K 6.b): Strategien – Gradualismus oder revolutionäre Politik?

Hier wird die unter dem Titel „Kontroversen“ – aufgrund einer Anregung von Wal Buchenberg begonnene – Kategorie von Beiträgen fortgesetzt. Zu Themen, zu denen sich bisher unterschiedliche Positionen abzeichneten, werden diese Positionen kurz dargestellt. In den Kommentaren kann diese Diskussion dann vertieft werden. Es steht aber auch weiterhin allen frei, umfassende analytische, programmatische und/oder strategische Diskussionspapiere – als eigenständige blog-Beiträge – zu unserer Debatte beizusteuern.

Kontroverse 6.b): Strategien – Gradualismus oder revolutionäre Politik?

In dem „Na endlich“-Papier hieß es: „RevolutionärInnen sollten sich deshalb nur an solchen Regierungen beteiligen, die den tatsächlichen Bruch angehen wollen und können, sich also auf revolutionäre Mobilisierungen, Massenstreiks etc. und nicht auf Parlamentsmehrheiten stützen.“ (meine Hv.).
Außerdem wurde zustimmend aus einem Avanti-Text zitiert: „Unsere Überzeugung war und ist, dass die heutige Gesellschaft revolutionär verändert werden muss und dass die hierfür notwendige gesellschaftliche Gegenmacht nicht allein aus spontanen Bewegungen bestehen kann, sondern die Beteiligung revolutionärer Organisationen braucht.“ (S. 7 – meine Hv.).
Auch in weiterer Sätzen, wie diesem Satz: „Deshalb muss es u. E. in einer revolutionären Organisation das Recht auf die Bildung von Tendenzen / Plattformen geben, ohne dass das dazu führt, sich nur noch mit sich selbst zu beschäftigen.“, wurde im „Na endlich“-Papier von „revolutionäre[r] Organisation“ gesprochen.
Ich gehe danach davon aus, daß es nach den Vorstellungen der Papier-Schreiber um die Gründung einer Organisation gehen soll, die explizit einen revolutionären Anspruch vertritt, und ich finde diesen Vorschlag richtig (wobei – jedenfalls nach dem Debattenstand vom Mai – strittig war, was dies in Bezug auf die Überdeterminierung von Klassen-, Geschlechter- und Rassenherrschaft und deren Überwindung heißt).

An anderer Stelle des „Na endlich“-Papiers wurde – noch deutlicher (?) – „das Konzept des revolutionären Bruchs“ als einer von „5 unverhandelbare[n] Punkte[n]“ bezeichnet, wobei mir aber nicht ganz klar, ob dies ausschließlich heißen soll, daß die Verfasser nicht bereit sind (für sich) von diesen Punkten abzugehen, oder daß diese fünf Punkte Konsens in der eventuell zu gründenden Organisation sein sollen. Ich hatte dazu im Mai ergänzt, daß jedenfalls ich

selbst der Ansicht [bin], daß ein revolutionärer Anspruch dahingehend konkretisiert werden muß, daß deutlich gesagt wird, daß

  • eine Revolution zwar kein einmaliger Akt, sondern ein Prozeß ist, daß dieser Prozeß aber einen Bruch einschließen muß; daß früher oder später in diesem Prozeß (so er denn überhaupt stattfindet) die „Machtfrage“ auf den Tisch kommt.
  • folglich ein revolutionärer Anspruch und eine revolutionäre Praxis von Konzeptionen der bruchlosen Anhäufung von graduellen Veränderungen, wie sie sowohl in autonomen „Freiraum“-, spät-RAF-lerischen „Gegenmacht“- und links-linksparteilichen „Transformations“-Konzeptionen in (je unterschiedlicher Weise) artikuliert werden, zu unterscheiden sind. Streben derartige Konzeptionen zwar – ebenso wie revolutionäre – eine qualitative (d.h.: nicht nur reformerische) Gesellschaftsänderung an, so setzten sie doch auf eine untaugliche – da machtpolitisch naive – politische Strategie.

