K 2: Exklusiver oder vorrangiger Antikapitalismus? Oder aber: Umfassende Revolutionierung aller Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse?

Hier wird die unter dem Titel „Kontroversen“ – aufgrund einer Anregung von Wal Buchenberg begonnene – Kategorie von Beiträgen fortgesetzt. Zu Themen, zu denen sich bisher unterschiedliche Positionen abzeichneten, werden diese Positionen kurz dargestellt. In den Kommentaren kann diese Diskussion dann vertieft werden. Es steht aber auch weiterhin allen frei, umfassende analytische, programmatische und/oder strategische Diskussionspapiere – als eigenständige blog-Beiträge – zu unserer Debatte beizusteuern.

Kontroverse 2: Exklusiver oder vorrangiger Antikapitalismus? Oder aber: Umfassende Revolutionierung aller Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse?

Welche grundlegenden Ziele soll die Organisation anstreben bzw. welche ihrer Ziele soll sie als grundlegend ansehen?

Die Sozialistische Initiative hat dazu einen klaren Vorschlag gemacht, indem sie bereits in der Überschrift ihres Papiers von einer (und zwar insoweit ausschließlich) „antikapitalistischen“ Organisation spricht. Auch im Text nehmen die Autoren eine klare Schwerpunktsetzung vor: „ArbeiterInnen sind […] als Mehrwertproduzenten […] die einzigen, die die Herrschaft des Kapitals unmittelbar und direkt in Frage stellen (können).“ / „Die LohnarbeiterInnenklasse ist nach wie vor das ‚eine’ revolutionäre Subjekt“.
Sie setzen dies implizit den beiden Positionen entgegen, die (laut Grundsatzpapier von 2004) innerhalb von „Avanti. Projekt undogmatische Linke“ vertreten werden:

Die eine Position begreift Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus als grundlegende Strukturen, die unsere heutige Gesellschaft wesentlich organisieren. […]. Sie sind miteinander verwoben, unterstützen sich gegenseitig und widersprechen sich auch manchmal. Alle drei Unterdrückungsformen sind gleichwertig. Wesentlich dabei ist, sowohl den Macht- und Herrschaftsstrukturen die ökonomischen und materiellen Grundlagen zu entziehen, also die geschlechtsspezifische und internationale Arbeitsteilung (bzw. Ausbeutung) aufzuheben und die Produktionsmittel zu vergesellschaften, als auch sich gegen deren kulturelle Ausformungen zu richten. Die andere Position sieht in Kapitalismus und Patriarchat die beiden Grundwidersprüche unserer Gesellschaftsordnung. Eine Gesellschaft, die durch das Privateigentum an Produktionsmitteln und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung an ihrer ökonomischen Basis auf Spaltung und Konkurrenz beruht, bringt auch in ihrem politischen, kulturellen und ideologischen Überbau Ausgrenzungsmechanismen und Herrschaftsstrukturen wie z.B. den Rassismus hervor.“ (S. 31 – Hv. i.O.)

Ich teile meinerseits die erstgenannte Avanti-Position.1

  1. In meinem Diskussionsbeitrag zu dem SI-Papier hatte ich geschrieben: „die Überlagerung mehrerer Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse bewirkt nicht deren schlichte Addition, sondern deren gegenseitig Modifikation: Das Patriarchat ‚funktioniert’ in der ArbeiterInnenklasse anders als in der Bourgeoisie, aber es ‚funktioniert’ in beiden Klassen.“ Und bei früherer Gelegenheit hatte ich bereits formuliert: „Ich würde sagen, hypothetisch kann es eine Gesellschaft geben, die kapitalistisch ist, ohne sexistisch und ohne rassistisch zu sein. Die kapitalistische ‚Logik‘ ist als solche indifferent gegenüber den Geschlechtern und Rassen. Sie ist historisch kontingent mit Patriarchat und weißen Rassismus verbunden; genauso kontingent könnte sie auch mit umgekehrten Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen oder eben auch mit der Auflösung dieser Verhältnisse verbunden sein. [….]. Eine ganz andere Frage wäre es, ob es in Anbetracht der (historisch kontingent) gegebenen Verpflechtung der verschiedenen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse faktisch möglich ist, sie unabhängig von einander wirklich erfolgreich zu bekämpfen. Da bin ich skeptisch, […].“
    Vgl. dazu auch noch die vom blog Entdinglichung gefundene Formulierung: „historisch aber konnte der Kapitalismus sich aber nur rassistisch und patriarchal entwickeln, ein nichtrassistischer und nichtpatriarchaler Kapitalismus ist zwar logisch und abstrakt denkbar aber historisch-praktisch unmöglich, da die Lasten der Vergangenheit und die trägen Ideologien nicht einfach abgestreift werden können; bezüglich patriarchaler und rassistischer Strukturen steht das (strukturell amoralische) Kapital vor dem Dilemma, dass diese sowohl Hindernis (bezüglich der Verfügbarkeit der Ware Arbeitskraft) andererseits auch Notwendigkeit (Reproduktion der Ware Arbeitskraft, Extraprofite durch unfreie Arbeit, Spaltung der Klasse, etc.) waren bzw. sind … zum Triple Oppression-Ansatz ist zu sagen, dass er vom Anspruch her richtig und sympathisch aber in aller Regel analytisch ungenügend ist und vor 20 Jahren als billige Begründung zur Nichtbeschäftigung mit der Klasse instrumentalisiert wurde“. [zurück]
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5 Antworten auf „K 2: Exklusiver oder vorrangiger Antikapitalismus? Oder aber: Umfassende Revolutionierung aller Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse?“


  1. 1 DGS / TaP 12. November 2011 um 11:18 Uhr

    Diese Diskussion fand inzwischen schon recht umfangreiche Fortsetzung – auch mit einer gewissen Präzisierung oder Korrektur der Position SIB.

