Linksradikaler Pragmatismus und Humanismus ODER theoretisch informierter Angriff auf die Gesellschaftsstruktur?

„Ums Ganze“-Bündnis (Hg.): Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit – Zur Kritik des kapitalistischen Normalvollzugs, 2009, S. 104 f.:

„SAHRA: Der Ansatz, erst mal engagiert Politik zu machen, und dabei irgendwie die Welt zu verbessern, ist in den letzten 200 Jahren Kapitalismus immer wieder grandios gescheitert. Einen der Gründe dafür sehen wir in der fehlenden theoretischen Auseinandersetzung in der Linken. Linke Politik beginnt häufig mit einem humanistischen Impuls: dass Not und Zwang aufhören sollen. Aber bloßer Humanismus ist naiv und oberflächlich. Er nimmt die Krisen wie sie kommen, aber er versucht nicht zu begreifen, wie sie entstehen, und warum sie immer wiederkehren. So eine Politik kommt ohne viel Theoriearbeit aus. Man versucht, anfallende Probleme ‚im Interesse der Menschen‘ zu lösen, organisiert vielleicht öffentlichen Druck, und ärgert sich am Ende regelmäßig, dass wieder mal ein Sachzwang dazwischen gekommen ist. So eine Politik ist unkritisch, selbst wenn sie sich die kritischen Themen aussucht. Denn mit den bestehenden Institutionen, Verfahren und Begriffen akzeptiert sie auch die herrschende Deutung, was eigentlich das Problem ist – und wie man mit ihm umgehen muss. Der linke Humanismus läuft hier erst mal ständig vor die Wand.


Und früher oder später akzeptiert er sie als Grenze.
Linksradikale Kritik muss sich dagegen viel umfassender rechtfertigen. Denn sie nimmt nicht nur zu konkreten Problemen Stellung. Sondern sie versucht zu zeigen, wie diese Konflikte mit der Verfasstheit der Gesellschaft als ganzer zusammenhängen, mit ihrer ›Struktur‹. Linksradikale Kritik problematisiert also die selbstverständlichen Voraussetzungen der Politik. Sie zeigt, dass die bestehenden, demokratischen Institutionen eine extrem konfliktträchtige Gesellschaftsordnung vermitteln. Und sie macht erkennbar, dass auch diese scheinbar zivile Gesellschaftsordnung notwendig institutionalisierte Gewalt voraussetzt. Deshalb kann und will linksradikale Kritik in den seltensten Fällen pragmatische Lösungen bieten.
[…] Linksradikale Kritik […] will […] eine Gesellschaftsordnung überwinden, die Individuen und Staaten als Konkurrenten gegeneinander hetzt. Und die genau dadurch einen zwanghaften und ausschließenden Kollektivismus hervorbringt. Dieser Zusammenhang lässt sich nicht in drei Zeilen darstellen.

AHMET: Ein zusätzliches Problem ist, dass linksradikale Kritik ständig gegen die Alltagswahrnehmung der Leute anschreiben muss. Und gegen deren scheinbar unmittelbare Interessen. Auf den ersten Blick ist tatsächlich schwer einzusehen, was an der herrschenden ‚Freiheit‘ und ‚Demokratie‘ problematisch sein soll. Wer will schon ‚weniger Freiheit‘ und ‚weniger Demokratie‘! Und wer möchte schon sein sauer verdientes Eigentum von ein paar linksradikalen Spinnern weggenommen kriegen?! Wer kann sich schon eine Gesellschaft ohne Staat vorstellen?! Das ist im Rahmen der bestehenden Verhältnisse tatsächlich völlig utopisch. Aber eben nur in diesem Rahmen.
Der entscheidende Punkt ist, dass die vermeintlich unmittelbaren Interessen der Individuen so unmittelbar gar nicht sind. Diese Interessen ergeben sich aus ihren unterschiedlichen, zum Teil widersprüchlichen Standpunkten im Vergesellschaftungsprozess. Menschen haben in dieser Gesellschaft sozusagen strukturell eine schizophrene Existenz: Sie müssen zusammenarbeiten, aber auch dauernd gegeneinander konkurrieren. Sie müssen sich als Privateigentümer durchschlagen, aber sie sind zugleich Teil eines Staatsbürgerkollektivs, das gegen andere Staatsbürgerkollektive zusammenstehen muss. Das passt alles nicht zusammen, aber so ist die Welt gerade eingerichtet. Der Versuch, diese Widersprüche als sinnvolles Ganzes zu denken, führt regelmäßig zu falschen, zu ideologischen Erklärungen. Und damit zu einer falschen Kritik an den Zumutungen und Konflikten dieser Gesellschaftsordnung. Es entsteht ein Wust ideologischer Konzepte und politischer Schuldzuweisungen, den eine linksradikale Kritik erst mal wegräumen muss. Aber genau dabei lässt sich auch zeigen, was an dieser Gesellschaft verkehrt ist.

Zur Notwendigkeit revolutionärer Theorie siehe auch:
http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1902/wastun/kap1d.htm
und
http://arschhoch.blogsport.de/2011/08/15/unverstaendliche-de-konstruktion/.

Zur Kritik humanistisch-philosophischer Politikbegründungen:
http://theoriealspraxis.blogsport.de/1991/12/01/sozialistischer-humanismus-autonomer-humanismus-oder-gar-kein-humanismus/
und
http://theoriealspraxis.blogsport.de/category/moral-ethik-humanismus/.

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