K 8.c): Reizwörter – Diktatur des Proletariats

Hier wird die unter dem Titel „Kontroversen“ – aufgrund einer Anregung von Wal Buchenberg begonnene – Kategorie von Beiträgen fortgesetzt. Zu Themen, zu denen sich bisher unterschiedliche Positionen abzeichneten, werden diese Positionen kurz dargestellt. In den Kommentaren kann diese Diskussion dann vertieft werden. Es steht aber auch weiterhin allen frei, umfassende analytische, programmatische und/oder strategische Diskussionspapiere – als eigenständige blog-Beiträge – zu unserer Debatte beizusteuern.

Kontroverse 8.c) Reizwörter – Diktatur des Proletariats

Zur Frage der Diktatur des Proletariats zitiert der Text der „Na endlich“-Text zunächst die Avanti-Grundsatzerklärung:

„Theoretisch und praktisch unbrauchbar geworden ist nach unserer Auffassung die Formel von der ‚Diktatur des Proletariats’.“ (S. 63),

und hält dem dann entgegen:

„Praktisch ja, theoretisch nein. Denn jeder Staat ist eine Form der Klassenherrschaft […], aber natürlich ist der Begriff missverständlich und weckt unschöne Assoziationen. Da wir mit dem Begriff ‚Rätedemokratie’ eine wunderbare Alternative haben, sollten wir die ‚Diktatur des Proletariats’ aus unserer täglichen Agitation und Propaganda streichen, aber trotzdem genug Arsch in der Hose und theoretische Kenntnisse haben, um sie gegen Attacken von rechts inhaltlich zu verteidigen.“

Ich hatte dazu meinerseits angemerkt, daß ich mit dieser Sprachregelung leben könne. Denn ich würde ja [vgl. Kontroverse K 6.d)]

„sogar vorschlagen zu prüfen, ob die Frage eines – an seinem eigenen Absterben arbeitenden – postrevolutionären Übergangsstaates vielleicht im Interesse der Einbeziehung von klassenkämpferischen AnarchistInnen sogar ganz offengelassen werden sollte. Das zur Position der eventuell zu gründenden Organisation. –
Für meinen eigenen Sprachgebrauch bin ich mir nicht sicher, ob der ‚böse’ Ausdruck „Diktatur des Proletariats“ wirklich hinter den Wörtern ‚Klassenherrschaft‘ und ‚Rätedemokratie‘ versteckt werden sollte. Der Ausdruck ‚Klassenherrschaft‘ legt das Mißverständnis nahe, daß es sich um rein gesellschaftliche (außer-staatliche) Herrschaft handele.
Ich sehe das Problem daher weniger beim Ausdrucks-Bestandteil ‚Diktatur.1 Ich sehe es vielmehr zum einen darin, daß sich vom „Proletariat“ gemeinhin ein Bild gemacht wird, daß mit der heutigen Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse – trotz neoliberaler Verarmungsstrategien – wenig zu tun hat. Und zum anderen sehe ich das Problem darin, daß der Ausdruck einseitig auf die Klassenverhältnisse fokussiert. Ganz genauso, wie es einer transitorischen sozialistischen Staatsmacht zur Niederhaltung der ehemaligen ProduktionsmittelbesitzerInnen bedarf, bedarf es aber einer feministischen und antirassistischen Staatsmacht, die den Machttransfer von Männern und Weißen zu FrauenLesben und Schwarzen schützt und begünstigt.“2

