K 6.d): Anarchistische und/oder marxistische Strategie?

Hier wird die unter dem Titel „Kontroversen“ – aufgrund einer Anregung von Wal Buchenberg begonnene – Kategorie von Beiträgen fortgesetzt. Zu Themen, zu denen sich bisher unterschiedliche Positionen abzeichneten, werden diese Positionen kurz dargestellt. In den Kommentaren kann diese Diskussion dann vertieft werden. Es steht aber auch weiterhin allen frei, umfassende analytische, programmatische und/oder strategische Diskussionspapiere – als eigenständige blog-Beiträge – zu unserer Debatte beizusteuern.

Kontroverse 6.d): Anarchistische und/oder marxistische Strategie?

Zu klären wäre des weiteren, ob die Organisation eine (alllgemein) revolutionäre, klassenkämpferische (wohl auch feministische und antirassistische) Organisation, also auch für klassenkämpferische AnarchistInnen offen sein soll oder ob sie, soweit es den Klassenkampf anbelangt, speziell eine marxistische sein soll.
Ich sehe diesbzgl. (mindestens) drei Problempunkte:

  • AnarchistInnen, die nicht für das Konzept der Einheitsfront bzw. der Aktionseinheit auch von oben, also zur Bereitschaft zu Bündnissen nicht nur mit einzelnen ReformistInnen, sondern auch mit reformistischen Organisationen (s. dazu den separaten Diskussionspunkt), zu gewinnen sind, kommen m.E. für eine Beteiligung nicht in Betracht.
  • Das Gleiche gilt meiner Überzeugung nach für AnarchistInnen, die einen syndikalistischen – also sowohl partei-ähnlichen als auch gewerkschaftlichen – Charakter der evtl. zu gründenden Organisation zur Bedingung ihrer Mitarbeit machen würden.
  • Die – auf absehbare Zeit für die politische Praxis nicht entscheidungsbedürftige – Frage eines revolutionären Übergangsstaats könnte dagegen m.E. zurückgestellt werden, solange denn klar ist, daß es jedenfalls eines revolutionären Bruchs mit dem bisherigen Staatsapparat bedarf.

Mir schiene i.d.S. die von einer Anarchistischen Gruppe / Rätekommunisten in einem Text in trend-online 5/11 gefundene Formulierung auf absehbare Zeit ausreichend: „Klar muss uns allen aber sein, dass eine Revolution, die das Ziel hat, alle bisherigen Verhältnisse umzukrempeln, kein friedliches Idyll sein wird. Die ProfiteurInnen des alten Systems werden ihre Entmachtung und Enteignung mit allen Mitteln erst zu verhindern und dann rückgängig zu machen versuchen.“1

  1. Auch, was diese Rätekommunisten am Ende ihres Textes zu internen Organisationsstrukturen schreiben, scheint mir, so wie sie es dort schreiben, zunächst einmal akzeptabel (genauer dazu unten in Abschnitt 9., S. 29). Bedenken habe ich allerdings insofern, als dieser Text dazu tendiert, die herrschenden Verhältnisse in sehr schwarzer Farbe zu malen und den Massenrückhalt des Systems allein im psychologischen Bereich verortet, sodaß der ganze Text eine etwas psychologistische Schlagseite bekommt. [zurück]
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6 Antworten auf „K 6.d): Anarchistische und/oder marxistische Strategie?“


  1. 1 Richard 15. November 2011 um 17:37 Uhr

    Hier sehe ich zuallererst nicht die Frage: “ … also auch für klassenkämpferische AnarchistInnen offen sein soll oder ob sie, soweit es den Klassenkampf anbelangt, speziell eine marxistische sein soll.“

    Sondern die Frage, die sich mir stellt, ist: wie kann man mit diesen Gruppen umgehen, die eine alte Tradition haben, ja sogar eine ältere als der Marxismus (Und zudem ist diese Gruppe zahlreich und weltweit vernetzt). Man könnte behaupten, dass der Marxismus eine Ableitung des Anarchismus ist, indem eine Struktur und Theorie eingeführt wurde zur Erreichung eines Anarchismus. Da diese Theorie nicht fehlerfrei ist, bleiben viele Anarchisten rückständig im Bezug auf eine organisierte Bewegung und man muss natürlich aufpassen, dass es hier nicht zu Querfronten kommt, wie kürzlich in Griechenland. Aber dort wo der Kampf stattfinden wird, dort werden mit Sicherheit auch die Anarchisten sein. Und aus diesem Grund muss man mit ihnen kommunizieren. Daran führt kein Weg vorbei, meiner Meinung. Man braucht auch kein treue Gelübde von Anarchisten, aber für die gesamte Bewegung kann man diese Gruppe nicht ausschließen. Denn die Autonomen gibt es auch noch und die Grenzen zwischen Autonomen und Anarchisten sind nicht fest. Aber wenn man sich mit ihnen nicht einigt, dann hat man sie eventuell als Gegner und das könnte der Organisation schaden, bevor überhaupt etwas erreicht wird.

    Um sich mit ihnen zu einigen bedarf es der Diskussion der Eigentumsfrage. Wie weit geht die Vergesellschaftung und wieviel Hierarchie soll bestehen bleiben. Wenn Hierarchie und Eigentum gleichzeitig abgebaut wird, (also zuerst die Spitzen abbauen und erst am Ende das kleine Eigentum) dann denke ich, kann man Anarchisten dazu bewegen sich zeitweise in Aktionsfronten zu organisieren. Wenn aber nur das Eigentum abgeschafft werden soll|wird und die (Staats-)Hierarchie bestehen bleibt, spätestens dann wird man die Anarchisten als Gegner haben. Und das auch zu recht, denn die Anarchisten bleiben in einem Sozialismus bzw. Kommunismus die einzigen Kräften, die weiter marschieren.

    Ich für meine Teil denke, dass „eine (alllgemein) revolutionäre Organisation“ auf Anarchisten nicht verzichten kann, zumindest dann nicht, wenn es um die Praxis geht. Überhaupt ist es nicht möglich zu definieren unter welchen Bedingungen Personen aus bestimmten Gruppen aufnahmefähig sind, weil es Gruppen geben wird, die überhaupt nicht daran denken von irgendjemand aufgenommen zu werden. Und wenn man diesen Gruppen quasi ein Gelübde abfordert oder sogar eine Treue einfordert auf eine sogenannte Front von oben, ohne den genauen Sinn dieser Front darzulegen, sehe selbst ich nicht, wie das klappen soll. Jede Front, ob von oben oder unten, muss von jedem einzelnen geprüft und für richtig eingestuft werden. Oder man braucht Vertrauenspersonen, sowohl innerhalb der Anarchisten als auch innerhalb der Kommunisten und Sozialisten.

  2. 2 ekmek 23. Dezember 2011 um 16:01 Uhr

    Das sich ernsthaft gefragt wird, ob mit Anarchisten ein „revolutionären Bruchs mit dem bisherigen Staatsapparat“ zu machen ist, zeigt wie wenig sich scheinbar untereinander ausgetauscht wird.

    Auch das hier vorgestellte „Bochumer Programm“ eines sich als explizit marxistisch verstehenden Forums enthält 1:1 anarchistische Forderungen nach Dezentralisierung, der Abschaffung von Hierachien, Basisdemokratie statt Repräsentantentum, sowie Selbstverwaltung im Betrieb und in der Versorgung.

    Die Frage ist letztendlich eine quantitative und zwar wieviel Souveränität des Einzelnen nach „oben“ abgegeben werden soll.
    Das sich der Anarchismus dafür einsetzt

    1. diese Auslagerung und Konzentration von Entscheidungsmacht so gering wie Möglich zu halten und

    2. sich für imperative (an Wählerschaft gebundene) Mandate der Delegierten einsetzt

    halte ich für richtig ung wichtig.

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