, solange Arbeiter sich in ihrer Existenz als Lohnarbeiter gefangen sehen und dementsprechend verhalten, kann es überhaupt keine „anständigen“ Arbeitsbedingungen und Löhne geben, denn dann gäbe es gar keine Gewinne mehr und das wissen die meisten Arbeiter schon auch. Letzlich sind nämlich alle Arbeiter in einer „schwachen“ Position, daß ihr schäbiges Leben überhaupt nur gefragt ist, wenn man mit ihnen Gewinne machen kann. Und das ist sehr schwach, wenn erst mal alle Rechnungen der feindlichen Gegenseite aufgehen müssen, ehe da irgendwas für einen selber drin ist in diesem lausigen Laden.

    Es verwundert deshalb auch nicht ,daß du wie so viele andere Linke auch, in diesem Dilemma steckend nur den Ausweg weißt, an die vermutete Arbeitermoral und Klassensolidarität zu appellieren. Was ist denn deine Antwort auf deine Frage „Warum richten die Arbeiter nicht Solidaritätsfonds für Arbeiter aus schwachen Sektoren?“

    Ich will hier nicht auf das von dir angesprochene imperiale Gefüge eingehen und die durch die Staatenkonkurrenz noch verschärften Antagonismen. Denn die Auswirkungen der bitteren Konkurrenzverhältnisse haben die Arbeiter doch schon national. Es erscheint mir nur extrem sozialdemokratisch staatsgläubig, ausgerechnet von diesem „unseren“ imperialistischen Staat, der mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln (unter anderem mit der massiven Volksverarmung de letzten Jahre und Jahrzehnte) die Erfolge „seiner“ Kapitale auf den Weltmärkten zu befördern sucht, schon deshalb weil den besseren größeren Konzernen doch schon seit ewigen Zeiten der nationale Heimatmarkt um Nummern zu klein für ihre anspruchsvollen Gewinnsteigerungsprojekte ist, ausgerechnet von dem eine „Exportsteuer“ zu fordern, der war doch jahrelang stolz wie Oskar auf den Exportweltmeistertitel. Nationale Autarkie war übrigens schon immer entweder eine Kriegsvorbereitung oder das Ergebnis eines verlorenen Krieges. Und in solchen Situationen sah und sieht es für die jeweiligen betroffenen Arbeit gar nicht gut aus. Und wieso du auf die Idee kommst, ausgerechnet der BRD könnte es einleuchten aaugerechnet der könnte es beigebracht werden, „den schwachen Arbeitern die Möglichkeit zur Emanzipation“ zu gewähren, ist mir völlig schleierhaft.

  9. 9 richard 15. März 2012 um 12:29 Uhr

    Hallo Neoprene,

    Es verwundert deshalb auch nicht ,daß du wie so viele andere Linke auch, in diesem Dilemma steckend nur den Ausweg weißt, an die vermutete Arbeitermoral und Klassensolidarität zu appellieren. Was ist denn deine Antwort auf deine Frage „Warum richten die Arbeiter nicht Solidaritätsfonds für Arbeiter aus schwachen Sektoren?“

    Also: „… nur Ausweg weißt, an die vermutete Arbeitermoral und Klassensolidarität zu appelieren…“ Von „nur“ rede ich ja nicht, vielleicht eher von „auch“. Und es war ja nur ein Gedanke, der geprüft werden könnte. Doch eines ist klar, es kommt der Tag an dem die exportierende Sektoren wieder nach Staatshilfe rufen und dann sind es wieder die Gewerkschaften, die ihren Einfluß ausüben. Aber in schwachen Sektoren, da übt keiner einen solchen Druck aus, zu mindest nicht durch diese Lobbyarbeit, die auch Geld kostet. Warum also nicht solidarisch sein, mit anderen Arbeiter aus anderes Sektoren. Je „kleiner“ der Arbeiter(in) ist, desto eher wird er bereits sein Solidarität zu praktizieren. Von untern kann man anfangen die Arbeiter zu verbinden, wenn auch nur mit bescheidenen Mitteln.

    Eine Antwort auf meine eigne Frage soll ich geben. Meine Antwort wäre, „Weil es niemand vormacht, denken alle das geht doch sowieso nicht. Warum soll ich Geld einem anderen Arebiter schenken? Aber würde man es probeiren und es würde etwas bringen, vielleicht hilft das. Vielleicht aber auch nicht. Wer nicht versucht, der wird es sowieso nie rausbekommen.“

    Was die BRD und sozialdemokratisches Staatsdenken angeht, kann ich dir nichts erwiedern. Wozu auch? Aber eine Exportsteuer gibt es ja in“sozialistischen“ Ländern, siehe z.B. die unterschiedlichen Verkaufpreise von Öl. Warum kann man als solzialistischen Ansatz dies nicht fordern, selbst wenn es nie umgesetzt würde im Kapitalismus. Die Leute sind schon schlau genug zu erkennen, ob diese Forderung Sinn macht oder nicht.

    MsG
    Richard

  10. 10 Neoprene 15. März 2012 um 17:38 Uhr

    Richard, wenn es dir weitgehend egal ist, ob ein Staat sozialistisch oder „sozialistisch“ ist, dann stelle eben deine „sozialistischen“ Forderungen. Von Attac bis in die Linkspartei gibt es davon ja schon reichlich. Aber das wirst du sicherlich auch schon gewußt haben.

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