Organisationsdebatte. Ein Einwurf von G. Karfeld

In einer Antwort auf Wal Buchenbergs Text „Konkurrenz oder Kooperation“ schreibt G. Karfeld bei scharf-links.de:

Eitelkeit und Machtstreben sind menschliche Eigenschaften und sie sind auf allen Ebenen der Gesellschaft gegenwärtig. Ob im Arbeitsleben, in Familien, in den kapitalistischen oder in sozialistischen Parteien.

Nicht nur, dass diese Eigenschaften in verschiedener Ausprägung im Menschen vorhanden sind, die Macht selbst verändert den Menschen ebenfalls sehr stark.

Bundeskanzler Adenauer soll folgenden Satz geäußert haben. „was wird wohl aus Deutschland wenn ich einmal nicht mehr bin“. Dies zeigt die maßlose Selbstüberschätzung und den Größenwahn, wie er sehr häufig mit dem Besitz von Macht einher geht.

Als jüngeres Beispiel kann man auch den Lebensweg und die Wandlungen des ehemaligen Außenminister J. Fischer sehen oder die uneingeschränkte Herrschaft eines Fidel Castros bis ins hohe Alter und die Übergabe der Macht an seinen Bruder nach Art einer Monarchie. Die Kommunistische Vergangenheit ist gezeichnet von Machtkämpfen und Konkurrenzkämpfen.

Zahlreiche KommunistInnen wurden Opfer dieser Machtkämpfe. Persönlicher Machtanspruch, rein um der Macht Willen gilt als negativer Charakterzug. Deshalb müssen sehr häufig politische Theorien zur Abgrenzung herhalten. Man steckt sein Revier ab und versucht es zu vergrößern. Die Ursache für die zersplitterte antikapitalistische Szene ist zum Teil auch in diesem Machtanspruchsdenken zu suchen.

Das Bochumer Programm ist ein richtiger Ansatz, er setzt auf Selbstverwaltung, Dezentralisierung und orientiert sich an aktuellen Problemen. Es wurde als reformistisch eingestuft.
Doch was ist reformistisch? Alles was nicht Revolution schreit?

An radikalen Programmen hat es doch nie gefehlt, es hat sie nur kaum jemand zu Kenntnis genommen. Die Massen haben sie ignoriert. An was hat es denn gefehlt? An einer Partei oder Organisation, deren Programm die Interessen der Lohnabhängigen in etwa widerspiegelt, die Lösungswege für die gesellschaftlichen Probleme sozialer sowie ökologischer Art anbietet und diese Lösungswege konsequent verfolgt.

Eine solche Organisation oder Partei begibt sich nicht ständig in die politische Defensive wie die PDL, die in ständiger Bemühung steht, sich ihre Regierungsfähigkeit durch das Kapital bescheinigen zu lassen. Sondern sie geht ihrerseits in die Offensive und zeigt auf, dass eine Lösung der allgegenwärtigen Gesellschaftlichen Probleme einschließlich der, der systemischen Krise, nur erreicht werden kann, wenn man dort operiert wo der Krankheitsherd sitzt, am kapitalistischen Profitsystem.

Jede Organisation die in ihrem Programm Verbesserungen für die breite Bevölkerung fordert, gerät in Konfrontation mit dem Kapital und seinem Staat, unabhängig davon ob die Forderungen etwas mehr oder weniger radikal ausfallen. Dieser Konfrontation muss man sich bewußt sein und man muss diesen politischen Kampf auch ganz bewußt führen.

Dass eine solche Vorgehensweise bis jetzt regelmäßig gescheitert ist hängt weniger an der fehlenden Radikalität der Forderungen sondern am Willen und Wollen der Parteispitzen jener Parteien, die sich solche Ziele irgendwann einmal gesetzt haben. Alle diese Parteien sind demokratisch zentralistisch organisiert. Auch der gescheiterte real existierende Sozialismus war ein zentralistisches System.

Das Scheitern dieser Art der Organisation, aus Sicht der Lohnabhängigen, kann man nicht einfach ignorieren. Eine neue antikapitalistische Organisation muss deshalb auch einen Bruch mit dieser Organisationsform vollziehen.
Als alternative Organisationsform bietet sich die Räteorganisation an.

Eine Anmerkung zur Diskussion auf http://arschhoch.blogsport.de:

Es liegt mir Fern die Leistungen von sozialistischen Theoretikern und Denkern zu schmälern, aber wenn die Verwendung Ihrer Thesen und Theorien überhand nehmen, bekommt das ganze einen inflationären Charakter.

Wer den jetzigen Stillstand überwinden will muss sich auch davon lösen, dass die Zukunft mit einem Rezept aus der Vergangenheit bewältigt werden kann. Es gibt in der Vergangenheit kein erfolgreiches Modell einer sozialistischen Gesellschaft, das als Vorbild für Heute dienen kann. Deshalb macht es auch keinen Sinn fast ausschließlich in der Vergangenheit danach zu suchen.

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11 Antworten auf „Organisationsdebatte. Ein Einwurf von G. Karfeld“


  1. 1 Tino Plancherel 23. Dezember 2011 um 17:28 Uhr

    Als alternative Organisationsform (zu den bisherigen stark zentralistischen Formen der jüngsten Geschichte) bietet sich die Räteorganisation an, schreibt G. Karfeld.
    Die Räteorganisation ist an und für sich nicht a priori antizentralistisch z.B bezüglich des Entscheidungsprozesses von regional zu national. Vom klaren Zentralismus bis Räte-Vollversammlungsorganisation, wir werden es genauer definieren müssen, was das praktisch konkret heisst und eine Mischform wäre durchaus denkbar.
    Jahrzehntelang war es in der radikalen Linken üblich alle Diskussionen über charakterliche-psychologische Eigenheiten der Mitglieder sofort als kleinbürgerlichen Psychologismus abzutun. Zu Unrecht, eine Rückbesinnung auf W. Reich würde den linken Organisationen nur gut tun. Ich bin auch der Meinung, dass gewisse charakterliche Merkmale z. B. bei der Wahl von Leuten in Leitungsstrukturen durchaus als Kriterium einfliessen sollten und nicht nur Linienkriterien (die gleiche Meinung wählen).
    Auch hier ist ein Blick in die Geschichte nützlich. Lenin war ein Meister in dieser Frage, seine engsten Verbündeten waren stets diejenigen, die nach seiner Einschätzung am nächsten auf seiner Linie lagen. Charakter und nicht mal Fähigkeiten gehörten kaum zu seinen bestimmenden Kriterien. Deshalb zog er Stalin und Sinowjew dem Trotzki vor als engste Verbündete.

  2. 2 Mario Ahner 23. Dezember 2011 um 18:32 Uhr

    Die mögliche interne Struktur einer NAO dürfte weniger im Dunkeln liegen als es uns momentan erscheint. Ich persönlich finde den Aufbau der Linksjugend ’solid gar nicht mal so schlecht (die internen Konflikte und das Programm einmal außen vor gelassen). Daran angelehnt wäre ein dezentraler aber dennoch verbindlicher Aufbau derart: Basisgruppen in den Stadtteilen – Koordinationskreise auf Bundeslandebene (jederzeit abwähklar) – SprecherInnen auf Landes- und Bundesebene und der (halb-)jährliche Bundeskongress. Rätedemokratie und verbindliche Koordination kommen so zusammen. Eine ähnliche Organisationsstruktur plante das Netzwerk Linke Opposition (NLO), das dann aber wegen inhaltlicher Differenzen in der Versenkung verschwand.

  3. 3 Schorsch 23. Dezember 2011 um 22:25 Uhr

    Der Hinweis, dass Verkehrsformen und Strukturen menschliche Verhaltensweisen und Einstellungen auch negativ beeinflussen können, ist sicher zutreffend. Dass auch in Klein- und Kleinstgruppen Menschen ihre Charaktereigenschaften mitunter schädigend ausleben können, wissen wir auch und deshalb versuchen wir ja auch, u. a. zu einem Abbau politscher Macho-Kultur beizutragen. Aber was fangen wir mit diesem erneuten Hinweis an?

    Das Versagen oder die Erfolglosigkeit verschiedener Organisationsaufbauprojekte – quer durch die Traditionen der radikalen Linken – basiert nicht allein und nicht im Wesentlichen auf charaktierlichen Unzulänglichkeiten, sondern eben wesentlich deshalb, weil in den Schichten der Arbeiterklasse das sozialpartnerschaftliche Denken, also das herrschende Bewußtsein der herrschenden Klasse dominiert, und wie wir ja alle wissen, täglich durch reale Praxis reproduziert wird. An dieser Stelle möchte ich nicht näher auf die Prozesse der Bewußtseinsbildung im Alltagsleben eingehen, nur soviel: die herrschende Klasse sichert ihre Macht mittels tausender gut bezahlter Büttel in und über die Köpfen der ausgebeuteten Klasse. Erst wenn das nicht mehr ausreicht, wird die materielle repressive Form in Gänze eingesetzt.

    Für mich liegt das Versagen revolutionär-sozialistischer Organisationen nicht hauptsächlich im persönlichen Fehlverhalten wie auch immer sozialisierter revolutionärer Genossinnen und Genossen.

    Nun weist Karfeld darauf hin, dass irgendwie einmal links, vielleicht radikal einstellte AktivistInnen bisher meistens an den prallen bürgerlichen Töpfen landeten und ihre ursprünglichen
    Vorhaben bzw. Ziele mehr oder weniger über Bord warfen. Am Beispiel der PDL deutet er die Verrenkungen der Partei an, endlich als regierungsfähig eingestuft zu werden. Ja, deshalb ist es für uns so wichtig, sich eben nicht an bürgerlichen Regierungen zu beteiligen, auch nicht in Farben von „rot-grün“. Wenn diese bürgerlichen Kräfte irgendetwas in die Wege leiten würden, was die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse verbessern wird, sollten wir dies natürlich unterstützen. Aber das Wesen dieser Regierung bleibt immer die Festigung der kapitalistischen Ausbeutergesellschaft und die Ideologie
    eines Klassenfriedens.

    Neben anderen Aspekten sind diese zwei Punkte radikal:

    a) keine Beteiligung an bürgerlichen Regierungen und keine Illusionen in reformistische Projekte nähren,

    b) Aufbau einer Organisation die auf den Bruch mit einer klassenversöhnlerischen Politik und den entsprechenden bürokratischen Apparaten/Funktionären orientiert.

    Der Hinweis auf rätedemokratische Formen ist mir durchaus willkommen (es gibt z. B. eine schönes Heftchen von Cornelius Castoriades: Arbeiterräte und selbstverwaltete Gesellschaft), wenn es möglich ist und die Kampfbedingungen dies zulassen, o.k. Auch die AnarchistInnen und die Freunde der FAU stehen mir allemal näher als linke Sozialdemokraten. Aber zunächst müssen wir eine Organisation aufbauen die auf zeitgemäßen progammatischen Eckpunkten basisiert und die Fähigkeit entwickelt, in und durch die bewußten Auseinandersetzungen zwischen „Kapital und Arbeit“ ihren inhaltlichen und organisatorischen Wachstumsprozess voran zu treiben.

    Alle Versuche von linksradikalen Organisationen eine Partei aufzubauen, die Türen zum bürgerlichen herrschenden Lager auch nur einen Spalt offen läßt und dann noch mit ihnenwo möglich als sogenanntes kleines bürgerliches Anhängsel in eine Regierung eintritt, sind fehlgeschlagen (man siehe nur die PT in Brasilien). Die Trennungslinie für uns muss lauten: keine Beteiligung an bürgerlichen Regierungen und Bruch mit reformistischen Illusionen, wir brauchen keine dritte sozialdemokratische Partei.

    Der Genosse oder die Genossin Karfeld sollte zuspitzen, wohin seine „einerseits – anderseits – Betrachtung“ praktisch führen soll, dann wäre der Beitrag klärend und sinnvoll.

  4. 4 Gerion 23. Dezember 2011 um 23:31 Uhr

    Hallo Genoss_innen,

    ich würde daran anschließend gleich mal die Frage stellen, was soll uns denn das Sitzen in Parlamenten auch schon nützen? Hauptamtliche Mitarbeiter zu haben, mus auch anders zu schaffen sein. Schon damit wir von den Wahlergebnissen nicht abhängig werden. Das bestimmte Leute dann an ihrem Lebensunterhalt hängen, ist doch auch klar und verständlich. Sicher wäre es besser, das gleich auszuschließen.
    Oder was meint ihr?

  5. 5 jboe 24. Dezember 2011 um 0:56 Uhr

    @ Gerion: Auch wenn es nicht das Wichtigste ist, gibt es doch gute Gründe, an Wahlen teilzunehmen. Immerhin wird Politik hierzulande immer noch größtenteils über Gesetze gemacht, und die werden nun mal im Parlament beschlossen: Leiharbeit, befristete Arbeitsverträge, Hartz IV, Rente mit 67, Mindestlohn. Das Problem z. B. mit der Linkspartei ist nicht, dass sie parlamentarisch agiert – tatsächlich sind viele ihrer parlamentarischen Initiativen exzellent (z. B. ihr Gesetzvorschlag zur Leiharbeit) – das Problem ist, dass die Partei keine außerparlamentarischen Kampagnen führt und ihre parlamentarischen Initiativen mit keiner Massenbewegunng verbunden sind. Fairerweise muss man hinzufügen, dass das nicht nur Schuld der Partei ist.

  6. 6 systemcrash 26. Dezember 2011 um 21:04 Uhr

    Warum muss eine revolutionäre Organisation ‘demokratisch-zentralistisch’ sein?

    „Die zentristischen Zwischengruppen, die sich um das Londoner Büro scharen, sind nichts anderes als „linkes“ Zubehör der Sozialdemokratie und der Komintern. Sie haben ihre völlige Unfähigkeit bewiesen, sich in einer historischen Situation zurechtzufinden und revolutionäre Schlußfolgerungen aus ihr zu ziehen. Ihr Höhepunkt wurde von der spanischen POUM erreicht, die sich unter den Bedingungen der Revolution als absolut unfähig erwies, revolutionäre Politik zu machen.“ — leo trotzki, übergangsprogramm

    ---------
    dass die hauptprotagonisten der NAO (SIB, SOKO, Bochumer) antileninisten sind, hat sich inzwischen klar herauskristallisiert. ich gehe mal davon aus (von den kräfteverhältnissen her), dass dies auch das schibboleth sein wird, mit dem die NAO an den start gehen wird – wenn es denn dazu kommen wird. ob der RSB da mitgehen wird, wird noch spannend zu beobachten sein, denn schliesslich kommt er ziemlich „orthodox“ daher…

    hier noch mal die begründung aus lenins „was tun“, warum es einer avantgardeorganisation bedarf.

    „Manche unserer revisionistischen Kritiker nehmen an, Marx hätte behauptet, die ökonomische Entwicklung und der Klassenkampf schüfen nicht bloß die Vorbedingungen sozialistischer Produktion, sondern auch direkt die Erkenntnis ihrer Notwendigkeit, und da sind die Kritiker gleich fertig mit dem Einwand, daß das Land der höchsten kapitalistischen Entwicklung, England, von allen modernen Ländern am freiesten von dieser Erkenntnis sei. Nach der neuen Fassung könnte man annehmen, daß auch die österreichische Programmkommission den auf diese Weise widerlegten angeblich ‘orthodox-marxistischen’ Standpunkt teile. Denn es heißt da: ‘Je mehr die Entwicklung des Kapitalismus das Proletariat anschwellen macht, desto mehr wird es gezwungen und befähigt, den Kampf gegen ihn aufzunehmen. Es kommt zum Bewußtsein’ der Möglichkeit und Notwendigkeit des Sozialismus etc. In diesem Zusammenhang erscheint das sozialistische Bewußtsein als das notwendige direkte Ergebnis des proletarischen Klassenkampfes. Das ist aber falsch. Der Sozialismus als Lehre wurzelt allerdings ebenso in den heutigen ökonomischen Verhältnissen wie der Klassenkampf des Proletariats, entspringt ebenso wie dieser aus dem Kampfe gegen die Massenarmut und das Massenelend, das der Kapitalismus erzeugt; aber beide entstehen nebeneinander, nicht auseinander, und unter verschiedenen Voraussetzungen. Das moderne sozialistische Bewußtsein kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht. In der Tat bildet die heutige ökonomische Wissenschaft ebenso eine Vorbedingung sozialistischer Produktion wie etwa die heutige Technik, nur kann das Proletariat beim besten Willen die eine ebensowenig schaffen wie die andere; sie entstehen beide aus dem heutigen gesellschaftlichen Prozeß. Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz; in einzelnen Mitgliedern dieser Schicht ist denn auch der moderne Sozialismus entstanden und durch sie erst geistig hervorragenden Proletariern mitgeteilt worden, die ihn dann in den Klassenkampf des Proletariats hineintragen, wo die Verhältnisse es gestatten. Das sozialistische Bewußtsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes. Dem entsprechend sagt auch das alte Hainfelder Programm ganz richtig, daß es zu den Aufgaben der Sozialdemokratie gehöre, das Proletariat mit dem Bewußtsein seiner Lage und seiner Aufgabe zu erfüllen.“

    und weiter:

    „Kann nun von einer selbständigen, von den Arbeitermassen im Verlauf ihrer Bewegung selbst ausgearbeiteten Ideologie keine Rede sein, so kann die Frage nur so stehen: bürgerliche oder sozialistische Ideologie. ein Mittelding gibt Es hier nicht (denn eine ‘dritte’ Ideologie hat die Menschheit nicht geschaffen, wie es überhaupt in einer Gesellschaft, die von Klassengegensätzen zerfleischt wird, niemals eine außerhalb der Klassen oder über den Klassen stehende Ideologie geben kann). Darum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, jedes Abschwenken von ihr zugleich eine Stärkung der bürgerlichen Ideologie. Man redet von Spontaneität. Aber die spontane Entwicklung der Arbeiterbewegung führt eben zu ihrer Unterordnung unter die bürgerliche Ideologie, sie verläuft eben nach dem Programm des Credo, denn spontane Arbeiterbewegung ist Trade-Unionismus, ist Nur-Gewerkschaftlerei, Trade-Unionismus aber bedeutet eben ideologische Versklavung der Arbeiter durch die Bourgeoisie. Darum besteht unsere Aufgabe, die Aufgabe der Sozialdemokratie, im Kampf gegen die Spontaneität, sie besteht darin, die Arbeiterbewegung von dem spontanen Streben des Trade-Unionismus, sich unter die Fittiche der Bourgeoisie zu begeben, abzubringen und sie unter die Fittiche der revolutionären Sozialdemokratie zu bringen.“ (zit nach: http://de.wikipedia.org/wiki/Was_tun%3F)

    unabhängig vom falschen gebrauch des begriffs „ideologie“, dem sich lenin hier befleissigt, dass die arbeiterbewegung nicht „urwüchsig“, „organisch“, „spontan“ (oder einfacher: von selber) zu „wissenschaftlichen“ einsichten in die gesamtgesellschaft gelangt, dürfte unbestreitbar sein. der begriff „kampf gegen die spontaneität“ ist ein bisschen missverständlich. denn wie soll eine arbeiterbewegung selbsterfahrung und historische lernerfahrungen machen können, wenn sie nicht auch selbständige schritte macht. auch auf die gefahr hin, dabei fehler zu machen, braucht sie diese erfahrungen, um eben darin befähigt zu werden, die gesellschaft auf eine NEUE grundlage zu stellen. genau dies ist eben der „undialektische“ teil in lenins „was tun“: die vorstellung, sozialistisches bewusstsein und reale klassenbewegung seien zwei disparate, unabhängig voneinander existierende dinge. dass soziale lage und bewusstsein auseinanderfallen, ist das eine, aber zu behaupten, sie seien vollkommen UNABHÄNGIG voneinander, ist etwas völlig anderes. methodisch würde ich einen solchen standpunkt eine „überspitzung“ nennen. eine überspitzung kann dazu führen, einen standpunkt klarer zu machen, dient also als didaktisches mittel. im falle von lenins „was tun“ hat diese überspitzung leider dazu geführt, dass mehrere generationen von epigonen des „leninismus“ berufsrevolutionstum mit bürokratischem substitutionalismus verwechselten/verwechseln.

    die debatte zwischen lenin und luxemburg 1904 krankte genau an diesem fakt der überspitzung: was bei lenin die überbetonung der „führung“ war, war bei luxemburg die akzentuierung der „bewegung von unten“. dabei sind beide faktoren gar kein widerspruch, sondern bedingen sich gegenseitig. die proletarische führung verleiht den „organischen kämpfen“ theoretische substanz, während die erfahrungen der kämpfenden klassen wiederum in die marxistischen lehren integriert werden. so bedingt sich beides gegenseitig und im idealfall befruchten sich beide. es ist ein grosser jammer, dass im grunde genommen solche basics politischer theorie schon nicht mehr selbstverständlich übernommen werden.

    wie man da den anspruch haben kann, das kapitalistische weltsystem bekämpfen zu wollen, ist mir völlig unbegreiflich. ohne eine disziplinierte organisation, die nach aussen hin eine einheitliche front bildet, wird man dieser aufgabe niemals gerecht werden können. der leninismus ist nichts anderes als ein ausleseprozess. die besten militanten werden in einer organisation zusammengefasst. nach innen herrscht völlige freiheit der kritik (gehorsame diener können keine selbstbewusste politik machen), nach aussen herrscht einheit in der aktion (das ist die voraussetzung für ein autoritatives auftreten). wer das anrüchig findet, möge irgendwelche debattierclubs für sozialistische moral gründen … mit dem realen klassenkampf wird er nie etwas zu tun haben.

    „Ohne innere Demokratie gibt es keine revolutionäre Erziehung. Ohne Disziplin gibt es keine revolutionäre Aktion. Die innere Struktur der IV. Internationale fußt auf den Prinzipien des demokratischen Zentralismus: volle Freiheit in der Diskussion, volle Einheit im Handeln.

    Die gegenwärtige Krise der menschlichen Zivilisation ist die Krise der proletarischen Führung. Die fortgeschrittenen Arbeiter, die in der IV. Internationale vereinigt sind, zeigen ihrer Klasse den Ausweg aus dieser Krise. Sie legen ihr ein Programm vor, das sich auf die internationale Erfahrung des Befreiungskampfes des Proletariats und aller Unterdrückten der Welt gründet. Sie bieten ihr ein unbeschmutztes Banner.

    Arbeiter und Arbeiterinnen aller Länder:
    Versammelt euch unter dem Banner der IV. Internationale!
    Es ist das Banner eures kommenden Sieges!“

    – leo trotzki, übergangsprogramm

    http://systemcrash.wordpress.com/2011/12/26/warum-muss-eine-revolutionare-organisation-demokratisch-zentralistisch-sein/

  7. 7 Mario Ahner 27. Dezember 2011 um 17:07 Uhr

    „Die kommunistische Antwort auf den Reformismus kann nicht in einer strengeren Auswahl nicht korrumpierbarer Führer liegen. Der Demokratieapologetik der Reformisten eine Diktatur überzeugter Berufsrevolutionäre entgegenzustellen, ist bloß die andere Seite der Medaille: Beides sind Formen der Politik und der Stellvertretung.

    Diese politische Stellvertretung hat ihren Ursprung in der Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln und dem damit verbundenen Auseinanderfallen von Politik und Ökonomie. Kommunismus ist unter der Selbstaufhebung des Proletariats und damit auch der Aufhebung der Politik als gesonderter Sphäre mit bestimmtem Personal nicht zu haben.

    So muss sich kommunistische Aktivität nicht bloß an den reellen Bruchstellen der Gesellschaft, sondern auch an den bisher noch marginal vorhandenen Tendenzen zur praktischen Selbstaufklärung der Klasse orientieren.

    Es geht dabei nicht um die Frage „Demokratie oder Diktatur“, sondern darum, ob die Arbeiterklasse im Kampf gegen ihre Existenz als ausgebeutete, arbeitende Klasse es schafft, die Trennung von Politik und Alltagspraxis in Organen der Klassenautonomie aufzuheben.“

    Quelle: http://www.kosmoprolet.org/ein-schritt-die-falsche-richtung

  8. 8 systemcrash 27. Dezember 2011 um 20:20 Uhr

    „Es geht dabei nicht um die Frage „Demokratie oder Diktatur“, sondern darum, ob die Arbeiterklasse im Kampf gegen ihre Existenz als ausgebeutete, arbeitende Klasse es schafft, die Trennung von Politik und Alltagspraxis in Organen der Klassenautonomie aufzuheben.“

    die trennung von „politik und alltagspraxis“ ist der bürgerlichen gesellschaft inhärent. und was soll der ausdruck „klassenautonomie“? dass die arbeiterklasse IN der bürgerlichen gesellschaft kommunistische inseln schafft? das wird nicht klappen. die „muttermale“ der bürgerlichen gesellschaft hängen auch dem proletariat an. das chemisch reine proletariat der selbstaufhebung, wie es sich gerne ultralinke vorstellen, existiert nicht und wird niemals existieren. in der arbeiterklasse sind alle niederungen der gesellschaft vertreten, genauso wie in jeder anderen klasse, schicht oder gruppe. mit diesem real existierenden proletariat müssen wir leben, ob es uns passt oder nicht. sektierertum und workerismus sind nur die zwei seiten derselben medaille. die einen überschätzen das proletariat, die anderen unterschätzen es. worum es aber geht, ist, eine realistische vorstellung von den klassenkampfbedingungen in unserer gesellschaft zu entwickeln. dafür brauchen wir den kampf aller meinungsströmungen der linken, um so zu einem möglichst stringenten programm zu gelangen. die so geschulten kader werden umso leichter die disziplin einer revolutionären organisation verkörpern.

  9. 9 Mario Ahner 28. Dezember 2011 um 19:28 Uhr

    Organe der Klassenautonomie: Die von den Lohnabhängigen aufgebauten Strukturen der Selbstorganisation in Form von Räten, Vollversammlungen, Streikkomitees. Das Ziel einer kommunistischen Organisation läge also darin die Selbstorganisation der Lohnabhängigen zu befördern und ihnen die Notwendigkeit der Übernahme der Produkionsmittel zu erklären und gegen jede Vereinnahmung der Selbstorganisation durch faschistische,bürgerliche oder stalinistische Ideologie anzukämpfen. Die Revolutionäre stehen unter heutigen Vorzeichen keineswegs außerhalb der Klasse. Sie sind Vertreter ihres bewusstesten Teils

  10. 10 systemcrash 28. Dezember 2011 um 20:11 Uhr

    „Organe der Klassenautonomie: Die von den Lohnabhängigen aufgebauten Strukturen der Selbstorganisation in Form von Räten, Vollversammlungen, Streikkomitees. Das Ziel einer kommunistischen Organisation läge also darin die Selbstorganisation der Lohnabhängigen zu befördern und ihnen die Notwendigkeit der Übernahme der Produkionsmittel zu erklären und gegen jede Vereinnahmung der Selbstorganisation durch faschistische,bürgerliche oder stalinistische Ideologie anzukämpfen. Die Revolutionäre stehen unter heutigen Vorzeichen keineswegs außerhalb der Klasse. Sie sind Vertreter ihres bewusstesten Teils“

    an sich hat „autonomie“ in der politischen theorie eine andere bedeutung; aber wenn DAS gemeint ist, bin ich einverstanden ;)

    … wir trotzkisten bezeichnen das als „klassenunabhängigkeit“ :)

  11. 11 Jürgen Suttner 02. Januar 2012 um 23:11 Uhr

    G. Karfeld und Tino Plancherei werfen bezugnehmend auf Wal Buchenberg Beitrag „Konkurrenz oder Kooperation“, die Frage auf, wie die persönlichen, „charakterliche- psychologische Eigenschaften die Diskussion heute hier negativ beeinflussen um dann generalisierend, den jeweiligen Parteispitzen vorzuwerfen, die jeweils ein Scheitern des antikapitalistischen Kampfes aus Sicht der Lohnabhängigen herbeigeführt haben.
    Nun gehöre ich sehr wohl zu denjenigen die „charakterliche-psychologische Eigenheiten“ für nebenseitig halten und hier doch das Hauptgewicht auf die inhaltlichen Differenzen, auf die politischen Fragen legen möchte. Es sollte hier doch einmal bedacht werden, dass das psychologische bewerten eines Menschen nicht unbedingt dazu führen muss ungewollte oder schädliche Strukturen zu verhindern. Sogar im Gegenteil, könnten und können durch ein psychologisches „Anforderungsprofiel“ inhaltliche politische Fragen unter den Teppich gekehrt werden. Diese Prozesse des Psychologisierens finden alltäglich z.B. in den sozialen Bewegungen statt und ist oft genug ein Ausdruck für ein zurückweichen vor der „stummen Macht der Verhältnisse“, ist oft genug ein Ausdruck dafür die gesellschaftlichen Verhältnisse mit der Schlechtigkeit, in der Sucht nach Geld und Geltung zu erklären. Die politische Auseinandersetzung muss unbedingt die Hauptseite bleiben. Das Eine oder Andere wird uns nicht vor persönlicher Macht über andere Menschen schützen.
    So möchte ich noch einmal auf Wal Buchenberg eingehen war er doch Ausgangpunkt der Debatte. Er schreibt:
    Wer als Linker andere Linke schlecht macht, der benimmt sich wie ein Handwerker, der in seinen Lesern und Zuhörern den Markt sieht, aus dem er Konkurrenten vertreiben will.
    Und weiter:
    Karl Marx nannte Konkurrenz „die innere Natur des Kapitals“. (Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 317). Wer sich als Konkurrent sieht, der andere Konkurrenten aus dem Feld schlagen muss, der denkt in den Kategorien Kapitals und atmet die Luft des Kapitals.
    Hier muss ich Wal Buchenberg doch klar vorwerfen er versucht Marx mit Marx zu bekämpfen. Gerade Marx und Engels haben Zeit Ihres Lebens immer wieder in durchaus scharfer Form in der Arbeiterbewegung und z. B. mit dem Utopischen Sozialismus die Auseinandersetzung geführt. Bürgerliche Wissenschaftler haben dieses Verhalten als billiges Macht- und Konkurrenzverhalten denunziert. Ich Denke das Marx und Engels Ihre Auseinandersetzungen gut begründet haben sie diente der inhaltlichen Klarstellung.
    Wer also jegliche Auseinandersetzung auch wenn sie überspitz geführt wird als Denken in „Kategorien des Kapitals“ mit einem Bannstrahl belegt, der will sich selbst nicht der Auseinandersetzung stellen oder ist scheinbar nicht in der Lage die Kritik von Ihren Übertreibungen und persönlichen Spitzen zu trenne um Sie dann auf Ihren inhaltlichen Kern zurückzuführen.
    Wenn sich der politische Streit nur in der Herabsetzung des anderen ausdrückt ist das schlecht, wenn wir aber wetteifern um den richtigen Gehalt um die richtige Zielsetzung, dann ist das gut. Beides ist ein konkurrieren, Zielt aber ein sehr unterschiedliches Ergebnis.
    Wal Buchenberg ist sich nicht zu schade dieses Zitat von Karl Marx anzuführen um:
    „Im planmäßigen Zusammenwirken mit anderen streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen“, schrieb Karl Marx vor 150 Jahren. (Kapital I, MEW 23, 349.)
    Karl Marx verweist hier auf den gesellschaftlichen Charakter der Arbeit die im planmäßigem bewussten Zusammenwirken (also im Sozialismus beginnend), aber im Kapitalismus zwar gesellschaftlich jedoch nicht bewusst gestaltet wird, sondern fremdbestimmt ist. Die gesellschaftliche Arbeit und Praxis tritt also im Kapitalismus als eine fremd erscheinende Macht den Menschen gegenüber.
    Wal Buchenberg benutzt das Zitat von Marx so als ob wir als subjektive Revolutionäre diesen Prozess zu einer NAO, zu einer I. Internationale 2.0, oder zum Bochumer Programm in einem planmäßigen Zusammenwirken gestalten, als würden wir nicht von den uns mitumschließenden entfremdeten Verhältnissen aus agieren. Aber erst wenn wir dies mitbedenken, werden wir die Möglichkeit haben uns, den heutigen Verhältnissen entsprechend, zu organisieren.
    Wir stehen nicht auf der anderen Seite um dann mit Agitation und Propaganda die Arbeiterklasse auf unsere Seite zu locken. Noch können wir dem, mit dem langen Marsch durch die blauen Bände, noch durch ein linksradikales praktisches Gehabe entgehen. Auch wir sind den herrschenden Verhältnissen tägliche erneut ausgesetzt und werden immer wieder davon in unseren Tun und Handeln beeinflusst. Auch deshalb gibt es diese Auseinandersetzung hier. Wir könnten dies als ein Ringen darum verstehen, die herrschenden Verhältnisse zu begreifen, um eine revolutionäre Praxis zu ermöglichen. So stehen wir im gewissen Sinn außerhalb der Klasse an sich und können so vorwärtstreibend den Prozess zur Klasse für sich befördern. Als einzelner können uns nicht frei entwickeln. Nur wenn der Stachel der Einsicht uns leiten lasst, dass „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die Entwicklung aller ist“ (K.M. & F.E. Kommunistisches Manifest S. 482), werden wir den herrschenden Verhältnissen nicht erliegen, sondern die Möglichkeit haben sie aufzuheben.

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