Wäre das schon die Überwindung des Kapitalismus?

Drei einfache Fragen und ein Vorschlag an die Linkspartei(-Linken)

Im AudiMax der Humboldt-Universität Berlin fand gestern eine Konferenz zum Grundsatzprogramm-Entwurf der Linkspartei statt. Sie wurde von „prominenten“ PolitikerInnen der – als der linkere Teil der Linkspartei geltenden – Strömungen Sozialistische Linke (SL) und Antikapitalistische Linke (AKL) organisiert. Das Treffen diente der Diskussion oder vielmehr Verteidigung des vorliegenden Entwurfes für ein Grundsatzprogramm der Linkspartei. Das Programm soll in zwei Wochen in Erfurt beschlossen werden.
Die – nach der formellen Eröffnung und einem historischen Rückblick auf das vor mehr als 100 Jahren am gleichen Ort beschlossene Erfurter Programm der SPD (vgl. die vorsichtige Kritik des Vorentwurfes durch Friedrich Engels:
http://www.mlwerke.de/me/me22/me22_225.htm)1 – erste längere Rede wurde von der – vom Publikum gefeierten – Sahra Wagenknecht gehalten. Die Rede wie die gesamte Tagung wurde deren Motto „Kurs halten!“ gerecht. Der Veranstaltung war es nicht um eine kritische Bestandsaufnahme von Politik, Zustand oder vorliegendem Grundsatzprogramm-Entwurf der Linkspartei zu tun, sondern um deren Verteidigung gegen Kritik aus dem sog. „Reformlager“. Um die Revolution ging es allerdings auch bei der Konferenz in der Humboldt-Uni nicht2: Das, was Sahra Wagenknecht zum Thema Antikapitalismus zu sagen hatte, erschöpfte sich in dem üblichen linksparteilichen Banken-bashing und der Forderung nach mehr öffentlichem Eigentum.
Ihrer Rede folgte eine Podiumsrunde mit dem Titel „Für eine antikapitalistische LINKE!“, die inhaltlich der Ausrichtung der Wagenknecht-Rede folgte, rhetorisch aber bei weitem nicht mithalten konnte. Als danach bekannt gegeben wurde, daß Oskar Lafontaine seine angekündigte Abschlußrede aus Krankheitsgründen nicht halten könne, setzte bereits – noch während der Publikumdiskussion zu den Podiumsbeiträgen – ein Abwanderungsprozeß unter den TeilnehmerInnen ein. Aus der anschließenden Mittagspause kamen dann nur noch ca. 60 Prozent der anfangs rund 500 TeilnehmerInnen wieder. Weitere Infos und links:
http://www.lafontaines-linke.de/2011/10/ohne-lafontaine-kurs-halten-konferenz-berlin-wagenknecht-programm/.
In der Publikumsdiskussion zu der ersten Podiumsrunde ergriff ich das Wort und führte in etwa das Folgende aus:

Ich bin nicht Parteimitglied. Ich bin auch nicht SymthisantIn. Vielleicht können wir sagen: Ich bin kritische BeobachterIn.

Ich möchte Euch zwei kritische und einfache Fragen stellen:

1. Ihr sagt, Ihr wollt den Kapitalismus überwinden. Das hört sich unheimlich links und radikal an. – Mich würde interessieren:
Was ist dieser Kapitalismus, den Ihr abschafft wollt? Wie funktioniert dieser Kapitalismus?
Sahra hat gesagt: Staatliches und gesellschaftliches Eigentum soll dominieren. Auch Lydia hat betont, daß Ihr eine Ökonomie mit gemischten Eigentumsformen anstrebt.
Wäre das dann also schon die Überwindung des Kapitalismus?! Es „dominiert“ staatliches und öffentliches Eigentum, vielleicht wird auch die Mitbestimmung ausgebaut – aber die Beziehungen zwischen den Unternehmen sind weiterhin Konkurrenzbeziehungen; sie konkurrieren weiterhin auf Märkten und tauschen weiterhin Waren, und die Beschäftigten entscheiden demokratisch mit Mehrheit, ob Entlassungen stattfinden und wer/welche entlassen wird. – Wäre das also schon die Überwindung des Kapitalismus?

