Eine weitere Antwort an Systemcrash

Im blog Systemcrash wurde unter der Überschrift „Linke Sammlung oder marxistischer Parteikern?“ ein weiterer Beitrag zu unserer Debatte gepostet. Hier meine Antwort:

Hallo Systemcrash,

1. Du bist hier ja eh schon angemeldet. Ich fände gut, wenn Du nicht nur Deine Kommentare, sondern auch Deine eigenständige Texte hier posten würdest. Da die Debatte eh schon auf vier Orte verteilt ist (trend, scharf-links, Marx-Forum und hier), würde dies erleichtern, den Überblick über neue Diskussionsbeiträge zu behalten.

2. Du schreibst:

„der gen. DGS (dem an dieser stelle mal ein DANK ausgesprochen gehört ) hat 20 kontroversen thematisiert und zur diskussion gestellt.
http://arschhoch.blogsport.de/2011/11/13/20-kontroversen/
im grunde ist damit schon ein recht weites themenspektrum angerissen, was zwar auf der einen seite sicher eine politische notwendigkeit darstellt, auf der anderen seite aber fast schon eine überforderung darstellt, angesichts der realen kräfte, die im moment an diesem projekt mitwirken.“

Ja, das ist zu befürchten. Ich würde vorschlagen, dass wir vielleicht erst einmal nur die strittigen Punkte und die dazu vertretenen Positionen sammeln, aber noch nicht in tiefgehende Diskussionen eintreten, sondern dann so vorgehen, wie von Dir vorgeschlagen:

„von daher scheint es mir das oberste gebot zu sein, eine strenge konzentration auf eine (noch zu erstellende) priorität der wichtigkeiten einzuhalten.“

Das heißt: Wir müßten dann eine nicht allzu lange Liste von vorrangig zu diskutierenden Themen vereinbaren.

3. Du schreibst:

„ein gegensatz zwischen den anhängern des ‚bochumer programms‘
http://www.marx-forum.de/sozialismus/Bochum.pdf
und den vertretern des konzepts einer ‚revolutionären partei‘, den man klar als gegensatz von sozialreform vs revolution sehen kann. (vergl die debatte: http://arschhoch.blogsport.de/2011/11/13/handlungsfaehigkeit-herstellen/).
meines erachtens sind da die gegensätze so gross, dass eine inhaltliche vermittlung innerhalb des NAO prozesses nicht möglich ist.“

Ja, das befürchte ich auch. Ich würde mich jedenfalls an keiner Organisationsgründung auf der Grundlage des Bochumer Textes beteiligen – und sei er auch etwas erweitert und modifiziert. Das ist m.E. – abgesehen von den inhaltlichen Differenzen, die sich abzeichnen – schon von seiner Form her weder ein Programm noch auch nur als Gründungserklärung einer Organisation geeignet (ich bin mir auch nicht sicher, ob er so gemeint ist). Was da vorliegt ist m.E. ein Katalog von Forderungen, von denen einige – wohl die Mehrheit – in ein programmatisches Dokument aufgenommen werden können, aber selbst kein Programm.
Ich würde allerdings die genannte Differenz auf der Form- und Inhaltsebene nicht mit der Differenz zwischen „revolutionäre[r] partei“ und anderen Organisierungsform-Präferenzen gleichsetzen. Denn ich würde jedenfalls meinerseits – trotz Bedenken gegen den Bochumer Text – den „Partei“-Begriff nicht (jedenfalls nicht kurzfristig) in den Vordergrund rücken.
Solange nicht klargelegt wird, was denn eine solche „Partei“ von anderen politischen Organisationsformen unterscheiden soll, würde der „Partei“-Begriff wohl eher zu Mißverständnissen als größerer Klarheit führen.

3. Weiter schreibst Du:

„im moment schält sich da wohl am ehesten eine netzwerkstruktur heraus, die den bestehenden inhaltlichen differenzen am weitesten gerecht werden kann. langfristig kann es im NAO projekt aber nur um die bildung der ‚revolutionären partei’ gehen (oder zumindest des kerns davon). ich glaube, in dem punkt bin ich mit DGS einig.“

Ja, das mit Netzwerk dürfte realistisch sein.

