SCHLUSS MIT DER PRINZIPIENREITEREI

„Man kann sehr wohl eine Organisation gründen, und sich erst dann mit der Frage eines Grundsatzprogrammes beschäftigen.“ Michael Prütz (SIB) am 13.11.2011 hier im Blog

Die schlimmsten Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten.

Da das „Na endlich –Papier“ statt diskutierbarer programmatischen Positionen fast nur feuilletonistische Beschreibungen von derzeitigen Klassenverhältnissen und Mutmaßungen über den subjektiven Faktor enthält, wurde versucht diesen Mangel mit der Nennung von fünf Prinzipien auszugleichen. Ganz offensichtlich, um nicht mit jeder/m über alles diskutieren zu müssen.

Das positive Element an diesem Papier – nämlich für eine strömungsübergreifende Debatte unter antikapitalistischen Kräften jenseits der Linkspartei zu motivieren, die die Gründung einer neuen antikapitalistischen Organisation befördert – wird spätestens nach dem 13.11. in diesem Block mit einer unerträglichen, hohlen Prinzipienreiterei(*) kaputt gemacht. Von der sprachlichen Form, in der dies geschieht ganz zu schweigen. Es ist einfach nur noch lächerlich zu lesen, was hier so an Blasen(**) abgesondert wird, während inhaltliche Angebote, die sich auf die hiesigen Klassenverhältnisse beziehen, als reformistisch diffamiert werden.

Wer „subjektive Revolutionäre“ zusammenschließen will, sollte zunächst einmal akzeptieren, dass dieses Selbstbild bei jeder/m Einzelnen Bestand hat, anstatt mit einem willkürlichen Griff in die theoretische Mottenkiste eine ideologische Demontage des/der Anderen zu unternehmen.

Das „Na endlich-Papier“ beginnt mit einem „Manifesto-Zitat“ von 1972. Wenn dies nicht nur Zierrat gewesen sein soll, dann lasst Euch – liebe SIB-GenossInnen – auch von den Manifesto-Erfahrungen ein wenig leiten:

„Die Manifesto-Gruppe war nie spontaneistisch; sie war sich vielmehr stets bewußt, daß die Organisation sich nicht aus der Massenbewegung entwickelt, sondern als Beziehung zwischen dieser Bewegung, der bereits erarbeiteten revolutionären Theorie und der bisher angeeigneten geschichtlichen Erfahrung entsteht. Sie war allerdings stets überzeugt, daß der Kontakt zur Klasse, zur Bewegung, wenn auch nicht ausreichend, so doch unbedingt notwendig ist. Die Gültigkeit einer revolutionären Strategie und Organisation läßt sich nämlich mit Sicherheit nur außerhalb von ihr, in der engen Verbindung zu den Massen und ihren Bedürfnissen verifizieren. Deshalb konnte das Manifesto sich keine Organisation geben, ohne von Anfang an über eine bedeutende Massenbasis und über die Instrumente zur Verwirklichung einer bedeutsamen Praxis zu verfügen.
Fehlt es an diesen Elementen, so birgt eine neue Organisation bereits das Risiko der Zersplitterung, des Jakobinertums in sich, das sich in Ihrer ganzen weiteren Entwicklung noch zu verstärken droht. Darüber hinaus wird sie unweigerlich dazu tendieren, nicht die Linie der ganzen Klasse, sondern die der kleinen, in ihr organisierten Gruppe zum Ausdruck zu bringen.
Auch große revolutionäre Parteien – wie die bolschewistische und die chinesische – sind zwar auf einer sehr schmalen Basis entstanden, aber in einer ganz anderen historischen Situation, in der keine traditionsreiche und politisch aktive Massenbewegung wie die Italienische existierte, und nicht in einem Land und in einem Moment, dessen bedeutendstes Merkmal gerade darin besteht, daß die Massen als stark politisierte Protagonisten unmittelbar in den Kampf eingreifen. In diesem Kontext eine Organisation der Minderheit zu schaffen, konnte und kann daher nur bedeuten, die Weichen falsch zu stellen.“

Aus: WARUM UND WIE KONSTITUIEREN WIR UNS ALS ORGANISIERTE POLITISCHE BEWEGUNG DES MANIFESTO – Vorschläge der Versammlung der Delegierten der Manifesto- Zentren in Rimini am 5.11.1971 (der komplette Text erscheint in TREND 12/2011 am 2.12.2011)

Aus dem Org-Bericht für diese Versammlung:

„Bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge ist das Manifesto nach wie vor eine ungleichmäßig verbreitete Bewegung einer Minderheit. Zur Zeit gibt es 86 Zentren des Manifesto; unter Zentren verstehen wir Gruppen, die zwar verschieden groß, aber organisiert sind, die zu einer kontinuierlichen Aktion fähig sind und einen eigenen Sitz haben. Sie erfassen 57 Provinzhauptstädte, d.h. zwei Drittel des ganzen Landes. Außerdem existieren mehr als 10 Manifesto-Gruppen, die noch nicht in der Lage sind, eine systematische oder kontinuierliche Arbeit zu leisten, und die über keinen eigenen Sitz verfügen.“

*) Der so genannte „revolutionäre Bruch“ ist nichts anderes als ein Code für Lenins „Staat und Revolution“. Eine Diskussion über den Leninschen Staatsbegriff und die daraus abzuleitenden programmatischen Überlegungen, wären sicherlich eine lehrreiche und spannende Debatte, wenn dabei der Leninsche Staatsbegriff mit Rolle und Funktion des bürgerlichen Staats in den spätkapitalistischen Metropolen konfrontiert würde. Das Gesicht der Klassenwirklichkeit zuzuwenden, würde auch in der Parteifrage durchaus „zielfördernd“ sein, denn hinter der Phrase von der „Verbindlichkeit“ verbirgt sich ja nicht anderes als der Wunsch nach einer Org-Struktur und Aufgabenstellung, wie sie Lenin in „Was tun“ begründet hat.

**) Als DGS zwischendrin einmal, um gedanklichen Einhalt beim schnellen Posten anmahnte, verhallte diese Bitte recht schnell. Offensichtlich ist ein unmoderierter Blog ungeeignet, eine Debatte zwischen Personen zu befördern, die aus unterschiedlichen Spektren im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander losgehen.

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3 Antworten auf „SCHLUSS MIT DER PRINZIPIENREITEREI“


  1. 1 DGS / TaP 28. November 2011 um 16:51 Uhr

    Lieber Karl,

    es ist Dir ja völlig unbenommen, daß Dir einige Diskussionsbeiträge hier nicht gefallen – vermutlich auch einige der meinigen.

    Aber: Soll ich jetzt als Antwort „Prinzipienreiterei oder vielmehr Prinzipienlosigkeit?“ titeln?! Es ist doch für eine Debatte über inhaltliche Differenzen (und um die geht es doch auch Deines Erachtens wahrscheinlich, oder?) nicht hilfreich, einer Seite „Prinzipienreiterei“ vorzuwerfen statt auf deren Argumente zu antworten.

    Und:
    Ich kann Dich beruhigen:

    Das Deinem Beitrag als Motto vorangestellte Prütz-Zitat ist unstrittig. Aber das heißt nicht, daß vor einer eventuellen Gründung einfach alle Prinzipienfragen offenbleiben können.

    „Wer ’subjektive Revolutionäre‘ zusammenschließen will, sollte zunächst einmal akzeptieren, dass dieses Selbstbild bei jeder/m Einzelnen Bestand hat, …“

    Ja, nur steht im Bochumer Programm nichts von Revolution. Und auf Nachfrage hat bisher einer der AutorInnen bekundet, daß er „natürlich“ für den revolutionären Bruch sei, während sich ein anderer als Reformist bekannte. Daran ist doch schon zu sehen, daß das Anstreben eines revolutionären Bruchs alles andere „natürlich“ ist – nachdem sich nach 1989 sogar ehemalige Linksradikale (im Leninschen Sinne) massenhaft vom „revolutionären Bruch“ und der „Machtfrage“ verabschiedet haben: http://arschhoch.blogsport.de/2011/11/23/1993-rosa-luxemburg-an-die-raf-die-rz-sowie-die-autonome-und-antiimperialistische-bewegung/.

    Und auch mit dem Il Manifesto-Zitat bin ich im Großen und Ganzen einverstanden – nur:

    „konnte das Manifesto sich keine Organisation geben, ohne von Anfang an über eine bedeutende Massenbasis und über die Instrumente zur Verwirklichung einer bedeutsamen Praxis zu verfügen.“

    Ich habe keine Ahnung, ob das im Falle von Il Manifesto aus irgend einem Grund nicht anders sein „konnte“ – jedenfalls sehe ich keinerlei Grund, warum eine revolutionäre Organisation prinzipiell nicht auch ohne vorigen Massenanhang (für die inhaltlichen Leitlinien der späteren Organisation) gegründet werden könnte oder sollte. – Was sich allein unterscheidet, ist, mit welcher Reichweite o.ä. eine solche Organisation auf ihres revolutionäres Ziel hinwirken kann.