Ich hatte daraus geschlußfolgert:

„Damit scheint allerdings eine Beteiligung des Mittelspektrums zwischen Linkspartei- und Bewegungs-mainstream (isl, IL) einerseits sowie RevolutionärInnen (und Linksradikalen) andererseits an dem neuen Projekt ausgeschlossen zu sein, sofern das Mittelspektrum

  • nicht auf explizit revolutionäre Positionen übergeht

bzw.,

  • soweit es sie eh schon einnimmt, in Zukunft weiterhin nicht bereit sein sollte, sie offensiv in sozialen Bewegungen, Bündnissen usw. zu vertreten (wenn auch nicht zur Bündnisvoraussetzung zu machen).

Denn die isl charakterisiert sich zwar selbst als revolutionär, aber die von ihr angestrebte Neuformulierung der Linken soll anscheinend breiter angelegt sein: „In einer möglichen neuen Kraft der Zukunft werden wahrscheinlich viele mitmachen, deren Ausgangspunkt kein revolutionärmarxistisches Selbstverständnis ist wie bei uns.“ (http://www.islinke.de/pdf/isl-extra14.pdf, S. 3 [Randspalte: „Was wir wollen“]).1
Die IL tendiert in einem Selbstverständnis-Text von 2008 sogar dahin, den Begriff „revolutionär“ mit als falsch angesehenen Haltungen und Praxen in Verbindung zu bringen, und „antagonistisch“ für die als richtig angesehenen zu verwenden. Der Sprachgebrauch ist allerdings nicht ganz eindeutig.2 Und die Rede über „Organisierungsprozesse mit antagonistischer Perspektive“ (meine Hv.) macht es schon sprachlich schwierig, über die spezifische Aufgabe von Organisationen für die Wiedergewinnung einer „antagonistischen“ – oder revolutionären – Perspektive zu sprechen.3

Vgl. dazu mittlerweile ergänzend meinen Beitrag: http://arschhoch.blogsport.de/2011/10/21/fuer-organisierung-mit-revolutionaerer-perspektive/, der aus meinem Eindruck resultierte, daß einige an unserer Debatte beteiligte GenossInnen (dort, dort und dort4) doch eher eine gradualistische als eine revolutionäre strategische Orientierung vertreten.

  1. Das von der isl anvisierte Projekt könnte sich nur dadurch von der Linkspartei merklich unterscheiden, daß der dortige Regierungs-Flügel diese verlassen oder der Nicht-Regierungsflügel ein neues Projekt ins Leben rufen würde. Ob sich RevolutionärInnen dann an einem solchen Projekt beteiligten sollten, muß hier nicht diskutiert werden. Was sich jedenfalls aus dem Schicksal der Z-Fraktion um Rainer Trampert und Thomas Ebermann in den Grünen der 80er Jahre lernen läßt, ist, daß sich RevolutionärInnen auf ein solche Bündnis-Projekt mit GradualistInnen (und vielleicht sogar RadikalreformistInnen) nur einlassen sollten, wenn sie eigene Strukturen außerhalb des Bündnisprojektes behalten und nicht voll und ganz in dem dortigen Fraktionskampf aufgehen. [zurück]
  2. So heißt es dort bspw. „Historisch war das Verhältnis von moderaten und radikalen Linken und der sozialen Bewegungen stets durch die Polarisierung auf ein letztes Entweder-Oder bestimmt: Reform oder Revolution, […].“ Das ist Geschichtsklitterung: Das mag in Bezug auf den Gegensatz von Sozialdemokratie und AnarchistInnen, von Grünen und Autonomen zutreffen; die Positionen von Lenin, Trotzki und auch Luxemburg oder auch in den 70er und 80er Jahren die des KB, werden damit nicht getroffen.
    Weiter wird bspw. davon gesprochen, daß unter bestimmten Bedingungen ein „revolutionärer Anspruch zur Darstellung der eigenen Identität“ verkomme, „die das Kernelement revolutionärer Aktion – den Kampf und die Bewegung der Vielen – aufgegeben hätte“. Das ist sicherlich wahr; aber es ist trotzdem etwas anderes, als zu sagen: „Wir verstehen uns als RevolutionärInnen, was für uns heißt, nicht auf den Alleingang der bereits Überzeugten zu setzen, sondern den Kampf und die Bewegung der Vielen anzustreben.“
    Und, wenn unter der Zwischenüberschrift „Revolutionäre Organisation und Autonomie sozialer Bewegungen“ das Wort „revolutionär“ nicht wiederholt, sondern statt dessen geschrieben wird, „Wir wollen nie wieder zurück hinter den Pluralismus der Bewegungen und Subjektivitäten, nie wieder zurück zur Unterordnung der Bewegungen unter ‚die’ Organisation. Organisierungsprozesse mit antagonistischer Perspektive wie die IL sind besondere Medien der sozialen und politischen Kämpfe, sie sind aber nur ein Medium unter anderen.“, dann hört sich das danach an, daß

