Kommune Bochum. Modell einer genossenschaftlichen Wirtschaft

Der Text mit fünf Grafiken steht im Karl-Marx-Forum

Gruß Wal

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5 Antworten auf „Kommune Bochum. Modell einer genossenschaftlichen Wirtschaft“


  1. 1 Mario Ahner 03. Januar 2012 um 21:47 Uhr

    Die „Bochumer Kommune“ zielt m.E. zwar in eine zukunftsweisende Richtung, beherbergt aber dennoch einige Probmelatiken, die ich hier nur kurz anreißen will:

    1. Das Bestellsystem in allen Ehren. Soweit es einen (!) Pfeiler des Allokationssystems einer postkapitalistischen Ökonomie darstellen mag, kann es nicht die Allgemeinlösung bieten, da sich Bedürfnisse auch spontan ergeben können. Was heißen will, ein jeder möchte sich wohl die Möglichkeit erhalten beim Vorbeischlendern dies oder jenes zu erwerben. Um „Produktentnahme-Orte“ wird es wohl – auch wenn diese anders organisiert sein mögen, und es kein Geld mehr gibt – nicht herumkommen. Die Planung könne hier, durch die Erfassung eines Durchschnittsbedarfs und der Arbeitsstunden, also durchaus via „Augenmaß“ vorgenommen werden.

    Die Frage wäre, wie hier die Entnahme geregelt wird. Während allerlei öffentliche Einrichtungen bereits in der Arbeitszeitberechnung drin wären (alles was die öffentliche Reproduktion umfasst), könnte der Individualkonsum durch ein kommunal gewährtes Grundeinkommen abgewickelt werden. Durch den Umbau des Zahlungsverkehrs via Chipkarte, könnte der Zahlungsverkehr via digitalem Schwundgeld organisiert werden, so dass eine Aufschatzung verunmöglicht wird.

    2. Der Verweis auf die Nicht-Notwendigkeit des Stundenzettel-Systems, wie es Marx noch im Gothaer Programm als Übergangslösung vorschlug, teile ich. Auf den hochentwickelten Stand der Produktivkräfte wurde bereits hingewiesen.

    3. Autarke-Lösungen sind wohl sowieso auszuschließen. Das heißt, es ließe sich nur eine internationale Assoziation der Kommunen denken, die untereinander Vertragsverhältnisse eingehen um so im Vorraus die benötigten Produkte für den gemeinsamen „Produkte-Pool“ zu errechnen. Die transkommunalen Verkehrs-, Kommunikations-, und Produktionseinrichtungen wären über so ein Vertragssystem auch durchaus international genossenschaftlich organisierbar.

    „Die fundamentalen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen bestehen hierbei aus Verträgen, welche das Verhältnis von Leistungsaufwand und Produkt als ein soziales Verhältnis regeln:

    • Sozialverträge, welche Leistungen auf die Reproduktion der Menschen und Generationen, der Kultur, Bildung und Ernährung, also auf die Reproduktion des Lebensstandards beziehen und als Allmende sicherstellen,

    • Entwicklungsverträge, welche die Bildung eines Mehrprodukts betreffen und als besondere Leistungen nach den lokalen Notwendigkeiten der politischen Planung besondere Erstattungen für Mehrarbeit beziehen,

    • Ergänzungsverträge, die den wirtschaftlichen Ausgleich der individuellen oder lokalen Nachteile oder Mängel oder Bedarfe an Ressourcen, Technologie und Kraft mit anderen Individuen oder Regionen oder Länder oder Kontinente zum Ausgleich bringen, die sich durch Ergänzung durch einander entwickeln wollen. (…)

    Das Wertverhältnis der Waren produzierenden Gesellschaft wird ersetzt durch eine politisch bestimmte wirtschaftliche Beziehung, die ihre Bewertungen nicht aus abstrakt menschlicher Arbeit begründet, sondern aus konkreten Arbeitsaufwendungen. Ausgangspunkt aller quantitativen Bestimmungen ist der Produktionsaufwand in einem politisch bestimmten Lebensraum (siehe Komunalismus), also der Aufwand, der nicht als menschliche Arbeitszeit zählt, sondern als Zeitdauer einer bestimmten Arbeit, die mit vorhandener Technik ein bestimmtes Produkt herstellt, also die Zeit der Menschen- und Maschinenarbeit. (…)

    Eine Beziehung von Arbeit und Produkte wird in ihrem Austausch durch dass Maß des darin erbrachten konkreten Aufwands gestaltet, wie es sich aus deme real investierten Arbeitsaufwand von Rohstoff, Maschine und Mensch ergibt. Sofern sie durch Geld vermittelt wird, ist das Geld selbst eine Vertragsform, die zeitlich beschränkt und entsprechend entwertet wird (Chip-Geld mit Ursprungsdatum und Verfallszeit) (…)

    Das Geld wird allerdings in seinem Wert politisch durch die regionalen Entscheidungszentren nach Sachlage der Vertragsverhältnisse im Bezug zum beschlossenen Lebensstandard bewertet und gilt nur für eine bestimmte Laufzeit (z.B. 1 Jahr). Das verhindert, dass aus reiner Geldaufhäufung Gewinn entstehen kann. Im Verhältnis zu überregionalen Beziehungen wird dieses Geld als Regionalwährung nur aufsteigend bewertet, also nicht rückwärtskompatibel gehandelt, so dass es sich z.B. auf einen Euro beziehen lässt, umgekehrt dieser aber nicht auf dieses..“

    Quelle: Wikipool.net -> Vertragswirtschaft

  2. 2 khs 04. Januar 2012 um 18:15 Uhr

    Wolkenkuckucksheim
    Wal Buchenberg schreibt in „Kommune Bochum“ im Marxforum:

    „Eine selbstverwaltete, genossenschaftliche Wirtschaft muss mit den wirklich vorhandenen Bedürfnissen beginnen. Bevor ein Individuum produziert und produzieren kann, muss es schon konsumieren.“

    Die These, die den modellhaften Überlegungen für eine „Bochumer Kommune“ zu ihrer Begründung vorangestellt ist, ist in mehrerlei Hinsicht äußerst problematisch:

    Wenn in der „höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft“ alle „Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ schreibt Marx in seiner berühmten Kritik am Gothaer Programm (MEW 19, S.21).

    Wenn wir uns heute aufgrund unserer praktisch-politischen Erfahrungen und ihren theoretischen Verallgemeinerungen mit kommunalen Genossenschaftsprojekten befassen, dann gilt es daher, statt von der „höheren“ Phase von der heutigen Klassenwirklichkeit und den Kampferfahrungen der proletarischen Klasse auszugehen.

    Wer dennoch von der „höheren Phase“ ausgeht, der bastelt sich wie Wal Buchenberg ein Wolkenkuckucksheim, an dessen Ausgestaltung munter politisch folgenlos weiter spekuliert werden könnte („Bekomme ich von meiner BRD-Kommune einen Reisegutschein und Devisen, wenn ich nach Frankreich fahren will? Wo ist der Antrag zu stellen“).

    Des weiteren macht es keinerlei Sinn von DEM Individuum auszugehen, wenn es nicht durch seine gesellschaftliche Praxis als ein gesellschaftliches Individuum begriffen wird. Die gesellschaftliche Praxis ist die Produktion und Reproduktion der materiellen Lebensbedingungen.

    Sollte die Aneignung der Produktions- und Reproduktionsmittel durch die proletarischen Massen heute erfolgen und der Kapitalismus dadurch aufgehoben werden, dann werden in diesem sozialemanzipatorischen Prozess die Inhalte und Formen der Selbstorganisation der Klasse von dieser selber hervorgebracht werden. Dann kann die „niedere“ Phase der „kommunistischen Gesellschaft“ beginnen. Für diese Phase belassen wir es daher bei der weisen Formulierung von Kalle Marx: „Womit wir es hier zu tun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt.“ (ebenda)

    Kurzum: Die proletarischen Millionenmassen brauchen für ein besseres Leben kein ideologisches Coaching mittels „Bochumer Kommune Modelle“. Sie machen nämlich ihre sozialemanzipatorische Geschichte selber.

  3. 3 Mario Ahner 04. Januar 2012 um 19:26 Uhr

    Wenn wir den Kommunismus weiterhin als die wirkliche Bewegung zur Aufhebung des jetzt bestehenden Zustands verstehen, deren Bedingungen sich aus den jetzt bestehenden Verhältnissen ergibt, kann ich khs zustimmen. Wir können nichts vorweg nehmen. Solche Berechnungsmodelle bleiben natürlich weiterhin nur eines: Ein subjektives Modell.

    Sie können aber als Argumentationsstütze helfen, um zu zeigen, dass eine geldlose Bedarfsökonomie durchaus denkbar ist – und dies als Herausschälung aus den jetzt bestehenden Verhältnissen. Dass dies nicht als Fahrplan verstanden werden kann, und darf, sollte auf der Hand liegen.

    Insofern halte ich Wal Buchenbergs Verweis auf den Abschied von der Zettelabrechnungs-Ökonomie im Stile des Gothaer Programms und der vermeintlichen Notwendigkeit einer Eroberung der Staatsmacht, für folgerichtig.

    Eigentlich bestünde die aktuelle kommunistische Programmatik nur aus drei Punkten:

    1. Hilfestellung zur Selbstaufklärung der Lohnabhängigen-Klasse.

    2. Aufbau der Klassenautonomie (Autonome Versammlungen, Räte, Streiks etc.)

    3. Übernahme der aller Mittel der Reproduktion und Produktion (inklusive des Grund und Bodens) durch die Lohnabhängigen und deren regionale, nationale wie internationale Vernetzung zur Aufhebung des Konkurrenz- und Profitsystems durch eine Assoziation der Produzentinnen und Produzenten durch kooperative Beziehungen der jeweiligen Wirtschaftsstandorte.

    Politik und Ökonomie fallen so in eins und heben sich auf. Der Staat als solcher (egal ob bürgerlich oder proletarisch etikettiert) hört auf zu existieren (siehe Marx‘ Beispiel der Pariser Kommune, die er als eine Revolution gegen den Staat selbst bezeichnet).

    Alltagspolitische Forderungen müssten sich folglich aus den heutigen Kämpfen herleiten, an der Perspektive der unmittelbaren Produktionsmittel-Übernahme anlehnen und eine Eigenlogik in Richtung dieses Prozesses einleiten.

    Alles weitere ist eine Frage der geschichtlichen Praxis.

  4. 4 khs 04. Januar 2012 um 21:26 Uhr

    Hallo Mario,
    wenn Du schreibst man solle von der „Zettelabrechnungs-Ökonomie“ Abstand nehmen, mit deren Hilfe olle Marx 1875(!)eine zeitgemäße technische Form vorgeschlagen hatte, den individuellen Arbeitszeitanteil zu erfassen, dann mag das sich selbstorganisierende Proletariat heute gern auf diese technische Form verzichten und meinetwegen zu digitalen Formen greifen, doch auf die diese Formen bestimmende Verteilungslogik, die unmittelbar an die Produktion und Reproduktion gebunden ist, wird sie zunächst nicht verzichten können, wenn sie ihre Räte und andere Herrschaftsformen des Übergangs(*) an die Stelle des bürgerlichen Staates setzt.

    Und wenn wa schon bei olle Marx sind, dann noch eine Bemerkung vom ihm passen zum Bochumer Wolkenkuckucksheim: „Der Vulgärsozialismus (und von ihm wieder ein Teil der Demokratie) hat es von den bürgerlichen Ökonomen übernommen, die Distribution als von der Produktionsweise unabhängig zu betrachten und zu behandeln, daher den Sozialismus hauptsächlich als um die Distribution sich drehend darzustellen.“ (MEW 19, S. 22)

    *) Was Selbstorganisation und Vorbereitung von Übergang heute praktisch (also auch von der Form her) bedeuten kann, lässt sich recht gut anhand Venezuelas studieren.

  5. 5 Mario Ahner 05. Januar 2012 um 3:27 Uhr

    Ich würde arg bezweifeln, dass Venezuela eine zeitgemäße Form des Übergangs darstellt. Das linksbonapartistische System von Chavez‘ mag zwar mit Rätestrukturen gespickt sein, ich sehe aber nicht, weshalb die neue Elite sich von selbst auflösen, das heißt der Staat aufgrund eines geschichtlichen Gesetzes absterben sollte. Ich meine, die Prozesse in Bolivien und Venezuela sind nur eine „Wiederholung der Geschichte als Farce“, wie Marx es ausdrückte.

    Marx‘ Anmerkungen zum Gothaer Programm zur Stundenzettel-Ökonomie wird, soweit mir bekannt, doch in seiner Kritik an Proudhon von ihm selbst widerlegt? Sollte ich mich irren, lasse ich mich gern eines besseren belehren. Geht die Tendenz allerdings in die Richtung einer „bewussten Anwendung des Wertgesetzes“, wie es die DDR-Zentralverwaltungswirtschaft vorsah, ist dieses Modell durch die Geschichte ad absurdum geführt worden.

    Wenn darunter allerdings folgendes verstanden wird, gehe ich d‘accord:

    „Das Wertverhältnis der Waren produzierenden Gesellschaft wird ersetzt durch eine politisch bestimmte wirtschaftliche Beziehung, die ihre Bewertungen nicht aus abstrakt menschlicher Arbeit begründet, sondern aus konkreten Arbeitsaufwendungen. Ausgangspunkt aller quantitativen Bestimmungen ist der Produktionsaufwand in einem politisch bestimmten Lebensraum (siehe Komunalismus), also der Aufwand, der nicht als menschliche Arbeitszeit zählt, sondern als Zeitdauer einer bestimmten Arbeit, die mit vorhandener Technik ein bestimmtes Produkt herstellt, also die Zeit der Menschen- und Maschinenarbeit.

    So bemisst sich auch die menschliche Arbeitszeit nurmehr anteilig an der Arbeitszeit der Maschinen und deren Entwicklung gereicht allen Menschen zum Vorteil. (…)

    Die zunächst scheinbar willkürlich bestimmte Arbeitszeit, die ohne gesellschaftlichen Durchschnitt bemessen ist, regelt sich durch die Akzeptanz der Produkte, gegebenenfalls auch durch die Kritik einer Produktion durch Rüge, Vertragsänderung oder Kündigung, wenn alternativ produziert werden kann. Nicht die auf Durschnitt reduzierte menschliche Arbeitszeit bestimmt den Austausch, sondern die reale Arbeitszeit einer vorhandenen Wirtschaftskraft, die sich auch im Produkt überträgt.“

    Quelle: Wikipool.net -> Vertragswirtschaft

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