Wie aktuell ist die “Revolution”?

auf dem arschhoch.blog http://arschhoch.blogsport.de/2012/02/29/harter-klassenkampf-ist-angesagt/ (siehe die kommentare) gab es eine debatte über die frage, ob linke in soziale bewegungen mit der perspektive der „Machtfrage stellen“ reingehen sollen, oder ob man angesichts der politischen und sozialen „realitäten“ nur schrittweise verbesserungen der ausgangsbedingen erreichen kann.

dies ist eine eminent wichtige fragestellung, die eine tiefgreifendere betrachtung verdient. zunächst einmal gehe ich abstrakt von der „feststellung“ aus, dass das imperialistische stadium des kapitalismus ein „niedergehender kapitalismus“ ist. zumindest war das die strategische orientierung von lenin, trotzki und anderer führender bolschewiki; anders wäre auch die oktoberrevolution überhaupt nicht nachvollziehbar. aber woran macht man das fest? natürlich produziert der imperialismus kriege und elend. und die not in 3. welt ländern hat ihre ursachen im system. aber es ist auch wahr, dass der kapitalismus in den metropolen KEIN stagnierender kapitalismus ist. trotzkis behauptung im übergangsprogramm, dass der kapitalismus aufgehört hat zu wachsen, scheint nicht korrekt zu sein.1

ich bin kein experte für wirtschaftstheorie. aber grundsätzlich würde ich sagen, dass es für den kapitalismus keine innere schranke des wachstums gibt. es gibt zwar konjunkturelle schwankungen, bis hin zur krise, gesättigte märkte und nachlassende kaufkraft im binnenmarkt. aber all diese faktoren führen nicht dazu, dass der kapitalismus nicht immer wieder andere kompensationsmöglichkeiten findet. notfalls muss eben von zeit zu zeit eine grössere zerstörung von ressourcen stattfinden, dann kann man auch wieder „wirtschaftswunder“ feiern. aber innerhalb des kapitalismus ist es sehr wohl möglich, dass — zumindest in teilbereichen, wie z b mikroelektronik — auch ein dynamisches wachstum stattfinden kann.

OBJEKTIV scheint es mir daher nicht ZWINGEND, den imperialismus als „krisenhaften kapitalismus“ zu bezeichnen. es sind eher konjunkturelle auf- und abschwünge, die aber insgesamt die SYSTEMLOGIK nicht ausser kraft setzen.

SUBJEKTIV ist die lage aber noch viel schlimmer. es gibt ein schreiendes missverhältnis zwischen dem politischen anspruch, die kapitalistische krise „revolutionär“ zu lösen, und den realen kräften, die so eine politik auch verfolgen. es gibt für diesen zustand sicher einen haufen ursachen, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann. aber letztendlich kommt man nicht an der erkenntnis vorbei, dass die „linke“ auch selber schuld ist, schwere fehler begangen hat und begeht, wenig lernfähigkeit beweist und sich durch mangelnde taktische flexibilität auszeichnet. also das, was die bürgerliche gesellschaft auszeichnet, immer ein hintertürchen zu finden, ist den „linken“ verwehrt, denn sie werden immer an ihren eigenen ansprüchen gemessen. und sobald das geringste missverhältnis zwischen anspruch und wirklichkeit erkennbar wird, ist das moralische todesurteil für einen „linken“ gesprochen.

man mag diese form der doppelmoral bedauern, aber sie hat auch ihr gutes. sie schafft einen doppelten selektionsdruck für diejenigen, die sich auf seiten der politischen linken engagieren wollen.

aber zurück zur frage der „aktualtät der revolution“.

wenn wir davon ausgehen, dass das imperialistische weltsystem die „objektiven voraussetzungen“ für proletarische revolutionen geschaffen hat, dann bleibt nur noch als einziger faktor, an dem alles hängt, der „subjektive“. diese sichtweise (am stärksten kodifiziert im übergangsprogramm trotzkis2) hat die logik auf ihrer seite. führt aber auch leicht zu einem extremen voluntarismus, der die stabiltät der bürgerlichen herrschaft verkennt und die indolenz breiter Massen unterschätzt. richtig ist aber, dass die organisierung der bewusstesten teile der klassenbewegung die vorrangige aufgabe bleibt.

die frage der vermittlung eines „revolutionären programms“ in eine gesellschaftliche „Massenbewegung“ ist damit aber noch lange nicht beantwortet. ich glaube, dass meint DGS, wenn er davon spricht, dass die „revolution“ keine „aktualität“ hat.3

quelle: http://systemcrash.wordpress.com/2012/03/04/wie-aktuell-ist-die-revolution/

  1. „Die wirtschaftlichen Voraussetzungen der proletarischen Revolution ist schon seit langem am höchsten Punkt angelangt, der unter dem Kapitalismus erreicht werden kann. Die Produktivkräfte der Menschheit stagnieren. Die neuen Erfindungen und die technischen Fortschritte dienen nicht mehr dazu, das Niveau des materiellen Reichtums zu erhöhen. Unter den Bedingungen der sozialen Krise des ganzen kapitalistischen Systems laden die Konjunkturkrisen den Massen immer größere Entbehrungen und Leiden auf. Das Anwachsen der Arbeitslosigkeit vertieft wiederum die finanzielle Krise des Staates und unterhöhlt die erschütterten Geldsysteme. Die Regime – die demokratischen wie die faschistischen – taumeln von Bankrott zu Bankrott.“ [zurück]
  2. „Das ganze Gerede, wonach die geschichtlichen Bedingungen noch nicht „reif“ genug seien für den Sozialismus, ist nur das Produkt der Unwissenheit oder eines bewußten Betrugs. Die objektiven Voraussetzungen der proletarischen Revolution sind nicht nur schon „reif“, sie haben sogar bereits begonnen zu verfaulen. Ohne sozialistische Revolution, und zwar in der nächsten geschichtlichen Periode, droht die ganze menschliche Kultur in einer Katastrophe unterzugehen. Alles hängt ab vom Proletariat, d.h. in erster Linie von seiner revolutionären Vorhut. Die historische Krise der Menschheit ist zurückzuführen auf die Krise der revolutionären Führung.“ http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1938/uebergang/ueberg1.htm [zurück]
  3. „Heute Übergangsforderungen in den Mittelpunkt zu rücken, heißt dagegen die „Phantasie“ für das „wirkliche Leben“ zu halten; heißt von der Aktualität der revolutionären Perspektive auszugehen.“ http://arschhoch.blogsport.de/2012/02/29/harter-klassenkampf-ist-angesagt/ [kommentar DGS, 3.3.2012, 20:09h] [zurück]
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3 Antworten auf „Wie aktuell ist die “Revolution”?“


  1. 1 DGS / TaP 04. März 2012 um 12:24 Uhr

    Ich bin mit fast allem einverstanden, frage mich nur, was nach alle den Einschränkungen und Klarstellungen von der Charakterisierung des Kapitalismus als „niedergehenden“ noch übrig bleibt.

  2. 2 systemcrash 04. März 2012 um 13:01 Uhr

    @DG

    ich denke, was du in dem harten klassenkampf thread geschrieben hast, ist der entscheidene punkt.

    http://arschhoch.blogsport.de/2012/02/29/harter-klassenkampf-ist-angesagt/#comment-2496

    die geschichtsphilosophische „reife“ der revolution ist eine metaebene (wie Mattte so schön sagt).

    die realen gesellschaftlich-kulturellen bedingungen sind das, womit wir uns konkret rumschlagen müssen. und zwischen beiden scheint die lücke so gross zu sein, dass es kein zusammenkommen geben kann. daher deine beobachtung vom sektiererisch-voluntaristischen „charme“ einiger trotzkistischer gruppen.

    ich denke, daran wird sich eine NAO zu messen haben (und ist vlt sogar die antwort auf die frage von Thomas nach dem „integrativen kern“ der NAO), inwieweit es gelingt, die notwendigkeit der systemtranszendenz (auch mit hilfe von übergangsforderungen) mit einer VERBREITERUNG DER SOZIALEN BASIS zu verbinden

    ps. danke für die editorische nachbearbeitung :)

  3. 3 systemcrash 04. März 2012 um 23:53 Uhr
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