Für die Selbstorganisation der Klasse

Nachdem DGS in diesem Blog mitgeteilt hat, dass sie das „Konzept des revolutionären Bruchs“ nicht erklären kann und nun stattdessen die Streichung dieses Prinzips in der SIB abstimmen lassen wird, sollte sich die Diskussion im SIB-Blog endlich der BRD-Klassenwirklichkeit widmen, in die die zugründende antikapitalistische Organisation politisch praktisch intervenieren soll/will.

In meinem Referat vom Juni 2011 schrieb ich dazu:

+ Fast täglich finden Warnstreiks und Protestumzüge von Belegschaften für den Erhalt von Arbeitsplätzen, für Lohnerhöhungen und „faire“ Entlohnungsbedingungen statt. Kurzum: Der zum normalen Geschäftbetrieb des Kapitalismus gehörende immanente Kampf um den Preis der Ware Arbeitskraft und ihre Verwertungsbedingungen nimmt infolge der jüngsten Weltwirtschaftskrise augenscheinlich zu. Auffallend zudem noch: Es kämpfen zunehmend häufiger KollegInnen aus neuen Dienstleistungsberufen und dem Handel.
+ Innerhalb der von Lohnarbeit ausgeschlossenen Millionenmassen bildeten sich seit „Hartz IV“ zahllose lokale Zusammenschlüsse von Erwerbslosen und Prekarisierten, die bis hin zu breiten Bündnisaktion auf vielfältige Weise um für ihre Wiederaufnahme ins Lohnarbeitsverhältnis kämpfen, ohne dabei das Lohnsystem selber in Frage zu stellen.
+ In den großen Städten gibt es im Hinblick auf den kapitalistischen Stadtumbau sporadische Ansätze von Gegenwehr. Die Träger dieser Kämpfe sind klassenmäßig heterogen (siehe: Mediaspree, Flughafen Schönefeld, Stuttgart 21). Ein Mietkampf ist kaum wahrnehmbar.
+ Sporadisch kommt es im Bildungs-, Schul- und Hochschulbereich zu Protesten, die sich gegen materielle Verschlechterungen, Leistungsdruck und die Lernorganisation wenden. Auch hier ist eine antikapitalistische Orientierung inhaltlich nicht zu bemerken. Dies gilt auch für den Kampf gegen ökologische Gefahren.

Quelle: http://www.infopartisan.net/trend/trd0611/t290611.html

Und ich folgerte daraus:

Angesichts der Klassenkämpfe in der BRD und angesichts des Zustands aller hiesigen sozialemanzipatorischen Zirkel, Zusammenhänge und Strömungen, ist es nur allzu verständlich, dass es sehr divergierende Ansichten über die Selbstorganisierung des Proletariats gibt. Welcher Weg dabei der richtige, lässt sich m.E. nur bedingt mithilfe der Geschichte beantworten. Denn zuvorderst ergibt sich das heute notwendige Organisationskonzept aus den vorgefundenen Klassenverhältnissen und den Kämpfen, sowie aus den daraus abgeleiteten (programmatischen) Zielen.
Allerdings lassen sich unter den heutigen Klassenverhältnissen kaum schlüssige Argumente für zentralistische Organisationskonzepte finden. Das Kapitalverhältnis ist in den Metropolen so allumfassend, dass es keine Hierarchisierung der Teilkämpfe in Betrieb, Stadtteil, Schule usw. mehr gibt, vor allem dann nicht, wenn der Staat in den Kämpfen als Adressat genommen werden muss.
Insgesamt ist daraus zu folgern, dass nur flache und dezentrale Strukturen für die vorgefundenen Kampfbedingungen angemessen sind. Vor allem auch deshalb, weil die öffentlichen Strukturen der Informationsverarbeitung, -verbreitung und -bevorratung Kommunikation auf gleicher Augenhöhe und in voller inhaltlicher Breite (technisch) möglich machen. Unter solchen Verhältnissen wird es die Hauptaufgabe bei der Gründung eines Zirkels, der das Zirkelwesen selber überwinden will, sein, zeitgenössische Strukturen und Verkehrsformen für eine revolutionär-proletarische Organisation zu entwickeln, anstatt ein weiteres Mal in die Mottenkiste der ArbeiterInnenbewegung zu greifen.
Quelle: ebd.

Dazu möchte ich folgendes ergänzen:

Dem Leninschen Parteikonzept – mit und ohne Fraktionsverbot – ging immer die Prämisse voraus, dass die Klasse für sich nur ein ökonomisches Bewusstsein hervorzubringen vermag, sodass daraus eine organisatorische Trennung zwischen Gewerkschaft und Partei notwendigerweise folgte. Da diese Partei auf das historische Ziel der Zerschlagung der zaristischen Selbstherrschaft ausgerichtet war, um dann in einem zweiten Schritt die notwendigen Voraussetzungen für eine proletarische Revolution zu schaffen, fiel ihr unter diesen Bedingungen tatsächlich eine Avantgarderolle zu.

Heute dagegen ist diese Trennung nicht mehr haltbar, weil die Klassenrealität eine völlig andere ist und folglich die gedanklichen Widerspiegelungen – trotz aller Verzerrungen und Entfremdungen – eine solche Aufspaltung nicht mehr hervorbringen.

Beispiele, dafür das heute der ökonomische Kampf immer bereits schon ein politischer Kampf ist:

1) Leiharbeit – Der Kampf um die gleiche Entlohnung ist gar nicht zuführen ohne gegen die politischen Regelungen anzukämpfen, die diese Form von Ausbeutung verrechtlichen.

2) Mieten – Der Kampf gegen die Mieterhöhungen im Zusammenhang mit dem kapitalistischen Stadtumbau (der übrigens aus den veränderten Produktions- Reproduktionsbedingungen des Einzelkapitals resultiert – Berlin als Dienstleistungs- und Tourismusmetropole) stößt sofort auf den Widerstand der staatlichen Struktur (Verwaltung, Quartiermanagement).

3) Schule, Bildung, Uni …..

4) Verkehr ……

Ich breche hier mal einfach ab, weil das Verhältnisse sind, die ich als bekannt voraussetzen darf.

Wenn wir die politische Selbstorganisation der Klasse – ihr Fürsichsein – unterstützen und vorantreiben wollen, dann müssen wir sehen, welche selbständigen Formen von Organisierung in den Teilkämpfen der Klasse auf welcher inhaltlichen Grundlage dort hervorgebracht werden. Das sind die praktischen Schnittstellen eines Plans für eine „NAO“ – anders wird sie nicht aus dem Knick kommen, den die SIB gerade mit ihren ehernen Prinzipien durchlebt hat.

Und die theoretische Debatte hätte sich an diesen Schnittstellen zu orientieren.

Bezogen auf das „Bochumer Programm“ hieße das konkret:

Hey GenossInnen, warum tretet Ihr nicht für die Vollbeschäftigung ein, sondern fordert nur eine Verlängerung der Arbeitslosengeldzahlung? Oder: Warum kommt die Wohnungsfrage in Euren Programm gar nicht vor? Soll das Bochumer Programm eines sein, dass für die Verbindlichkeit in der gemeinsam Aktion wirbt, Prinzipien enthält es ja wenn – nur andeutungsweise. Und wie steht es mit der Frauen-/Geschlechterfrage?

Okay ich mach jetzt mal Schluss.

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19 Antworten auf „Für die Selbstorganisation der Klasse“


  1. 1 Wal Buchenberg 06. Dezember 2011 um 14:03 Uhr

    Hallo khs,
    Die Idee der „Vollbeschäftigung“ ist eine andere Formulierung für das „Recht auf Arbeit“.

    Warum ich gegen „Vollbeschäftigung“ und gegen „Recht auf Arbeit“ bin, steht kurzgefasst hier: http://www.marx-forum.de/marx-lexikon/lexikon_a/arbeit_recht.html

    Wem das Marxsche Deutsch zu altmodisch ist, noch meine Worte: „Vollbeschäftigung“ oder „Recht auf Arbeit“ sind nichts anderes als verkleidete Formen von staatlich organisierter Zwangsarbeit.

    Gruß Wal

  2. 2 Michael Schilwa 06. Dezember 2011 um 16:11 Uhr

    Lieber Karl-Heinz,

    „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil“.

    DGS hat keineswegs das SIB-Essential „Konzept des revolutionären Bruchs“ zur Disposition gestellt, sondern den Terminus „Konzept“, weil das offenkundig zu Mißverständnissen geführt hat.

    Du und die Bochumer vermengen trotzdem weiter munter zwei unterschiedliche Dinge:

    1. Die Orientierung auf einen revolutionären Bruch mit dem Kapitalismus.
    DAS ist die SIB-Position, die wir nun schon mehrfach zu erläutern versucht haben – in der DGS-Kurzversion „Kapitalisten, Männer und Weiße werden ihre Macht niemals freiwillig abegeben“ und in der jboe-Langversion „Worüber reden wir eigentlich“ vorgestern.

