Wilhelm Reich: „Was ist Klassenbewusstsein?“

aktueller bezug

auf dem blog der NAO (http://arschhoch.blogsport.de/) gibt es eine debatte darüber, wie politisches bewusstsein vermittelt werden kann (oder muss), und dass die gefahr bei „avantgardekonzepten“ darin besteht, eine neue bürokratische beherrschung der lohnarbeiter in spe vorzubereiten.

genau dies ist auch das grosse thema bei Wilhelm Reich, speziell in „was ist klassenbewusstsein?“

historischer bezug

Wilhelm Reich war Kommunist (marxist) und ein schüler Sigmunds Freuds, also ein psychoanalytiker. allerdings, im gegensatz zu Freud, erkannte Reich schon früh, dass man neurosen nicht allein auf einer individuellen ebene heilen kann, sondern dass das gesellschaftliche umfeld dabei eine menge mitzureden hat.

darum gündete er die sex-pol bewegung, die versuchte, an unmittelbaren tages-bedürfnissen und -problem proletarischer menschen anknüpfend, sie für eine poltische arbeit zu motivieren. vieles davon ist für die heutige situation nicht mehr brauchbar, so stellt sich heute die sexuelle situation jugendlicher in fortgeschrittenen industrienationen ganz anders da als zu zeiten Reichs. der grundsätzliche ansatz aber, politiche arbeit nicht über abstrakte themen (die mit der erfahrung proletarischer menschen meist wenig zu tun haben), sondern über deren konkrete bedürfnisse und nöte zu entwickeln, scheint mir nach wie vor gültig zu sein.

Reich stiess mit dieser arbeit für die sex-pol bewegung auf den widerstand der KPÖ führung (obwohl er durchaus erfolge hatte) und musste schliesslich nach deutschland emigrieren. dort erlebte er, wie KPD und SPD unfähig waren, der drohenden gefahr des faschismus zu begegnen. er erkannte dies nicht nur auf der ebene politischer programme, sondern auch in der unfähigkeit dieser organisationen, die lebensrealität der proletarischen Massen zu erfassen und dementsprechend zu agieren.

er nannte dies den „fetisch der hohen politik“. indem man eben die bürgerlichen politikformen übernimmt, verhindert man, dass ein grosser teil der lohnabhängigen noch politisch partizipieren kann und das befördert wiederrum den prozess der innerorganisatorischen bürokratisierung. das ist der tiefste grund für die niederlage der deutschen arbeiterbewegung und den sieg der faschistischen barbarei.

aber auch in der charakterstruktur der proletarischen Massen ist es angelegt, nicht über genug selbstvertrauen zu verfügen, um daran zu glauben, dass man die gesellschaftlichen verhältnisse auch grundlegend anders gestalten kann.
Reich schreibt, dass es eine anekdote gibt, wonach die demonstranten während der novemberrevolution im tiergarten eifrig darauf bedacht waren, nicht den rasen zu betreten. egal, ob diese geschichte stimmt oder nur gut erfunden ist: sie zeigt ein grundsätzliches dilemma auf: „die verbürgerlichung des trägers der revolution“. (Reich, Kopenhagen 1934, S.18)

(vielleicht ist das auch die quelle für lenins bahnsteigkartenwitz ;) )

was heisst das heute für uns?

ich bin überzeugt davon, dass der aufbau einer revolutionären avantgardepartei notendig ist. aber so eine organisation darf sich nicht nur über papierne resolutionen und programmentwürfe definieren. sie muss auch verstehen, wie die breite Masse „tickt“, dem volk buchstäblich aufs maul schauen.

und die beste avantgarde nützt nichts, wenn es ihr nicht gelingt, sich auch „nach unten“ weiter zu vermitteln.

worum es also geht, ist auf der einen seite, eine proletarische führung zu bilden, aber diese führung muss nicht erst das „klassenbewusstsein“ SCHAFFEN, dieses „klassenbewusstsein“ ist bereits vorhanden, aber in einer form, die es ungeeignet macht für eine systemverändernde strategie.

es muss daher gelingen, an das vorhandene „klassenbewusstsein“ anzuknüpfen und dieses für eine revolutionäre perspektive zu GEWINNEN.

ABER: was zu Reichs zeiten vlt noch ein sinnvoller versuch war — da es noch eine arbeitermassenbewegung gab — hat heute als gesellschaftliches „umfeld“ eine völlig marginalisierte linke, die trotz ihrer isolierung offensichtlich wenig lust hat, aus ihrem ghetto herauszutreten.

ob dies als bedingung für einen neubeginn einer „revolutionären arbeiterbewegung“ genügt — diese frage kann wohl nur die zeit entscheiden…

zuerst erschienen: http://systemcrash.wordpress.com/2011/12/06/wilhelm-reich-was-ist-klassenbewusstsein/

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4 Antworten auf „Wilhelm Reich: „Was ist Klassenbewusstsein?““


  1. 1 Michael Schilwa 07. Dezember 2011 um 14:09 Uhr

    Welcome back Systemcrash.

    Interessanter Ansatz, nur die wenigsten wissen ja, daß Trotzki in seiner Faschismus-Analyse einiges von Reich übernommen hat (was
    die „Massenpsychologie“ des Faschismus angeht).

    Stimme fast völlig überein, nur das mit der „Avantgarde“ hat sich glaube ich endgültig erledigt (siehe auch den entsprechenden Abschnitt im „Na endlich“-Papier.

    Rote Grüsse Schilwa

  2. 2 NAO ade? 07. Dezember 2011 um 14:41 Uhr

    @ systemcrash

    NAO ade!

    ???

    kannst es scheinbar einfach nicht lassen. Trotz Kritik und freudlicher Hinweise mehrerer Debatten Teilnehmer das ganze vielleicht auf einen Eintrag innerhalb zwei Tagen zu beschränken.

    Als die Debatte noch über Trend lief und hier nur Zusammenfassungen aufgelistet wurden hatte das Ganze noch Struktur!
    Könnt ihr die Diskussion eurer Einzelpositionen nicht über interne Emailverteiler laufen lassen und hier nur zusammenfasst eure Ergebnisse präsentieren?

    Dieses Chaos hier ist einfach nur abschreckend und bestätigt nur die Klischees alleswissender Sekten die weltfreie Befreiung wollen und es sich doch eigentlich nur um ihren beschränkten Micokosmos dreht.

    Stellt euch doch mal die Frage wieso von Gruppen und bestehenden Strukturen sowenig Feedback kommt? Eine Struktur mit basisdemokratischen Entscheidungs- und Willensbildung kann sich hier doch gar nicht einbringen wenn tagtäglich zig Belanglosikeiten in den Raum geschmissen werden ohne erstmal eine Position auf vorher aufgeworfene Fragen gefunden zu haben.

    Da wollen Leute eine bundesweite Struktur gründen und schaffen es nicht mal klare Statements ihres eigenen Zirkels abzugeben. Ganz zu schweigen von den kommunistischn Einzelkämpfern wie systemcrash die scheinbar nicht mal fähig sind in einer Kleingruppe zu arbeiten und meinen hier jedem mit seinem Fachwissen penetrieren zu müssen.

    Da drängt sich doch schon die Frage auf wieso solche Leute in keiner Struktur aktiv sind.Meine Meinung ist das sie mit ihrem Ego-Gehabe dazu gar nicht in der Lage sind!

    So, genug ausgekotzt.

  3. 3 DGS / TaP 07. Dezember 2011 um 18:44 Uhr

    Leute, bleibt doch mal alle ein bißchen cool!

    1.

    Wenn Systemcrash hier ein oder zwei Texte zu Reich postet, heißt das nicht, daß die neue Organisation eine reichistische Organisation werden wird.
    Es heißt auch nicht, daß alle Leute die beiden Texte sofort lesen, dazu eine Meinung haben und antworten müssen.
    Es heißt schlicht und ergreifend, daß Systemcrash findet, daß Reich zu einem der anderen hier diskuierten Themen etwas zu sagen hatte. Worin dieser Zusammenhang nach Ansicht von Systemcrash besteht, hatte er erklärt und der Zusammenhang ist auch nicht an den Haaren herbeigezogen: Die Frage nach der Herausbildung revolutionären Klassenbewußtseins war von ‚Bochumer‘ Seite gestellt worden.

    (Nebenbemerkung: Ich kenne mich mit Psychoanalyse nicht so aus; als strukturaleR MarxistIn gehören meine Sympathien aber eher der Reich- [und Marcuse]-Kritik von Foucault und der Lacan-Rezeption von Althusser. Wer/welche sich mit dem Thema beschäftigen will, könnte bspw. da weiterlesen:

    http://widerdienatur.blogsport.de/2010/03/27/sexualitaet-und-kapitalismus-i/,
    http://widerdienatur.blogsport.de/2010/09/06/sexualitaet-und-kapitalismus-ii/
    und
    Juliet Mitchell, Psychoanalyse und Feminismus. Freud, Reich, Laing und die Frauenbewegung, Suhrkamp: Frankfurt a.M., 1976
    sowie
    http://www.marx2mao.com/Other/LPOE70ii.html#s6.)