  3. „revolutionär“ mit „Unterordnung der Bewegungen unter ‚die’ Organisation“ in Verbindung gebracht wird
  4. und „Organisierungsprozesse mit antagonistischer Perspektive“ nicht einfach ein Synonym für „Revolutionäre Organisation“ ist, sondern die Akzente bewußt anders setzt.
  5. Sicherlich mag es mit einem bloßen „Pluralismus der Bewegungen und Subjektivitäten“ antagonistische – i.S.v. radikal oppositionellen – Praxen geben. Wie es aber revolutionäre, d.h.: umstürzende, Handlungsfähigkeit ohne ein Minimum von Vereinheitlichung geben kann (bzw. ob es sie nach Vorstellung der IL überhaupt geben soll), wird nicht gesagt. [zurück]

  6. Der Satz, „Interventionistische Politik möchte die antagonistische Perspektive und den Bezug auf das Gemeinsame mit den konkreten Bewegungen und Kämpfen verbinden, deren Teil wir sind.“, sagt jedenfalls nicht explizit, daß es der Sinn der ‚Interventionen’ der IL ist, eine „antagonistische Perspektive“ in die „konkreten Bewegungen und Kämpfe“ hineinzutragen; vielmehr scheint sich die IL darauf beschränken zu wollen, für sich selbst den Bezug auf derartige Bewegungen und Kämpfe sowie – anscheinend – das schlichte ‚Haben’ einer „antagonistische Perspektive“ zu verbinden.
    Es heißt zwar auch, „Eine radikale Linke [als deren Teil sich die IL insoweit anscheinend versteht] wird im Dazwischengehen deshalb immer auch sag-, sicht- und streitbar machen, dass rebellische Wünsche und emanzipatorische Kämpfe konsequent nur in einer Politik des offensiven Bruchs mit den bestehenden Herrschaftsverhältnissen ausgefochten werden können.“ – Dieser Satz geht aber in einem weitschweifigen Gerede über „lange Prozesse“ und „Kommunikation“ ziemlich unter: „Die Interventionistische Linke ist eine Linke in und zwischen den verschiedenen sozialen Bewegungen, eine Linke, der es vor allem anderen darum geht, solche Bewegungen in Kommunikation und Aktion zu bringen. Kommunikation meint hier weit mehr als Papiere zu schreiben, meint vielmehr den tatsächlichen Austausch, den Blick über den eigenen Tellerrand und das Ausloten gemeinsamer und unterschiedlicher Interessen und Aktionsperspektiven: Kommunikation ist das Medium, in dem sich verschiedene soziale Kämpfe gemeinsam in Richtung auf ein alternatives (welt-)gesellschaftliches Projekt radikalisieren können.“ – Die Kämpfe radikalisieren „sich“ – einen spezifischen Beitrag von Organisationen scheint es dazu nicht zu geben, denn sie sind – wie bereits in FN [7] zitiert – nach Ansicht der IL „nur ein Medium unter anderen“. [zurück]
  7. Wal Buchenberg: „Dieses Ziel [der Überwindung der Lohnförmigkeit der Arbeit, DGS] muss aber nicht von jedem geteilt werden, der sich dieses Aktionsprogramm und die (Übergangs)Forderungen zu eigen macht.“ [zurück]
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8 Antworten auf „K 6.b): Strategien – Gradualismus oder revolutionäre Politik?“