Zwar fände ich abstrakt weiterhin gut, wenn es uns gelingen würde, bis Ende des nächsten Jahres eine Organisation (zwar noch nicht mit einem Programm, aber einer brauchbaren Gründungserklärung) zu gründen.
Aber realistisch betrachtet dürfte ein solcher zeitlicher Parforceritt darauf hinauslaufen, daß inhaltliche Positionen mit knappen und eher zufällig (d.h.: ohne gründlicher Prüfung von Argumenten und Gegenargumenten) zustande gekommenen – Mehrheiten durchgestimmt werden. Das wäre m.E. keine verläßliche Grundlage für eine revolutionäre Organisation.
Ein statt dessen zunächst einmal zu gründendes Netzwerk, sollte aber meiner Überzeugung nach nicht einfach irgendein Netzwerk sein, sondern Arbeits- und Diskussionsstrukturen haben, die auf die Organisationsgründung hinarbeiten.
Es sollte aber gleichfalls Einigkeit bestehen, daß eine Organisation nur dann an die Stelle des Netzwerkes tritt, wenn darüber Einigkeit im Netzwerk besteht. Anderenfalls müßte eine Organisationsgründung – bei Fortsetzung einer konstruktiven Mitarbeit in dem Netzwerk – neben dem Netzwerk erfolgen.
Auch die GenossInnen aus dem Netzwerk, die einen Schritt zur Organisationsgründung nicht mitgehen, wären vermutlich dennoch die ersten und nächsten BündnispartnerInnen einer etwaigen neuen Organisation.

4. Zur Vermittlung von (revolutionärer) Theorie / eines (revolutionären) Programms und Massenaktivität schreibst Du:

„sowohl die bochumer als auch der gen. Prütz scheinen eine minimal-maximal trennung ihrer programmatischen forderungen für notwendig zu erachten. bei den bochumern handelt es sich um lupenreinen reformismus. der gen. Prütz unterscheidet zwischen einem ‚grundsatzprogramm’ und einem ‚aktionsprogramm’. was will er uns damit sagen? dass alle arbeiter gern einen sechs stunden tag beim vollem lohnausgleich haben möchten, aber den kommunismus für die ausgeburt des teufels halten? und deshalb müssten die kommunisten ganz besonders dolle den sechs stunden tag fordern, damit die arbeiter sehen, dass die kommunisten doch nicht so teuflisch sind?“

@ Bochum: Von „lupenreine[m] reformismus“ würde ich diesbzgl. im Moment nicht sprechen, aber die Gefahr eines Abrutschens in Richtung (nicht nur Gradualismus, sondern) Reformismus ist ziemlich groß.

@ Micha P.: Ich vermute, so wie von Dir karikiert, sieht er das schon nicht. Ich würde jedenfalls meinerseits sagen: In einem Flugi einer revolutionären Organisation für den 6 Stunden-Tag müßte immer auch erläutern sein, wie sich eine derartige Forderung in den revolutionären Kampf für die schließliche Überwindung des Lohnarbeits-Kapital-Verhältnisses und der Warenproduktion überhaupt sowie des Patriarchats einordnet. Um ausschließlich zu begründen, warum ein 6 Stunden-Erwerbsarbeits-Tag gut wäre, bräuchte es keiner revolutionären Organisation. – Das könnten auch linksreformistische GewerkschafterInnen, Linksparteimitglieder; Krisen-Bündnis-AktivistInnen usw. begründen.

5. Schließlich schreibst Du:

„umso wichtiger ist es, dass in der NAO jetzt die weichen für die erarbeitung eines MARXISTISCHEN programms gestellt werden. (vergleich: http://systemcrash.wordpress.com/2011/11/05/was-muss-ein-revolutionares-programm-heute-enthalten/) nach dieser aufgabenstellung müsste sich dann auch eine zu erstellende prioriotätenliste orientieren.“

