ÜBER DEN „REVOLUTIONÄREN BRUCH“ ALS PHRASE

Lukacs schreibt 1922 in seiner Verteidigung Lenins gegen die Kritik von Rosa Luxemburg an dessen Partei- und Revolutionskonzept:

„Es wäre eine völlig undialektische, unhistorische Denkungsweise, die aus der Feststellung, daß der Sozialismus nur als bewußte Umwandlung der ganzen Gesellschaft verwirklicht werden kann, zu der Forderung käme, dies müsse auf einen Schlag und nicht prozeßartig geschehen. Dieser Prozeß ist aber von der Umwandlung der feudalen Gesellschaft in die bürgerliche qualitativ verschieden. Und eben diese qualitative Verschiedenheit drückt sich in der qualitativ verschiedenen Funktion, die dem Staate, der deshalb, wie Engels sagt, „schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr ist“, in der Revolution zukommt; in der qualitativ verschiedenen Beziehung der Politik zur Ökonomie am klarsten aus.“

Soll heute die parlamentarisch-demokratische Republik aufhören ein „Staat im eigentlichen Sinne“ zu sein, damit die kapitalistische Produktionsweise durch bewusste Eingriffe der lohnabhängigen Massen unter dem Primat der Politik in eine sozialistische verwandelt werden kann, dann wären die politischen Formen und Strukturen, in denen sich dies vollziehen wird, nicht aufgrund eines „Blickes zurück nach vorn“ zu bestimmen.

Die neoleninistische Phrase vom „vom revolutionären Bruch“ wird der Problemstellung Revolution als Prozess in keiner Weise gerecht, erfüllt sie nicht einmal die theoretischen Grundvoraussetzungen dessen, was die wesentlichen Voraussetzungen der Leninschen Staats-, Revolutions- und Parteitheorie waren: Nämlich die Analyse der Klassenstrukturen und der damit zusammenhängenden Bündnisfragen, der Rolle des Staates unter diesen Bedingungen, der Verflechtungen des internationalen Kapitals und ihrer Brüchigkeit sowie schlussendlich die Untersuchungen des subjektiven Faktors (damalige Bedeutung und Wirkung von Ökonomismus, Opportunismus und Reformismus).

Wenn wir mit Lukacs darin übereinstimmen, dass die proletarische Revolution, d.h. die Aufhebung des Kapitalismus, ein Prozess ist, der durch die Dialektik von Intervention der Klasse und der Verarbeitung von solchen Erfahrungen geprägt und vorangetrieben wird, dann können wir sehr viel von Lenin lernen, indem wir seine Methode studieren, wie er strategische und politisch-organisatorische Konzepte aus seiner (damaligen) gesellschaftlichen Wirklichkeit ableitete.

Die Phrase vom „vom revolutionären Bruch“ ist dagegen ein Blick zurück auf die erfolgreichen Resultate der Leninschen Politik und der Versuch, diese Resultate in der Form eines Glaubensbekenntnis (Leninismus) auf heute zu übertragen. Die Anwendung der Leninschen Methode erfordert jedoch gerade den Bruch mit dem Leninismus, so wie Lenin seinerzeit den Bruch mit den ehernen Prinzipien der II. Internationale vollzog.

Heute – angesichts des Zustands der revolutionären Linken in der BRD – muss es mehr den je heißen, das Gesicht der Wirklichkeit zuzuwenden, d.h. theoretische Mühen auf sich zu laden, um die derzeitigen klassenpolitischen und kapitalstrukturellen Entwicklungslinien zu verstehen und um dadurch bewusst in sie eingreifen zu können. Über diese Aufgabenstellung gilt es, sich unter den „subjektiven RevolutionärInnen“ zu verständigen. Und nicht nur unter diesen, sondern auch mit den Kräften, die ihre Politik bewusst auf dem Boden des Klassenkampfes stellen, muss die Verständigung gesucht werden. Ich nenne dies (in Anlehnung an Il Manifesto) die „Einheit der Klassenlinken“ herstellen.

Die „Bochumer“ schreiben in ihrem „Programm“, dass sie für eine revolutionäre Reformpolitik eintreten – auch wenn sie es sprachlich so nicht fassen. Sie schreiben nämlich, dass sie nur für solche Reformen kämpfen, die „die Fähigkeit geben, die Bedingungen unseres Lebens und unserer Arbeit zunehmend selbst zu gestalten“.

