Von Postboten und Weinproben

Bericht von der NAO Veranstaltung zur französischen NPA in Berlin

dass die NPA in der krise ist, kann jeder halbwegs links interessierte in diversen artikeln nachlesen. diese krise kam auch auf dieser veranstaltung zutage. aber beginnen wir von vorn …

zunächst einmal war ich sehr erfreut, dass der referent ein hervorragendes deutsch sprach, was er in einem ca einstündigen, frei vorgetragenen bericht vor ca 25 leuten in anschlag bringen konnte. nichts ist anstrengender als einer simultan übersetzten rede zu folgen. aber hier endet auch schon der „positive“ teil.

was überdeutlich wurde, war, dass die „wahlorientierung“ der NPA in eine schwere krise geraten ist. die NPA war von anfang an ein projekt, um die wahlerfoge von Besancenot (der von beruf postbote ist) zu zementieren. dabei kam die programmatische unterfütterung der NPA wohl etwas zu kurz. und das fliegt den NPA protagonisten jetzt um die ohren. und man sollte nicht vergessen, auch die LCR (die mutterorganisation der NPA) war alles andere als homogen.

die französische politische verfassung scheint zwar stärker auf die wahlen fokussiert zu sein, als wir das aus deutschland kennen. aber trotzdem sollte sich eine linke gruppe auch das recht nehmen (können), NICHT an wahlen teilzunehmen, wenn andere politische prioritäten auf der agenda stehen. und hier kommen wir zu einem weiteren manko des abends: der referent ging nicht einmal auf die (ausserparlamentarischen) sozialen bewegungen und klassenkämpfe ein. dabei können wir uns doch alle erinnern an die grossen kämpfe in frankreich um die „rentenreform“. welche rolle spielte da die NPA? kein wort dazu! dabei argumentierte er selbst dafür, daß es besser wäre, mal nicht an wahlen teilzunehmen und dafür eine interne, inhaltliche kosolidierung zustandezubringen.

aus solchen und vielen anderen puzzleteilchen konnte man klar die übergrosse „wahlfixierung“ der NPA erkennen. und was auch auffiel, der referent sprach immer von „sammlung der linken“, nie von der „revolutionären sammlung“. sprachliches problem oder programmatisches essential? ich fürchte, das zweite …

die anderen parteien des linken sprektrums wurden nur am rande angesprochen. die rolle der KP und SP zum beispiel. etwas mehr ging man auf die linksfront von Melechon ein, aber das ist ja auch nicht weiter verwunderlich, da die linksfront (vergleichbar mit der deutschen LINKSpartei) der hauptrivale der NPA ist und ein versuch, die NPA in die rolle der mehrheitsbeschafferin für die französichen sozialisten zu bringen. damit wäre die NPA bestandteil der französischen „volksfront“ und jede chance auf eine klassenunabhängige opposition wäre dahin.

dass der referent den „trotzkismus“ als „ideologischen ballast“ bezeichnet hat und immer wieder die notwendigkeit eines breiten, „ideologienübergreifenden“ bündnisses betont hat, lässt befürchten, dass die NPA genau dort landen wird und darüber sich in einen „linken“ und „rechten“ flügel spalten wird.

nach der diskussionsrunde, die diese fragen teilweise ansprach, wurde der referent auch sehr nachdenklich und sprach davon, dass es nicht gelungen sei, die wahlbeteiligung der NPA mit programmatischen perspektiven in einklang zu bringen. welche auswirkungen das aber für die NPA hat…auch da fehlanzeige. da der referent ganz zu anfang davon sprach, dass in der NPA unterschiedliche (politische) weine zusammgekommen sind, lässt in mir unwillkürlich das bild des „panschens“ und „verwässerns“ aufkommen (ein zuhörer aus dem publikum sagte lachend: „mit essig versetzt“). ob zu recht oder unrecht, das wird sich zeigen.

welche lehren für die NAO?

obwohl dieses thema eigentlich so gut wie nicht angesprochen wurde auf der veranstaltung (ausser kurz von DGS), möchte ich doch versuchen, die lehren des abends für hier (also für die deutschen verhältnisse) zu ziehen. wenn man es ganz brutal verkürzt sagen wollte: die NPA kann in keinster weise für die NAO als vorbild dienen.

1) offensichtlich fehlte es an programmatischer übereinstimmung in den wesentlichen fragen, um eine stabile parteistruktur zu schaffen (erkennbar an den dramatischen mitgliederverlusten und internen streitigkeiten. auf der letzten nationalkonferenz der NPA konnte man sich in keiner wesentlichen frage einigen; siehe dazu: http://www.klassegegenklasse.org/politische-lahmung-und-strategische-krise/ )

2) die wahlfixierung der NPA spielt für deutschland so lange keine rolle, als die radikale linke marginalisiert ist (ohnehin ist wahlbeteiligung nur eine taktische frage unter vielen anderen)

3) es gibt in deutschland keine organisation mit einem vorgeblich revolutionären programm und der grösse der ehemaligen LCR (ca 3000 zu ihrer hochzeit), die bereit wäre, ihren verein aufzulösen, um darüber eine „breite sammlungsbewegung“ zu schaffen.

für uns hier kann die lehre nur lauten, weiter den „NAO-prozess“ über die essentials zu betreiben, um so eine zukünftige „breitere“ organisation auf einer soliden programmatischen basis zu schaffen. jede differenz, die vorher nicht geklärt wird, kann hinterher richtig virulent werden. politische kartenhäuser bringen uns nicht weiter!

quelle: http://systemcrash.wordpress.com/2012/02/07/von-postboten-und-weinproben/

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9 Antworten auf „Von Postboten und Weinproben“


  1. 1 Micha Prütz 07. Februar 2012 um 16:23 Uhr

    Ich sehe doch einige Dinge ganz anders.Die Differenzen mit denen sich die Npa herumschlägt sind normale!poltische Problematiken in einer neuen Partei.Und sie sind taktischer Natur!Kein noch so schönes Programm kann diese entstehenden taktischen Differenzen im Vorfeld klären.Die Grundsatzerklärung der Npa ist doch schon sehr weitgehend.Im Übrigen hatte die Lcr (Vorläuferder Npa)schon immer Plattformen und schwere taktische Differenzen innerhalb der Organisation.Die Npa ist schon ein wichtiger Referenzpunkt für dieNeugruppierung der radikalen Linken in Europa.Das den diversen Sekten-übrigens auch in Frankreich-dies alles nicht passt ist ja verständlich.Interessiert mich aber nicht.Der ganze Diskussionprozeß innerhalb der Nao muß deutlich unsektiererischer werden und er muß vor allem Leute anziehen,die nicht schon als Revolutionäre geboren sind.In diesem Sinne ist die Npa das wichtigste Projekt in Europa.

  2. 2 systemcrash 08. Februar 2012 um 5:28 Uhr

    aus dem artikel von Juan Chingo (FT/CI in frankreich, auch aktiv als plattform 4 in der NPA):

    „Die Krise der NPA ist nicht konjunktureller Natur sondern stellt vielmehr eine Krise ihrer Strategie dar. Ihre Wurzeln liegen in den Gründungsfundamenten der NPA, einer breiten antikapitalistischen Partei ohne klare strategische und programmatische Abgrenzung, die versuchte, Revolutionäre und radikale Reformisten (also anti-neoliberale Aktivisten) zu gruppieren. Bei letzteren handelt es sich um eine Wendung hin zum Sozialliberalismus der Partie Socialiste (Sozialistische Partei, PS) und ihrem alten Verbündeten in der Regierung, die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF), jene Partei der Pluralistischen Linken, enttäuschte Anti-Neoliberale, die sich in verschiedenen Bewegungen wie der Antiglobalisierungsbewegung, dem Feminismus, der Ökobewegung oder unter anderem dem „Nein zur europäischen Verfassung” ausgedrückt hatten.
    Dieser entschlossen zentristische Aufbau, geplant durch die alte Führung der ehemaligen Ligue Communiste Revolutionaire (Revolutionär-Kommunistische Liga, LCR), wollte sich nicht nur von der Notwendigkeit eines klar revolutionären Wandels der Gesellschaft losmachen, wie die Abkehr vom Kampf für die Diktatur des Proletariats zum Ausdruck bringt, sondern auch von jeglichem Verweis auf kommunistische und revolutionäre Ziele. Dies spiegelte sich schon im Namen der Neuen Antikapitalistischen Partei wieder, da man sich nach Ansicht der Führung nach dem Mauerfall in einer „neuen Etappe“ befinde, in der die alten Lehren und revolutionären Bezugnahmen der imperialistischen Epoche gekennzeichnet durch Kriege, Krisen und Revolutionen veraltet seien und vielmehr durch vollkommen vage Definitionen ausgetauscht werden müssten, wie der traurig berühmte „Sozialismus des 21.Jahrhunderts“ in Anlehnung an der Chavismus in Venezuela.“
    http://www.klassegegenklasse.org/politische-lahmung-und-strategische-krise/

    also, nach „normalen taktischen differenzen“ klingt mir das nicht. eher nach einer „abkehr vom marximus“. das passt auch zum vortrag von Frank, als er vom „ideologischen ballast“ sprach (und damit den „trotzkismus“ meinte). wenn das mehrheitslinie auch in der NAO sein sollte, kommen selbst die bochumer zurück ;)

  3. 3 Micha Prütz 08. Februar 2012 um 12:32 Uhr

    Vielleicht sollten wir beim Problem Npa mal die Proportionen betrachten:
    Am 3.februar war der KandidatP.Poutou im Rahmen seiner Vorwahltour
    in Besancon.Besancon hat mit umliegenden Gemeinden 140000 Einwohner.Die bürgerliche Presse schreibt:Am Nachmittag traf sich Poutou mit 40 Kollegen von Peugeot (1500 Beschäftigte).Am abend fand eine Veranstaltung in Besancon der örtlichen Npa mit Poutou statt.teilnehmerzahl :170.
    Also was?Das sind doch mehr organisierte Kollegen als wir in ganz Deutschland organisieren.

  4. 4 systemcrash 08. Februar 2012 um 12:37 Uhr

    „Also was?Das sind doch mehr organisierte Kollegen als wir in ganz Deutschland organisieren.“

    und wofür soll das ein argument sein? und was hat das mit den programmatischen grundlagen zu tun?
    die LINKE ist auch grösser als wir? „und was“? ;)

  5. 5 Micha Prütz 08. Februar 2012 um 12:41 Uhr

    Das ist ein argument für die verankerung.und im übrigen habe ich null lust ,pausenlos den antikapitalistischen und revolutionären charakter der npa von gruppen und orgs in frage stellen zu lassen,
    die in deutschland seit 40 jahren nichts auf die reihe bekommen

  6. 6 systemcrash 08. Februar 2012 um 12:44 Uhr

    „Das ist ein argument für die verankerung.und im übrigen habe ich null lust ,pausenlos den antikapitalistischen und revolutionären charakter der npa von gruppen und orgs in frage stellen zu lassen,
    die in deutschland seit 40 jahren nichts auf die reihe bekommen“

    nun ja, du wirst dich entscheiden müssen: „program first“ oder „massenmist“. den massenmist werden sicher viele NAO interessierte nicht mitgehen. und was deine „lust“ oder „unlust“ angeht, das ist sicher kein politisches kriterium

    es lohnt mal wieder ein blick in die „mottenkiste“:

    „1. What is a „mass paper“? The question is not new. It can be said that the whole history of the revolutionary movement has been filled with discussions on the „mass paper.“ It is the elementary duty of a revolutionary organization to make its political newspaper as accessible as possible to the masses. This task cannot be effectively solved except as a function of the growth of the organization and its cadres, who must pave the way to the masses for the newspaper--since it is not enough, of course, to call a publication a „mass paper“ for the masses to really accept it. But quite often revolutionary impatience (which becomes transformed easily into opportunist impatience) leads to this conclusion: The masses do not come to us because our ideas are too complicated and our slogans too advanced. It is therefore necessary to simplify our program, water down our slogans--in short, to throw out some ballast. Basically, this means: Our slogans must correspond not to the objective situation, not to the relation of classes, analyzed by the Marxist method, but to subjective assessments (extremely superficial and inadequate ones) of what the „masses“ can or cannot accept. But what masses? The mass is not homogeneous. It develops. It feels the pressure of events. It will accept tomorrow what it will not accept today. Our cadres will blaze the trail with increasing success for our ideas and slogans, which will be shown to be correct, because they are confirmed by the march of events and not by subjective and personal assessments.“
    -- Leo Trotzki, what is a „mass paper“ ?

    http://www.bolshevik.org/history/misc/What-is-a-mass-paper.htm

  7. 7 systemcrash 08. Februar 2012 um 13:05 Uhr

    „1. Was ist eine „Massenzeitung“? Die Frage ist nicht neu. Es kann gesagt werden, dass die ganze Geschichte der revolutionären Bewegung mit Diskussionen über die „Massenzeitung“ gefüllt worden ist.“ Es ist die elementare Aufgabe einer revolutionären Organisation, ihre politische Zeitung so zugänglich wie möglich für die Massen zu machen. Diese Aufgabe kann nur als eine Funktion des Wachstums der Organisation und seiner Kader effektiv gelöst werden, wer den Massen den weg zur zeitung ebnen muss – da ist es nicht genug eine zeitung „Massenzeitung“ zu nennen. Aber ganz häufig führt revolutionäre Ungeduld (die leicht in opportunistische ungeduld umschlägt) zu dem schluss: Die Massen kommen zu uns nicht, weil unsere Ideen zu kompliziert werden und unsere Slogans zu fortschritlich. Es ist deshalb notwendig, unser Programm zu vereinfachen, unsere losungen zu verwässern – kurz gesagt, Ballast abzuwerfen. Grundsätzlich bedeutet das: Unsere Slogans müssen nicht der objektiven Situation entsprechen, nicht die Beziehung von Klassen ausdrücken durch die marxistische Methode, aber zu subjektiven Bewertungen (äußerst oberflächlichen und unzulänglichen), was die „Massen“ dann akzeptieren oder nicht akzeptieren können . Aber welche Massen? Die Masse ist nicht homogen. Sie entwickelt sich. Sie fühlt den Druck von Ereignissen. Sie wird Morgen akzeptieren, was sie heute nicht akzeptieren wird. Unsere Kader werden den Weg mit dem zunehmenden Erfolg für unsere Ideen und Slogans bahnen, die, wie man zeigen wird, richtig sein werden, weil sie durch den Gang von Ereignissen und nicht durch subjektive und persönliche Bewertungen bestätigt werden.“

    [eigene übersetzung]

  8. 8 DGS / TaP 08. Februar 2012 um 15:18 Uhr

    @ Micha:

    „von gruppen und orgs in frage stellen zu lassen, die in deutschland seit 40 jahren nichts auf die reihe bekommen“

    Das (wenig hinbekommen zu haben), haben wir ja nun alle gemeinsam…

  9. 9 systemcrash 08. Februar 2012 um 23:23 Uhr

    bericht der SOKO über die NPA veranstaltung in Köln:

    http://www.scharf-links.de/266.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=21913&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=030515758b

    „Der Versuch der NPA, eine Massenpartei durch die organisatorische Zusammenfassung sehr heterogener linker Strömungen und Gruppen zu generieren, muss als gescheitert oder evtl. auch als verfrüht betrachtet werden.“
    -- Horst Hilse, SOKO

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