K 7.e): Org.charakter – innerorganisatorische Demokratie

Hier wird die unter dem Titel „Kontroversen“ – aufgrund einer Anregung von Wal Buchenberg begonnene – Kategorie von Beiträgen fortgesetzt. Zu Themen, zu denen sich bisher unterschiedliche Positionen abzeichneten, werden diese Positionen kurz dargestellt. In den Kommentaren kann diese Diskussion dann vertieft werden. Es steht aber auch weiterhin allen frei, umfassende analytische, programmatische und/oder strategische Diskussionspapiere – als eigenständige blog-Beiträge – zu unserer Debatte beizusteuern.

Kontroverse 7.e): Org.charakter – innerorganisatorische Demokratie

Zu dem Reizwort „demokratischer Zentralismus“ heißt es in dem „Na endlich“-Papier (und ich selbst hatte Zustimmung bekundet): „‚Demokratie ohne Zentralismus’ führt zum Modell II. Internationale (oder zu so was wie der IL), ‚Zentralismus ohne Demokratie’ führt zum Modell III. Internationale nach 1924.“
Die Anarchistischen Gruppe / Rätekommunisten hat sich ausführlicher zu dem Thema der innerorganisatorischen Demokratie geäußert und plädiert für eine

„Organisierung, die unsere Utopie einer befreiten Gesellschaft schon enthält. Uns nützen keine autoritären Strukturen und hierarchischen Organisationen. Wer eine von Ausbeutung und Unterdrückung freie Gesellschaft aufbauen möchte, kann sich nicht in Parteien begeben, die selbst hierarchisch strukturiert sind, die also die Herrschaftsprinzipien der heutigen Klassengesellschaft übernehmen, statt sie aufzuheben, die von ihrer Basis erwarten, daß sie die Beschlüsse von ‚oben’ unhinterfragt umsetzt. ‚In der Organisation und Gemeinschaft der Kämpfenden erscheint trotz aller Disziplin, die in der Notwendigkeit, sich durchzusetzen begründet ist, etwas von der Freiheit und Spontaneität der Zukunft. Wo die Einheit von Disziplin und Spontaneität verschwunden ist, verwandelt sich die Bewegung in eine Angelegenheit ihrer eigenen Bürokratie, ein Schauspiel, das schon zum Repertoire der neueren Geschichte gehört.’ (Max Horkheimer) Eine künftige revolutionäre Organisation muß die Negation des Bestehenden sein – die freie Vereinigung der RevolutionärInnen wird auf Kooperation, nicht auf Unterordnung setzen. Sie kann nur als ein Zusammenschluß funktionieren, der Platz läßt für Widersprüche, der unterschiedliche Meinungen, Einschätzungen und Vorgehensweisen in seinen Reihen aushält.“

Ich dazu meinerseits angemerkt:

Ich stimme dem im Großen und Ganzen zu und denke, daß das auch in etwa mit dem übereinstimmt, was in dem Schöneberger Papier zu Fraktionsbildungsfreiheit steht: „es [muss] u. E. in einer revolutionären Organisation das Recht auf die Bildung von Tendenzen / Plattformen geben, ohne dass das dazu führt, sich nur noch mit sich selbst zu beschäftigen.“
Ich befürchte allerdings, daß die Genossen Rätekommunisten schon Strukturen und Praxen als „autoritär und hierarchisch“ bezeichnen, die ich bei weitem nicht so bezeichnen würde.
Und was den allerersten Satz („Eine Organisierung, die unsere Utopie einer befreiten Gesellschaft schon enthält.“) des Zitates anbelangt: Ja und Nein. Zwar sind Mittel (zum Zweck) ausschließlich Handlungen und Formen, die dem Zweck auch tatsächlich dienen und ihn nicht (trotz bestem Willen) konterkarieren. Aber die Organisierung in einer nicht-befreiten Gesellschaft kann die befreite Gesellschaft nicht schon in Gänze enthalten. Der Weg ist nicht schon das Ziel, sondern etwas anderes als das Ziel. (Falls ich auch mal einen ‚Frankfurter’ zitieren darf: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ [Adorno].) Das muß sowohl gegen Bernstein als auch gegen AnarchistInnen festgehalten werden. – Und gegen StalinistInnen muß festgehalten werden, daß ein Weg der nicht zum Ziel führt, nicht der richtige Weg ist.

Frank Braun berichtete über folgende Positionen: „Ohne die Erprobung, ohne die konsequente Praxis radikaldemokratischer Umgangsformen nach innen, könne so ein Projekt nicht erfolgreich sein.“ und „Eine Teilnehmerin äußerte sogar, es gäbe keinen linken Standpunkt, der nicht basisdemokratisch sein, was ihr einigen Widerspruch einbrachte.
Wenn schließlich Edith Bartelmus-Scholich in ihrem Vorschlag für ein Netzwerk antikapitalistischer kommunaler Bündnisse von „gemeinsame[n] bundesweite[n] Kampagnen und Widerstandsaktionen“ spricht, dann wird dies jedenfalls ein Minimum – an sei mehrheitlichen, sei es konsensuellen – thematischen, inhaltlichen und strategischen Festlegungen erfordern.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • email
  • Tumblr
  • Wikio
  • del.icio.us
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF

6 Antworten auf „K 7.e): Org.charakter – innerorganisatorische Demokratie“


  1. 1 systemcrash 13. November 2011 um 20:20 Uhr

    auch hier krankt die diskussion wieder an der historischen vorbelastung: demokratischer zentralismus wird mit stalinismus gleichgesetzt. dabei heisst es nichts anderes als die verbindung zweier prinzipen: maximale einheit in der aktion (zentralismus) mit einem höchstmass an innerparteilicher diskussion (demokratie). mir scheint dies die einzige möglichkeit zu sein, eine wirklich handlungsfähige organisation aufzubauen, die sowohl diszipliert als auch (nach innen wie nach aussen) kritikfähig bleibt.

    und zum thema antizipation des zukünftigen gibt es sehr schöne worte vom dichter b. brecht:

    „…Dabei wissen wir doch:
    Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
    verzerrt die Züge.
    Auch der Zorn über das Unrecht
    Macht die Stimme heiser. Ach, wir
    Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
    Konnten selber nicht freundlich sein.

    Ihr aber, wenn es so weit sein wird
    Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
    Gedenkt unserer
    Mit Nachsicht.“

    ---b. brecht, gedicht an die nachgeborenen

    http://www.schmidt-salomon.de/brecht.htm

  1. 1 20 Kontroversen « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! Pingback am 19. November 2011 um 12:32 Uhr
  2. 2 Zum Stand der Programm- und Organisierungsdebatte « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! Pingback am 29. November 2011 um 10:35 Uhr
  3. 3 Orgdebatte auf indymedia « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! Pingback am 21. Januar 2012 um 0:16 Uhr
  4. 4 SIB: Zum Stand der Programm- und Organisierungsdebatte (Nov. 2011) « Gruppen-Stellungnahmen Pingback am 09. April 2012 um 18:58 Uhr
  5. 5 Orgdebatte auf indymedia « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! - Debatte zur Neugruppierung der radikalen Linken Pingback am 27. April 2012 um 10:19 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.



ORGANISIERUNGSDEBATTE: