Ein paar Überlegungen zur „Frauenfrage“

in dem thread „feminismus und antikapitalistische organisierung“ entwickelt Pham mit eloquenten worten, dass es in wirklichkeit gar keine „unterdrückung“ der frauen gibt.
http://arschhoch.blogsport.de/2011/10/06/broschuere-feminismus-und-antikapitalistische-organisierung/

eine antikapitalistsiche organisation sollte sicherlich auch etwas kompetentes zur „frauenfrage“ zu sagen haben, zumal die altbackenen rezepte von „kommunistischer frauenbewegung“ aus claras zetkins zeiten sicher keinen menschen mehr hinterm ofen hervorlocken und mit der heutigen gesellschaftlichen situation auch nichts mehr zu tun haben.

obwohl ich ihm inhaltlich nicht zustimmen kann, hat er mich doch gezwungen, mich etwas eingehender mit der „sache“ zu beschäftigen.
ich hatte schon vorher dafür plädiert, den fokus mehr auf den „kulturellen“ aspekt zu legen und weniger auf den ökonomischen. aber dieser gedanke war in dieser abstraktheit natürlich wenig aussagefähig.

dann erinnerte ich mich, dass ich vor jahren einen sonderband vom ARGUMENT zur ästhetisierung und sexualisierung des weiblichen körpers gelesen hatte ( Frauenformen 2, Sexualisierung, Argument-Verlag 1983, herausgegeben von Frigga Haug). es handelt sich dabei um eine ziemlich umfangreiche darstellung weiblicher sozialisationsformen. (man sollte dabei im hinterkopf behalten, dass der lebensprozess immer auch gleichzeitig ein „vergesellschaftungsprozess“ ist. zweitens ist wichtig, die unterscheidung von „sex“ und „gender“ zu beachten. eine unterscheidung, die leider in der deutschen sprache nicht existiert)

aus diesem buch möchte ich ein zitat bringen, was m e zum kern der problematik führt.

„aber frauen machen auch die erfahrung, dass es eine FÄHIGKEIT ist, sich nach den regeln und anordnungen (aus-)zurichten. diese fähigkeit zu erlangen, ihr zuzustimmen, macht den GENUSS [herv von mir] aus. die selbsttätige aneignung der regeln bestimmt selbstbewusste aktivität, die indienstnahme der anordnung durch das tätige „zur schau stellen“ des eigenen körpers, stellt das „sich zur sklavin machen“ dar [in dem kapitel ging es nicht um SM praktiken ;) , sondern um die diskursive ästhetisierung und mediale darstellung weiblicher „unterordnung“ als gesellschaftliche „norm-alität“]. (…) die beherrschung der regeln, die sicherheit, die sie geben, weil sie erkannt wurden --- z b im spiel um die männer, mit einem mann---, produziert Macht und stärke bei den einzelnen [Frauen]. die subjektiven glücksgefühle und erfolge beim bedienen dieses regelsystems sind also nicht etwas illusionäres, das sich die einzelnen frauen nur einbilden, sondern PRAXIS [herv von mir], wobei zugleich durch die taten die sexuelle anordnung und die in ihr wohnende unterdrückung wiederhergestellt werden.
(…) die frauen lebten beides in einer person, sie waren selbstbewusst und handlungsfähig in fremdbestimmten verhältnissen.“ (S.93/94)

es handelt sich also nicht nur im lebensprozess um die reproduktion von „herrschaftsverhältnissen“, sondern mit dem einfügen in diese ist auch ein gewinn von KOMPETENZ verbunden, die mit anerkennung und lust verbunden ist.

nur wenn einem diese ambivalenz der angelegenheit klar ist, versteht man, welche dimensionen die „frauenemanzipation“ beinhaltet: es handelt sich um nicht weniger als die aufarbeitung und überwindung einer mehrtausendjährigen [kulturellen] zurichtungsgeschichte des weiblichen, um darüber zum wesentlichen zu gelangen, zur entwicklung des eigenen individuellen SELBST, in einer gesellschaft, in der jeder und jede nach seinem/ihrem gusto glücklich werden kann, weil der gegensatz von individuum und gesellschaft immer wieder auf ein minimum reduziert werden muss und kann.

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2 Antworten auf „Ein paar Überlegungen zur „Frauenfrage““


  1. 1 Pham 28. November 2011 um 20:30 Uhr

    Von dem Zitat verstehe ich fast nur Bahnhof. Und das liegt nicht nur am fehlenden Kontext, sondern auch am dünn gesäten Inhalt.

    Bei der Frauenfrage, die eine kommunistische Bewegung sich vorlegen kann, handelt es sich m.E. darum: Wie können Praktiken der Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts überwunden werden? Und damit ist der enge Rahmen des Feminismus schon gesprengt. Es geht um einen allgemeinen Antisexismus. Bevor so eine geschlechtsabhängige Ungleichbehandlung überwunden werden kann, muss sie erst mit wissenschaftlichen Methoden erkannt werden. (Stipulieren kann jeder alles.) An diesen Methoden hapert es gewaltig in den Queer- und Gendertheorien.

    Ich werde versuchen, später noch auf „DGS/TaP“s Kommentar im ursprünglichen Thread zu antworten.

  2. 2 systemcrash 28. November 2011 um 21:45 Uhr

    also auf den begriff“ feminismus“ kann ich ohne probleme verzichten. „allgemeinen antisexismus“ zu postulieren seh ich auch kein problem. was du aber offensichtlich nicht anerkennst, ist die existenz einer „besonderung unterdrückung der frau“. wie man diese nun genau analysieren kann oder muss, da bin ich gern zu jeder debatte bereit…aber anerkennen sollte man sie, als marxist eh, als „antikapitalist“ sicher auch.

    was da zitat betrifft, nun gut, mag sein, dass man das nicht versteht, wenn man nicht den kontext kennt.
    ich würde es so interpretieren: *

    es gibt objektive strukturen des geschlechterarrangements, die fremdbestimmt sind. die individuuen darin müssen diese aber nicht unbedingt als solche erkennen und können durch den erwerb der fähigkeit, in dieser symbolischen ordnung zurechtzukommen, sogar gesellschaftliche anerkennung bekommen. sie fühlen sich also nicht „unterdrückt“, sondern sogar bestätigt.

    (diese form der „verarbeitung“ objektiver gesellschaftlicher strukturen gilt übrigens nicht nur fürs „patriarchat“, sondern auch für klassistische und rassistische verhältnisse)

    ----
    *die verständnisprobleme könnten auch daher rühren, dass Frigga Haug in diesem Buch die Diskursanalyse von Foucault als arbeitsmethode verwendet. zu diesem thema gibt es ebenfalls einen abschnitt, dem man vlt zum einstieg in die thematik benötigt

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