2. Im Mittelpunkt Eurer Kapitalismuskritik stehen die Banken und die Finanzmärkte. Es wurde gesagt, nicht nur die Wallstreet, sondern auch die Deutschen Bank und Commerzbank sollen besetzt/erobert werden sollen. Es wurde nicht gesagt: „Occupy Siemens, occupy Bayer, occupy BASF, occupy Mannesmann!“.
Ich möchte Euch fragen: Diese ganzen Eures Erachtens unsinnigen Kredite und riskanten Finanzkonstruktionen – dafür zahlen ja Leute Zinsen. Wer/welche sich Geld sich leiht – noch dazu, wenn das Risiko für den/die KreditgeberIn hoch ist – muß (hohe) Zinsen zahlen. – Warum sollten also Leute diese Zinsen zahlen, wenn das Geld angeblich gar nicht gebraucht wird, wenn es angeblich zuviel Geld, eine Kreditblase, gibt und zu wenig in der produktiven Wirtschaft passiert?! Warum sollten Leute einfach das Geld in Form von Zinsen aus dem Fenster schmeißen?
Mit den riskanten Krediten wurden Häuser in den USA und in Spanien gebaut. Es wurde schon gesagt, daß sinkende Reallöhne mit Krediten kompensiert wurden; und es wurde gesagt, daß der Staat Kredit aufnimmt. Alldieses Geld wurde für wirkliche Dinge ausgegeben; für Dinge, die wir anfassen können. Und die Produktionsunternehmen benötigen Kredit für ihre Investitionen und vor allem Innovationen. Derartige riskante Investitionen werden mit risikanten Finanzkonstruktionen finanziert.
Ich möchte Euch, falls es bei Euch inzwischen wieder erlaubt ist, Lenin zu zitieren [Zwischenruf: Ja, ist es.] an etwas erinnern, was Lenin Kautsky entgegengehalten hat. Lenin hat gesagt: Wer die finanzielle Ausplünderung, die Bankenmonopole, die Geschäften der Banken mit der Staatsmacht, wer die Exzesse des Kapitalismus als das Schlimme dem normalen Geschäftsgang des Kapitalismus entgegenstellt, der ist nicht antikapitalistisch, sondern wünscht einen „fein säuberlichen, geschniegelten, gemäßigten und akkuraten Kapitalismus.“ (LW 39, 96).

Und wenn meine Zeit noch nicht um ist, möchte ich noch auf Idas Frage antworten, ob es Vorschläge für eine Überschrift, für einen ‚Projektnamen’, für den Feminismus-Teil gibt.
Ida hat Helke Sander mit dem harmonisierenden Satz zitiert, daß es ohne Feminismus keinen Sozialismus und ohne Sozialismus keinen Feminismus geben könne.
Helke war aber, wenn ich mich recht erinnere, auch die diejenige, die 1968 auf der SDS-Konferenz von den SDS-Mackern beim Reden gestört wurde, weil diese vom Feminismus nichts hören wollten, was dann die berühmten Tomatenwürfe auslöste.
Ich würde also sagen: Es müßte eine Überschrift sein, die eine Parteilichkeit ausdrückt; eine Überschrift, die ausdrückt, daß genauso wenig, wie Sozialismus ohne Kampf gegen das Kapital zu haben ist, der Feminismus nicht ohne Kampf gegen die Männer zu haben ist.
In diesem Sinne würde ich vorschlagen, einen Slogan aufzugreifen oder umzudrehen …3 den Tony Blair, in seinem ersten erfolgreichen Wahlkampf verwendete. Er präsentierte nicht nur eine neoliberal erneuerte Labour Party, sondern auch eine konservative – und er ließ den Slogan plakatieren: „Law and order is a Labour issue.“
Ich möchte Euch vorschlagen ebenfalls einen Slogan zu wählen, der – wenn auch auf ganz andere Weise – mit Unerwartetem spielt: „Babypos putzen, Kranke und Alte zu pflegen muß eine Männerangelegenheit werden.“
Eine solche Überschrift würde deutlich machen, daß Feminismus von Männern etwas verlangt und daß dies nur im Kampf zu erlangen ist. [Zwischenruf: Aber zu kämpfen ist gegen das Patriarchat und nicht gegen die Männer.] Aber die Männer profitieren vom Patriarchat, und das werden sie nicht freiwillig aufgeben.“

Und wenn ich nicht Scheu gehabt hätte, in der zweiten Runde zum Thema Frieden und Internationalismus als Gast gleich noch ein zweites Mal das Wort zu ergreifen, hätte ich eine dritte Frage gestellt:

„Ich bin beeindruckt, mit welcher Beharrlichkeit Ihr Euch innerhalb der Partei gegen NATO-Kriege stellt. Aber ich möchte Euch fragen, ob sich diese Position mit Eurer moralischen, mit Eurer pazifistischen Begründung, „Kriege dürfen kein Mittel der Politik sein“, „Kriege dürfe auch nicht als ultima ratio gerechtfertigt werden“, wirksam verteidigen läßt:
War es falsch, daß die Armee des sozialistischen Vietnam das Rote Khmer-Regime stürzte? Was es falsch, daß die Armee Tansanias das Regime in Uganda stürzte? War es falsch, daß die Sandinistas und die Guerilla in El Salvador bewaffneten kämpften? War es falsch, daß die Rote Armee (und die Westalliierten) gegen Nazi-Deutschland kämpften?
Ich möchte Euch daran erinnern, daß der Marxismus kein Pazifismus ist.“

Eine von mir verfaßte ausführliche Kritik am Grundsatzprogramm-Entwurf der Linkspartei ist gestern abend im blog Lafontaines Linke (mit bisher 8 LeserInnen-Kommentaren) erschienen. Vgl. auch die dortigen ergänzenden Links: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/10/09/reformistischer-voluntarismus-zum-grundsatzprogramm-entwurf-der-linkspartei/.
Angemerkt sei noch, daß von der Linkspartei-Strömung
Geraer Dialog / Sozialistischer Dialog (GD/SoD) Änderungsanträge zum Programmentwurf auslagen. In der dortigen Vorbemerkung heißt es: Der SprecherInnen- und Koordinierungsrat der Strömung sei zu der Einschätzung gelangt, daß der Entwurf „sicherlich marxistische Züge hat, jedoch in wesentlichen Teilen Züge eines ethisch-sozialistischen und sozialdemokratischen, bestenfalls linkssozialistischen Programms aufweist.“ Die vorgelegten Änderungsanträge beziehen sich aber nicht auf diese grundlegende Linie (auch eine ausführliche Begründung für die genannte Einschätzung wird in dem Papier nicht vorgelegt), sondern auf punktuelle Präzisierungen und Radikalisierungen des vorliegenden Entwurfes. Damit bleibt es aber bei dem programmatischen „Prinzipienschacher“, den Karl Marx, am Beispiel des Gothaer Programms kritisiert hatte:
Es werden grundsätzliche theoretische Fragen, über die keine Einigung möglich ist, nicht etwa offengelassen, sondern es werden falsche – und als falsch
erkannte (!) – theoretische Festlegungen – um des lieben Parteifriedens Willen (der gestern während der gesamten Tagung hoch im Kurs stand) – weitgehend kritiklos hingenommen. Es sei daher daran erinnert, daß so gegensätzliche Theoretiker wie Lassalle und Lenin, eine ganze andere Vorstellung vom Wert des Parteifriedens hatten: „Daß die Parteikämpfe gerade einer Partei Kraft und Leben geben, daß der größte Beweis der Schwäche einer Partei das Verschwimmen derselben und die Abstumpfung der markierten Differenzen ist, daß sich eine Partei stärkt, indem sie sich purifiziert, davon weiß und befürchtet die Behördenlogik wenig!“

PS.:

„Da das positive Ziel nur vage als „demokratische Eigentumsform“ umschrieben wird, bekommt die neue Abgrenzung zusätzliches Gewicht: „Allumfassendes Staatseigentum ist aufgrund bitterer historischer Erfahrungen nicht unser Ziel.“ Hier wird das „Staatseigentum“ in Verbindung mit der „historischen Erfahrung“, also den bürokratischen Planwirtschaften gebracht, als ob der Umfang und der Zentralisierungsgrad des öffentlichen Eigentums – und nicht die politische Unterdrückung, und damit die fehlende demokratische Kontrolle der Produzenten über Wirtschaft und Gesellschaft die Ursache für ihren Zusammenbruch gewesen wäre! […] Problematisch bleibt auch das Bekenntnis zum so genannten „Belegschaftseigentum“ (Abs. 84), das in Großbetrieben (wie z.B. Opel) die privaten Anteilseigner ergänzen und an die Stelle ihrer vollständigen Überführung in Gemeineigentum treten soll. Belegschaftsbeteiligungen, auch wenn sie nicht mehr als individuelle Mitarbeiteraktien konzipiert sind, überwinden ja nicht das Profitprinzip und seine katastrophalen Folgen für Gesellschaft und Natur. In letzter Konsequenz werden sie im Rahmen einer kapitalistischen Marktwirtschaft deshalb sogar zu einem Hindernis, um die Interessen der gesamten arbeitenden Bevölkerung unabhängig zu vertreten.
Ähnliches gilt für die Neuauflage des sozialdemokratischen Konzepts der „Wirtschaftsdemokratie“, […]. Aus der Entmachtung des Kapitals wird eine Strategie der Klassenzusammenarbeit. […].
Kampfabstimmungen auf dem Erfurter Parteitag sind ohnehin nicht zu vermeiden. Umso problematischer ist die Tatsache, dass die […] Wortführerinnen der „Antikapitalistischen Linken“ und der „Sozialistischen Linken“ sich […] selbst die Hände gebunden und konsequenten SozialistInnen in der Partei das Engagement für glaubwürdige linke Politik nicht gerade erleichtert haben. […]. Die (vergebliche) Suche nach programmatischen Formelkompromissen, anstatt die Unterschiede offen auszusprechen und der Parteibasis zur Entscheidung vorzulegen, hat die inhaltliche Debatte in den Hintergrund gedrängt […].“

(Quelle: http://sozialismus.info/?sid=4308)

  1. Im historischen Gedächtnis der Arbeiterbewegung blieb Friedrich Engels’ – auch gestern sinngemäß zitiertes – Lob, das er einem Vorentwurf des SPD-Parteivorstandes für das Erfurter Programm erteilte: Der Entwurf stehe „nach seiner theoretischen Seite im ganzen auf dem Boden der heutigen Wissenschaft und läßt sich von diesem Boden aus diskutieren“.
    Dieses Lob hinderte Engels freilich nicht, auch zu dem theoretischen Teil kritische Anmerkungen zu machen, und festhalten, daß im politischen Teil – in Anbetracht der Verhältnisse im deutschen Kaiserreich – vieles nicht gesagt werde, das eigentlich gesagt werden müßte. Während der Parteivorstand einige Anmerkungen von Engels’ aufgriff, führte die anschließende Arbeit der – unter starkem Einfluß von Bernstein und Kautsky stehenden – Programmkommission durchaus nicht zu einer Verstärkung der marxistischen Orientierung des Programms. [zurück]
  2. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Michael Koschitzki in seinem Bericht „Strategiewechsel oder Kurs halten?“ auf der Seite der SAV (via): „Von der Konferenz ging kein Signal aus, dem rechten Flügel der Partei den Kampf anzusagen oder um schärfere Formulierungen im Parteiprogramm zu kämpfen.“ [zurück]
  3. An dieser Stelle wurde auf mein Redezeit-Ende hingewiesen, weshalb ich beim Sprechen, die folgende Blair-Analogie ausließ und direkt zu meinem Vorschlag überging. [zurück]
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2 Antworten auf „Wäre das schon die Überwindung des Kapitalismus?“


  1. 1 Mario Ahner 12. Oktober 2011 um 18:42 Uhr

    Revolution schön und gut, aber wie, und was dann?

    Was ich mich derzeit frage ist, wie sieht eine heutige Vorstellung aus Sicht eines (marxistisch geschulten) Antikapitalisten hinsichtlich einer solchen gesamtgesellschaftlichen Umwälzung – dem idellen Durchschnitt gemäß – eigentlich aus?

    Die gängige strategische Überlegung der marxistischen Linken dürfte wohl die bekannte sein:

    Die Eroberung der Staatsmacht und die Installation einer Regierung im Interesse der Lohnabhängigen, welche dann – klassisch leninistisch – die Transformation der Gesellschaft und den Aufbau einer – demokratisch untermauerten – (national-)staatlich organisierten Planwirtschaft übernimmt (durch Basisinitiaitven/Räte gestützt), abzielend auf eine Kooperation der folglich ’sozialistischen‘ Nationalstaaten Europas in Form einer quasi ’sozialistischen EU‘.

    Ich halte dieses Konzept für eine unreflektierte Grundvoraussetzung leninistischer/trotzkistischer/parteikommunistischer Herangehensweise, welches gewisse theoretische und praktische Problematiken mit sich bringt, und ich als „Politizismus“ bezeichnen möchte.