  1. 1 systemcrash 13. November 2011 um 13:20 Uhr

    sorry, ich hatte diesen kommentar in einem anderen thread gepostet. hier passt er besser rein ;)

    [Edit.: Ich habe ihn der Übersichtlichkeit halber an der anderen Stelle gelöscht. Ich hoffe, das ist recht. dg]

    ----------------------------------

    in diesem zusammenhang müsste sicher auch das konzept von antonio gramsci der „kulturellen hegemonie“ diskutiert werden. da ich selber nicht vertraut mit dem werk von gramsci bin, verweise ich auf eine broschüre von RIO:

    http://www.revolution.de.com/pdf/reader8.pdf

    ich selber habe an anderer stelle geschrieben:

    „hegemonie und parteiorganisation

    im zuge der debatte um eine neue antikapitalistische organisation (NAO) taucht immer wieder der begriff „hegemonie“ auf. ich selber bin kein kenner des werks von antonio gramsci, weiss aber, dass dieser begriff aus seinem arsenal stammt.
    richtig ist auf alle fälle, dass die revolutionäre partei über einen gewissen gesellschaftlichen einfluss verfügen muss, um wirkmächtig sein zu können. dies ist auf der einen seite eine ideologisch-programmatische frage. man muss überzeugende alternativen zum bestehenden anbieten können. darüber streiten sich hunderte gruppen, parteien, organisationen und einzelkämpfer. aber das ist nicht der einzige aspekt. es gibt auch noch einen psychologischen. es ist immer schwieriger, etwas neues anzustreben als im bestehenden herumzuwurschteln. die dominanz bürgerlichen bewusstseins erwächst nicht nur aus der medienmacht oder dem einfluss des (bürgerlichen) staates auf das bildungswesen, sondern auch aus einem tiefsitzenden konservatismus des denkens, der durchaus auch in subalternen klassen anzutreffen ist. der vulgärmarxistische glaube, dass die klassenlage ein entsprechendes bewusstsein erzeuge, ist nicht nur empirisch widerlegt. sie ist auch direkt gefährlich, denn sie unterschätzt das konterrevolutionäre potential in den breiten massen und dass jederzeit auch die möglichkeit besteht, dass soziale empörung nach rechts gehen kann. die linke ist nicht so stark, dass sie mit sicherheit sagen kann, dass die kapitalistische krise nur durch die linke beseitigt werden kann. die gefahr von diktatorischen oder bonapartistischen „lösungen“ ist viel näher als die „proletarische revolution“. wenn es überhaupt eine chance geben soll, dass revolutionär-marxistische vorschläge eine breitere basis finden sollen, muss sich die „radikale linke“ auf ein gemeinsames vorgehen einigen und ihre positionen auf gemeinsamkeiten abklopfen. dabei soll niemand sein gesicht verlieren oder auf seine grundüberzeugungen verzichten (im gegenteil, dieses sollten offen diskutiert werden können). aber es sollten schritte verwirklicht werden, die a) eine koordination in praktischen fragen ermöglichen und b) zu einer tieferen klärung der inhaltlichen differenzen führen, um so zum aufbau einer wirklichen sozialistischen alternative beitragen zu können.“

    https://www.facebook.com/groups/136532707097/ [marxistisches informations forum]

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