K 6.a): Strategien – Suche nach einem industriellen „Kern der Arbeiterklasse“? Oder Kampf für die Einheit der Lohnabhängigen?

Hier wird die unter dem Titel „Kontroversen“ – aufgrund einer Anregung von Wal Buchenberg begonnene – Kategorie von Beiträgen fortgesetzt. Zu Themen, zu denen sich bisher unterschiedliche Positionen abzeichneten, werden diese Positionen kurz dargestellt. In den Kommentaren kann diese Diskussion dann vertieft werden. Es steht aber auch weiterhin allen frei, umfassende analytische, programmatische und/oder strategische Diskussionspapiere – als eigenständige blog-Beiträge – zu unserer Debatte beizusteuern.

Kontroverse 6.a): Strategien – Suche nach einem industriellen „Kern der Arbeiterklasse“? Oder Kampf für die Einheit der Lohnabhängigen?

Werner Seppmann argumentierte im Mai in der jungen Welt für eine strategische Orientierung auf den „Kern der Lohnabhängigenklasse“ (meine Hv.). Dieser umfasse „die industriell Beschäftigten in ihren überwiegenden Teilen, die übrigen Klassensegmente jedoch nur, insofern die Struktur ihrer Arbeitsplätze durch ein Mindestmaß an Kollektivität, als Voraussetzung ihrer Handlungsfähigkeit, geprägt ist“. Ich widersprach diesem Vorschlag in meinem privaten blog unter der Überschrift „Wider den ‚physikalistischen’ Klassenbegriff des Werner Seppmann“: Nicht der stoffliche (insb. industrielle) oder nicht-stoffliche Charakter der Produktion, sondern die soziale Stellung Lohnabhängig sei für die Klassenanalyse ausschlaggebend; definierend für die kapitalistische Produktionsweise sei nicht der industrielle Charakter der Produktion, sondern das gesellschaftliche Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital.
Im „Na endlich“-Papier wurde sich grundlegend positiv auf Werne Seppmann bezogen, aber auch hinzugefügt: „Wir ergänzen allerdings: Auch nicht direkt mehrwertproduzierenden Sektoren (in denen es gleichwohl zur Aneignung von Teilen der gesellschaftlich erzeugten Mehrwertmasse kommt) sind durchaus, teilweise sogar in höchstem Maß aktions-, konflikt- und durchsetzungsfähig: Das Krankenhaus, das Büro, die Müllabfuhr, das Kaufhaus“.

Aus diesem nicht eingengten Begriff von „Klasse der Lohnabhängigen“ folgt ein – wie mir scheint – zentraler strategischer Vorschlag: Es geht nicht um Bündnis von Lohnabhängigen bspw. mit Prekären, sondern um die Herausbildung und Artikulation von Interessen aller Lohnabhängigen:

„Was wir in die reformistischen Großorganisationen tragen müssen, ist das Bewusstsein, dass es nicht nur um altruistische Solidarität mit den ‚überausgebeuteten’ Prekären geht, sondern auch um ‚egoistisches’ politisches Kalkül. Denn Leiharbeiter z.B. führen den Stammbelegschaften tagtäglich ihre eigene Ersetzbarkeit vor Augen und die Armee von ‚Hartzern’ zeigt brutal deutlich, wie schnell jede(r) ‚ganz unten’ landen kann. Eigentlich eine uralte Erfahrung / Erkenntnis der Arbeiterbewegung – je größer die industrielle Reservearmee desto erpressbarer auch die organisiertesten Teile der Klasse und damit die Klasse insgesamt.“

Ich hatte ergänzend in meinem 10-Punkte-Papier ausgeführt:

„Damit spricht der Text m.E. das zentrale strategische und taktische Problem, vor dem – nicht nur die revolutionäre – Linke gegenwärtig steht, an: die ökonomische, kulturelle und politischen Spaltung der Lohnabhängigen, wobei es m.E. nicht nur zwei Lager (die Kernbelegschaften und die Prekären) sind, sondern drei: die Prekären sind ihrerseits kulturell und politisch gespalten: a) kulturell aa) in ein ‚postmodernes’ (PoMo) und bb) ein tendenziell ‚subproletarisches’ Lager, wobei b)
Lager aa) politisch teils eher zu den Grünen (in geringeren Teilen auch zur Emanzipatorischen Linken in der Linkspartei) und teils zu den (Post)Autonomen tendiert
und
Lager bb) teils ebenfalls zur linksradikale Szene tendiert (sei es eher autonom oder eher ‚neo-antiimp’ akzentuiert), teils aber auch zur Linkspartei oder aber vielfach schlicht politisch apathisch ist.
Inge Viett hatte bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz in diesem Jahr den Unterschied zwischen den Kernbelegschaften bzw. der Linkspartei (zusätzlich wären die weiterhin an der SPD orientierten Teile der Gewerkschaften zu nennen) einerseits und dem ‚postmodernen’ Lager ziemlich gut herausgearbeitet. Als drittes politisches Lager nannte sie noch den vor 1989er Kurs revisionistischer KPen wie der DKP sowie KPF und KPI (wohl vor deren eurokommunistischen Wenden), der mir aber heute praktisch nicht mehr relevant zu sein scheint.
Davon ausgehend entwickelte sie einen vierten Vorschlag, auf den […] noch genauer zurückzukommen sein wird. Hier soll aber erst einmal nur interessieren, daß sie jene Unterschiedlichkeit/Fraktionierung – wenn ich recht verstanden habe – ausschließlich beschrieb und als Ausgangspunkt hinnahm, aber diese Spaltung als solche nicht als Problem thematisierte, sondern neben die drei genannten Linien ihren vierten Vorschlag stellte. Dies scheint mir dann logisch zwangsläufig darauf hinauszulaufen, die Kernbelegschaften Kernbelegschaften und die ‚Postmodernen’ ‚postmodern’ sein zu lassen und sich selbst v.a. auf die nicht-‚postmodernen’ Prekären zu stützen.
Das ist aber keine Lösung des Problems, sondern ein Teil Problems: Die hauptsächliche Orientierung auf die Prekären wäre weder von einem marxistischen Klassenbegriff gedeckt noch machtpolitisch in irgendeiner Weise realistisch, sondern bestenfalls die Wiederholung des heroischen Scheiterns der Thälmann-KPD als radikaler Arbeitslosen-Partei oder eher zur Albernheit tendierender 80er Jahre-Szene-Kübel-Aktionen gegen SchickiMicki-Konsum. Das sollten auch all diejenigen Bedenken, die bei diesjährigen 1. Mai-Demos die – historisch in dieser Weise belastete – Parole „Klasse gegen Klasse“ (die außerdem übersieht, daß gerade der Neoliberalismus – statt der behaupteten Polarisierung der Klassenstruktur – neue ‚kleinbürgerliche’ Schichten [Selbstständige und selbst mit hoher Stundenzahl arbeitende KleineigentümerInnen von Produktionsmitteln mit einer handvoll Beschäftigten/WerkauftragnehmerInnen in den Branchen Computer, Medien, Kultur usw.] hervorgebracht hat) wieder ausgegraben haben. –
Nun ist es sicherlich ausgeschlossen, daß das hier diskutierte Projekt in absehbarer Zeit die Lohnabhängigen in Gänze politisch repräsentieren wird. Aber m.E. ist das A & O des Erfolgs eines derartigen Projektes, daß von Anfang nicht versucht wird, es in einem oder zwei der von mir beschriebenen Lager, sondern in allen drei Lagern (Kernbelegschaften, PoMos und Subproletarische) zu verankern und dort für revolutionäre Positionen zu werben. Das heißt beispielsweise: Das Projekt hätte sich m.E. in Bezug auf die Linkspartei-Kontroverse zwischen Existenzgeld-BefürworterInnen und Gewerkschafts-Flügel kulturell in der Mitte und politisch radikaler als beide Lager zu positionieren.“

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2 Antworten auf „K 6.a): Strategien – Suche nach einem industriellen „Kern der Arbeiterklasse“? Oder Kampf für die Einheit der Lohnabhängigen?“


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