    Siehe die Text(auszugs)-Sammlung in Broschüren-Form „Feminismus und antikapitalistische Organisierung“:
    http://arschhoch.blogsport.de/2011/10/06/broschuere-feminismus-und-antikapitalistische-organisierung/

    und

    diese beiden Diskussionen v.a. zwischen Systemcrash und mir:

    http://arschhoch.blogsport.de/2011/08/21/neues-und-altes-zum-verhaeltnis-von-feminismus-und-marxismus/

    und

    http://arschhoch.blogsport.de/2011/11/07/anmerkungen-zu-systemcrashs-programmatischen-konkretisierungs-vorschlaege/.

  2. 2 DGS / TaP 12. November 2011 um 19:22 Uhr

    Systemcrash schreibt an anderer Stelle in diesem blog:

    „es stünde schlecht um den emanzipatorischen kampf, wenn das revolutionäre subjekt beim patriachat ‚die frauen‘ wären. erstens haben auch männer ein objektives interesse gegen das patriarchat und zweitens ist ‚die frauen‘ eben klassenunspezifisch. kapitalismus, patriarchat und rassismus sind miteiander verwoben, wenn auch nicht inhaltlich deckungsgleich.
    und natürlich sind auch nicht nur schwarze gegen rassismus, ein türke oder araber beispielsweise kann da genauso ein lied von singen. die implizite unterstellung, alle weissen seien im umkehrschluss rassisten, ist dann natürlich ebenfalls rassistisch (genauso wie nicht alle männer sexisten sind). und natürlich können auch schwarze rassisten sein. herrenmenschentum mit der begründung, dass unterdrückung adelt, ist ja auch genau die logik des zionismus (und der antiDs)“

    1. Ich würde zwar nicht sagen, daß die Frauen beim Kampf gegen das Patriarchat das revolutionäre Subjekt sind; aber sie sind das potentiell revolutionäre Subjekt.
    (Ex-)männlicher Geschlechterverrat kommt zwar auch vor, ist aber bisher keinesfalls verbreiteter als (ex-)bourgeoiser Klassenverrat.

    2. „Schwarz“ ist in der Antirassismus-Diskussion der letzten (es läßt sich mittlerweile sagen:) Jahrzehnte kein Begriff für eine (enggefaßte) „Hautfarbe“, sondern für die rassistisch Beherrschten und Ausgebeuteten.

    3. Rassismus ist nicht nur eine Bewußtseins- oder Vorurteilsfrage, sondern eine gesellschaftliche Struktur (z.B. rassifizierte Arbeitsteilung; nationalsstaatliche Exklusion und Inklusion), aus der sich nicht einfach durch individuellem guten, antirassistischen Willen aussteigen läßt. Vgl.: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/05/06/rassismus-vorurteil-oder-gesellschaftliche-struktur/ und http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/06/21/doku-frauen-aus-der-radikal-nov-1990-wir-weigern-uns-das-abklopfen-des-eigenen-selbst-zum-nonplusultra-zu-erklaeren/.

    4. Daß „unterdrückung adelt“ war nun allerdings leider eine – noch vom jungen Marx herrührende – Fehlorientierung, die in der Klasse der Lohnabhängigen als Proletkult/Ouvrierismus eine starke Rolle spielte und danach (jedenfalls phasenweise) von wohl noch jeder späteren sozialen Bewegung übernommen wurde.

  3. 3 systemcrash 12. November 2011 um 20:46 Uhr

    sorry, dass alle rassistisch unterdrückten „schwarze“ sind, wusste ich wirklich nicht ;)

    ansonsten stimme ich deinen ausführungen zu. man müsste nur noch mal konkreter das verhältnis von patriarchat, rassismus und kapitalismus bestimmen. ist es wirklich so, dass „die frauen“ das potientiell revolutionäre subjekt in bezug auf das patriarchat sind? oder ist es nicht vielmehr so, dass „die frauen“ eine abstraktion ist? die einen versuchen sich zu arrangieren, passen sich an oder versuchen eine „gute partie“ zu erwischen… und ein kleiner teil versucht, die gesellschaftlichen strukturen zu durchschauen und daraus politische oder strategische schlussfolgerungen zu vollziehen. sicher ist, dass ohne sturz des kapitalismus keine frauenemanzipation stattfinden kann. also benötigt man zumindest die arbeiterbewegung als bündnispartner. zweitens ist es illusorisch, zu glauben, die mehrheit der frauen wird sich gegen das patriarchat stellen und die gesellschaft revolutionär verändern. aus allen klassengesellschaften ist bekannt, dass subalterne klassen aus eigener kraft nicht zu einem standpunkt gelangen, die gesellschaft auf einer anderen grundlage neu zu begründen. daher sind sie zunächst einmal gezwungen, den weg der anpassung zu gehen. nur diejenigen, die verstehen, dass der kampf der frauen um die (wieder-)aneignung ihrer eigenen (weiblichen) subjektivität mit der klassenkampf der arbeiter (um letztlich zum subjekt seines/ihres eigenes lebens zu werden) eine verbindung eingehen muss, sind die, die wir für den prozess der herausbildung einer „antikapitalistischen organisation“ brauchen können. (man verzeihe mit die instrumentelle ausdrucksweise). diese verbindung ist dabei keineswegs nur eine einfache addition, sondern -im gegenteil-im ersten stadium erst mal im wesentlichen eine (praktische) kritik des „linken und arbeiterbewegten“ männlichen chauvinusmus`

  1. 1 SIB: Zum Stand der Programm- und Organisierungsdebatte (Nov. 2011) « Gruppen-Stellungnahmen Pingback am 08. April 2012 um 16:25 Uhr
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