K 7.c): Org.charakter – Nicht-klandestin oder halb-klandestin?

Hier wird die unter dem Titel „Kontroversen“ – aufgrund einer Anregung von Wal Buchenberg begonnene – Kategorie von Beiträgen fortgesetzt. Zu Themen, zu denen sich bisher unterschiedliche Positionen abzeichneten, werden diese Positionen kurz dargestellt. In den Kommentaren kann diese Diskussion dann vertieft werden. Es steht aber auch weiterhin allen frei, umfassende analytische, programmatische und/oder strategische Diskussionspapiere – als eigenständige blog-Beiträge – zu unserer Debatte beizusteuern.

Kontroverse 7.c): Nicht-klandestin oder halb-klandestin?

Obwohl die Frage in dem „Na endlich“-Text nicht ausdrücklich angesprochen war, habe ich das Papier dahingehend verstanden, daß eine nicht-klandestine Organisationen vorschlagen wird – anders dürfte die vorgeschlagene Bündnisorientierung kaum machbar sein.
Inge Viett ist dagegen der Ansicht:

„Eine Organisation/Partei, kann zwar fortschrittlich, antikapitalistisch, marxistisch/leninistisch sein, aber nicht revolutionär, wenn sie nicht in bestimmten Bereichen (Kommunikation, Strukturen, Verantwortlichkeiten) klandestin ist.“
Und: „Nicht die Theorie macht eine Organisation zu einer revolutionären, sondern allein ihre kämpferische Praxis, und diese stößt unweigerlich auf Repression. Aus diesem Grund dürfen eine revolutionäre Organisation nicht komplett offen vom Klassengegner einzusehen, die Mitglieder und Strukturen nicht alle bekannt, das inhaltliche, logistische und finanzielle Vermögen nicht jederzeit angreifbar sein usw. Dennoch muß sie in den betrieblichen und politischen Auseinandersetzungen als organisierende kämpferische Kraft sichtbar und ansprechbar sein.“

Ich hatte dazu meinerseits in meinem 10 Punkte-Papier geschrieben:

Während mir das Modell der RZ – legale lebende Mitglieder, die in allen möglichen politischen und kulturellen Kontexten eingebunden blieben; klandestine Organisation sowie klandestine Aktionsvorbereitung und -durchführung – eine funktionierende Alternative sowohl zur Beschränkung auf Nicht-Klandestines als auch der RAFschen Voll-Klandestintität gewesen zu scheint, scheint mir der Vorschlag von Inge Viett die Nachteile beider Modelle miteinander zu verbinden:
-- einerseits; leichte Infiltrierbarkeit und daher beschränkte Handlungsmöglichkeiten
-- andererseits: Erzeugung von Mißtrauen, Spott und Verschwörungstheorien innerhalb der Szene/Massen wegen eines klandestinen Gehabes, das aber nicht wirklich klandestin ist; politische Positionen und v.a. Praxen und die politische Verantwortlichkeit für umstrittene Aktionen werden unter dem Deckmantel der Konspirativität der politischen Diskussion entzogen; wenn das „logistische und finanzielle Vermögen nicht jederzeit angreifbar sein“, also klandestin verwaltet werden soll, dann bedeutet das im Kontext einer größeren halb-klandestinen Organisation, die gleichzeitig in „betrieblichen und politischen Auseinandersetzungen […] sichtbar und ansprechbar“ ist, zwangsläufig, daß darunter auch die innerorganisatorische Demokratie leiden muß (einigen Kadern, die den meisten Mitgliedern in dieser Funktion unbekannt sind, wird das Vermögen anvertraut – mit allen Risiken, die das bedeutet: von der Unterschlagung für persönliche Zwecke bis zur Manipulation der politischer Entscheidungsfindung).
Ich würde zwar sagen, daß die leninsche Forderung nach Verbindung legaler und illegaler Methoden weiterhin richtig ist. Aber ich würde – sowohl aus Gründen der Repressionsabwehr, der letztlichen Handlungsunfähigkeit des Militärapparates der Weimarer KPD und der anderenfalls entstehenden Risiken für die Demokratie innerhalb größerer Organisationen – auch sagen, daß diese Verbindung nur in der Person einzelner AktivistInnen (und in Zusammenarbeit mit anderen einzelnen AktivistInnen innerhalb und außerhalb der Organisation) passieren kann, getrennt von den Strukturen der legalen Organisation. Legale und illegale Strukturen müssen getrennt sein, und die Verbindung erfolgt ausschließlich in Form der politischen Bewußtheit der AkteurInnen.

Edith Bartelmus-Scholich schrieb zu dem Vorschlag von Inge Viett: „Eine solche Partei ohne zur Gesellschaft offene Debatten, mit verdeckten Strukturen und Leitungen, die sich aus miteinander vertrauten Kadern zusammensetzen, leistet […] keinen emanzipatorischen Beitrag. Sie wird nicht von den Mitgliedern regiert. Lernprozesse erreichen so nicht die nötige Breite.“

Vgl. zum Ganzen auch noch meine Antwort auf einen Text in der radikal: http://arschhoch.blogsport.de/2011/08/02/diskussion-mit-klandestinen-militanten/.