    2. Über ein diesbezügliches „Konzept“, d.h. wie (genau) ein solcher Bruch vonstatten gehen wird (also wie prozesshaft oder abrupt, wie gewaltsam oder friedlich) steht in SIB-Papieren /
    Stellungnahmen überhaupt NICHTS.
    Schon gar nicht hat irgendjemand ein „Bekenntnis“ zu einem wie auch immer verstandenen Leninismus verlangt oder die Oktoberrevolution zur einzig möglichen (Verlaufs)form zukünftiger „Brüche“ erklärt.

    Die Debatte macht mehr Spass, wenn auf tatsächliche und nicht imaginierte Äußerungen eingegangen wird.

    Schöne Grüsse Schilwa

  3. 3 khs 06. Dezember 2011 um 17:12 Uhr

    Lieber Genosse Schillwa,

    Du schreibst: „Die Debatte macht mehr Spass, wenn auf tatsächliche und nicht imaginierte Äußerungen eingegangen wird.“

    Wohl wahr, deshalb meine Frage an Dich.

    Du als Anhänger der Einheitsgewerkschaft hast doch sicherlich eine Vorstellung über das Verhältnis von politischem & ökonomischem Kampf. Trag die doch einfach mal vor und grenze sie ggf. von meiner Auffassung ab, nämlich dass die Trennung zwischen Ökonomischem und politischem Kampf heute überholt ist (inkl. der Trennung im Bewußtsein).

    Und übrigens wie hälst Du es denn mit meiner Aussage, „dass nur flache und dezentrale Strukturen für die vorgefundenen Kampfbedingungen angemessen sind“.

    Bitte keine reine ideengeschichtliche Antwort, sondern eine, die sich von den Klassenverhältnissen im Hier und Jetzt leiten lässt.

    Mit solidarischen Grüßen
    khs

  4. 4 DGS / TaP 06. Dezember 2011 um 19:45 Uhr

    Die ‚Real‘politik der Berlin-Bochumer „Klassenlinken“

    Lieber Karl,

    aus dem Änderungsantrag wird leider nichts werden! – Ich schrieb ja gestern:

    Wenn Ihr Euch jetzt ernsthaft an dem Wort ‚Konzept‘ aufhängen wollt, dann beantrage ich sofort, in dem ‚Na endlich‘-Papier folgende Änderung zu beschließen:
    ‚Für uns gibt es nur 5 unverhandelbare Punkte:
    1. Festhalten an der und Verteidigung der These von der Notwendigkeit eines revolutionären Bruchs‘.“ (Hv. nachträglich hinzugefügt)

    Aber schon die gestrige Antwort von Wat. zeigte und Deine jetzige Antwort (Dein hiesiger blog-Beitrag) zeigt es ebenfalls: Euch geht es nicht nur um das Wort „Konzept“; nicht darum, daß wir noch keinen Aufstandsplan in der Tasche haben. Euch geht es um den revolutionären Bruch als solchen!

    Gestern töntest Du noch:

    „Dass die Herrschenden nicht freiwillig den ‚Löffel abgeben‘, ist doch eine historische Binsenweisheit, die sich durch die Geschichte der Klassenkämpfe wie ein roter Faden zieht.“

    Und heute legst Du einen Text vor, in dem von dieser Einsicht nichts, aber auch gar nichts übrig beibt.

    Als Du im Juni schriebst,

    „Fast täglich finden Warnstreiks und Protestumzüge von Belegschaften für den Erhalt von Arbeitsplätzen, für Lohnerhöhungen und ‚faire‘ Entlohnungsbedingungen statt. [… usw.]“,

    ging ich (auch in meiner Antwort) noch davon aus, daß diese Nüchternheit in der Analyse mit einer Unzufriedenheit in der Bewertung einhergeht. Jetzt verstehe ich, daß Du vorschlägst, wir sollten uns in diesem Zustand einrichten.

    Das scheint mir aber so gar nicht der Vorschlag des „Na endlich“-Papieres zu sein. Das ist einfach ein ganz anderes Projekt.