  1. Daß dieser Begriff hier nicht im staatsrechtlichen, sondern im staats- und gesellschaftsanalytischen Sinne zu verstehen ist, läßt sich relativ einfach klarstellen. Es ist darzulegen, daß eine parlamentarische Republik ebenso eine Form der „Diktatur der Bourgeoisie“ ist wie eine Militärdiktatur und daß sich folglich eine „Diktatur des Proletariats“ – abgesehen von Notstandssituationen – nicht in erster Linie hinsichtlich der juristischen Formen, in denen sie ausgeübt wird (Meinungspluralismus, freie und geheime Wahlen), von einer parlamentarischen Republik unterscheidet bzw. sich hinsichtlich dieser juristischen Formen gerade durch einen stärker direkt-demokratischen Charakter auszeichnet. Der entscheidende Unterschied liegt vielmehr darin, daß die Herrschaft der Minderheit der ProduktionsmittelbesitzerInnen ersetzt wird durch Niederhaltung dieser Minderheit durch die Mehrheit bis zum Absterben der Klassen und des Staates. [zurück]
  2. Vgl. Monique Wittig: „Thus it is our historical task, and only ours, to define what we call oppression in materialist terms, to make it evident that women are a class, which is to say that the category ‘woman’ as well as the category ‘man’ are political and economic categories not eternal ones. Our fight aims to suppress men as a class, not through a genocidal, but a political struggle. Once the class ‘men’ disappears, ‘women’ as a class will disappear as well, for there are no slaves without masters.“ – wobei ich meinerseits nicht die Geschlechter nicht als „Klassen“ bezeichnen würde, aber ansonsten diese Analogie teile. Zu betonen ist, daß diesen Sätzen – wie sich aus „political and economic categories“ ergibt – eine nicht-biologistische Geschlechterdefinition zugrunde liegt: ‚Mann’ und ‚Frau sein’, heißt nicht, eine je bestimmte Anatomie zu haben, sondern eine bestimmte Position in der gesellschaftlichen Struktur einzunehmen. Vgl. zu Wahrheit und Grenzen der Wahrheit dieser Biologismus-Kritik:
    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/08/26/gibt-es-ausschliesslich-zwei-geschlechter/ und S. 81 f. und S. 355, FN 189. [zurück]
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5 Antworten auf „K 8.c): Reizwörter – Diktatur des Proletariats“


  1. 1 systemcrash 14. November 2011 um 12:53 Uhr

    in diesem zusammenhang müsste erst mal geklärt werden, was überhaupt ein „proletarischer staat“ sein soll. historisch gibt es zwei beispiele: die pariser commune und die russische oktoberrevolution. (das problem der ausweitung der sowjetischen einflusszone auf osteuropa nach dem zweiten weltkrieg soll hier erst mal weggelassen werden. zusätzlich müssten noch china und kuba thematisiert werden)

    ich bin leider historisch nicht sehr bewandert. aber so weit mir bekannt, vollzog die commune keinerlei massnahmen, die man als „sozialistisch“ bezeichnen könnte. trotzdem sprach marx von der endlich gefundenen form der herrschaft der arbeiter. entscheident war dann wohl als kriterium die faktische ANEIGNUNG der staatsgewalt.

    die russische revolution vollzog sozialistische massnahmen (enteignung, verstaatlichung der produktion), aber gab es eine faktische aneignung der staatsgewalt durch das proletariat und gab es eine VERFÜGUNGSMACHT über die produktionsmittel durch das demokratisch organisierte proletariat? da bin ich mir schon nicht mehr so sicher. mal davon abgesehen, dass das russische proletariat 1917 etwa 5% der gesellschaft ausmachte, aber die wirkliche „klassenmacht“ lag in der bolschwistischen PARTEI und nicht in der KLASSE.
    rosa luxemburg und trotzki wiesen schon 1903/04 auf die gefahr des substitutionalismus in lenins parteikonzept hin. („unsere politischen aufgaben“ und „organisationsfragen der russischen sozialdemokratie“)

    weiterhin halte ich es für erforderlich, auf wittfogels anwendung der „asiatischen produktionsweise“ auf russland einzugehen. (siehe: die orientalische despotie)

    siehe auch meinen thesenentwurf:
    http://systemcrash.wordpress.com/grundzuge-einer-synthetischen-theorie-des-stalinismus-thesen/

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