    Die radikale/antikapitalistische Linke teilt mit ihrem reformistischen Spiegelbild (und der anarchistischen Linken) m.E. nämlich die bis dato nirgends – jedenfalls nicht im großen Stil – hinterfraggte Gemeinüberkunft, dass eine gesellschaftliche Gesamtumwälzung einzig über den Weg staatlicher, also letztlich nationalstaatlicher, Macht zu erreichen sei.

    Es dürfte aber die Frage im Raum stehen, inwieweit sich Sozialismus/Kommunismus – gerade in der heutigen Zeit, in welcher die Nationalstaaten beinahe nur noch Agenturen des Finanzkapitals darstellen –, überhaupt über eine irgendwie geartete Form der Staatserneuerung verwirklichen lässt. Der im Stile von „Staat und Revolution“ geforderten Beseitigung der bürgerlichen Institutionen und deren Ersetzung durch „proletarische“ eingeschlossen.

    (National-)Staat bleibt (National-)Staat. Regierung bleibt Regierung. Und es dürfte fraglich sein bzw. ist m.M.n. nicht zu erkennen, weshalb eine „sozialistische Regierung“ eines Tages die Selbstauflösung wegen eines Übergangs zum Kommunismus beschließen sollte!? Es heißt immer, in einer höheren Phase des Kommunismus, sterbe der Staat dann irgendwie ab. Doch das ist bis dato bei keinem Anlauf marxistischer Revolutionen geschehen (die miserablen Bedingungen dieser Erhebungen durchaus im Auge behaltend).

    Die Staatsproblematik zieht ihren roten Faden weiter bis zur Frage der Organisierung des Wirtschaftslebens. Auch hier soll es wiederum der Staat richten. Selbstverständlich unter „demokratischer Planung“ der Arbeiter_innen. Auch hier dient das „demokratisch“ in den Planwirtschaftsdebatten mehr der ethischen Abgrenzung zur „bürokratischen Degenerierung“ der Sowjetplanwirtschaft, weniger einer fundamentalen Auseinandersetzung mit diesen marxistischen/leninistischen/trotzkistischen Grundübereinkünften.

    Meine, an Werner Imhof angelehnte, Kritik möchte behaupten: Es ist vollends unmöglich die gesellschaftliche Gesamtarbeit zentral zu planen – und es ist auch überhaupt nicht wünschenswert.

    Doch die radikale/antikapitalistische/marxistische Linke hat hierauf wenige bis gar keine Antworten. Sie ist in der „vom Liberalismus gestellte Falle“ (Robert Kurz) zwischen Markt und Staat gefangen.

    Diese unreflektierte theoretische Vorgehensweise beschert ihr ein Gefangen-sein im bürgerlichen Politikbetrieb und dessen Strukturen. Ob reformistisch oder revolutionär. Anstatt eine echte Widerstandskultur aufzubauen, die ihre Verankerung in den Stadtteilen und Betrieben hat, werden hoffnungslose Abwehrkämpfe ausgefochten, welche die Lohnabhängigen noch mehr desillusionieren. Von einer postkapitalistischen Perspektive ganz zu schweigen.

    Würde die radikale Linke sich von ihren liebgewonnen Allgemeinplätzen verabschieden, und unvoreingenommen, einer emamzipatorischen Kritik und Perspektive verpflichtet, den Blick auf die heutigen Verhältnisse des noch frühen 21. Jahrhhunderts richten, ließe sich als bald erkennen, dass bereits alles vorhanden ist um die kapitalistische Marktwirtschaft durch eine „freie Assoziation der Produzenten“ zu überwinden.

    „Natürlich ist die gesellschaftliche Arbeitsteilung samt ihrer technischen Basis zugeschnitten auf eine von den Produktionsverhältnissen selbst strukturierte, begrenzte und deformierte (individuelle und produktive) Konsumtion. Aber so wenig daher der Übergang zu gemeinschaftlicher Produktion als bloßer Formwechsel der Produktion denkbar ist, der ihre Zwecke und Mittel unberührt ließe, so abwegig wäre die Vorstellung, eine am wirklichen Bedarf der Gesellschaft orientierte Verteilung der Gesamtarbeit völlig neu erfinden und qua zentraler (oder auch demokratischer) Planung umsetzen zu müssen.

    Die Komplexität der gesellschaftlichen Arbeitsteilung erlaubt nur einen Weg, die Gesamtarbeit gesellschaftlicher Kontrolle zu unterwerfen: indem die sich assoziierenden Produzenten selbst (und kein politisches Ersatzsubjekt, auch keine politische, den Produzenten äußerliche „Struktur“, und sei sie auch noch so „demokratisch“ organisiert) sich ihren gegebenen Zusammenhang (und nicht nur den sachlichen Reichtum) aneignen, um ihn schrittweise umzugestalten.

    Denn – und dies ist der entscheidende Punkt, der ohne Verständnis der gesellschaftlichen Arbeitsteilung so schwer nachvollziehbar ist und regelmäßig Markt- wie Planwirtschaftler gleichermaßen aus der Fassung bringt – sofern sie die unmittelbaren Beziehungen ihrer Teilarbeiten beherrschen, beherrschen sie zugleich gemeinsam ihre gesellschaftliche Gesamtarbeit.

    Bei gemeinschaftlicher oder unmittelbar gesellschaftlicher Produktion im großen Maßstab kann die Gesamtarbeit immer nur die Summe der notwendigen konkreten Teilarbeiten, aber nie selbst Gegenstand unmittelbarer Planung sein.“ (Werner Imhof; Quelle:http://klassenlos.tk/imhof.php)

    Ansonsten wurde in der Debatte seitens des Marx-Forums und des „Bochumer Programms“ ein guter Anstoß in Richtung eines zeitgemäßen und reflektierten Marxismus geliefert. Stichwort: Kommune.

    Die Kommunen/Gemeinden können die Basis für eine Erneuerung und Umgestaltung der gesellschaftlichen Reproduktion liefern, da hier die gesellschaftlichen Zusammenhänge für alle Beteiligten noch „greifbar“ und weniger abstrakt sind. Sie können die Keimformen für eine postkapitalistische Vergesellschaftung bilden, indem in ihnen die Trennung zwischen Politik und Ökonomie aufgehoben werden kann, indem die Produzenten unmittelbar politisch über ihre Bedürfnisse entscheiden, in Absprache und Assoziation mit den umliegenden Kommunen, bis hin zur kontinentalen und globalen Ebene.

    Denkbar wäre hier eine über Verträge zwischen den Individuen, Kooperativen und Kommunen organisierte Ökonomie. Siehe: http://kulturkritik.net/begriffe/wiki.php?bstab=V

    Als letztes möchte ich zur Frage des Aufbaus der hier diskutierten antikapitalistischen Organisation kommen.

    Ich behaupte, es ist mehr als gesund, wenn bei dem Aufkommen des Wortes „Partei“ viele Mitstreiter und Interessierte das Naserümpfen bekommen. Die, gerade im leninistisch-trotzkistischen Umfeld, starke Fixierung auf den Aufbau einer „Arbeiterpartei“, welche dann an Parlamentswahlen teilnimmt und im Politbetrieb des bürgerlichen Staates so lange mitwurschtelt, bis der „Tag X“ kommt, ist mir schleierhaft. Und ich möchte mir die Arroganz herausnehmen hier für nicht wenige zu sprechen.

    Gerade die starke Staatsfixierung der bundesdeutschen Bevölkerung (inkl. der Lohnabhängigenklasse) lässt die Forderung des Aufbaus einer Partei (inklusive einer Teilnahme an Wahlen im Politbetrieb der bürgerlichen Gesellschaft) in ein um einiges kritischeres Licht rücken als es in anderen Ländern bereits der Fall ist.

    Zur Frage der Programmatik kann ich wiederum der trotzkistischen Herangehensweise zustimmen: Es braucht ein Übergangsprogramm, welches Minimal- und Maximalforderungen vereint, so dass radikale Reformforderungen quasi „natürlich“ in antikapitalistische Perspektiven/Forderungen münden und die systemimmanenten Widersprüche für die Lohnabhängigen und Beteiligten einer solchen Organisation durch praktische Schritte und Auseinandersetzungen zunehmend bewusster werden.

    Ok, soweit mein Gesabbel zur Diskussion. Weiterhin auf eine kritische, aber solidarische Debatte! ;)

  2. 2 Richard 17. Oktober 2011 um 16:19 Uhr

    „Revolution schön und gut, aber wie, und was dann?“

    Eine Revolution, oder nennen wir es eine Umwälzung der bestehenden Zustände, erzeugt neue Ideale. Die Menschen lernen dann sich an diese Ideale auszurichten.

    Ein Parteiprogramm kann versuchen diese neuen Ideale zu erahnen, doch wie so vieles, wird nicht alles was man erahnt auch in Erfüllung gehen bzw. man lebt nicht lang genug.

    Wie die Gemeinschaft sein sollte, weiß doch eigentlich jeder. Nur der Mensch ist fehlbar, die Politiker, die Beamten und die Arbeiter, selbst die Geistlichen schaffen es nicht, sich an das zu halten, was sie für richtig halten. Man kann viel schreiben, wie es sein müsste, aber zeige mir einen Menschen, der sich selber an sein Geschriebenes gehalten hat.

    Im Angesicht dieser menschlichen Schwäche kann man nur versuchen sich dem Ideal anzunähern. Und das probiert dieser Entwurf. Niemand wird behaupten, dieser Entwurf enthält den Weg und alle Lösungen parat.

    Aber dieser Entwurf kann Menschen einladen, wenigsten zu versuchen diesem ideal ein Stück näher zu kommen.

    Wenn hier von einer antikapitalistischen Linke die Rede ist, dann deshalb, weil das Kapital nur das momentane Schmiermittel zwischen ansonsten fremden Menschen ist. Und dieses Schmiermittel muss vermenschlicht werden. Und es wurde natürlich richtig erkannt, dass es die lokale Gemeinschaft ist, welches aus Eigeninteresse Hand in Hand arbeiten sollte. Sobald wieder geteilt wird, also jeder von dem abgibt, was er hat und kann, sobald nicht mehr nach Bezahlung gefragt werden muss, weil der Lebensunterhalt gesichert ist, öffnen sich neue Wege der Produktion von Waren.

    Die Dinge sind einfach, wenn man den Menschen ihre natürliche Grundlage zurück gibt. Also jedem ein Anteil an Grund und Boden, an Arbeit und Sicherheit zugesteht, und zwar unabhängig von seiner Leistung. Würde man dies machen, dann wären nämlich diejenigen, die gerne Arbeiten und für andere was machen, wieder im Fokus, wohingegen diejenigen, welcher nur Verwalten und Vorschreiben, ihren wahren Wert erkennen müssten.

    All dies wird so oder so kommen. Weil das richtige und Wahre sich nicht aufhalten lässt. Die Linkspartei ist die einzige Partei die wenigsten die richtige Richtung einschlägt.

    Ob eine Partei links von den Linken eine Existenzberechtigung hätte, entscheidet sich nur daran, wie sehr deren Mitglieder bereits sind, den richtigen Weg vorzuleben. Nicht der Wille zum Umsturz bringt den Erfolg, sondern der Wille von Gleichgesinnten im Hier und Jetzt das eigenes Leben so zu gestalten, dass man guten Gewissens in eine bessere Zukunft schauen und gehen kann. Sobald dies erreicht ist, werden automatisch genügend andere sich anschließen.

    Würden die Arbeiter und Handwerker einfach Genossenschaften bilden, bereits im Kleinen; würde Bauern ihre Produkte direkt verkaufen an GenossenInnen im ganzen Lande; würden Lehrer ihre eigene Schule eröffnen; würden die Menschen einfach anfangen anstatt zu warten bis der andere anfängt, dann würde sich hier so schnell alles ändern.

    Doch leider muss vielleicht erst ein negatives Ereignis die Menschen dazu zwingen, endlich aktiv zu werden und sich selber um ihre eigenen Probleme zu kümmern. Die momentane Situation lähmt die Bürger geradezu ihr eigenes Schicksal in ihre eigene Hände Arbeit zu legen. Es hilft kaum etwas, die Schuldigen für die momentane Situation zu suchen und zu benennen, sondern es gilt vorwärts zu gehen in die richtige Richtung. Und das tun die antikapitalistischen Kräfte bereits seit Jahren, gemeint sind nicht die politisch Organisierten, sondern die vielen Menschen die seit ungefähr 40 Jahren diese Welt verändern mit ihren geistigen Produkten. Man betrachte sich nur die grüne Bewegung oder die Internetbewegung; fast alles ist von einzelnen Menschen initiiert worden, die das gemacht haben, um den Menschen einen Dienst zu erweisen. Es braucht die Avantgarde auch im Antikapitalistischem, denn nur diese schafft es diesem Kapitalismus etwas Greifbares entgegen zu setzen. So sieht es meiner Meinung nach aus.

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