    Zur Rechtfertigung dieses Einrichtens schreibst Du:

    „Dem Leninschen Parteikonzept – mit und ohne Fraktionsverbot – ging immer die Prämisse voraus, dass die Klasse für sich nur ein ökonomisches Bewusstsein hervorzubringen vermag, sodass daraus eine organisatorische Trennung zwischen Gewerkschaft und Partei notwendigerweise folgte. […]. Heute dagegen ist diese Trennung nicht mehr haltbar, weil die Klassenrealität eine völlig andere ist und folglich die gedanklichen Widerspiegelungen – trotz aller Verzerrungen und Entfremdungen – eine solche Aufspaltung nicht mehr hervorbringen.
    Beispiele, dafür das heute der ökonomische Kampf immer bereits schon ein politischer Kampf ist:
    1) Leiharbeit – Der Kampf um die gleiche Entlohnung ist gar nicht zuführen ohne gegen die politischen Regelungen anzukämpfen, die diese Form von Ausbeutung verrechtlichen.
    2) Mieten – Der Kampf gegen die Mieterhöhungen im Zusammenhang mit dem kapitalistischen Stadtumbau (der übrigens aus den veränderten Produktions- Reproduktionsbedingungen des Einzelkapitals resultiert – Berlin als Dienstleistungs- und Tourismusmetropole) stößt sofort auf den Widerstand der staatlichen Struktur (Verwaltung, Quartiermanagement).
    3) Schule, Bildung, Uni …..
    4) Verkehr ……“ (meine Hv.)

    Lieber Karl,

    ist es wirklich schon sooo lange her, daß Du Was tun? das letzte Mal in der Hand hattest?! – Dabei hatte ich die einschlägige Stelle neulich erst zitiert:

    „Die Geschichte aller Länder zeugt davon, daß die Arbeiterklasse ausschließlich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewußtsein hervorzubringen vermag, d.h. die Überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die Arbeiter notwendigen Gesetze abzutrotzen u.a.m.“
    (http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1902/wastun/kap2a.htm#parta – meine Hv.)

    Sich darauf zu beschränken, bestimmte Formen der kapitalistischen Ausbeutung zu verrechtlichen, der Regierung, der Verwaltung oder auch einem Quartiersmanagement bestimmte Dinge abzutrotzen oder sie an bestimmten Dingen zu hindern – eben das ist in Lenins Sprache Ökononismus / Nur-Gewerkschaftertum / Tradeunionismus!
    Nun magst Du ja vielleicht sagen, Lenin Sprachgebrauch sei mißverständlich (weil er nicht nur Forderungen an die Unternehmen, sondern auch an Regierung und Verwaltung als „gewerkschaftlich“; Forderungen nach gesetzlichen Regelungen als „ökonomisch“ bezeichnet). Aber ein Einwand in der Sache ist dieser terminologische Einwand nicht!

    Kämpfe für eine Verrechtlichung von Leihrbeit und für einen Mietenstopp usw. stellen als solche eben nicht die Machtfrage; artikulieren keine „unversöhnliche Gegensätzlichkeit [d]er Interessen zu dem gesamten gegenwärtigen politischen und sozialen System“ (Lenin, ebd.), sondern sind Kämpfe für Verbesserungen im gegebenen Rahmen.

    Nicht, daß ich oder sonst jemandE aus der SIB dagegen wäre, auch derartige Kämpfe zu führen! Aber: Sie reichen uns nicht! Und sie führen – anders als Robert Schlosser meint – heute genauso wenig wie vor rund 110 Jahren, als Lenin Was tun? schrieb, automatisch – aus ihrer Eigendynamik – zu einer „sozialrevolutionäre[n] Massenbewegung“, geschweige denn zu einem Revolutionsversuch, geschweige denn dazu, daß er auch erfolgreich ist.

    Um dazu zu kommen, bedarf es nicht nur der viel gepriesenen ‚Erfahrung‘ der Bewegungs-Aufs und -Abs, sondern einer Struktur und Kontinuität der theoretischen Auswertung und Verarbeitung dieser Erfahrungen:
    „Nach unserer Auffassung ist es ein wichtiger Vorzug einer Organisation gegenüber spontanen und wechselhaften Zusammenschlüssen, dass die Erfahrungen der politischen Praxis ausgewertet und festgehalten werden können.“ (S. 80)

    Wir (ich denke, ich kann da problemlos auch für die anderen SIB-Mitglieder sprechen) halten es diesbzgl. vollständig mit den Einleitungssätzen aus dem Avanti-Grundsatzpapier von 2004/2007:

    „Unsere Überzeugung war und ist, dass die heutige Gesellschaft revolutionär verändert werden muss und dass die hierfür notwendige gesellschaftliche Gegenmacht nicht allein aus spontanen Bewegungen bestehen kann, sondern die Beteiligung revolutionärer Organisationen braucht. Auch wenn das Ziel einer grundsätzlichen Gesellschaftsveränderung noch in weiter Ferne scheint, ist es unsere Aufgabe, heute mit der Organisierung von RevolutionärInnen zu beginnen, um die Voraussetzungen hierfür zu schaffen.“ (S. 7)

    Dies schließt nicht aus, sondern ein, daß wir sicherlich ebenfalls alle Deinem Satz zustimmen:

    „Wenn wir die politische Selbstorganisation der Klasse […] unterstützen und vorantreiben wollen, dann müssen wir sehen, welche selbständigen Formen von Organisierung in den Teilkämpfen der Klasse auf welcher inhaltlichen Grundlage dort hervorgebracht werden.“

    Aber als RevolutionärInnen beschränken wir uns nicht auf eine derartige Bewegungs-Nachtrab und -Unterstützungspolitik, sondern machen selbständig inhaltliche, strategische und organisatorische Vorschläge. – Wir halten es diesbzgl. nicht nur mit den achso schrecklich ‚leninistischen‘ und ‚unzeitgemäßen‘ Avantis, sondern auch mit dem noch älteren Marx, auf den sich die BochumerInnen ständig meinen, gegen Lenin berufen zu können:

    „Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, daß sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andrerseits dadurch, daß sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten.
    Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.“
    (http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1848/manifest/2-prolkomm.htm)

    Kritisch zu diesem Zitat ist nur anzumerken, daß sich das prognostische „sind“ seit Lenins Tod – was ja nun schon ziemlich lange her ist ;-) – nur noch selten bewahrheitet hat. In der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit der letzten rund 85 Jahre waren die KommunistInnen nicht ‚zu avantgardistisch‘, sondern zuwenig avantgardistisch – oder wenn, wir Barbies Metapher aufgreifen wollen: zuwenig Katalysator revolutionärer Prozesse.

    Tatsächlich banden sich viele von denen, vielleicht die allermeisten, die sich KommunistInnen nannten,

    • gerade an „nationale Kämpfen“, statt die „von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats her[zu]vorheben und zur Geltung [zu] bringen“ [vgl. dort: Kontroverse 8.a)];
    • blieben sie auf gegebenen „Entwicklungsstufen“ (z.B. einem überholten Bild von ArbeitERklasse) stehen, statt „das Interesse der Gesamtbewegung [zu] vertreten“ [vgl. dort: Kontroverse 6.a)];
    • und noch häufiger waren sie der „theoretisch[e] […] Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung“ nicht voraus, sondern verschliefen sie neue theoretische Entwicklungen (vgl. dort) oder versuchten gar, sie abzuwehren.

    Lieber Karl,

    Du schlägst gerade vor, diesen Nachtrab-Kommunismus nun unter dem – Il Manifesto entwundenen – Namen „Klassenlinke“ fortzusetzen. Ich schlage weiterhin vor, die langen ’90er Jahre, als diese Nachtrab-Politik der ParteikommunistInen auch die allermeisten der nicht parteiförmig organisierten RevolutionärInnen erfaßte, zu beenden.

    Gegen die Kommunisten, für den Kommunismus! Für die linksleninstische Postmoderne (vgl. zur gedruckten Veröff.)!

    Vgl. auch meinen Text:
    Warum heute noch KommunistIn sein? Und: Was wir am Kommunismus ändern müssen?.

  5. 5 Mattte 06. Dezember 2011 um 19:57 Uhr

    Lieber KHS,

    ich möchte dich jetzt ungern in eine Ecke drängen, frage mich aber trotzdem: wieso geht euer Konzept nicht innerhalb/mit der heutigen Linkspartei? Wieso braucht es dafür eine NAO?

  6. 6 jboe 06. Dezember 2011 um 20:33 Uhr

    Ich kann hier beim besten Willen kein Konzept erkennen.

  7. 7 khs 06. Dezember 2011 um 21:10 Uhr

    Hallo Mattte,

    wenn Du „euer Konzept“ schreibst, dann muss ich mich zur Klarstellung hier von den „BochumerInnen“ ausdrücklich distanzieren. Ihre Herangehensweise an Programm und Organisation finde ich allerdings aus meiner Sicht angemessener als die SIB-Prinzipienreiterei. An dem „Bochumer Programm“ habe ich sehr wohl Kritik. Allein schon der Titel ist drei Nummern zu groß.

    Genaueres dazu kannst Du im Januar 2012, falls Du Berliner bist, live im Cafe Commune – Trendgespräch 3 mit „Bochumer“ GenossInnen – erfahren. Ansonsten verweise ich auf das Marx-Forum bzw. auf die TREND Onlinezeitung, wo ich demnächst meine Kritikpunkte am Bochumer Programm veröffentlichen werden.

    Was Dein Verweis auf die Mitgliedschaft bei der Linkspartei angeht, bist Du bei mir an der falschen Adresse, da empfehle ich die „Proletarische-Plattform“ zu befragen, die dafür eine seriöse Begründung hat.

    Ich meinerseits gehe davon, dass die Unterscheidung zwischen politischem und ökonomischem Kampf obsolet geworden ist, sondern stattdessen wäre hier zwischen Haupt- und Nebenseite zu unterscheiden. Das betrifft auch zentral die Frage des Klassenbewußtseins.

    Jeder Kampf von Teilen der Klasse führt heute, wenn er inhaltlich konsequent geführt wird, an die Systemfrage heran. Das Problem besteht darin, über diesen Punkt hinauszukommen, also eine Situation zu schaffen, in der die Herrschenden nicht mehr in der Lage sind zu herrschen und die Unterdrückten nicht mehr bereit sind, beherrscht zu werden.

    Dieser historische Umschlagpunkt entsteht, wenn die Verhältnisse dafür reif sind, unabhängig ob Du Dich heute zum rev. Bruch als Prinzip bekennst(*) oder nicht.

    Vielmehr kommt es auf den Weg dorthin an: Schnittstellen der politischen Intervention sind herauszufinden, Vorschläge für den Alltagskampf sind zu machen, die systemtransformierenden Charakter haben …

    Und dazu heißt es, sich mit den fortgeschrittensten Teilen der Klasse zu verbinden und ihre Selbstorganisation zu unterstützen und zu fördern. Dazu braucht es auch eine Organisation. Die (be-)gründet sich aaber nicht aus Prinzipien, sondern entsteht aus den Erfahrungen der Praxis durch die Verbindung mit der Klasse.

    Zu dieser Herangehensweise würde ich auch gerne mal was von Dir hören.

    Mit solidarischen Grüßen
    khs

    *) Bekenntnisse werden üblicherweise in der Kirche abgelegt.

  8. 8 Wal Buchenberg 07. Dezember 2011 um 9:47 Uhr

    Worüber wird da eigentlich diskutiert?
    Meine Meinung steht hier:
    http://marx-forum.de/diskussion/forum_entry.php?id=6179

    Gruß Wal Buchenberg

  9. 9 systemcrash 07. Dezember 2011 um 10:54 Uhr

    „Wer eine Neuauflage der Russischen Revolution anstrebt, der fällt für mich und für die Masse der Besitzlosen als Gesprächspartner aus.“ — herr buchenburg

    tja, hier haben wir die quintessez des workerismus in reinkultur vor sich. weil die mehrheit der lohnabhängigen antikommunistisch sind, muss man ihnen in den ars… ähhh verzeihung … in den hintern kriechen. DG hat das vornehmer nachtrabpolitik genannt.

    wo immer die bochumer politisch landen werden, ich hoffe, es da so finster wie im hintern des proletariats oder um es vornehmer mit Dante zu sagen:

    „die, die ihr eintretet--
    lasst alle hoffnung fahren“ ;)

  10. 10 DGS / TaP 07. Dezember 2011 um 11:28 Uhr

    Also, an dem Satz („Wer eine Neuauflage der Russischen Revolution anstrebt, der fällt für mich … als Gesprächspartner aus.“) würde ich mich nun nicht aufhängen:

    Das ist doch ein Pappkamerad, der da aufgestellt wird, um auf ihn einschlagen zu können und die wirklichen Fragen nicht diskutieren zu müssen.

    ++ Unser Versuch eines rev. Bruchs wird (das hattest Du ja neulich selbst geschrieben) – anders als die Russ. Rev. – hoffentlich nicht nach einem weiteren Weltkrieg stattfinden.

    ++ Wir haben es nicht mehr mit einer Zarenfamilie und einem bürgerlich-feudal gemischten Staatsapparat zu tun.

    ++ Die waffentechnische Situation ist eine ganz andere.

    ++ Es stellen sich andere bündnispolitisch Fragen als 1917.

    Eine „Neuauflage der Russischen Revolution“ ist doch rein imaginär, Bochumer Feindbild-Projektion. -

    Aber das ändert keinen Deut dran, daß ein rev. Bruch notwendig ist, wenn sich etwas grundlegend ändern soll – und auch nicht daran, daß das auch heute gesagt werden muß, wenn es irgendwann mal zu einem solchen Bruch kommen soll.

  11. 11 richard 07. Dezember 2011 um 11:51 Uhr

    @systemcrash:

    Wann hörst du endlich mal auf einen Menschen schlechtes zu Wünschen, nur weil er eine andere Meinung hat?

    wo immer die bochumer politisch landen werden, ich hoffe, es da so finster wie im hintern des proletariats oder um es vornehmer mit Dante zu sagen:

    Mich hast du bereits aus dem Blog vertrieben. Wieviel Mitstreiter willst du noch vertreiben? Du willst überhaupt keinen Bruch, du willst nur dass die Leute Angst haben, vor diesem Bruch.

    Für mich bist du eine Person, die auf einem Stein steht, und auf die anderen herab blickt, und ihnen sagt, wie klein sie aussehen, von deiner Position aus gesehen. Das hat nichts mit orthodox zu tun. Ich kenne nämlich orthodoxe Menschen, die sind liebenswert und nett. Sie helfen wo immer sie können. Alles was du scheinbar nicht zu machen und zeigen bereit bist.

  12. 12 systemcrash 07. Dezember 2011 um 11:52 Uhr

    @DG

    mir gings auch nicht um eine historische bewertung der oktoberrevolution, darüber darf ja gerne gestritten werden.

    mir ging es um die politische „methodik“ des einknickens vor stimmungen, statt aufrechterhaltung eines „wissenschaftlichen“ programms.

    die notwendigkeit eine revolutionären bruchs ist unstrittig, aber es gibt als beispiel eben nur die oktoberrevolution, und die ist durch die SPÄTERE entwicklung des stalinimus desavouiert.
    aber das darf UNS kommunisten nicht daran hindern, an der historischen WAHRHEIT festzuhalten, auch wenn die antikommunistischen stimmungen noch so mächtig sind (oder zu sein scheinen)

  13. 13 systemcrash 07. Dezember 2011 um 11:57 Uhr

    „Mich hast du bereits aus dem Blog vertrieben.“

    du bist doch hier ;)

    „Ich kenne nämlich orthodoxe Menschen, die sind liebenswert und nett“

    also ob ich „liebenswert und nett“ bin, das überlasse ich lieber anderen. ansonsten finde ich die worte von brecht ganz gut:

    „Dabei wissen wir doch:
    Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
    verzerrt die Züge.
    Auch der Zorn über das Unrecht
    Macht die Stimme heiser. Ach, wir
    Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
    Konnten selber nicht freundlich sein.

    Ihr aber, wenn es so weit sein wird
    Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
    Gedenkt unserer
    Mit Nachsicht.“
    -- gedicht an die nachgeborenen

  14. 14 Wat. 07. Dezember 2011 um 12:03 Uhr

    @DGS

    „Eine „Neuauflage der Russischen Revolution“ ist doch rein imaginär, Bochumer Feindbild-Projektion.“

    Du machst es Dir zu einfach!

    Allein schon, wenn Du schreibst: „Es stellen sich andere bündnispolitisch Fragen als 1917″ sehe ich, mich welchem gedanklichen Ansatz Du an eine Revolution heranzugehen meinen zu müssen.

    Für eine Revolution, die die Befreiung der Lohnarbeiter bringen soll – bist Du mit dem Proletariat nicht nur verbunden; bist Du mit ihm eins.
    … oder Du willst für jemanden Revolution machen – dann bist Du auf dem Weg, dass eine Minderheit die „Schlacht“ für eine Mehrheit kämpfen will.
    … dass Du damit niemanden wirklich befreist, steht dann noch einmal auf einem anderen Blatt.

    Oder hat gar ‚Deine‘ Revolution ein ganz anderes Ziel?

    Uns unterscheidet nicht die Frage: Revolution JA/NEIN.
    Uns unterscheidet die Frage: Wer für wen und was.

  15. 15 systemcrash 07. Dezember 2011 um 12:15 Uhr

    „Wer für wen und was“

    du hast das WIE vergessen ;)

    denn der weg ist nicht das ziel (da widerspreche ich jetzt mal dem buddhismus, obwohl ich sonst viel von ihm halte ;) ), weg und ziel sind durchaus auch zwei verschiedene dinge, allerdings müssen die mittel auch den zielen adäquat sein …. und DA gibt es durchaus auch dinge an der oktoberrevolution zu kritisieren.

    ich finde, rosa luxemburg hat da schon gute ansätze zu gemacht („zur russischen revolution“)

  16. 16 Wat. 07. Dezember 2011 um 12:17 Uhr

    „Wer für wen und was“

    du hast das WIE vergessen

    Habe ich nicht, denn das „Wer für wen und was“ gibt das „Wie“ vor.

  17. 17 systemcrash 07. Dezember 2011 um 12:21 Uhr

    „denn das „Wer für wen und was“ gibt das „Wie“ vor.“

    aber nicht automatisch … die bochumer sind anbeter der spontaneität (sicher mit einer gewissen historischen begründung), ich bin ein „leninist“ in der frage der organisationstheorie.

    zwischen beiden positionen gibts kein drittes, keine inhaltliche vermittlung!

  18. 18 DGS / TaP 07. Dezember 2011 um 12:46 Uhr

    @ Wat.:

    „Allein schon, wenn Du schreibst: ‚Es stellen sich andere bündnispolitisch Fragen als 1917′ sehe ich, mich welchem gedanklichen Ansatz Du an eine Revolution heranzugehen meinen zu müssen.
    Für eine Revolution, die die Befreiung der Lohnarbeiter bringen soll – bist Du mit dem Proletariat nicht nur verbunden; bist Du mit ihm eins.“

    Das ist doch auch wieder rein imaginär: Auch 1917 schlossen die Bolschwiki kein Bündnis mit den „Lohnarbeiter[n]“, sondern sie schlugen eine Bündnis von Lohnabhängigen und BäuerInnen vor.
    Daß das heute für die BRD nicht mehr so richtig paßt, dürfte doch wohl auch in ‚Bochum‘ einsichtig sein.

    Heutige Probleme der Bündnispolitik sind Fragen der Einheit der Lohnabhängigen angesichts ihrer realen sexistischen, rassistischen und kulturellen Gespaltenheit.
    Alle drei Themen habt Ihr vollständig umschifft; bei mir kannst Du dazu bereits in meinen ersten beiden Papieren zu dieser Debatte etwas nachlesen:

    http://www.trend.infopartisan.net/trd0611/t030611.html, Abschnitt 7.d) sowie FN [iii] und [1]
    und
    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/05/15/antikapitalistisch-ist-nicht-revolutionaer-genug/.

  19. 19 Mattte 07. Dezember 2011 um 17:37 Uhr

    wenn Du „euer Konzept“ schreibst, dann muss ich mich zur Klarstellung hier von den „BochumerInnen“ ausdrücklich distanzieren.

    Hallo KHS

    Du hast recht, habe das wieder durcheinander geworfen. Ich werde dir nun auf deine beiden Beiträge antworten.

    Genaueres dazu kannst Du im Januar 2012, falls Du Berliner bist, live im Cafe Commune – Trendgespräch 3 mit „Bochumer“ GenossInnen – erfahren.

    Gerne!

    Insgesamt ist daraus zu folgern, dass nur flache und dezentrale Strukturen für die vorgefundenen Kampfbedingungen angemessen sind.

    Ist prinzipiell gesehen sicherlich kein Problem. Allerdings machen es flache und dezentrale Strukturen schwieriger nationale und internationale Kampagnen (mit den lohnabhängigen, nicht für sie) durchzuführen. Auch besteht die Gefahr sich in Bündnissen und Netzwerken zu verlieren, wie es Bewegungslinke schon seit mehreren Jahrzehnten tun.

    […]anstatt ein weiteres Mal in die Mottenkiste der ArbeiterInnenbewegung zu greifen.

    Die Klassiker aber insgesamt zu verwerfen halte ich für gefährlich. Wenn zum Beispiel die Nato mal wieder meint in einem Land die Demokratie hinbomben zu müssen und der Arbeiter glaubt das feiern zu müssen weil er zu viel Tagesschau geschaut hat, schlage ich lieber bei Lenin nach, was er dazu sagt, anstatt die Meinung der Lohnabhängigen nachzuplärren. Auch wird es kaum ein neues Projekt geben, in denen die Mitglieder verboten wird sich aus der „Mottenkiste“ zu bedienen und diese Sachen dann zu diskutieren.

    Vielmehr kommt es auf den Weg dorthin an: Schnittstellen der politischen Intervention sind herauszufinden, Vorschläge für den Alltagskampf sind zu machen, die systemtransformierenden Charakter haben …

    Aber wie will man diese systemransformierenden Vorschläge vermitteln ohne deutlich und wissenschaftlich untermauert das Ziel (Kommunismus) vorzugeben?

    Trotz der Vorbehalte wäre ich prinzipiell mit dabei auch diese Ideen auszuprobieren (was gebe es schon zu verlieren?). Aber ich sehe leider nicht wie man damit die heutige Linke neben der Linkspartei zusammenbringen könnte – es fehlt für diese Ideen ein integrativer Faktor, der Revolutionäre zusammenbringt und nicht nur die nächste 27 Kleingruppe gründet. Das zeigt auch die ablehnende Haltung hier im Blog.

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