Orgdebatte auf indymedia

VORBEMERKUNG: auf indymedia wurde am 19.01.2012 ein bericht über die entwicklung der NAO deabtten von „kamue“ veröffentlicht. dort hat sich inzwischen auch eine rege diskussion entwickelt.
„lachenderverlierer“ hat den anspruch der NAO protagonisten, der von kamue behautet wird, „antihierachisch“ zu sein, einer kritik unterzogen, insbesondere unter hinweis auf den „leninistisch/trotzkistischen“ background einiger debattenteilnehmer. darauf bezogen gibt es einen kommentar von „skeptisch“, der es meines erachtens verdient, hier gespiegelt zu werden.

[kommentar von „skeptisch“, http://de.indymedia.org/2012/01/323296.shtml ]

Am Ende des Artikels heißt es: „Wodurch sich beide Richtungen [gemeint sind „bochumer“ und die „arschhochler“, anm. v. mir] gegenüber den herkömmlichen linken Polit-Richtungen auszeichnen, ist zweifellos ihr distanziertes Verhältnis zu hierarchischen Strukturen und klassischen Avantgardeansprüchen. Im Grunde genommen geht es nicht nur um ‚Organisation und Programm‘ im engeren Sinne sondern auch um eine neue linke politische Kultur, die ihre Inhalte und Konturen aus den gegenwärtigen Verhältnissen ableitet.“

Der lachendeverlierer wendet dagegen ein: „Es handelt sich hier also keineswegs um undogmatische NeomarxistInnen mit starken antiautoritären Bezügen.“

++ In der Debatte hat sich niemand (!) für „hierarchische Strukturen“ ausgesprochen! Strittig ist der Grad der Verbindlickeit, der für notwendig angesehen wird, und die Frage, wie das Verhältnis zwischen (sicherlich wechselnden) Mehrheiten und Minderheiten in einer Organisation geregelt werden soll:
http://arschhoch.blogsport.de/2011/11/13/k-7-e-org-charakter-innerorganisatorische-demokratie/
und
http://arschhoch.blogsport.de/2011/12/14/nao-essentials/

Klar sollte meiner Meinung aber sein, daß ein „distanziertes Verhältnis zu hierarchischen Strukturen“ nicht dasselbe ist, wie die „antiautoritäre“ Ideologie großer Teile der StudentInnenbewegung von 1968 im Jahre 2012 wieder hervorzukramen.

++ Auch der Ausdruck „klassische Avantgardeansprüche“ hat eine gewisse Unschärfe. Jedenfalls bildet sich in der Debatte keiner ein, daß allein dadurch, dass sich Leute „Avantgarde“ NENNEN, sie es auch schon sind.
In der Tat strittig ist in der bisherigen Debatte, ob es ausreicht, einfach mit sozialen Bewegungen mitzuschwimmen, und ob diese irgendwann automatisch in eine Revolution münden, oder ob Revolutionen vielmehr eine organisierte theoretische und politische Arbeit und das Einbringen der dabei entwickelten Ideen in soziale Bewegungen erfordern.
Vgl. dazu die Kontroverse:
http://arschhoch.blogsport.de/2011/11/21/was-spricht-eigentlich-gegen-lenins-parteitheorie/
vs.
http://arschhoch.blogsport.de/2011/11/23/eine-kurze-kritik-am-leninschen-parteikonzept/

++ Lachenderverlierer, was meinst Du denn „undogmatische NeomarxistInnen“. Magst Du vielleicht ein paar Beispiele nennen? Was unterscheidet denn Deiner Meinung nach „NeomarxistInnen“ von „MarxistInnen“? Und sind Deiner Meinung nach alle „MarxistInnen“ „dogmatisch“ und alle „NeomarxistInnen“ „undogmatisch“?

Das wirklich Problem der Debatte ist meiner Überzeugung nach dem letzten Satz des obigen Artikels angesprochen:

„Im Grunde genommen geht es nicht nur um ‚Organisation und Programm‘ im engeren Sinne sondern auch um eine neue linke politische Kultur, die ihre Inhalte und Konturen aus den gegenwärtigen Verhältnissen ableitet.“

Denn über eine Konkretisierung dieses Postulats wurde in der Debatte bisher kaum gesprochen, obwohl schon ziemlich zu Anfang dieser Debatte geschrieben wurde:

„Was m.E. eher dargelegt werden müßte, ist, was denn – bei aller kommunistischen Kritik und autonomen Selbstkritik – an Szene- und Bewegungs-Strukturen richtig bleibt. Es müßte m.E. also glaubhaft gezeigt werden, daß es bei dem vorgeschlagenen Projekt – anders als es jedenfalls faktisch bei den meisten K-Gruppen der 70er Jahre (mit teilweiser Ausnahme des KB und vielleicht auch der GIM) der Fall war – NICHT um ein ZURÜCK hinter ’68, SONDERN um ein über ’68 und auch über die sog. Neuen Sozialen Bewegungen der 80er und auch über die eher theoretischen als politischen Innovationen der 90er Jahre in Sachen De-Konstruktivismus (vgl. 1 und 2) usw. HINAUS geht.“

„Erfolgreiche Politik benötigt auch ein entsprechendes lebensweltliches Umfeld. Und genau daran fehlte es den K-Gruppen der 70er Jahre weitgehend, während es SPD und KPD bis zum NS in Form von Arbeiter(Innen)bildungs- und Sportbewegung sowie später Spontis der 70er sowie Autonome und Grüne der 80er Jahre in Form des Alternativ-Mileu und der Projekte-Szene hatten.
Daraus ergibt sich die zentrale Frage: Was heißt das für die neoliberalen Bedingungen, wo es
- weder mehr die starke kulturelle Polarität Bourgeoisie – Proletariat, sondern sowohl eine Globalisierung/Universalisierung kultureller Stile als auch deren gleichzeitige massive Pluralisierung/Ausdifferenzierung gibt,
- noch mehr das sozialstaatliche Rückgrat ‚Staatsknete‘ der 70er und 80er Jahre?“
( http://www.trend.infopartisan.net/trd0611/t030611.html)

PS.:
Zur Kritik des Bochumer Programm-Entwurfes:
http://arschhoch.blogsport.de/2011/10/21/fuer-organisierung-mit-revolutionaerer-perspektive/
und
http://arschhoch.blogsport.de/2011/11/21/fuer-eine-neue-internationale-arbeiterassoziation-oder-fuer-einen-bund-der-revolutionaerinnen/

20 Kontroverse in der bisherigen Debatte:
http://arschhoch.blogsport.de/about/20-kontroversen/

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1 Antwort auf „Orgdebatte auf indymedia“


  1. 1 systemcrash 21. Januar 2012 um 23:13 Uhr

    kurze anmerkung zum begriff der „hierachie“

    in einem sehr allgemeine sinne sind hierachien eigentlich nichts anderes als „geschachtelte wirklichkeiten“ [in der systemtheorie spricht man auch präziser von „holarchien“].
    umgangssprachlich — insbesondere im linkspolitischen zusammenhang — wird „hierachie“ aber im sinne von „herrschaftshierachien“ verwendet, während es in wirklichkeit auch verwirklichungshierachien gibt. diesen unterschied nicht zu benennen ist im grunde schon ein kennzeichen für „(ultra)linken radikalismus“ im leninschen sinne. das gleiche gilt ähnlich für den begriff „autorität“. jemand kann autorität im bereich des wissens haben und dieses wissen an andere weiter geben. dann könnte man von einer „verwirklichungshierachie“ sprechen. jemand kann seine „autoritäre stellung“ (eltern und lehrer gegen kinder, chefs gegen ihre „untergebenen“) im sinne von „Machtmissbrauch“ verwenden. dann handelt es um „herrschaftshierachien“.

    übertragen auf die orgdebatte: eine „organisation“ (partei) sollte im aussenverhältnis (möglichst) eine „verwirklichungshierachie“ darstellen. im innenverhältnis sollten alle tendenzen in richtung „herrschaftshierachie“ (bürokratisierung) duch ein höchstmass an interner demokratie und politischer schulung der mitglieder (kader-erziehung, „selbstqualifizierung“ [SIB]) eingedämmt werden. der demokratische zentralismus hat genau DIESE aufgabe, wenn BEIDE prinzipien in balance sind. das ist aber abhängig vom bewusstseinstand der protagonisten

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