Ich interpretiere dies so: Erstens, für die „Bochumer“ ist der Kampf um Reformen nicht ein reiner Verteidigungskampf der Ware Arbeitskraft gegen ihre Vernutzung, sondern zweitens vor allem ein Kampf der Klasse – gerade auch unter den Bedingungen der Krise, der die Klasse in die Offensive bringt. Offensive heißt ganz klar, einen revolutionären Prozess einzuleiten, der auf die Frage „Sozialismus oder Barbarei?“ focussiert. Ein Prozess also, in dem sich die Klasse qualifiziert, nicht nur irgendwann die politische Macht zu erobern, sondern sie auch dann in Formen ausüben und transformieren kann, die bereits zuvor – noch unter kapitalistischen Arbeits- und Verwertungsbedingungen – erobert und installiert wurden.

Ein Blick nach Venezuela zeigt, dass eine solche strategische Überlegung nicht irgendeine beliebige Option für klassenpolitische Interventionen darstellt, die sich unsere „Bochumer“ mal so ausgedacht haben, sondern dass dafür bereits relevante klassenpolitische Erfahrungen eines aktuellen revolutionären Prozesses vorliegen. Seit 2006 sind nämlich in Venezuela weit über 30.000 Räte in den Kommunen entstanden, die gleichsam als eine Form der Doppelherrschaft neben den bürgerlich-parlamentarischen Vertretungsstrukturen politische Macht ausüben.

Von daher ist das „Bochumer Programm“ – trotz aller Unzulänglichkeiten (z. B. fehlen substantielle Aussagen zu den patriarchalischen Strukturen und ihrer Aufhebung und es mangelt an einer qualifizierende Bestimmung des BRD-Staates und der Behandlung der ökologischen Frage), viel eher ein Schritt in die richtige Richtung als das noch so ehrliche Bemühen, an einem Prinzip festzuhalten, dessen inhaltliche Substanz heute einem wehenden Vakuum gleichkommt. Denn es gilt nach wie vor: „Es ist die Pflicht eines jeden Revolutionärs, die Revolution zu machen!“ Che Guevara 1967

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • email
  • Tumblr
  • Wikio
  • del.icio.us
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF

6 Antworten auf „ÜBER DEN „REVOLUTIONÄREN BRUCH“ ALS PHRASE“


  1. 1 systemcrash 04. Dezember 2011 um 16:58 Uhr

    „Seit 2006 sind nämlich in Venezuela weit über 30.000 Räte in den Kommunen entstanden, die gleichsam als eine Form der Doppelherrschaft neben den bürgerlich-parlamentarischen Vertretungsstrukturen politische Macht ausüben.“

    also eine „doppelherrschaft“, die seit fünf jahren existiert, ist KEINE …das ist man einfach TEIL des systems.

    die deutschen „betriebsräte“ sind ja auch keine struktur der „doppelmacht“ (auf betriebsebene) ;)

    das einzige, was hier eine „phrase“ ist, ist dein artikel. du bringst nicht EINE konkrete antwort auf deine eigenen fragen.

    Frank Braun von der SOKO hat völlig recht: dozierende wollen nicht teil des formierungsprozesses einer antikapitalistischen linken sein, sondern ihre oberlehrer ;)

    „Sie schreiben nämlich, dass sie nur für solche Reformen kämpfen, die „die Fähigkeit geben, die Bedingungen unseres(!!!) Lebens und unserer(!!!! sic!!!) Arbeit* zunehmend selbst zu gestalten“.“

    SO sieht bei den bochumern eine „revolutionäre reform“ aus!
    was soll man dazu noch sagen ….da ist ja selbst gysi radikaler ;)

    die bochumer können mit dem kaiser sagen: ich kenne keine klassen mehr, nur noch „alle“ und „unsere“ ;)

    -----
    * dass unter kapitalistischen bedingungen lohnarbeit entfremdet ist, sollte man bei marx mal in den ökonomisch-philosophischen manuskripten nachlesen

    „Es kömmt daher zu dem Resultat, daß der Mensch (der Arbeiter) nur mehr in seinen tierischen Funktionen, Essen, Trinken und Zeugen, höchstens noch Wohnung, Schmuck etc., sich als freitätig fühlt und in seinen <515>menschlichen Funktionen nur mehr als Tier. Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische.

    Essen, Trinken und Zeugen etc. sind zwar auch echt menschliche Funktionen. In der Abstraktion aber, die sie von dem übrigen Umkreis menschlicher Tätigkeit trennt und zu letzten und alleinigen Endzwecken macht, sind sie tierisch.

    Wir haben den Akt der Entfremdung der praktischen menschlichen Tätigkeit, die Arbeit, nach zwei Seiten bin betrachtet. 1. Das Verhältnis des Arbeiters zum Produkt der Arbeit als fremden und über ihn mächtigen Gegenstand. Dies Verhältnis ist zugleich das Verhältnis zur sinnlichen Außenwelt, zu den Naturgegenständen als einer fremden, ihm feindlich gegenüberstehenden Welt. 2. Das Verhältnis der Arbeit zum Akt der Produktion innerhalb der Arbeit. Dies Verhältnis ist das Verhältnis des Arbeiters zu seiner eignen Tätigkeit als einer fremden, ihm nicht angehörigen, die Tätigkeit als Leiden, die Kraft als Ohnmacht, die Zeugung als Entmannung, die eigne physische und geistige Energie des Arbeiters, sein persönliches Leben – denn was ist Leben [anderes] als Tätigkeit – als eine wider ihn selbst gewendete, von ihm unabhängige, ihm nicht gehörige Tätigkeit. Die Selbstentfremdung, wie oben die Entfremdung der Sache.“
    http://www.mlwerke.de/me/me40/me40_510.htm

    „Worin besteht nun die Entäußerung der Arbeit? Erstens, daß die Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, d. h. nicht zu seinem Wesen gehört, daß er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen.“
    – Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844

  2. 2 systemcrash 04. Dezember 2011 um 17:46 Uhr

    „Ich interpretiere[!!!!!] dies so: Erstens, für die „Bochumer“ ist der Kampf um Reformen nicht ein reiner Verteidigungskampf der Ware Arbeitskraft gegen ihre Vernutzung, sondern zweitens vor allem ein Kampf der Klasse – gerade auch unter den Bedingungen der Krise, der die Klasse in die Offensive bringt. Offensive heißt ganz klar, einen revolutionären Prozess einzuleiten, der auf die Frage „Sozialismus oder Barbarei?“ focussiert. Ein Prozess also, in dem sich die Klasse qualifiziert, nicht nur irgendwann die politische Macht zu erobern, sondern sie auch dann in Formen ausüben und transformieren kann, die bereits zuvor – noch unter kapitalistischen Arbeits- und Verwertungsbedingungen – erobert und installiert wurden.“

    deine interpretationen in ehren…

    ABER DAS STEHT NIRGENDS IM BOCHUMER PROGRAMM ;)

  3. 3 Michael Schilwa 04. Dezember 2011 um 20:01 Uhr

    Lieber Karl-Heinz,

    manchmal / öfter verstehe ich (ganz ehrlich) einfach nicht, was Du sagen willst.

    Am Anfang zitierst Du Lukacs, um den „Prozesscharakter“ zu bewerben.
    Da kann ich nur sagen, auch Gen. Lukacs war nicht ohne Widersprüche.
    Gerade der „junge“ Lukcs war nämlich ein großer Fan der Bucharin’schen „Offensivtheorie“, die z.B. in der desaströsen „Märzaktion“ der KPD 1921 ganz und gar nicht „prozesshafte“ Folgen zeitigte.
    Am Ende deines Beitrages gegen (jedenfalls phrasenhaften)
    „Revolutionären Bruch“ bringst Du dann ausgerechnet dieses Che-Zitat.
    Der Verweis auf die kommunalen Räte in Venezuela ist ja völlig berechtigt (im Gegensatz zu ‚Systemcrash’sehe ich die mit dir als „Form der Doppelherrschaft“ und nicht als „Teil des Systems“), aber in einem Punkt hat ‚Systemcrash‘ doch Recht:
    Doppelherrschaft for ever gibts nicht, irgendwann entscheidet sich der Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution.

    Was ich vermißt habe war ein inhaltliches Eingehen auf den (wie ich finde) äußerst gelungenen Beitrag von ‚jboe‘ von gestern.

    Schönen Rest-SO Micha Schilwa

  4. 4 Mario Ahner 04. Dezember 2011 um 21:09 Uhr

    Eine gute Stoßrichtung sich an der Methode Lenins zu orientieren, anstatt sich an seinem geschichtlich-kontextuell zu verstehenden Organisations-, und Revolutionsmodell festzubeißen.