    „in einem Land und in einem Moment, dessen bedeutendstes Merkmal gerade darin besteht, daß die Massen als stark politisierte Protagonisten unmittelbar in den Kampf eingreifen“

    Jedenfalls das traf zwar auf das Italien der 60er und 70er Jahre zu, aber es trifft nicht auf die BRD der 1990er und 2000er und 2010er Jahre zu!

    Und:

    „als Beziehung zwischen dieser Bewegung, der bereits erarbeiteten revolutionären Theorie und der bisher angeeigneten geschichtlichen Erfahrung entsteht. […]. Die Gültigkeit einer revolutionären Strategie und Organisation läßt sich nämlich mit Sicherheit nur außerhalb von ihr, in der engen Verbindung zu den Massen und ihren Bedürfnissen verifizieren.“

    Ja, logisch: Eine Organisation und Strategie kann sich nicht selbst rechtfertigen, sondern dafür bedarf es (von diesen unterschiedenen) Argumenten und diese Argumente müssen sich u.a. auf die Massen und deren Bedürfnisse beziehen.
    Aber Massen, Bedürfnisse und auch Erfahrungen sind als solches kein Argument, sondern bedürfen der Analyse mittels Begriffen, um zu einem Argument zu werden. Die Fakten sprechen nämlich nicht.

    „Der so genannte ‚revolutionäre Bruch‘ ist nichts anderes als ein Code für Lenins ‚Staat und Revolution‘.“

    Nee. Der „revolutionäre Bruch“ ist der Begriff, auf den sich AnarchistInnen und KommunistInnen einigen können, aber GradualistInnen nicht.

    „Der so genannte ‚revolutionäre Bruch‘ ist nichts anderes als ein Code für Lenins ‚Staat und Revolution‘. Eine Diskussion über den Leninschen Staatsbegriff und die daraus abzuleitenden programmatischen Überlegungen, wären sicherlich eine lehrreiche und spannende Debatte, wenn dabei der Leninsche Staatsbegriff mit Rolle und Funktion des bürgerlichen Staats in den spätkapitalistischen Metropolen konfrontiert würde.“

    Mal angenommene der von Dir vermutete Zusammenhang würde bestehen, dann wäre das sicherlich eine spannende Diskussion. Und Staat und Revolution lohnt ohnehin eine Diskussion – aber: über Schwierigkeiten eines revolutionären Bruchs angesichts der heutigen „Rolle und Funktion des bürgerlichen Staats“ zu diskutieren, setzt zumindest voraus, die Frage nach dem revolutionären Bruch überhaupt zu stellen, wovon im Bochumer Programm aber nichts steht!

    Und schließlich:
    Im Unterschied zum Bochumer Programm spricht Il Manifesto von „revolutionäre[r] Strategie und Organisation“ sowie „der bereits erarbeiteten revolutionären Theorie und der bisher angeeigneten geschichtlichen Erfahrung“ – würde die BochumerInnen diese Themenstellung teilen, dann wären wir ein ganzes Stück weit.

    Vielleicht bist Du ja in der Lage, das den BochumerInnen in einer den BochumerInnen verständlichen Sprache zu vermitteln – nachdem alle anderen diesbzgl. hiesigen Versuche kläglich gescheitert sind.

  2. 2 systemcrash 28. November 2011 um 19:24 Uhr

    „schluss mit der prinzipienreiterei“. so ein blöder titel. eine revolutionäre propaganda gruppe hat doch gar nichts anderes als ihre prinzipien. zu fordern, damit schluss zu machen, bedeutet im endeffekt, dass revolutionäre programm in der amorphen Masse aufzulösen. es gibt schon genug leute, die das ausgiebig praktizieren … wir sollten uns dem nicht anschliessen, sondern weiter nach dem alten prinzip ;) handeln:

    GEGEN DEN STROM … TROTZ ALLEDEM !

  1. 1 Die ‚langen’ 90er Jahre beenden! « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! Pingback am 05. Dezember 2011 um 11:02 Uhr
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