Was will die NAO?

1)die ausgangslage

ich muss vorausschicken, dass ich keiner organisation angehöre und auch nicht der SIB. ich unterstütze aber das anliegen der SIB, der „neugruppierung der radikalen linken“.

in deutschland existieren wahrscheinlich ein paar hundert gruppen, die politisch links von der LINKEN verortet werden können. wie gross die politischen übereinstimmungen oder ähnlichkeiten sind, mag von fall zu fall unterschiedlich sein. aber eins lässt sich mit sicherheit sagen: jede für sich allein wird niemals die chance haben, realen politischen einfluss zu erlangen; ja, sie haben nicht einmal die chance, ein grösseres publikum zu erreichen.

die einzige konsequenz daraus kann nur sein, die ressourcen der einzelnen gruppen zusammenzulegen. natürlich kann das nicht bedeuten, dass alle gruppen mit kommunistischen anspruch oder revolutionären anspruch morgen zusammenkommen und alles gemeinsam erledigen. für diesen prozess muss es natürlich kriterien geben, die ein genügend solides fundament für eine organisation (deren form noch nicht festgelegt ist) darstellen, die aber auf der andereren seite den bestehenden unterschieden auch raum zum ausdruck und zur diskussion lässt.

wir kennen das reiseziel, aber nicht den fahrplan

diese kriterien sehe ich in den fünf essentials der SIB verwirklicht.

die fünf essentials der SIB

„1. Konzept des revolutionären Bruchs
2. Keine Mitverwaltung der kapitalistischen Krise
3. Klassenorientierung
4. Einheitsfront-Methode
5. (Eine gewisse) organisatorische Verbindlichkeit“

http://systemcrash.wordpress.com/2011/11/05/was-muss-ein-revolutionares-programm-heute-enthalten/

diese fünf punkte alleine reichen aber natürlich nicht aus. sie müssen inhaltlich so weit konkretisiert werden, dass alle beteiligten am NAO prozess ein gewisses grundverständnis darüber teilen.

aus meiner sicht besteht dafür die grösste chance im vorgeblich trotzkistischen spektrum.

http://systemcrash.wordpress.com/2011/10/06/die-notwendigkeit-der-revolutionaren-umgruppierung/

langfristig wird dies als basis einer breiteren partei natürlich nicht genügen. aber jede vorstellung einer „kleinen Massenpartei“ innerhalb eines kurzen bis mittelfristigen zeitrahmens muss aus meiner sicht eh eine absage erteilt werden.

2) der vorbereitungsprozess

in der vorbereitungsphase einer zu gründenden „neuen antikapitalistischen organisation“ müssen die wesentlichen fragen heutiger revolutionärer politik festgelegt werden. in so einer gründungserklärung gehören alle punkte, die auf die heutige politische situation der BRD bezogen, für eine linke (klassen-)politik essentiell sind. dies ist dann aber noch kein programm, sondern legt nur die programmatischen eckpunkte fest.

aus meiner sicht müsste folgendes zwingend rein:

a) einschätzung der SPD

b) einschätzung der LINKEn

c) einschätzung des DGB

d) ein forderungskatalog, um in aktuelle kämpfe und in soziale bewegungen zu intervenieren

für diese fragen müssten arbeitsgruppen und/oder vorkonferenzen stattfinden, die papiere erstellen, über die dann verbindlich abgestimmt werden müsste. alle, die sich in diesen fragen auf der basis der fünf SIB essentials einigen, bilden dann den „FORMALEN KERN“ des NAO prozesses. alle anderen sind dann sympathisanten, gäste oder interessierte, die natürlich gerne weiter an den debatten teilnehmen können.

3) die gründungsphase

der „formale kern“ hat dann die aufgabe, neben der arbeit auf der basis der gründungserklärung, einen programmentwurf vorzubereiten, der dann als grundlage einer gründungskonferenz dienen kann. da müssten dann auch schwerwiegendere fragen geklärt werden:

a) einschätzung der „realsozialistischen versuche“

b) charakter der organisation/partei

c) was bedeutet transformation des kapitalismus in eine übergangsgesellschaft von kapitalismus zum sozialismus

d) was ist die strategie eines „übergangsprogramms“

e) notwendigkeit einer internationalen organisierung

f) analyse der klassenstrukturen heutiger industriegesellschaften

g) frauenfrage und rassistische unterdrückung

h) nationale frage

dies ist schon ein recht anspruchsvoller katalog und müsste als minimalkonsens einer antikapitalistischen organisation erst mal genügen. für alle weiteren offenen fragen und differenzen steht natürlich das volle recht auf bildung von plattformen, tendenzen und fraktionen zur verfügung, die diese diskussionen dann allerdings intern (also im formalen kern) austragen können. nach aussen würde man auf der grundlage der SIBessentials, der gründungserklärung und des „programms“ agieren.

welche kräfte an diesem prozess mitwirken können oder werden, ist zum gegenwärtigen zeitpunkt nicht abschätzbar. ich denke aber, das interesse daran dürfte grösser sein als dann die reale teilnehmerzahl. ich würde aber vor allzu euphorischen erwartungen warnen. in der anfangsphase dürfte man höchstens von ein paar hundert genossInnen ausgehen. alles andere wäre unrealistisch. wer glaubt, eine breitere basis durch eine geringere programmatische übereinkunft zu erzielen, wird spätenstens bei der nächsten politischen krise dafür die zeche zahlen.

die NAO wird nur dann erfolg haben können, wenn das programm genügend solide ist für die organisierung der (subjektiven) revolutionäre. es wäre aber auf alle fälle ein fortschritt gegenüber der existenz dutzender miniZKs.

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14 Antworten auf „Was will die NAO?“


  1. 1 systemcrash 20. November 2011 um 12:32 Uhr

    offensichtlich scheinen die bochumer jetzt die (interne) diskussion im marx forum vorziehen. neoprene hatte also recht: die fetzen fliegen eher früher als später ;)

    http://marx-forum.de/diskussion/forum_entry.php?id=6067

    DGS wird aber noch willkommen geheissen … da er aber lenin mit der mutterbrust inhaliert hat, mache ich mir da nicht wirklich sorgen. er wird die fahne des „revolutionären bruchs“ hochhalten ;)

  2. 2 Wat. 20. November 2011 um 13:47 Uhr

    @systemcrash

    Du scheinst einzig eine neue Organisation resp. Partei gründen zu wollen, mir und anderen geht es in erster Linie um die Parteiwerdung der Lohnarbeiter zu einer handelnden Gesamtklasse.

    Dazu ist es von Vorteil, wenn es gelänge, so viel wie möglich auch sehr unterschiedliche antikapitalistische Kräfte zu vereinen. Dazu, nicht als Selbstzweck!

    Und daß es nicht nur ein Selbstzweck ist, muß es doch möglich sein, daß sich all die verschiedenen antikaptialistischen Kräfte auf ein Basis-(Aktions)-Programm einigen können (dürfen).
    … nicht schon vorher ausgekegelt wird, wer mitmachen darf.

    Es geht nicht darum, wer mitmachen darf oder soll – es geht darum, wer auf Grund eines Programms mitmachen kann!

    Insofern habe ich da zu Dir und vielleicht auch @DGS einen völlig anderen Ansatz. Eine Vereinigung von zumeist trotzkistischen Kräften ist mir zu wenig und geht mir mit den jetzigen fünf Essentials der SIB am eigentlichen Thema, die Lohnarbeiterinnen zu erreichen, vorbei.

    Und Du sagst ja selbst, daß das einstweilen so nicht kompatible sein soll!

    Es sei Dir unbenommen zu versuchen, die trotzkistischen Kräfte zu vereinen, aber das ist dann eine neue trotzkistische (vereinigte) Partei, keine Neue Antikapitalistische Organisation.

    Liebe Grüße – Wat.

  3. 3 systemcrash 20. November 2011 um 13:54 Uhr

    hallo Wat

    was du vorschlägst, ist eine institutionalisierte aktionseinheit.
    ein solches konzept lehne ich ab.
    ich will eine partei auf einem klaren programm, was das etikett „revolutionär“ verdient.

    wenn das nicht möglich sein sollte, dann bleibt eben nur das netzwerk der sekten. das ist zwar nicht schön, aber vlt auch ausdruck der spätkapitalistischen wirklichkeit, die uns und allem ihren stempel aufdrückt

  4. 4 systemcrash 20. November 2011 um 13:58 Uhr

    in meinem verständnis kann „antikapitalismus“ nur marxismus bedeuten. der trotzkismus ist eine historische erscheinungsform des marximus, hauptsächlich als reaktion auf den stalinismus. der leninismus ist der bruch mit dem reformismus der II. internationale.

    wenn beide erfahrungen nicht assimiliert werden, ist das NAO projekt alles mögliche, aber nicht „revolutionär“

  5. 5 Wat. 20. November 2011 um 14:02 Uhr

    @systemcrash

    „ein solches konzept lehne ich ab.“

    Das hast Du mehr als einmal deutlich gesagt. Das habe ich wahrgenommen und will Dir deshalb nicht weiter Deine Zeit stehlen.

    Warum sollte ich Dich hindern wollen, daß Du Deinem Ziel nachgehst, mache ich nicht – werde ich niemals tun.
    … ich werde Dich nicht einmal darin behindern versuchen.

    „leninismus ist der bruch mit dem reformismus der II. internationale. „

    Wie sagte ich letztens schon zu Dir: „Irgendwie fängst Du immer mittendrin an.“

    Liebe Grüße – Wat.

  6. 6 systemcrash 20. November 2011 um 14:05 Uhr

    ich stimme dir zu, dass diese dinge leider viel voraussetzen … aber genau deshalb geht es um die „organisation der avantgarde“ (die aber NICHT die bürokraten in spe sein wollen ;) )

  7. 7 Wat. 20. November 2011 um 14:15 Uhr

    @systemcrash

    „genau deshalb geht es um die „organisation der avantgarde“ (die aber NICHT die bürokraten in spe sein wollen)“

    Mit Deinem mir bisher bekannten Ansatz, daß eine handlungsfähige Gesamtklasse der Lohnarbeiter nicht möglich ist, so lange es Klassengesellschaften gibt, werden sie es sein.

    C‘est la vie.

  8. 8 systemcrash 20. November 2011 um 14:17 Uhr

    ich glaube halt an das gute im menschen … vlt bin ich da naiv, romantisch oder idealistisch ;)

    [*muss jetzt zur arbeit*

    bis morgen :) ]

  9. 9 systemcrash 21. November 2011 um 3:01 Uhr

    in der darstellung der burnham/shachtman debatte mit trotzki finden sich bei isaac deutscher folgende bemerkenswerte zitate von trotzki (der verstossene prophet, s. 432)

    zitat
    „und wenn die arbeitenden klassen des westens die Macht ergreifen sollten, sich aber dann unfähig erweisen, sie zu behalten, und sie einer priviligierten bürokratie auslieferten, wie das die russischen arbeiter getan hatten, dann müsste man wirklich anerkennen, das [der stalinismus] nicht in der rückständigkeit des landes und nicht in der imperialistischen umwelt seine wurzeln hätte, sondern in der eingeborenen unfähigkeit des proletariats, eine herrschende klasse zu werden. dann würde es nötig sein, retrospektiv zu konstieren, dass die gegenwärtige udssr der vorläufer eines neuen und universellen systems der ausbeutung war …

    (…)

    es versteht sich von selbst, dass [wenn sich das marxistische programm als undurchführbar erwiese], ein neues minimalprogramm erforderlich sein würde – um die interessen der sklaven des totalitären bürokratischen systems zu verteidigen.“ zitat ende

    bei diesen worten überfällt einem ein innerer schauer und man erkennt die geistige grösse eines revolutionärs wie trotzki, der selbst in der „höllenschwarzen nacht“ seine revolutionäre gesinning trotzig und voller stolz zum ausdruck bringt, ohne vor den konsequenzen seiner eigenen logik furcht zu haben. fürwahr ein löwe, so wie luxemburg ein adler war und lenin ein titan. um solche charaktere hervorzubringen bedarf es mehr als meterweise bücher und zeitungen … es bedarf der absoluten hingabe des eigenen lebens an die befreiung der unterdrückten.

    solchen menschen zu unterstellen, sie wollten „bürokratische herrscher sein“ ist einfach nur-- wie Freud sagen würde-- die projektive wahrnehmung der eigenen philisterhaftigkeit

  10. 10 Wat. 21. November 2011 um 13:30 Uhr

    @systemcrash

    „solchen menschen zu unterstellen, sie wollten „bürokratische herrscher sein“ ist einfach nur-- wie Freud sagen würde-- die projektive wahrnehmung der eigenen philisterhaftigkeit“

    Soll ich ihnen dafür mangelnde Analysefähigkeit vorwerfen^^

    Noch mal:
    Eine Diktatur des Proletariats würde eine handlungsfähige Gesamtklasse bereits voraussetzen.

    Entweder es bestimmen schon alle Proletarier gemeinsam und können eine Diktatur für die anderen sein, oder sie können das noch nicht, weil sie noch nicht zur handlungsfähigen Gesamtklasse geworden sind… dann ist das noch nicht gemeinsam handlungsfähig sein, die Voraussetzung für die Schaffung einer neuen Klasse von Bürokraten und Manager.

    Genau das meine ich, wenn ich immer wieder sage: Du fängst immer erst mittendrin an.

    Jeweils das eine hat das andere als Voraussetzung und als Resultat.

    Du kommst nicht umhin, Dich früher oder später dieser Tatsache zu stellen.

    Es kann kein „Arbeiterstaat“ bürokratisch deformiert werden – wenn Arbeiter gemeinsam planen, produzieren und verbrauchen, gibts da keine Bürokraten, kann es auch nicht geben.

    Bürokraten wird es immer(!) geben, wenn Arbeiter noch nicht gelernt haben, alles selbst gemeinsam zu machen.

    So, nochmal möchte ich Dir das nicht zu erklären versuchen müssen.
    Ich habe mein bestes getan.

    Liebe Grüße – Wat.

  11. 11 systemcrash 21. November 2011 um 13:38 Uhr

    da es in der geschichte keine garantien und versicherungen gibt, muss man das risiko wohl eingehen … oder man überlässt der bourgeoisie das feld. (die übrigens auch keine handlungsfähige gesamtklasse ist. allerdings funktioniert der kapitalismus hinter dem rücken der beteiligten unbewusst, der sozialismus braucht qualitativ gesteigertes (oder vertieftes) bewusstsein im MASSENMASSSTAB (aber auch da werden es nicht ALLE sein [können]) ;)

  12. 12 systemcrash 21. November 2011 um 13:39 Uhr

    wer selbst solche basalen binsenweisheiten nicht begreift, der sollte lieber keine linke politik betreiben wollen. er oder sie können nur schaden anrichten

  13. 13 Wat. 21. November 2011 um 13:40 Uhr

    Eben, Begreifen ist immer gut.

  14. 14 systemcrash 21. November 2011 um 13:41 Uhr

    D E M kann ich nicht widersprechen ;)

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