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8 Antworten auf „K 7.c): Org.charakter – Nicht-klandestin oder halb-klandestin?“


  1. 1 systemcrash 13. November 2011 um 17:47 Uhr

    die entscheidung für klandestine strukturen ist eine rein TAKTISCHE entscheidung in abhängigkeit zur politischen gesamtsituation. natürlich muss man auch auf staatliche repression vorbereitet sein – alles andere wäre naiv –, aber im moment geht es erst mal um die THEORETISCH-PROGRAMMATISCHEN grundlagen einer vereinheitlichten „antikapitalistischen organsitation“. so eine debatte verlangt zwangsläufig ein höchstmass an offenheit und transparenz. nur so kann es auch gewährleistet werden, dass wirklich alle fragen, differenzen und übereinstimmungen sauber ausgelotet werden. die ausdifferenzierung von spreu und weizen wird dann schon im verlauf der fortschritte (oder rückschritte) des NAO prozesses von alleine stattfinden. selbst ein malinowski (zaristischer spion) hatte für die bolschewiki mehr nutzen als schaden … und in der bürgerlichen demokratie heute ist die radikale linke dermassen marginalisiert, dass ich mit solchen störmanövern im moment eher nicht rechne. man erinnere sich an die begründung der zaristischen zensur, warum sie das KAPITAL zugelassen hatten: es sei viel zu schwer zu verstehen ;)

  2. 2 B.I.Bronsteyn 11. März 2012 um 23:35 Uhr

    „in der bürgerlichen demokratie heute ist die radikale linke dermassen marginalisiert, dass ich mit solchen störmanövern im moment eher nicht rechne“
    Das ist ein Irrtum.
    So naiv darf man nicht sein!
    Ohne zum Verhältnis Klandestinität-Legalität Stellung schon nehmen zu wollen, weise ich auf folgende, hut dokumentierte Sachverhalte hin:
    http://de.wikipedia.org/wiki/MLPN
    http://de.wikipedia.org/wiki/COINTELPRO
    Das mit Malinowski schrieb Lenin (der sich bis 1914 über Malinowski täuschte) in dem Zusammenhang, dass Arbeitsweise und Struktur der Bolschewiki auch einen Malinowski DAZU ZWANG, wertvolle Arbeit zu leisten (er hatte den klandestinen Literaturvertrieb der Bolschewiki in Russland unter sich, und wenn der nicht funktioniert hätte, wäre ihm diese Aufgabe auch nicht verblieben).
    Generell kann man historisch schon 2 Typen von Agenten unterschieden:
    - den V-Mann, der gegen Honorar Berichte schreibt und Einschätzungen vornimmt
    - den Agent Provocateur, der die Bewegung/Partei zu Handlungen zu veranlassen sucht, die das gezielte Eingreifen von Repressionskräften ermöglicht und auch (scheinbar) legitimiert.
    Wenn Lenin in „Was Tun?“ von Handwerkelei spricht, dann meint er genau die Naivität in diesen Fragen.
    Hier ist es wirklich wichtig, mehr als nur den Titel und die Überschriften zu lesen.
    http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1902/wastun/kap4a.htm#parta
    „a) Was ist Handwerklerei?
    Wir wollen versuchen, auf diese Frage dadurch zu antworten, daß wir ein kleines Bild von der Tätigkeit eines typischen sozialdemokratischen Zirkels der Jahre 1894 bis 1901 entwerfen. (….) Ein Studentenzirkel knüpft Beziehungen zu Arbeitern an und beginnt zu arbeiten, ohne jede Verbindung mit den alten Funktionären der Bewegung, ohne jede Verbindung mit Zirkeln an anderen Orten oder auch nur in anderen Stadtteilen (oder in anderen Lehranstalten), ohne jede Organisation der einzelnen Zweige der revolutionären Arbeit, ohne jeden systematischen Plan für eine Tätigkeit auf längere Zeit. Nach und nach entfaltet der Zirkel eine immer umfassendere Propaganda- und Agitationsarbeit, gewinnt schon allein durch sein Auftreten die Sympathien ziemlich breiter Arbeiterschichten sowie die Sympathien eines gewissen Teils der gebildeten Gesellschaft, die Gelder aufbringt und dem „Komitee“ immer neue und neue Gruppen der Jugend zuführt. Die Anziehungskraft des Komitees (oder des Kampfbundes) nimmt zu, es wächst das Ausmaß seiner Tätigkeit, und das Komitee erweitert diese Tätigkeit ganz spontan: dieselben Menschen, die vor einem Jahr oder einigen Monaten in Studentenzirkeln auftraten und die Frage „Wohin gehen?“ zu beantworten suchten, die Beziehungen zu den Arbeitern anknüpften und unterhielten, Flugblätter verfaßten und verbreiteten, knüpfen nun Beziehungen zu anderen Gruppen von Revolutionären an, schaffen Literatur herbei, machen sich daran, eine lokale Zeitung herauszugeben, beginnen von der Veranstaltung einer Demonstration zu reden und gehen schließlich zu offenen Kampfhandlungen über (wobei eine solche offene Kampfhandlung, je nach den Umständen, entweder schon das erste Agitationsflugblatt oder die erste Nummer einer Zeitung oder die erste Demonstration sein kann). Und gewöhnlich führt gleich der Beginn dieser Aktionen zum sofortigen und vollständigen Auffliegen.
    Aha. Lenin spricht hier von V-Leuten und Provokateuren, sagt das zwar nicht wörtlich, aber wer immer den konkreten Zusammenhang von „Was TUN?“ kennt, weiß, dass genau DAS das Problem war.
    Lenin war alles andere als naiv in diesem Thema.
    „Sofort und vollständig, eben weil diese Kampfhandlungen nicht das Resultat eines systematischen, im voraus durchdachten und von langer Hand vorbereiteten Planes für einen langen und hartnäckigen Kampf waren, sondern sich einfach aus dem spontanen Wachstum der traditionell betriebenen Zirkelarbeit ergeben haben; weil die Polizei natürlicherweise fast immer sämtliche Hauptführer der lokalen Bewegung, die sich schon in ihrer Studentenzeit „mißliebig gemacht“ hatten, kannte und nur den günstigsten Augenblick für eine Razzia abwartete; dazu gab sie den Zirkeln absichtlich die Möglichkeit, sich auszubreiten und zu entfalten, um ein greifbares Corpus delicti zu haben, und ließ ein paar ihr wohlbekannte Leute stets absichtlich übrig – „zur Aufzucht“ (wie der Fachausdruck lautet, der, soweit mir bekannt ist, sowohl von den Unseren als auch von den Gendarmen gebraucht wird). Man kann nicht umhin, einen solchen Krieg einem Feldzug mit Knüppeln bewaffneter Bauernhaufen gegen eine moderne Armee gleichzusetzen. Und man kann nur staunen über die Lebensfähigkeit der Bewegung, die sich ausbreitete, wuchs und Siege davontrug, trotz dieses absoluten Mangels an Schulung bei den Kämpfenden. Geschichtlich gesehen war allerdings die Primitivität der Ausrüstung anfänglich nicht nur unvermeidlich, sondern sogar gerechtfertigt, als eine der Bedingungen für die Gewinnung einer großen Schar von Streitern. Aber sobald ernste Kampfhandlungen einsetzten (und sie setzten eigentlich schon mit den Streiks im Sommer 1896 ein), da machten sich die Mängel unserer militärischen Organisation immer stärker und stärker fühlbar. Die Regierung war zuerst verdutzt und machte eine Reihe von Fehlern (wie z.B. der Aufruf an die Öffentlichkeit, in dem die Missetaten der Sozialisten ausgemalt wurden, oder die Ausweisung von Arbeitern aus den Hauptstädten in die Industriezentren der Provinz), sehr bald paßte sie sich aber den neuen Kampfbedingungen an und verstand es, ihre auf das vollkommenste gerüsteten Trupps von Lockspitzeln, Spionen und Gendarmen an den nötigen Stellen einzusetzen. Das Auffliegen von Organisationen wurde so häufig, zog eine so große Menge von Menschen in Mitleidenschaft, fegte die lokalen Zirkel so gründlich hinweg, daß die Arbeitermasse buchstäblich alle Führer verlor, die Bewegung einen unglaublich sprunghaften Charakter annahm und sich absolut keine Kontinuität und kein Zusammenhang in der Arbeit herausbilden konnten. Das unvermeidliche Ergebnis der geschilderten Verhältnisse waren außerordentliche Zersplitterung der örtlichen Funktionäre, zufällige Zusammensetzung der Zirkel, Mangel an Vorbereitung und ein enger Gesichtskreis in theoretischen, politischen und organisatorischen Fragen. Infolge unseres Mangels an Ausdauer und Konspiration ist es so weit gekommen, daß an manchen Orten die Arbeiter von Mißtrauen gegen die Intellektuellen erfaßt werden und sie meiden: die Intellektuellen, sagen sie, verursachen durch ihre Leichtfertigkeit Verhaftungen!
    Gewiss, wir haben es nicht mit der zaristischen Ochrana zu tun, aber dafür mit Apparaten, die noch viel intelligenter und noch ausgefuchster sind als diese.
    Zum COINTELPRO-Programm des FBI (noch nicht einmal eines Geheimdienstes) gehörte u.a. die Gründung von („eigenen“) linken Organisationen und die gezielte Herbeiführung von Streits zwischen linken Organisationen speziell über die Inszenierung von persönlichen Polemiken und Beleidigungen, gezielte Indiskretionen usw etc.

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