    2.

    „Als die Debatte noch über Trend lief und hier nur Zusammenfassungen aufgelistet wurden hatte das Ganze noch Struktur!
    Könnt ihr die Diskussion eurer Einzelpositionen nicht über interne Emailverteiler laufen lassen und hier nur zusammenfasst eure Ergebnisse präsentieren?“

    Das war zumindest nicht die Idee, die hinter der Einrichtung des blogs stand. Die Idee war vielmehr,

    • einen Ort speziell für diese Debatte zu haben, sie also nicht erst über trend, scharf-links und individuelle blogs verstreut zusammensuchen zu müssen;
    • anders als bei trend und scharf-links – mittels der blog-/Kommentar-Funkionalität – gerade das unmittelbare und individuelle Erwidern auf Beiträge zu ermöglichen.
    • Es sollten gerade auch Leute erreicht werden, die nicht bereits über irgendwelche e-mail-Verteiler bekannt sind bzw. nicht in einer der bestehenden Organisationen sind – sei es, weil diese in deren Kleinstadt gar nicht vertreten sind oder weil sie von allen existierenden Organisation nicht so richtig begeistert sind.

    Die SIB nimmt auch deshalb als Gruppe nicht zu allen möglichen hier diskutierten Fragen Stellung, weil wir es nicht für sinnvoll halten, intern (sowie zusammen mit SoKo und RSB, die sich bisher am positivisten zu der Initiative geäußert haben), alles mehr oder minder vorzudisktieren und dadurch tendenziell festzuklopfen. Wir denken, daß die Darstellung eines Pluralismus von bisher in der Debatte vertretenen Positionen eher die Offenheit und Bereitschaft signalisiert, mit weiteren Spektren über neue Vorschläge und Gesichtspunkte ins Gespräch zukommen. Die SIB ist kein monolithischer Block, die SoKo als Netzwerk/Personenbündnis ohnehin nicht und der RSB wahrscheinlich auch nicht. Dazu kommt der Bochumer Programm-AutorInnenkreis und ein paar Einzelpersonen (u.a. Systemcrash), die hier öfter oder seltener schreiben.
    Und: Es gibt nun einmal wirklich offene Fragen (Probleme), die erst einmal diskutiert werden müssen – und wo es nicht reicht, bereits existierende Positionen einfach nur abzugleichen und irgendwie kompatibel zu machen.

    Und schließlich: Seit die BochumerInnen und Systemcrash hier schreiben, ist die Zahl der LeserInnen erheblich gestiegen – und das so stark, daß es nicht allein daran liegen kann, daß die unmittelbar Diskussionsbeteiligten alle fünf Minuten nach den neusten Kommentaren gucken.

    3.

    Aber mal abgesehen davon:

    „Da wollen Leute eine bundesweite Struktur gründen und schaffen es nicht mal klare Statements ihres eigenen Zirkels abzugeben.“

    Zu welchen Punkten würdest Du denn gerne vorrangig „klare Statements“ der SIB lesen wollen?

    4.

    „Stellt euch doch mal die Frage wieso von Gruppen und bestehenden Strukturen sowenig Feedback kommt? Eine Struktur mit basisdemokratischen Entscheidungs- und Willensbildung kann sich hier doch gar nicht einbringen wenn tagtäglich zig Belanglosikeiten in den Raum geschmissen werden ohne erstmal eine Position auf vorher aufgeworfene Fragen gefunden zu haben.“

    Das kannst Du nun nicht Systemcrash, der hier seit ein paar Wochen schreibt, in die Schuhe schieben: Das „Na endlich“-Papier gibt es seit März. Systemcrash schreibt hier seit Okt. oder Nov. – Wer/welche von März bis Sept. nicht geantwortet hat, ist jedenfalls nicht von Systemcrashs Kommentaren und Beiträgen abgeschreckt worden.

    Und: Die Diskussionen auf dem blog lassen sich durchaus sinnvoll erschließen. Es gibt die tags, es gibt die Rubriken und es gibt in der rechten Randspalte die beiden Artikel-Liste „_Meist diskutiert“ und „Ein Überblick“. Das ließe sich aber sicherlich noch verbessern, wenn sich mehr GenossInnen an der technischen Administration des blogs beteiligen würden.

    Bleibt trotzdem die Frage: Warum gibt es bisher so wenig Gruppen-Reaktionen?

    - „Lieber der Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach.“ Oder, wie es die SAV-Vertreterin bei der Diskussion in der Werkstatt der Kulturen sagte: „Die SAV hat etwas zu verlieren.“ – Das mag nicht viel sein; aber immerhin sind die eine Organisation mit ein paar hundert Mitgliedern und arbeitsfähigen Strukturen in ein paar Städten. Genauso Avanti. Mit Abstrichen (keine Organisationen, sondern bundesweite Bündnisse) gilt das auch für die Szene-Bündnisse „Um’s Ganze“ und „3A“.
    Logisch, daß die nicht gleich sagen, wir lösen uns auf und machen bei Eurem Projekt mit. Und auch allein schon, sich auf eine Diskussion einzulassen, birgt Risiken: Sie kann zentrifugale Kräfte freisetzen (am Ende will ein Teil der Mitglieder ein neues Projekt; ein anderer Teil nicht, oder es gibt unterschiedliche Kompromißbereitschaft und unterschiedliche Schmerzgrenzen). Es ist also nur vernünftig, daß diese Spektren – hoffentlich – erst einmal intern gründlich diskutieren, bevor sie sich öffentlich exponieren.
    Allerdings wird irgendwann ein Punkt kommen, wo alle aus BeobachterIn-Position herauskommen müssen und ein klares „Ja, ja oder nein, nein“ sagen müssen.

    - Ein anderes Problem ist: Bereits existierende Gruppen haben bereits Arbeitsrhythmen (Aufgaben, die regelmäßig zu erledigen sind); sind in Bewegungszyklen eingebunden. – Selbst das langfristig für Richtigehaltene wird da schnell von kurzfristigen pragmatischen Notwendigkeiten totschlagen… Das ist zwar ein Teil des zu überwindenden Problems, aber Voluntarismus hilft auch da nicht.

    Und schließlich ist auch klar: Wenn sich bereits existierende Gruppen / Kleinorganisation auf die Diskussion einlassen und sagen würden: „Wenn folgende Bedingungen a) …; b) …; c) …; d) … und e) erfüllt sind, klinken wird uns konstruktiv, ernsthaft und einem gewissen Zeitaufwand in ein Prozeß ein. Und außerdem machen wir folgende Vorschläge: a) …; b) …, c) … und d) …“,

    dann wären das die Vorschläge, die die Diskussion strukturieren würden – und nicht Schlagabtausche zwischen Einzelpersonen.

  4. 4 systemcrash 08. Dezember 2011 um 1:20 Uhr

    @NAO ade?

    wie ich bereits dem regelmässigen leser geschrieben habe, wenn dir meine artikel nicht gefallen, brauchst du sie nicht zu lesen.
    solange hier einzelpersonen schreiben, werde ich das auch tun. kommentare werde ich schreiben, wenn ich eine politische notwendigkeit dafür sehe.
    längere artikel oder statements mit grundsätzlicherem charakter werde ich erst in meinem blog veröffentlichen. ob ich sie auch hier veröffentliche, entscheide ich im einzelfall, in abhängigkeit zum hiesigen debattenverlauf.

    zur frage der organisationsangehörigkeit

    ich gebe zu, dass ich mich in politischen vereinen nicht sehr wohl fühle, was auch mit eher negativen erfahrungen in der TLD und der späteren IBT zusammenhängen mag. vlt war ich auch zu jung, um das ganze wirklich in voller reife verarbeiten zu können. aber ich sehe mich als politschen menschen und denke, über genügend erfahrung zu verfügen, um einen beitrag zu den hiesigen debatten leisten zu können.

    dass allein die menge des hier diskutierten stoffs für viele, die berufstätig sind oder für eine familie zu sorgen haben, nicht mehr zu bewältigen ist, ist mir auch klar. trotzdem bitte ich zu bedenken, worum es hier im kern geht: die NEUGRUPPIERUNG DER RADIKALEN LINKEN, d h es handelt sich um leute, die bereits im „links radikalen“ sinne politisiert sind und vlt sogar eine entsprechende praxis hatten oder haben. solchen leuten muss ein gewisser arbeitsaufwand zugemutet werden, denn sollte die NAO wirklich das licht der welt erblicken, wird der arbeitsaufwand nicht kleiner werden …sondern ins gigantische anwachsen.

    alle werden sich auf die NAO stürzen … und sie zerfleischen wollen

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