Beitrag zur NAO Debatte: „Frauenfrage“, „Rassistische Unterdrückung“

vorläufige thesen zur „frauenfrage“ und zur „rassistischen unterdrückung“

auf dem NAO blog taucht öfter die fragestellung auf, in welchem verhältnis die klassenfrage (verhältnis von lohnarbeit und kapital) zur unterdrückung der „frauen“ und zur „rassistischen unterdrückung“ stehen. insbesondere der genosse DG weist immer wieder darauf hin, dass diese verhältnisse nicht allein über die politische ökonomie des kapitalismus erklärt werden können. dieser ausage stimme ich (in dieser allgemeinheit) zu. da die frage des verhältnisses von kapitalismus-frauenfrage-rassismus (man spricht in diesem zusammenhang auch von „triple oppression“) äusserst kompliziert ist, belasse ich es in diesem entwurf bei thesen. so weit ich weiss, will DG der ganzen frage noch mal ein „programmatisches dokument“ widmen. da werde ich mich natürlich in die diskussion mit einklinken und ggfls. einige punkte konkretisieren. ich werde mich hier im wesentlichen auf die „frauenfrage“ beschränken, da ich mich da eingehender mit beschäftigt habe. damit soll aber keinesfalls eine politische gewichtung ausgedrückt werden.

jenseits von haupt- und nebenwiderspruch

ich gehe davon aus, dass man die frauenfrage (und überhaupt jede form besonderer unterdrückung) nicht mit den begriffen „haupt- oder nebenwiderspruch“ erfassen kann. diese begriffe sind einfach UNTAUGLICH. (was immer ihre quelle sein mag — ich vermute Mao — hat nur unheil angerichtet).

marxisten gehen erst einmal vom KLASSENWIDERSPRUCH aus. aber nicht jedes gesellschaftliche verhältnis lässt sich durch den widerspruch von lohnarbeit und kapital erklären. wenn frauen im durchschnitt ein geringeres einkommen erzielen, wenn ihr anteil an führungspositionen geringer ist (bei gleicher oder sogar höherer bildung/qualifikation) dann kann man das nicht mit der klassenstruktur erklären. dann gibt es ein spezifisches verhältnis von männlichem und weiblichem geschlecht, welches den frauen im durchschnitt eine geringere gesellschaftliche partizipation ermöglicht und ihnen spezifische bereiche zuweist. im feministischen diskurs hat sich überwiegend der begriff „patriarchat“ durchgesetzt. ob dieser begriff der „männlichen hegemonie“ in „modernen gesellschaften“ gerecht wird, mag dahingestellt sein (er verweist auf archaische, vormorderne gesellschaften). solange es nichts besseres gibt, werde ich ihn hilfsweise verwenden, im sinne einer asymmetrie der gesellschaftlichen möglichkeiten, aufgrund des geschlechtsmerkmals.

marxisten bekämpfen jede form der gesellschaftlichen unterdrückung , behaupten aber, dass nur der sturz des kapitalismus die gesellschaftliche basis der unterdrückung beseitigen kann, weil auch nur das proletariat die soziale Macht hat, das kapitalverhältnis zu stürzen. darum muss es quasi als „volkstribun“ alle unterdrückungsverhältnisse aufheben. soweit es sich dabei um sog. gesellschaftliche „minderheitsgruppen“ handelt, scheint mir diese „leninistische“ theorie unzweifelhaft richtig zu sein.

bei der „frauenfrage“ scheint mir dieser ansatz aber zu kurz zu greifen. sicher hat auch die „arbeiterbewegung“ ein strategisches interesse an der „befreiung der frau“. aber erstens existiert männlicher chauvinismus auch innerhalb linker organisationen, und zweitens werden sexistische strukturen auch in einer „postkapitalistischen“ gesellschaft noch eine ganze weile weiter existieren. neben einem „klassenbasierten“ , strategischen ziel der „frauenbefreiung durch proletarische revolution“ muss daher ein zweites element hinzukommen: eine unabhängige („automone“) organisierung besonders unterdrückter gruppen für ihre besonderen interessen und ziele.

diese „unabhängige organisierung“ steht dabei aber nicht im widerspruch zur zentralen klassenmässigen strategie.

die staatsfrage: klassenbestimmung oder ist da noch mehr?

ein zweites problem, was immer wieder auftaucht (und jetzt aktuell im teil II der kritik am bochumer programm von khs) ist die frage der „staatsableitung“. DG hat früher schon dafür plädiert, den staatsbegriff neben dem „bürgerlichen klassencharakter“ zu erweitern auf „patriarchat“ und „rassismus“. dieses ansinnen hatte ich damals abgelehnt, hatte dafür aber keine begründung angeführt. da jetzt khs dieselbe position zu vertreten scheint, muss ich auf diese frage etwas genauer eingehen. khs zitiert folgendes:

„Ein „androgyner“ Staat ist meinem Verständnis nach deshalb nicht denkbar und möglich, weil der Staat in seiner Form auf einen patriarchalen Spaltungsmechanismus, d.h. die Sphärentrennung zwischen einer „männlich“ definierten, politisierten Öffentlichkeit und einer „weiblich“ definierten, entpolitisierten Privatheit, beruht. Diese Trennung stellt eine zentrale Struktur der patriarchal-kapitalistischen Vergesellschaftungsweise dar. Da der bürgerliche Staat auf diesem Vergesellschaftungsmodus basiert und daraus resultiert, ist er von seiner inneren Struktur her nicht nur notwendig „kapitalistisch“, sondern immer auch „patriarchal“. Die Bestimmung des Staates als „patriarchal“ lässt sich demnach nicht trennen von seiner „kapitalistischen“ Struktur, denn diese selbst ist als „patriarchal“ zu begreifen. Die „patriarchale“ Verfasstheit des modernen Staates lässt sich also aus den grundlegenden Strukturen bzw. Formen der patriarchal-kapitalistischen sozialen Verhältnisse begründen.“

— Evi Genetti, Staat Kapital und Geschlecht [fussnote 6]

http://arschhoch.blogsport.de/2012/01/13/marxo-syndikalismus/

ich will hier jetzt nicht auf die theorie der „wertabspaltung“, die dieser einschätzung zugrundeliegt, eingehen. aber diese „vermischung“ von kapitalismus und patriarchat ist allein schon aus historischen gründen unzulässig. das patriarchat ist ein paar tausend jahre alt. der kapitalismus ein paar hundert. es ist vollkommen unredlich, dem kapitalismus eine eigene „patriarchale qualität“ zu unterstellen. dem kapital ist das geschlecht eines lohnarbeiters völlig egal (wenn es man es rein auf die wertvergesellschaftung abstrahiert). aber genau DAS ist der springende punkte. das kapital hat zwar die tendenz, sich auf reine wertvergesellschaftung zu reduzieren, im realen leben spielen aber auch immer ausserökonomische faktoren eine grosse rolle. und dann wirkt sich natürlich auch im „arbeitsverhältnis“ die bestehende „arbeitsteilung nach geschlechtern“ aus. denn neben der produktion von waren muss halt auch nachwuchs „erzeugt“ werden, und kinderaufzucht, erziehung und hausarbeit sind DIE domänen weiblicher (re)produktionsarbeit. wenn eine frau sich für kinder entscheidet (und für eine frau dürfte das ein biologisches bedürfnis sein) wird sie immer/häufig nachteile im erwerbsleben in kauf nehmen müssen, und in vielen fällen wird sie sich sicher auch in die „materielle abhängigkeit“ von einem mann begeben (müssen). solange „kinderaufzucht“ eine „private angelegenheit“ ist, und keine „gesellschaftliche aufgabe“ wird diese asymmetrie nach geschlecht nicht aufzuheben sein.

für unsere zwecke reicht es daher völlig aus, den bürgerlichen staat als garanten der kapitalistischen (re)produktion zu bestimmen. die verhältnisse der besonderen unterdrückung werden durch die proletarische emanzipationsbewegung UND die „autonome [unabhängige] organisierung“ der betroffenen gruppen beseitigt werden. ansonsten werden sie NICHT SEIN!

quelle: http://systemcrash.wordpress.com/2012/01/13/beitrag-zur-nao-debatte-frauenfrage-rassistische-unterdruckung/

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3 Antworten auf „Beitrag zur NAO Debatte: „Frauenfrage“, „Rassistische Unterdrückung““


  1. 1 richard 13. Januar 2012 um 22:32 Uhr

    Auch hier kann ich nur sagen, wenn man die Fragen nicht mit der Praxis übereinbringt, dann endet das nur in geistlichen Kategorien. Aber es geht um das Miteinander, wie also man sich verhält, bei einer Chefin, bei seiner Exfrau, bei anderen unbekannten Frauen, natürlich alles auch geschlechtlich umgedraht.

    Weiß du wie meine Mutter war? Nein, aber jeder ist noch geprägt von seinen Eltern. Wie willst du das durch den Geist, also die Theorie, lösen? Gar nicht, sondern es geht um die Beziehungen zu dem anderen Geschlecht, wenn es denn überhaupt diese Beziehung gibt, bei allen. Wo ich nicht von aus gehe.

    Noch immer gibt es Kerle, die viele Frauen haben, vielleicht auch Frauen mit viel3en Männern, und andere die gar keine Frau oder Mann haben. Verstehtst du, wo der einzelne ist, ganz woanders. Kooperation auch hier!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  2. 2 systemcrash 13. Januar 2012 um 22:39 Uhr

    hier geht es aber nicht um „individuelle beziehungen“ (da mag jeder treiben, was er/sie/es will), sondern um ein „gesellschaftliches geschlechterverhältnis“. und das kann man nur theoretisch erfassen, genauso wie das kapitalverhältnis.

    es bleibt dir unbenommen, das anders zu sehen, aber das ist dann nicht „politisierbar“.

  3. 3 systemcrash 14. Januar 2012 um 22:58 Uhr
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