Mir wäre „marxistisch“ gleichzeitig zu eng und zu weit:
- Zu weit, da „Marxismus“ kaum als Begriff für eine präzise theoretische Formation, der gegenüber alle anderen Marxismus-Lesarten einfach nur ‚Mißverständnisse’ und ‚Verfälschungen’ wären, angesehen werden kann. Deutlicher wäre m.E. „marxistisch-kommunistisch“; dann wäre klargestellt, daß es nicht um sozialdemokratisch-ethische und linkssozialistisch-gradualistische Marx-Lesarten geht.
- Zu eng, da der Marxismus zwar die bisher beste wissenschaftliche Analyse und politische Veränderungs-Strategie ist, was die Klassenverhältnisse anbelangt, aber zu Patriarchat und Rassismus wenig Brauchbares zu sagen hat.
Auch sehe ich beim gegenwärtigen Diskussionsstand keinen Grund, die Tür für nicht-organisierungsfeindliche AnarchistInnen, LinkskommunistInnen, autonom/antiimperialistische Szene-GenossInnen, die sich allesamt vielleicht nicht unter „marxistisch“ oder jedenfalls nicht umstandslos unter „marxistisch“ subsumieren lassen würden, zuzumachen – solange, sie denn revolutionäre und nicht gradualistische Positionen vertreten.

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5 Antworten auf „Eine weitere Antwort an Systemcrash“


  1. 1 systemcrash 16. November 2011 um 14:12 Uhr

    du kannst gerne meine artikel, die ich in meinem blog veröffentliche, auch hier spiegeln. ich hab da kein problem mit ;)

    bloss, ich wollte die entscheidung darüber EUCH überlassen, da ich als einzelperson keine organisation repräsentiere und auch (noch) nicht „formal“ (allerdings gibts auch noch keine NAO STRUKTUREN !)zur NAO (als organisation/org-vorbereitung) dazugehöre.

    ich unterstütze das anliegen der SIB der „neugruppierung der radikalen linken“, verstehe mich aber selbst politisch als „revolutionärer marxist/heterodoxer trotzkist“, der noch keine politische heimat gefunden hat.

    dass der begriff „marxismus“ interpretative schwierigkeiten macht, sehe ich ein. „marxismus/kommunismus“ find ich nicht so glücklich, dann würde ich die kombination „revolutionärer marxismus“ vorziehen. das ist zwar auch eine tautologie, stellt aber eine gute abgrenzung dar und ist eine übliche bezeichnung von gruppen, die sich in der trotzkistischen tradition wähnen

  2. 2 systemcrash 16. November 2011 um 14:22 Uhr

    inwieweit anarchistische, autonome, antiimps und linkskommunistische kräfte in den NAO prozess integrierbar sind, kann ich nicht einschätzen. ich persönlich sehe das eher skeptisch und würde das auch nicht als priorität auffassen. allerdings da die türen offen zu halten (wenn man möglichkeiten sieht) kann sicher nicht falsch sein

  3. 3 systemcrash 16. November 2011 um 14:33 Uhr

    deinen ausführungen über die vermittlung von „tagesforderungen“ mit den strategischen zielen stimme ich ausdrücklich zu :)

  4. 4 systemcrash 16. November 2011 um 14:46 Uhr

    auf den parteibegriff würde ich auch nicht unbedingt bestehen, solange klar ist, dass die organisationsform dazu dient, als transmissionsriemen eines revolutionären programm zu wirken.

    was dieses „revolutionäre programm“ dann im endeffekt wirklich beinhalten muss …dies sollte jetzt der inhalt der vorbereitungsphase sein. dann wird man auch abschätzen können, ob tatsächlich genügend substanz für eine organisationsgründung vorhanden ist, oder ob man noch weiter in einem netzwerk bleibt. wobei ich deinen vorschlag, auch eine parallele arbeitsweise anzustreben, sehr gut finde

  5. 5 systemcrash 16. November 2011 um 15:05 Uhr

    das verhältnis von klasse, patriarchat und rassismus scheint mir selbst gegenstand der frage zu sein, was ein revolutionäres programm beinhalten soll. wenn der marxismusbegriff nicht ausreichen sollte, alle fragen einer emanzipativen strategie zu beantworten, wäre es purer dogmatismus, darauf zu bestehen. solange klar ist, dass es uns immer um eine revolutionäre veränderung der bestehenden verhältnisse geht, mit dem ziel, dass die befreiung des einzelnen die bedingung für die befreiung aller ist.
    die vergangenheit kann uns viel über die gegenwart lehren --
    die zukunft müsssen WIR selbst erkämpfen

    wir ehren die ahnen am meisten, wenn wir sie revolutionär weiterentwickeln

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