    Dass eine antikapitalistische/revolutionäre Organisation einer gewissen inner-organisatorischen Koordination bedarf, soll hierbei keineswegs wegdiskutiert werden. Die Frage ist nur, wie diese möglichst dezentral und basisnah aussehen kann und es dennoch zu verbindlichen Entscheidungen kommt.

    Die moderne Kommunikationstechnologie und der heutige Bildungsstand der Lohnabhängigen bieten hier ganz andere Voraussetzungen als Anno 1905 oder 1917.

    Die Frage bleibt, was ein „Bruch“ heute bedeuten kann, wenn wir darunter eine Überwindung der vorherrschenden Institutionen und Entscheidungs-Strukturen verstehen. Wie mit der staatlichen Zentralmacht verfahren?

    Wie lässt sich eine Eigenlogik des schrittweisen Absterbens abstrakt-allgemeiner Vergesellschaftung via Zentralmacht anstoßen?

    Wenn die Überwindung des Staates nur eine Assoziation der ProduzentInnen und Kommunen bedeuten kann, wie konstituieren diese sich ohne einen neuerlichen abstrakten Allgemeinwillen in Form eines de-facto „Staates“ anzunehmen?

    Das sind die bis dato offenen Fragen.

  5. 5 Frank Braun 04. Dezember 2011 um 23:55 Uhr

    Ja, lieber Mario Ahner, das sind bis dato offene Fragen. Und, ja, davon gibt es außer den genannten bestimmt noch eine ganze Menge weiterer.
    Aber bevor wir darüber ins Gespräch kommen und vor allem zu einer im besten Sinne gemeinsamen revolutionären Praxis, ist es doch töricht, auf genau jene Beharrung grundlegender Veränderung der Verhältnisse als Ausgangspunkt eines Zusammenfindens zu verzichten: ‚Revolutionärer Bruch!’

    khs aber erklärt, da er noch im Titel seines Beitrags ‚Über den „Revolutionären Bruch“ als Phrase‘ eine Klarstellung in Aussicht stellt, was denn das nun tatsächlich – und nicht nur als Phrase – revolutionärer Bruch sein kann:
    „Die Phrase vom „vom revolutionären Bruch“ ist dagegen ein Blick zurück auf die erfolgreichen Resultate der Leninschen Politik und der Versuch, diese Resultate in der Form eines Glaubensbekenntnis (Leninismus) auf heute zu übertragen.“

    Gemeint ist hier wohl erstens die ganz private Interpretation von khs, die AutorInnnen des SIB-Papiers hätten sich auf ‚Leninismus’ als ‚Revolutionsmodell’ geeinigt und fortan dafür geworben. Nichts dergleichen ist dem SIB-Papier zu entnehmen. Die SIB-GenossInnen werben für den Bruch mit den kapitalistischen Produktionsverhältnissen und laden dazu ein, mitzutun und nach einem geeigneten Szenario für dessen Umsetzung überhaupt erst zu sorgen.

    Reicht dieser bescheidene Umstand schon aus, um khs’ Alarmglocken in Bewegung zu setzen damit er sich gleich auf die Seite der, um es milde zu formulieren, eher sehr moderaten Kapitalismuskritiker aus dem Kreis der wackeren AutorInnen des ‚Bochumer Programms’ begibt ?
    Schon wie bei khs’ erster Stellungnahme, als dieser sich beklagte, daß die SIB-Leute an einer ‚proletarisch-revolutionären Avantgarde’ bastelten, ohne daß derartiges in deren Papier zu lesen war, betreibt er hier in Sachen ‚Leninismus’ eine seltsame Spiegelfechterei, bei der sich mir nichts an ernsthaftem Interesse an der Sache erschließen will.

    Zweitens bleibt khs eine Erklärung schuldig, was er denn unter seinem gewaltig tiefsinnig und dialektisch paradox klingenden Hinweis im Anschluß an obigem Zitat verstehen möchte:
    „Die Anwendung der Leninschen Methode erfordert jedoch gerade den Bruch mit dem Leninismus, so wie Lenin seinerzeit den Bruch mit den ehernen Prinzipien der II. Internationale vollzog.“

    Enttäuschend schwach, lieber khs.

    Frank Braun, Köln, SoKo

  1. 1 Die ‚langen’ 90er Jahre beenden! « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! Pingback am 05. Dezember 2011 um 10:48 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.



ORGANISIERUNGSDEBATTE: