„Antiimperialismus“ und Geschlechterverhältnis

Zwei Zitate zum Thema:

1.

[…]. Eine Schwäche in dieser Phase der Intifada lag jedoch darin, daß die Organisationen der PLO (Fatah, DFLP, PFLP..) in den Volkskomitees nicht eine Politik betrieben, die Beteiligung der Massen auszuweiten und zu stärken, sondern daß sie die Macht der Basis faktisch einschränkten. So wurden die Frauen beispielsweise zurückgedrängt in Bereiche, die sich mit der traditionellen Rolle der palästinensischen Frau gut vertragen. Frauen organisierten nunmehr hauptsächlich den illegalen Schulunterricht und die häusliche Ökonomie; nicht vertreten jedoch waren sie bezeichnenderweise in den entstehenden Popular Annies, den sogenannten Schlagenden Truppen. […].
In dieser Phase sind Entwicklungen durchgesetzt worden, bzw. konnten aufgrund mangelnder Organisierung nicht verhindert werden, die für die Frauen von entscheidender Bedeutung waren: Schon zu Beginn war die klassische gesellschaftliche Arbeitsteilung nicht in Frage gestellt oder angegriffen worden. Zwar haben sich die Frauen in Frauen- und Volkskomitees organisiert und zahlreiche andere Aufgaben übernommen, aber die Arbeit zu Hause, sprich Reproduktions- und Subsistenzarbeit, lastete weiter auf ihren Schultern. Diese Arbeitsteilung setzte sich dann in der oben erwähnten Aufgabenteilung in der Intifada fort. Den Frauenorganisationen ist es nicht gelungen, diesen gesellschaftlichen Zustand theoretisch und praktisch in Frage zu stellen. Dazu gehört auch die Bedeutung der Ehre der Frau in der palästinensischen Gesellschaft und die Funktion von Frauen als Mütter, die möglichst viel ‚Nachschub’ für die Intifada gebären sollen. Die PLO inklusive der PFLP untersagt(e) Abtreibung und Geburtenkontrolle; es sei Pflicht der palästinensischen Frau, Kinder zu gebären. […].
Das Zurückdrängen der Frauen war möglich, weil zum einen die nationalen Organisationen die Befreiung der Frauen weder praktisch, noch theoretisch in ihrem Programm haben, bzw. diese nach ihrer Ideologie erst nach der Revolution durchgesetzt werden kann, und zum anderen, weil sich die Frauen nicht für ihre eigenen Rechte organisiert und keine eigenen Konzepte für ihren Kampf um Befreiung entwickelt hatten. […].
George Habash hat vor internationationalem Publikum behauptet:
„Die Palästinensischen Revolution bedeutet die völlige Befeiung der palästinensischen Frau. Innerhalb der PFLP sistiert kein Unterschied zwischen Mann und Frau.“ May Sayegh warnt jedoch davor, Wandlungen, die die ökonomischen Zwänge hergebracht haben, mit sogenannten Bewußtseinsveränderungen gleichzusetzen. Zitat: „Den drastischen Veränderungen in der wirtschaftlichen und materiellen Basis zum Trotz, blieb daß Tempo der Veränderungen in den vertikalen Strukturen langsam. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Verlinderungen, die stattgefunden haben, nicht die Folge einer sozialen Revolution waren…“
Weiter bleibt die Beteiligung der Frau auf sozialarbeiterische Tätigkeiten und auf das Gebaren der „Generation des Sieges“ beschränkt, die sie im „nationalen Sinne“ zu erziehen hat. Damit ist die Frau nicht handelndes Subjekt, sondern wird zum Objekt männlichen Interesses. Die männliche Politik von oben bestimmt, wann und wie die Frau im Kampf beteiligt wird. Zitat: „In der Führungsspitze der PLO findet man keine Frauen,…“ (Broschüre zu Veranstaltung in HH)
„Die Politik der palästinensischen linken Führer ist davon bestimmt, unter allen Umständen die nationale Einheit zu wahren. Die Konsequenzen sind Kompromisse und die Aufgabe offensiver, revolutionärer Politik. […]. Aufgrund des Zunickweichens der PLO und vor allem der linken Kräfte erstarkten die islamischen Organisationen: Anfang der 80er Jahre tat sich die islamisch-fundamentalistische Bewegung, ‚Moslem-Brüder’ durch Terror gegen Linke und nationalistische Aktivistinnen und Aktivisten hervor. […].
Dieser „Durchmarsch“ der Fundamentalisten konnte nur stattfinden, weil ihrer Kampagne und Ideologie öffentlich nichts entgegengestellt wurde, und weil die Bedeutung dieser Kampagne von den meisten Frauen und Frauenorganisationen nicht erkannt worden war. Die palästinensischen nationalen Organisationen jeglicher Couleur stellten die Frage der Verschleierung und mit ihr die Frage der Frauenbefreiung zugunsten eines Bündnisses mit Hamas zurück und propagierten sie als später noch lösbar. Ende 1988 ist der Schleierzwang in Gaza weitgehend durchgesetzt. Im Frühjahr ’89 geht im Gazastreifen die Autorität der VNF kontinuierlich an die Fundamentalisten über.
Ein/einhalb Jahre lief diese Kampagne, ohne daß von irgendeiner offiziellen Seite etwas dagegen unternommen wurde!
Auch von linken Männern bekamen die Frauen keinerlei Unterstützung, mit der Begründung, interne Konflikte vermeiden zu wollen, und daß das Problem nicht so entscheidend sei. […].
Raghda beschreibt ihre Erfahrungen mit linken Männern: „Wenn ein politisch nicht bewußter Mensch mir erzählt, ich soll den Schleier tragen, macht dies mich nicht so richtig an. Aber wenn dies von linken Männern kommt, ärgert es mich umsomehr, weil ich erwarte, daß sie in der Lage sind, den Hintergrund zu verstehen. Viele PFLP-Männer haben mir erzählt, daß unser Problem für den nationalen Kampf nicht so entscheidend ist. Und ungefähr die Hälfe dieser Männer hat mich aufgefordert, den Schleier zu tragen, um Probleme zu vermeiden. Es ist wichtiger für sie, daß wir unsere Haare bedecken, als wie viel wir arbeiten.“ „Ich habe als Frau Interessen und Bedürfnisse, und ich erwarte, daß dem auch Rechnung getragen wird. Ich habe schon einmal vorgeschlagen, daß alle Frauen, die in Komitees arbeiten, ihre Arbeit als eine Art Proteststreik einstellen, um deutlich zu machen, was alles Frauenarbeit ist. Aber die Frauen waren nicht dafür.“
(Women’s Rights and the Intifada, übersetzt aus Democratic Palestine Nr. 42, Nov/Dez. 1990)
[…].
Aber auch in der Reaktion, sowohl der nationalen Führung als auch des Woman
Higher Councils, zeigten sich die Schwächen und Fehler: Als Schuldige wurden einmütig nur die Zionisten benannt, bzw. ihre Kollaborateure, (palästinensische Männer, die im Dienste der Zionisten stehen). Aber genau so wurde das Problem als außergesellschaftliches dargestellt und eine wirkliche Bearbeitung und Beseitigung verhindert.
[…]. Im April geben Al-Fatah und PFLP ein Communique heraus, das die nationale Einheit betont und Hamas aufforderi, mit der VNF zusammenzuarbeiten. Hamas nutzt die Hofierung und die neue Anerkennung durch die Linken und geht nun erst recht in die Offensive: Im Ramadan 1990, einige Monate später, setzen sie ihre Kampagne gegen das „unmoralische“ Verhalten von Frauen verschärft fort. In Regionen, wo der Hijab durchgesetzt war, verschärften sie die Angriffe auf Frauenrechte, in anderen Gegenden begannen sie mit tätlichen Angriffen auf junge Frauen.

(Quelle: siehe dort)

2.

Ein Beispiel: Vor der Revolution der Nationalen Befreiung von 1979 in Nicaragua war die Frauenorganisation AMPRONAC formell autonom, theoretisierte ihre Autonomie aber nicht als politische Notwendigkeit. Während der Revolution unterstellte sie sich im Glauben an ein geschlechtsneutrales „Allgemeininteresse“ der Führung der Frente Sandinista. Sie organisierte die Massenbasis der Revolution, garantierte Versorgung, Unterschlupf, Meldedienste, Pflege der Verwundeten und ähnliches. Ein Teil der Frauen kämpfte bewaffnet in der geschlechtlich-gemischten Guerilla. Als dann nach der Revolution die Frauen vom Waffendienst in den sandinistischen Streitkräften ausgeschlossen wurden, protestierten Guerillas gegen die Verweigerung des elementaren Rechts, bewaffnet für die Befreiung zu kämpfen.
Der Frente hatte unter dem Deckmantel eines dringlichen und angeblich geschlechtsneutralen „Allgemeininteresses“ die Männermacht stabilisiert. Das weitere ergab sich dann von selbst. Der Frente stoppte die Land- und Betriebsbesetzungen und garantiere das kapitalistische Eigentum an den Produktionsmitteln. Mit der Agrarreform – Kernstück der Revolution – schaffte er eine neue Zwischenklasse von Landeigentümern und Familienoberhäuptern. Ganz folgerichtig gingen 92% der Landtitel der Agrarreform an Männer, 8% an die Frauen. Ebenso folgerichtig konnte das sandinistische Alimentengesetz die Schwängerer nicht zu Versorgungsleistungen an kleine Kinder zwingen, garantierte ihnen aber den Zugriff auf eheliche und uneheliche Kinder im arbeitsfähigen Alter (mehrwertproduzierende Arbeitskräfte!). Ebenso folgerichtig war die Opposition gegen die Lockerung des somozistischen Abtreibungsgesetzes, das dem Schwängerer ein Veto-Recht erteilt, auch in den sandinistischen Reihen enorm.
Die wichtigsten ausbeutbaren Arbeitskräfte der sandinistischen Agrarreform blieben die Frauen: ohne Eigentum an Produktionsmitteln und ausgeschlossen von der Mitgliedschaft aus den Kooperativen. Frauen hatten weiterhin 18 Stunden pro Tag zu arbeiten, Männer neun. Illegale Abtreibung war weiterhin die häufigste Todesursache von Frauen im gebährfähigen Alter. Die frisch bestätigten Familienoberhäupter beanspruchten gegen alle aufklärerische Propaganda ihr Eigentumsrecht, „ihre“ Frauen zu schlagen und zu vergewaltigen.
Wir betonen nochmals: Es geht uns nicht darum, Befreiungsleistungen zu zählen wie Erbsen. Eine Revolution der Nationalen Befreiung ist keine Beseitigung des Kapitalismus und ein Trikontland ist kein reiches Land. Mit dem Beispiel Nicaragua wollen wir deutlich machen, daß die separate Organisierung der Frauen nicht genügt, um die Stabilisierung der Männermacht zu verhindern. Entscheidend ist die feministische Autonomie. Die Mehrfachbelastung der Frauen, die Verfügung über Fruchtbarkeit und Kinder und die Männergewalt anzugreifen hätten bedeutet, das weiterbestehende, kapitalistische Patriarchat im Landesinnern an der Wurzel anzugreifen. Autonomer Feminismus hätte zwangsläufig eine Alternative darstellen müssen zum sandinistischen Projekt der Aussöhnung der Zwischenklassen mit dem privaten oder genossenschaftlichen Eigentum an den Produktionsmitteln und dem kapitalistischen Markt.
Feministische Autonomie beruht auf der Erfahrung und dem Bewußtsein, daß es in einer patriarchalen Gesellschaft nichts geschlechtsneutrales gibt.

(Quelle: siehe dort)

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • email
  • Tumblr
  • Wikio
  • del.icio.us
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF

1 Antwort auf „„Antiimperialismus“ und Geschlechterverhältnis“


  1. 1 richard 20. November 2011 um 22:58 Uhr

    1.
    Okay, Positionen, die ‚den Juden‘ Weltherrschaftspläne unterstellen oder den Tod wünschen, als antisemitisch zu bezeichnen, erscheint auch mir vollständig zutreffend.
    Leute, die selbst nicht zwischen der israelischen Staatspolitik, den unterschiedlichen Haltungen der israelischen StaatsbürgerInnen sowie von Juden und Jüdinnen außerhalb Israels unterscheiden, sondern alles in einen Topf werfen, können sich dann auch nicht darauf berufen, sie seien ja ausschließlich antizionistisch, aber nicht antisemitisch. Deren eigener Sprachgebrauch beweist dann, daß das eine bloße Schutzbehauptung ist.

    Mit derartigen Kräften sollte es m.E. von linker, antiimperialistischer Seite auch keine Bündnis geben.

    Find ich Gut.

    Aber was sagt ihr zur Frage, wie die Mütter ihre Kinder erziehen? Könnt ihr das auch ohne ständig den Mann zu fragen?

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.



ORGANISIERUNGSDEBATTE: