Von der Philosophie zur Politik

Noch mal zu Postmoderne und Leninismus –

oder: Antwort1 auf das „Quietscheentchen“-Papier (SIBS v. 28.7.)

Überblick:

I. Von der ‚postmodernen’ Philosophie …

1. Historischer Materialismus und idealistische Geschichtsphilosophie
2. Die Frage nach dem Gehalt von Theorie
3. Begriff und Wirklichkeit
4. Die Vernunft, die Macht und der Irrationalismus
5. Wertkritik und Postmoderne

II. … zum historischen Materialismus …

1. sex und gender
2. Vom wissenschaftlichen und politischen Nutzen der De-Konstruktion
3. Hauptwidersprüche, Nebenwidersprüche, Grundwidersprüche – und die Perspektiven einer Weltrevolution

III. … zur revolutionären Organisierung

1. Für revolutionäre Politik ohne geschichtsphilosophische Durchhalteparolen
2. Selbstkritisches zum Zeitplan
3. Arbeitskonferenz, Debattenverlauf und Spektrenerweiterung

[Der folgende Text als .pdf-Datei]

Ich will versuchen, mich so kurz wie möglich zu fassen, indem ich versuche,
► mich weitgehend darauf zu beschränken, mutmaßliche Mißverständnisse auszuräumen
und
► philosophische Kontroversen stehen zu lassen.
Denn mir scheint, daß wir keine gemeinsame Philosophie benötigen, um ggf. eine gemeinsame politische Organisation zu gründen; und auch, falls die Organisation denn einmal gegründet und arbeitsfähig sein sollte, sollte sie m.E. den Mitgliedern nicht qua Mehrheitsbeschluß eine bestimmte Philosophie verbindlich machen.

I. Von der ‚postmodernen’ Philosophie …

1. Historischer Materialismus und idealistische Geschichtsphilosophie

Die SIBS schreibt in Ihrem zweiten Papier:
„DGS verkennt bzw. unterschätzt, dass der Schlüsselbegriff der Postmodernisten, nämlich die Rede vom ‚Ende der großen Erzählungen’ auch und vor allem ein Generalangriff ist auf die ‚Großerzähler’ Hegel, Marx und (den von DGS offensichtlich sehr geschätzten) Lenin.“
Ich denke nicht, daß ich ihn unterschätze, ich würde ihn meinerseits sogar unterstreichen. Nur scheint es mir wichtig, die These vom ‚Ende der Großen Erzählungen’ (der ‚Postmoderne’) von der These vom ‚Ende der Geschichte’ (der Posthistoire) zu unterscheiden.
Die These vom ‚Ende der Großen Erzählungen’ scheint mir ihrerseits nichts anderes zu sein als eine dicke Unterstreichung dessen, was Marx im Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie seine und Engels’ „[Abrechnung] mit unserm ehemaligen philosophischen Gewissen“ nannte – und die fand nach Marx in der Deutschen Ideologie statt. (Also, das Manifest ist durchaus auch für die ‚Postmoderne’ gerettet… ).
Worum es geht, ist nicht anderes, als der Übergang von der idealistischen Geschichtsphilosophie des ganz jungen Marx’ zur seiner anschließenden Arbeit an materialistischer Geschichts- und Gesellschaftswissenschaft (historischer Materialismus und Kritik der Politischen Ökonomie)2; der Übergang vom Glauben an einem ‚Fahrplan der Geschichte’, den auch die SchönebergerInnen kritisieren, zur von Lenin geforderten „konkreten Analyse konkreter Situationen“.3
Zugestanden sei der Schöneberger Kritik aber, daß es diesbzgl. ein verhängnisvolles Mißverständnis zwischen Marxismus und Postmoderne gab: Weil der ‚westliche Marxismus’ den jungen Marx für den Schlüssel zum ‚ganzen Marx’ hielt und auch der ‚Moskauer Marxismus’ den ‚ganzen Marx’ für sich beanspruchte4, erschien die ‚postmoderne Kritik’ der prämarxistischen Geschichtsphilosophie des jungen Marx als Kritik des Marxismus – blöd gelaufen.

2. Die Frage nach dem Gehalt von Theorie

Des weiteren montieren die SchönebergerInnen: „Für gelinde gesagt kühn halten wir das DGS-Manöver, Lederers (von Lyotard gemopsten) ‚Sprachspiele, Diskurse, Interpretationen’ umstandslos zur ‚Theorie’ machen, ohne auf deren Gehalt auch nur mit einem einzigen Wort einzugehen.“

Darauf, daß nach dem Gehalt von Theorien zu fragen ist, können wir uns sofort einigen. Mir schien nur, daß bei den SchönebergerInnen „Sprachspiele, Diskurse, Interpretationen“ vor jeder Frage nach dem Gehalt als Negativbegriffe fungieren.

3. Begriff und Wirklichkeit

Auch zu dieser Frage der SchönebergerInnen läßt sich leicht Einigkeit herstellen: „Leben wir nach wie vor in einer (wenn auch veränderten) patriarchalen, rassistischen Klassengesellschaft oder ist die heutige postmoderne Gesellschaft geprägt von Seibert’schen ‚Termen’, wozu neben ‚Klasse, gender, race’ auch so etwas gehört wie ‚Ästhetiken der Existenz’?“
a) Ja, es gibt eine ‚postmoderne’ Tendenz, (über die richtige Einsicht, daß die Fakten nicht von alleine, sondern erst ‚durch’ die Begriffe, auf die wir sie bringen, sprechen) zu vergessen, daß es aber sehr wohl nicht nur Begriffe, sondern auch Fakten gibt. Diese ‚postmoderne’ Tendenz ist dort, wo sie auftritt, zu kritisieren.5 Die vorgenannte richtige Einsicht ist aber wiederum nur die Unterstreichung einer Einsicht von Marx: nämlich der in der Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie formulierten Einsicht, daß die Begriffe im Kopf – durch gedankliche Arbeit – produziert werden, und sich nicht automatisch aus den Dingen ergeben.
‚Die Postmoderne’ (klar, es gibt auch andere) ist in Wirklichkeit nicht anti-materialistisch, sondern anti-empiristisch.6 Und anti-empiristisch war schon Marx’ Materialismus; und Lenin schrieb ein ganzes Buch gegen den Empiriokritizismus, eine Variante des Empirismus.
b) Ja, es gibt auch eine ‚postmoderne’ Tendenz die Unterscheidung zwischen „Struktur“ und „Symptom der Struktur“, die dem französischen Strukturalismus noch völlig klar war, aufzugeben und neben „Klasse, gender, race“ alles Mögliche auf gleicher Ebene anzusiedeln. Auch diese Tendenz muß kritisiert werden, so sie denn auftritt7 (ich werde unten noch mal in und bei FN 21 darauf zurückkommen).
Folglich auch umstandslose Zustimmung zu der Vermutung, die die SIBS an ihre nächsten drei Fragen anschließt: „Aber wäre eine ‚umfassende Analyse und Erklärung der gesellschaftlichen Verhältnisse als Ganzes’ denn erstrebenswert, z.B. als praxisleitende Erkenntnis? Oder ist schon der Versuch begrifflicher Verallgemeinerung eine totalisierende Vergewaltigung des Besonderen und Einzelnen? Lohnt es nach Zusammenhängen, Ursachen, Wirkungen zu fragen, oder ist das sinnlos (die Welt ist nicht erkennbar) und gefährlich (Aufklärung führt zu Utopien, und die enden in Unfreiheit)? Wir sind sicher, dass DGS diese Fragen genauso beantworten würde wie wir.“

4. Die Vernunft, die Macht und der Irrationalismus

Die SIBS setzt der von Jean Amery ‚der Postmoderne’ vorgeworfenen ‚Irrationalität’ entgegen: „Vernunft und Macht sind nicht eins.“
a) Wenn Postmoderne – trotz der schon angesprochenen [3.a)] Zweideutigkeiten in Sachen Idealismus – die Vernunft kritisieren, dann kritisieren sie in erster Linie die idealistische Vernunft der Philosophie Hegels, die die Wirklichkeit zum Nichts bzw. Nichtsein erklärt.8 Der materialistische Verstand der Wissenschaften sollte davon völlig berührt bleiben (ich weiß auch: bleibt er nicht immer – in Anbetracht der schon benannten postmodernen Zweideutigkeiten).
b) Was die – von den Wissenschaften produzierten – wahren ‚Ideen’ anbelangt, so macht die Postmoderne materialistisch geltend, daß diese Ideen nicht schon deshalb allmächtig sind, weil sie wahr sind (dies gilt im übrigen – entgegen Meister Lenin – auch in Bezug auf den Marxismus, von dem Lenin in einem hingeworfenen Satz sagte, daß er allmächtig sei, weil der wahr sei. Selbst, wenn wirklich alles am Marxismus wahr wäre, wäre jene Allmächtigkeit nicht garantiert – dies setzt die ‚Postmoderne’ dem bürgerlichen Aufklärungsoptimismus, dem manchmal auch die besten MarxistInnen erliegen, entgegen). Wissen und Macht sind gerade insofern verknüpft, als sich nicht immer die wahren Erkenntnisse (frz. connaissance), sondern oft das praktisch nützliche und mit Macht verknüpfte (Erfahrungs)wissen (frz. savoir), ‚wie es geht’, durchsetzt.
c) Aber zugegeben sei, daß diese Einsicht in die Verknüpfung von Wissen und Macht oftmals in einen unerfreulichen erkenntnistheoretischen Relativismus abstürzt, der jene Verknüpfung affirmiert (oder zumindest fatalistisch hinnimmt) statt kritisiert. Aber auch insofern ist die Postmoderne nur ein Kind des Marxismus. Die marxistische Variante dieser – falschen, affirmativen – Verknüpfung hieß „proletarische Wissenschaft“.9

5. Wertkritik und Postmoderne

Die SIBS relativiert in ihrem neuen Papier meinen Hinweis, daß „Ware“ keine Sache, sondern eine gesellschaftliche Form sei, mit einer Rückfrage und einige anschließenden Thesen:
„Geht es hier um das gesamte ‚Kapital’ oder um den ersten Band bis zum ‚Fetisch-Kapitel’? Bis dahin ist nämlich von ‚Ausbeutung und Klassen’ überhaupt nicht die Rede, sondern vom Tausch zwischen vermeintlich Freien und Gleichen. Vielleicht rennen wir bei DGS ja offene Türen ein, aber die ostentative Gegenüberstellung ‚Sachen zum Anfassen’ vs. ‚gesellschaftliche Formen’ hat für uns einen ‚wertkritischen’ Zungenschlag (was ja nicht per se falsch sein muss). Die verdienstvolle ‚Dekonstruktion’ eines ‚substanzialistischen’ (Michael Heinrich) oder (um es mit DGS zu sagen ‚naturalistischen’) Wertbegriffs verkommt zum ‚Zirkulationsmarxismus’ (G. Hanloser / K. Reitter, 2008), wenn die ‚Kapital’-Lektüre nach besagtem ‚Fetisch-Kapitel’ eingestellt und/oder der folgende zweifache Perspektivenwechsel unterschlagen wird“.
a) Ja, meine Betonung der Form mag vorderhand eine gewisse Ähnlichkeit mit der „Wertkritik“ haben. Aber ich kann Euch beruhigen, sowohl mein Marxismus als auch mein (Post)Strukturalismus-/De-Konstruktions-Verständnis geht sehr stark von Althusser aus. Und Althusser soll seinen SchülerInnen vorgeschlagen haben, einfach das ganze Fetisch-Kapitel zu überblättern, weil erst danach die wirklich marxistische Kritik der Politischen Ökonomie beginne.
b) Wenn ich recht sehe, sind die WertkritikerInnen recht frankfurterisch (die SchönebergerInnen weisen in dem Zusammenhang auf Adorno hin) geprägte Hegel-MarxistInnen; Althusser war dagegen Anti-Hegelianer. – Ich vermute mal, daß mein von Althusser (sowie Brecht und der frühsowjetischen künstlerischen Avantgarde – jeweils im Gegensatz zur [post]stalinistischen „Formalismus“-Kritik) geprägter Form-Begriff durchaus anders akzentuiert ist als der hegelianisch geprägte Form-Begriff der WertkritikerInnen.
c) Schließlich scheint es mir auch nicht korrekt zu sein, Michael Heinrich und die Wertkritik in einen Topf zu werfen (bspw. Robert Kurz ist von Heinrich ausdrücklich und m.E. weitgehend treffend kritisiert worden10), und, was die Reitter/Heinrich-Kontroverse anbelangt: Ich habe das von den SchönebergerInnen erwähnte Buch von Hanloser und Reitter zur Kritik an Heinrich nicht gelesen. Ich war aber vor längerer Zeit bei einer Diskussionsveranstaltung mit Reitter und Heinrich: Da schien mir eher Heinrich Recht zu haben – aus dem schlichten Grunde, weil Reitter lauter Sache kritisierte, die Heinrich bestritt jemals gesagt und/oder gemeint zu haben – und Reitter konnte oder wollte dem keine gegenteiligen Zitate/Belege entgegenhalten.

Aber, wie gesagt über alldiese philosophischen Fragen (die sich wohl [fast alle] in der Frage nach einer mehr marxismus-affinen oder mehr anti-marxistischen Postmoderne-Lesart bündeln lassen) müssen wir uns wohl nicht einigen, um ggf. eine Organisation von RevolutionärInnen in der BRD zu gründen.
Machen wir also zunächst einen Schritt von der Philosophie zu den Wissenschaften und dann – wie in der Überschrift angekündigt – zur revolutionären Politik.

II. … zum historischen Materialismus …

1. sex und gender

Die SIBS schlägt in ihrem neuen Papier – sozusagen gegen Butler vor – an der Unterscheidung zwischen sex und gender, biologischem und sozialem Geschlecht, festzuhalten.
Ich will mich diesbzgl. gar nicht übermäßig auf die Seite von Butler schlagen, sondern nur sagen:

a) Als historische MaterialistInnen, als GesellschaftswissenschaftlerInnen (wenn denn KommunistInnen zumindest Freizeit-GesellschaftswissenschaftlerInnen sein müssen) brauchen wir keinen Begriff von biologischem Geschlecht. In diesem begrenzten Sinne würde ich Butlers Auflösung von sex in gender (die sie ja nicht mit dem Anspruch vornimmt, damit einen Beitrag zur Biologie zu leisten) zustimmen. Ob es biologische Geschlechter gibt, müssen nicht ‚wir’, sondern die BiologInnen klären.

b) Daß es aber biologisch eindeutige Männer und biologisch eindeutige Frauen gibt, erscheint mir – als Nicht-BiologIn – vorderhand sehr plausibel. Allerdings – und dies ist dann auch an der Biologie gesellschaftswissenschaftlich und politisch wichtig – reduziert sich die biologische Vielfalt auch unter den Menschen nicht auf zwei Geschlechter, eindeutige Frauen und eindeutige Männer, sondern es gibt auch uneindeutige ‚Fälle’, nämlich Intersexuelle.
Ich würde also, Butler (oder die vorherrschende Butler-Lesart) insofern etwas korrigieren, als ich sagen würde: Es gibt zwar sehr wohl biologische Geschlechter, also biologisch eindeutige Männer und Frauen, aber die Zweigeschlechtkeit ist keine biologische Realität11, sondern die – ideologische – Projektion der gesellschaftlichen Zweigeschlechtlichkeit auf die Biologie12 (die bei Intersexuellen mit Zwangs-OPs gesellschaftlich durchgesetzt wird).

2. Vom wissenschaftlichen und politischen Nutzen der De-Konstruktion

Die SIBS schreibt: „Frauen und Männer sind (in der Regel) ‚untenrum’ verschieden und haben (in der Regel) auch kein Problem damit.“ Und: „Was daran [‚Geschlechterverwirrung’ zu schaffen,] ‚subversiv’ ist, erschließt sich uns (noch) nicht – wir sind aber gespannt auf den wahrscheinlich heftigen und hoffentlich solidarischen Streit mit den queeren FreundInnen.“

a) Also, apropos „sind […] verschieden“: Wie gesagt, es gibt die biologisch eindeutigen ‚Fälle’ (und das sind die weit überwiegenden Fälle), und „eindeutig“ heißt in dem Zusammenhang: Es gibt nicht nur ‚untenrum’ ein eindeutiges Erscheinungsbild, sondern: zur Vulva gibt es auch noch ‚passend’, ‚innendrin’, Eierstöcke und Gebärmutter, und es lassen sich xx-Chromosomen nachweisen bzw. spiegelbildlich: ein Penis geht mit der Abwesenheit von Eierstöcken und Gebärmutter und der Nachweisbarkeit von xy-Chromosomen einher. Aber, wie ebenfalls bereits gesagt: Es gibt auch Fälle, da fehlt es an dieser klaren Kongruenz.

b) Letzteres soll an dieser Stelle aber nicht erneut eine Rolle spielen, sondern vielmehr, daß die meisten Leute nicht nur biologisch eindeutige Männer und Frauen sind, sondern damit auch – wie die SchönebergerInnen betonen – „kein Problem“ haben und: welche Bedeutung De-Konstruktion in dem Zusammenhang haben soll und wie es um die Subversivität von Geschlechterverwirrung bestellt ist.

aa) Der letzte Punkt dürfte sich am einfachsten ausräumen lassen: Wenn Geschlechterverwirrung auf cross dressing (also die Verletzung der gesellschaftlich für das jeweilige biologische Geschlecht festgelegten Bekleidungs-, Frisur- und Kosmetiknormen [oder, um ein juridisches Verständnis von „Norm“ zu vermeiden: der „hegemonialen Bekleidungs-, Fisur- und Kosmetikkonventionen“] reduziert wird, so dürfte die Subversivität von Geschlechterverwirrung gegen Null tendieren und, soweit cross dressing ohnehin nicht auf Verwirrung, sondern auf problemloses ‚Passieren’ (als dem dargestellten Geschlecht zugehörig) ausgerichtet ist, die herrschenden Normen sogar vielmehr bestätigen. Auch Butler plädierte schon in Gender Trouble dafür, den Weg von der Parodie zur Politik (und nicht etwa den Weg von der Politik zur Parodie) zu gehen. – Aber zugeben: Da gab es anscheinend erhebliche Legasthenie-Probleme in der akademischen und subkulturellen queer-Szene…

bb) Was nun das „kein Problem damit [haben]“ anbelangt, so befinden wir uns mindestens im Übergangsbereich von sex zu gender.
-- Selbst wir das „damit“ im engen Sinne – also im Sinne ihrer biologischen Geschlechtsmerkmale, mit denen die Leute weit überwiegend keine Probleme haben – verstehen, so ist diese Verhältnis zu den biologischen Merkmale selbst kein biologisches Phänomen, sondern gesellschaftlich geprägt, also ein Aspekt von gender.
-- Noch mehr geht es um gender, wenn mit dem „damit“ nicht (ausschließlich) die Anatomie, sondern auch das in der gesellschaftlichen Wirklichkeit Mann- oder Frausein (oder traditioneller gesprochen: die Wahrnehmung der sozialen Rolle von Männern und Frauen) gemeint ist.

cc) Hier kommen wir nun – im Gegensatz zum cross dressing – zum politisch wirklich wichtigen Punkt des (de)konstruktivistischen gender-Diskurses – und wiederum haben wir einen Anknüpfungspunkt zum strukturalen Marxismus Louis Althussers.13
Judith Butler stellte in gender trouble die These auf, Geschlecht sei kein Haben, sondern ein Tun.14 Auch wenn das vielfach – im Sinne eines diskursiven Idealismus (aber davon setzte sie sich Body that matter [Körper von Gewicht] ausdrücklich ab15 – als in erster Linie gegen die Anerkennung materieller biologischer Realitäten verstanden wurde, ist das – jedenfalls für MarxistInnen – daran Wichtige, die damit verbundene Wendung zur Praxis.
Die gleiche Wendung vom Idealismus des Bewußtseins zum Materialismus der Praxis nahm Louis Althusser gut zwanzig Jahre vor Judith Butler vor. Er berief sich auf Blaise Pascal, einen katholischen Dissidenten des 17. Jahrhunderts, der in etwas sagte: „Knie nieder, falte die Hände zum Gebet und wirst glauben.“
Dies ist nicht chronologisch, sondern im Sinne der von den SchönebergerInnen angesprochenen Basis-Überbau-Metapher zu verstehen. In letzter Instanz entscheidend ist die ‚äußerliche’ materielle Praxis und nicht – wie die ‚deutsche Innerlichkeit’ meint – das ‚innerliche’ Denken und Fühlen.

dd) Jedenfalls, wenn das Schöneberger „damit“ im o.g. weiten Sinne verstanden wird, dann wird der Einsatz der bei der De-Konstruktion auf dem Spiel steht deutlich. „Frauen und Männer sind (in der Regel) ‚untenrum’ verschieden und haben (in der Regel) auch kein Problem damit.“ Wenn dieses „damit“ nicht nur im anatomischen, sondern im umfassenden (identitären und praktischen) Sinne verstanden wird, dann wird an diesem Beispiel deutlich, was gemeint ist, wenn kritisiert wird, daß die sex-gender-Unterscheidung noch einen Rest-Biologismus enthalte. Sex und gender sind dann nämlich in diesem Satz nicht so strikt getrennt, wie das die sex-gender-Unterscheidung zunächst einmal gegen einen allzu offensichtlichen Biologismus (richtigerweise) postuliert. Vielmehr stellt das „damit“ einen (grammatikalischer) Rückbezug auf den ersten Satzteil (wobei in der Schwebe bleibt, ob nur die Anatomie oder überhaupt das Mann- und Frausein gemeint ist) her.
Der zitierte Satz bedeutet (auch in seiner engeren Lesart):
++ Leute, die eine (eindeutig) männliche Anatomie haben, fühlen sich in der Regel auch (eindeutig) männlich.
++ Leute, die eine (eindeutig) weibliche Anatomie haben, fühlen sich in der Regel auch (eindeutig) weiblich.
++ Und dann gibt es die Ausnahmefälle, bei denen es mit dieser Kongruenz nicht so klappt (und außerdem die in dem Schöneberger Papier nicht erwähnten ‚uneindeutigen Fälle’).

ee) Diese drei Implikationen des Schöneberger Satzes beschreiben die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse zweifelsohne zutreffend. Und in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen gilt des weiteren – und jetzt kommen zum Geschlecht als Tun, zum doing gender:
++ Eine männliche Anatomie zu haben, heißt in dieser Gesellschaft in der Regel nicht nur, sich als männlich zu fühlen, sondern heißt in der Regel auch bestimmte Klamotten zu tragen, einen Vollzeitberuf in bestimmten Branchen zu haben, bestimmten Freizeitaktivitäten nachzugehen, sich ums Kloputzen zu drücken16 und bestimmte Vorstellungen davon aus haben, was Mannsein beim Sex bedeutet.
++ Und eine weibliche Anatomie zu haben, heißt in dieser Gesellschaft in der Regel nicht nur, sich als weiblich zu fühlen, sondern heißt in der Regel auch bestimmte andere Klamotten zu tragen, Hausfrau zu sein oder einen Teilzeitberuf zu haben, und wenn ausnahmsweise doch einen Vollzeitberuf zu haben17, ihn typischerweise in anderen Branchen oder jedenfalls auf anderer Entlohnungsstufe als Männer zu haben18, bestimmten anderen Freizeitaktivitäten nachzugehen, sich (notgedrungen oder aus Liebe) fürs Kloputzen zuständig zu fühlen und bestimmte Vorstellungen davon aus haben, was Frausein beim Sex bedeutet.

ff) Und in diesem Bereich liegt der wirkliche Einsatzpunkt der De-Konstruktion und der Geschlechterverwirrung: Er liegt nicht da, wo er oft vordergründig gesehen wird (Gibt es biologisch eindeutige Männer und Frauen?). Was der de-konstruktive Feminismus de-konstruiert ist nicht (oder jedenfalls nicht hauptsächlich) eine bejahende Antwort auf diese biologische Frage (für die GesellschaftswissenschaftlerInnen, PhilosophInnen und politische Aktivistinnen ‚in dieser Eigenschaft’ ohnehin nicht zuständig sind). Vielmehr de-konstruiert der de-konstruktive Feminismus den Rest-Biologismus, der noch in jenem ‚und kein Problem damit haben’ und jenem „in der Regel“ liegt.
Was Butler m.E. wirklich meint, auch wenn ihr vielleicht selbst gar nicht so klar ist, daß sie es genau so meint, ist nicht: ‚Es gibt keine biologischen Geschlechter’, sondern: ‚Es ist gesellschaftwissenschaftlich und politisch schlicht schnuppe19 (bzw. nur als ideologischer Rechtfertigungsmechanismus untersuchens- und kritisierenswert), ob Kloputzen typischerweise eine Tätigkeit von xx-Chromosom-Trägerinnen ist. Wissenschaftlich untersuchenswert und politisch kritisierenswert ist, daß überhaupt ein Teil von Menschen fürs Kloputzen zuständig ist und der andere Teil sich ziemlich erfolgreich darum drücken kann.’
Damit ist die de-konstruktivistische feministische Philosophie – wie Althusser gesagt hätte, wenn er Butler noch kennengelernt hätte – eine These für die Erkenntnis20: Eine These, die dazu herausfordert, radikal gesellschaftswissenschaftlich (ohne jeden Rest-Biologismus) jenen gesellschaftlichen Zustand, wie er gesellschaftlich hervorgebracht und wie er politisch überwunden werden kann, zu untersuchen. Und die de-konstruktivistische feministische Philosophie ist darüber hinaus (da sie, wie Lenin gesagt hätte, anders als die Wissenschaften nicht objektiv, sondern parteilich ist) eine These für revolutionäre politische Praxis: Nämlich die Aufforderung mit jenem gesellschaftlichen Zustand gründlich aufzuräumen. Und gründlich aufgeräumt mit jenem gesellschaftlichen Zustand ist nicht schon, wenn cross dressing so sehr verbreitet ist, daß es als cross dressing gar nicht mehr erkennbar ist, sondern, wenn bspw. Kloputzen und Nicht-Kloputzen nicht mehr eine Scheidelinie zwischen gesellschaftlichen Gruppen ist.

gg) Oder noch einmal anders gesagt: Der gesellschaftliche Normalzustand ist, kein (großes) Problem damit zu haben, Mann- oder Frau zu sein, daß es Männer und Frauen gibt. Die meisten Frauen sind schon zufrieden, wenn der Mann im Haushalt ein bißchen ‚mithilft’.
Und es ist auch gesellschaftlicher Normalzustand kein (großes) Problem damit zu haben, LohnarbeiterIn oder KapitalistIn zu sein. Die meisten LohnarbeiterInnen sind schon zufrieden, wenn es etwas mehr Lohn gibt (oder heutzutage schon, wenn er nicht allzu sehr sinkt).
Der politische Horizont der allermeisten LohnarbeiterInnen ist heute immer noch, einen ‚Gerechten Lohn für ein gerechtes Tagwerk’ zu verlangen, also als ‚gute LohnarbeiterInnen’ anerkannt zu werden.
Auch die meisten Männer und Frauen wollen als richtige Männer und richtige Frauen erkannt und dafür belohnt werden, daß sie ihre Geschlechterrolle gut ausfüllen.
Was bei der De-Konstruktion von Geschlecht, bei der Geschlechterverwirrung, auf dem Spiel steht, ist also die gleiche Bewegung, die Marx vornahm, als er vorschlug, die Parole ‚‚Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk!“ durch die Parole „Nieder mit dem Lohnsystem!“ zu ersetzen. Der Übergang von trade-unionistischem zu revolutionärem Bewußtsein ist die Ent-Identifizierung von der ‚Rolle’ als ‚guteR ArbeiterIn’, ‚gute Mutter’ und ‚gute Hausfrau’. Und der Geschlechterverrat liegt darin, sich von der ‚Rolle’ als „Familienernährer“, der weil er ‚seine’ Familie ‚gut’ ernährt, vom Kloputzen freigestellt ist, und der, weil er einen Penis hat, derjenige ist, der dem Sex aktiv penetriert, zu ent-identifizieren.

3. Hauptwidersprüche, Nebenwidersprüche, Grundwidersprüche – und die Perspektiven einer Weltrevolution

Die SchönebergerInnen schreiben, daß es gar nicht so falsch sei, zu sagen, daß sie immer noch in der Kategorie von Haupt- und Nebenwidersprüchen denken. Da hätte ich in dieser Allgemeinheit gar nichts gegen einzuwenden.
Eines der vielen Probleme dabei ist bloß, daß in der – insgesamt schiefgelaufenen und in diese Form tunlichst nicht zu wiederholenden – Debatte über Haupt- und Nebenwidersprüchen – von welcher Seite auch immer eingeführt –, die – von Mao zumindest terminologisch unterschiedenen – Kategorien des Haupt- und des Grundwiderspruchs vermischt wurden (und daß „Nebenwiderspruch“ wohl ein Gegenbegriff sowohl zu „Hauptwiderspruch“ als auch zu „Grundwiderspruch“ war und es nicht zwei unterschiedliche Antonyme gab/gibt).
Die von vielen MarxistInnen damals verfochtene These war: ‚Der Klassenwiderspruch zwischen Bourgeoisie und Lohnabhängigen ist der Hauptwiderspruch, und der Widerspruch zwischen den Geschlechtern ist ein Nebenwiderspruch (oder ohnehin nur von irgendwelchen Emanzen eingebildet).’
Ich würde nun, mit noch etwas unpräziser Terminologie und ohne den Anspruch getreulicher Mao-Interpretation, vorschlagen wollen, zu sagen:

a) Grundwidersprüche:

++ Der Widerspruch zwischen Bourgeoisie und Lohnabhängigen ist der Grundwiderspruch der kapitalistischen Produktionsweise. Die Widersprüche zwischen Groß- und Kleinbourgeoisie sowie zwischen FacharbeiterInnen, ungelernten und akademisch ausgebildeten Lohnabhängigen, zwischen sozialdemokratischen Lohnabhängigen und kommunistischen ‚Lohnabhängigen’ sind (in dem Sinne) Nebenwidersprüche.

++ Der Widerspruch zwischen Männern und Frauen ist der Grundwiderspruch des Patriarchats. Die Widersprüche zwischen Cis- (= Nicht-Trans-) und Trans-Männern, zwischen heterosexuellen und schwulen Männern sowie Cis- und Trans-Frauen, zwischen heterosexuellen und lesbischen ‚Frauen’ sowie die medizinische Herrschaft über Intersexuelle sind Nebenwidersprüche.21
(Die „‚Lohnabhängigen’“ hinter „kommunistischen“ und die „‚Frauen’“ hinter „lesbischen“ stehen hier deshalb in einfachen Anführungszeichen, weil KommunistInnen nicht als Lohnabhängige, sondern zur Überwindung von Lohnabhängigkeit politisch aktiv sind. In ähnlicher Weise sagt Monique Wittig, daß Lesben keine Frauen seien, denn:
„the category ‚woman’ as well as the category ‘man’“ seien „political and economic categories not eternal ones“. „For what makes a woman is a specific social relation to a man, a relation that we have previously called servitude, a relation which implies personal and physical obligation as well as economic obligation (‘forced residence,’ domestic corvee, conjugal duties, unlimited production of children, etc.), a relation which lesbians escape by refusing to become or to stay heterosexual.“ – Die mit diesem Definitionsvorschlag verbundene Schwierigkeit, daß offensichtlich nicht alle, die sich als Lesben verstehen, diesem revolutionär-feministischen Maßstab genügen, liegt auf der Hand. Trotzdem soll diesem begrifflichen Vorschlag hier gefolgt werden, da er der einzige mir bekannte Vorschlag ist, der eine antibiologistische Geschlechterdefinition konsequent durchhält und mit einer Perspektive der Überwindung [statt Vervielfältigung] der Geschlechter verbindet.)

++ Grundwidersprüche sind also theoretische Begriffe der Analyse der grundlegenden Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse in der Gesellschaft. Und in jedem dieser grundlegenden Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse gibt es genau einen Grundwiderspruch und dieser ist antagonistisch, kann also nur auf revolutionäre Weise gelöst werden. (Wie viele dieser grundlegenden Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse es gibt, ist eine Frage der wissenschaftlichen Analyse. Ich tendiere im Moment dahin, daß es drei davon gibt: Klassenherrschaft, Patriarchat und Rassismus.)22

b) Hauptwidersprüche:
++ Hauptwidersprüche sind dagegen Begriffe zur Analyse konkreter Gesellschaftsformationen zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt (oder zur Analyse noch ‚kleinerer Analyseobjekte’). Ich würde mich vermutlich der nicht nur stalinistischen These anschließen, daß der Hauptwiderspruch zur Zeit des Zweiten Weltkrieges der Widerspruch zwischen Faschismus und Antifaschismus war. Wenn ich recht sehe, würde demgegenüber bestimmte linkstrotzkistische Tendenzen dies bestreiten und sagen: ‚Auch zu dieser Zeit war der Widerspruch zwischen LohnarbeiterInnen und Kapital nicht nur der Grundwiderspruch der kapitalistischen Produktionsweise, sondern auch der aktuelle Hauptwiderspruch in den kriegsführenden kapitalistischen Ländern.’
++ Es ist zumindest denkbar (vermutlich sogar sehr häufig so), daß es in einer konkreten Gesellschaftsformation zu einem bestimmten Zeitpunkt mehrere Haupt- oder sagen wir besser: besonders aktuelle, besonders brennende Widersprüche gibt. Und diese Widersprüche müssen nicht antagonistisch sein, sondern können (und sind vermutlich sogar sehr häufig) nicht antagonistisch.
++ Was die Zahl der Hauptwidersprüche anbelangt, mag bspw. diskutiert werden, ob es im SDS 1968 einen oder zwei Hauptwidersprüche gab: Als Kandidaten kommen in Betracht der Widerspruch zwischen kommunistischen (darin die Nebenwidersprüche zwischen revisionistischen, maoistischen und trotzkistischen KommunistInnen) und ‚antiautoritären’ Tendenzen sowie der Widerspruch zwischen entstehender feministischer Bewegung und Männer-Linken.
++ Heute, würde ich mal etwas ungeschützt und improvisiert in die Debatte werfen, sind die gesellschaftlichen Hauptwidersprüche die zwischen 1. neoliberalem, eurozentristischen (Kultur)imperialismus und reaktionärem islamischen ‚Antiimperialismus’, zwischen 2. Neoliberalismus und sozial-ökologischem new deal (wobei ersterer weiterhin eindeutig hegemonial ist) sowie 3. die kulturalistischen Spaltungslinien innerhalb der Lohnabhängigen zwischen den ‚postmodernen’ sog. ‚neuen Mittelschichten’, fordistischer FacharbeiterInnenschaft und Prekariat (wobei Fraktion 1 und 2 mittlerweile in etwa gleich stark sind und Fraktion 3 schwächer). Einer der herausragenden Widersprüche innerhalb des letztgenannten Widerspruchs ist der Widerspruch zwischen Feminismus einerseits sowie Sozialdemokratismus und Marxismus andererseits; ein anderer – jedenfalls in der BRD – der zwischen Antideutschen (eher PoMo) und Antiimps (eher Prekariat).
++ Sollen nun alle drei gesellschaftlichen Grundwidersprüche (die zwischen Kapital und Arbeit, Männern und Frauen sowie Weißen und Schwarzen) gemeinsam (‚gleichsinnig’) zum Thema gemacht und aktuelle gesellschaftliche Hauptwidersprüche werden, so muß es gelingen den kulturalistischen Widerspruch zwischen den Lohnabhängigen zu ‚lösen’ oder, realistischer gesagt, einer produktiven Bewegungsform zuzuführen. Und letztgenannter Realismus ist deshalb unabdingbar, weil die Klasse der Lohnabhängigen nicht nur aufgrund kulturalistischer Fehlorientierungen, sondern auch aufgrund der realen gesellschaftlichen Widersprüche zwischen Männern und Frauen sowie Weißen und Schwarzen gespalten ist.23 Eine Einheit der Lohnabhängigen ist also nur in dem Maße möglich, wie sich die Kämpfe der Frauen und Schwarzen entwickeln und lohnabhängige Männer und Weiße bereit werden, ihre Herrschafts- und Ausbeutungsposition aufzugeben. Sie erfordert darüber hinaus die Neudefinition eines linken, herrschaftskritischen Antiimperialismus unter Aufarbeitung sowohl der diesbzgl. (volksfrontistisch und geopolitisch motivierten) sowjetischen Fehltritte der (Post)Stalin-Zeit und der Fehltritte der anti-‚sozialimperialistischen’ VR China und der insb. bundesdeutschen Stadtguerillagruppen der 70er Jahre sowie eine glasklare und ausdrückliche Abgrenzung vom islamischen Fundamentalismus. Linker Antiimperialismus ist nur in doppelter Abgrenzung sowohl zu Imperialismus als auch reaktionärem Antiimperialismus wiederzugewinnen.24
RevolutionärInnen, KommunistInnen, können sich um diese doppelte Abgrenzung auch unter dem Deckmantel des Humanitären nicht herumdrücken.
(Denkbar sind allerdings auch andere Bündnislinie: z.B. eine schwarze klassen- und geschlechterübergreifende antirassistische Revolution. Falls sich das kapitalistische Zentrum von Europa und Nordamerika nach Asien, Lateinamerika und Südafrika verschiebt, könnte so etwas Ähnliches durchaus passieren [Obama mag dafür ein erstes Indiz sein] [Und wenn das dann eher ein chavezistischer – ‚Sozialismus des 21. Jahrhunderts’ genannter – sozialdemokratischer und kein chinesischer – ‚kommunistisch’ genannter – neoliberaler Kapitalismus wird, dann wäre das sicherlich nicht das schlechteste, was in den nächste rund 100 Jahren auf der Welt passieren kann]. Schwieriger zu bewerkstelligen wäre vermutlich eine klassen- und rassenübergreifende feministische Revolution gegen rund 50 % der Weltbevölkerung, die ihre Männerrolle verteidigen.25)

c) Nebenwidersprüche:
++ Blieben zum einen noch die Neben- und Nebenneben- usw. -widersprüche. Auch sie sind nicht völlig irrelevant oder gar inexistent. Aber es dürfte klar sein, daß es keinen Sinn hat, zu einem Thema, das in einer Millionenstadt 10 Leute interessiert zehn Demonstrationen pro Jahr zu veranstalten. Auch dürfte sich ein solches Thema nicht zum Hauptmotto einer 1. Mai-Demo eigenen. – Allerdings ist auch die Antwort auf die Frage, wieviel Leute sich für ein Thema interessieren, keine feststehende Größe, und so kann auch ein solches Thema wert sein, Titelthema einer Organisationszeitung oder Thema eines Organisationskongresses zu werden.

d) Überlagerung der Widersprüche
++ Zum anderen ist noch einmal auf die Frage nach dem Ganzen zurückzukommen. Wie oben schon gesagt: Ja, eine „umfassende Analyse und Erklärung der gesellschaftlichen Verhältnisse als Ganzes“ ist sehr wünschenswert, aber ist nicht vorhanden, nicht einmal in Ansätzen absehbar und wahrscheinlich auch nicht im Rahmen einer politischen Programmdebatte zu leisten. Was es einerseits gibt sind mehr oder minder schiefe Metaphern: Mehrfachunterdrückung; Macht als netzförmige; Intersektionalität oder – wie die SchönebergerInnen vorschlagen – „Verschränkung“. Auch „Überdeterminierung“, die Althusser von einem psychoanalytischen Begriff zu einer philosophischen Kategorie machte, ist dadurch noch nicht zu einem gesellschaftswissenschaftlichen Begriff geworden, sondern zu einem philosophischen Hinweis (zu einer philosophische Anregung), was für ein gesellschaftswissenschaftlicher Begriff (welche gesellschaftswissenschaftliche Begriffe) zu entwickeln sind – also einen oder mehrere Begriffe für die Mechanismen der teils verstärkenden, teils abschwächenden26 – gegenseitigen Überlagerungen der verschiedenen Widersprüche.

III. … zur revolutionären Organisierung

1. Für revolutionäre Politik ohne geschichtsphilosophische Durchhalteparolen

An dieser Stelle soll noch einmal auf die Geschichtsphilosophie-Kritik vom Anfang und den Einsatz, den sie für revolutionäre Politik darstellt, zurückgekommen werden. Gerd Elvers schreibt bei scharf-links zum Satz im Linkspartei-Programmentwurf, „Wir halten an dem Menschheitsraum fest, dass eine bessere Welt möglich ist.“, unter anderem:
„Aus dem Satz spricht ein gewisser Trotz…wir halten fest .. wir kommen aus einer nichtbenannten Vergangenheit, wo wir schon diese Position hatten. Gegen wen dieser Trotz vorgetragen wird, ist nicht benannt. Ist es der Kapitalismus oder die bisherige eigene Resignation?“
Einen solchen „Trotz“, der seine Gründe nicht nennt, kann revolutionäre Politik nicht gebrauchen. Er taugt nur als das ‚Gewissen’ beruhigende, eine reformistische Alltagspraxis begleitend Sonntagsrede – und deshalb haben es RevolutionärInnen nicht nötig derartige Geschichtsphilosophie, Gerd Elvers spricht nicht zu Unrecht von „Metaphysik“27, gegen die postmoderne These vom „Ende der großen Erzählungen“ zu verteidigen. Revolutionäre Politik findet ihren Rückhalt nicht in einem metaphysischen Traum, sondern in der Entfaltung einer ‚physischen’ (materiellen) Praxis. Revolutionäre Politik unterscheidet sich von reformistischer nicht dadurch, daß gerade erstere an einem Traum festhalten würde, während erstere ihn aufgeben würde, sondern durch eine andere Praxis bereits hier und jetzt, während gerade reformistische Politik den „Menschheitstraum“, die Große Erzählung, als ideellen Kompensation ihrer im Kleinklein gefangenen Praxis benötigt.

Zu den konkreten Vorschlägen im Abschnitt „Verabreden wir uns verbindlich…“ –
völlige Zustimmung von mir; allein, daß vielleicht noch anzumerken ist:

2. Selbstkritisches zum Zeitplan

Die SchönebergerInnen schrieben in ihrem ersten Papier vom März dieses Jahres: „1000 ernsthaft Interessierte / Beteiligte bis Mitte / Ende diesen Jahres sind ein anspruchsvolles, aber realistisches Ziel.“ Ich schlug in meinem Papier von Anfang Juni diesen Jahres vor, den Zeitplan bis in den kommenden Sommer zustrecken.
Jetzt haben wir Mitte August und von den Schritten, die ich Anfang Juni vorgeschlagen hatte, ist bisher nur die Einrichtung eines blogs zur Organisierungsdebatte erfolgt.
Die von mir für spätestens Ende August vorgeschlagene „Erarbeitung eines – von einer gewissen Anzahl von bereits existierenden Gruppen/Organisationen und Einzelpersonen zu unterzeichnenden Aufrufes […] zu einem spektren-übergreifenden linken Diskussionsprozeß, in dem der Vorschlag zur Gründung einer Neuen Antikapitalistischen bzw. Revolutionären Organisation geprüft wird“, schlagen die SchönerbergerInnen nun für den Spätherbst vor.
Ich denke, zu einem verantwortungsvollen, nicht-voluntaristischen und das schließt auch ein: selbstkritischen Umgang mit dem zur Diskussion gestellten Organisierungsvorschlag gehört auch, deutlich zu sagen, die Möglichkeit schnell Diskussionsergebnissen zu kommen erheblich überschätzt wurde.
Insbesondere die Erweiterung des bisher an der Diskussion vor allem beteiligten linkssozialistischen und trotzkistischen Spektrums in Richtung feministischer, autonomer und antirassistischer Zusammenhänge wird noch jede Menge geduldige Gesprächs-, konkreter Beteiligungsangebote und geduldiges Zuhören erfordern. Das politische und persönliche Vertrauen, das für eine verbindliche, längerfristige Zusammenarbeit in dieser Breite erforderlich, ist von den bisher an der Diskussion vor allem Beteiligten MarxistInnen erst noch zu erwerben.

3. Arbeitskonferenz, Debattenverlauf und Spektrenerweiterung

Die SchönerbergerInnen schlagen jetzt vor:
„Wir orientieren auf eine größere Konferenz aller ernsthaft Interessierten im Spätherbst, vielleicht bei den rheinischen GenossInnen der SoKo […]. Um zu verdeutlichen, dass wir es ernst meinen ohne größenwahnsinnig geworden zu sein, versuchen wir gemeinsam bis dahin einen möglichst strömungsübergreifenden Aufruf von 20 – 40 Leuten hinzukriegen. Keinen ‚Gründungsaufruf’, sondern sozusagen einen Appell zur ‚Prüfung der Organisationsfrage’. Die Konferenz hätte dann zwei Aufgaben: Einerseits eine ‚Heerschau’ (wie viele sind wir, wie viele können wir realistischerweise in absehbarer Zeit werden), andererseits eine programmatische Sortierung des Gemeinsamen und Trennenden der bis dahin geführten Debatte.“
Wenn das in der genannten Weise strömungsübergreifend klappt, wäre ich damit völlig einverstanden. Dies würde aber voraussetzten, daß sich in ersten Wochen nach Sommerpause eine relevante Anzahl an weiteren Einzelpersonen und Gruppen im Grundsatz zustimmend in die Debatte einklinkt.
Sollte dies dagegen nicht passieren, schiene es mir deutlich sinnvoller die Reihenfolge von Konferenz- und Aufruferstellung umzudrehen:
► Zunächst eine Arbeitskonferenz der bisher Interessierten und dort Beratung, wie eine Erweiterung ins autonome, feministische und antirassistische Spektrum gelingen kann und Aufteilung konkreter Arbeits- und Gesprächsführungsschritte unter den bis dahin Beteiligten.
► Und erst dann, wenn diese Erweiterung gelungen ist, Formulierung des erwähnten ‚Organisations-Gründungs-Prüfungs’-Aufrufes.

  1. Diese Antwort entstand weitgehend noch, bevor ich vor rund drei Wochen das erste Mal an einem SIBS/SIB-Treffen teilnahm. – Ich habe jetzt, vor Veröffentlichung nur die – von einem kritischen Entwurfs-Leser gewünschten – statistischen Angaben in den FN 16 bis 18 nachgearbeitet. [zurück]
  2. Vgl. Jutta Kolkenbrock-Netz / Klaus Krone, Diskussion über Dialektik, in: Marxistische Blätter Mai/Juni 1976, 117 – 119 (118). [zurück]
  3. Statt dies weiter auszuführen, sei auf meine diesbzgl. Kritik an Žižek und Badiou verwiesen: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/06/27/bombardiert-das-hauptquartier-der-philosophen-koenige-oder/; vgl. http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/07/02/kommunismus-ohne-prophetie/. [zurück]
  4. Diese defensive sowjetische Reaktion auf das nächst sozialdemokratische, dann frankfurterische Ausgraben und Beanspruchen des jungen Marx (statt zu sagen: Ihr könnt Marx, den Geschichtsphilosophen, gerne haben; wir behalten Marx, den Wissenschaftler und Kommunisten, wurde von Althusser einer sozusagen früh-dekonstruktivistischen Kritik unterzogen: „Über den jungen Marx“ (Fragen der Theorie) (1960), in: Für Marx, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1968 (erweiterte Neuauflage: 2011; taz-Rezension), 9 – 44 (engl. Fassung im internet unter: http://www.marx2mao.com/Other/FM65i.html#s2). [zurück]
  5. http://theoriealspraxis.blogsport.de/images/DIPLEND_KorrNeuformat_271009_FIN.pdf, S. 80 – 88. [zurück]
  6. http://theoriealspraxis.blogsport.de/2008/11/05/gegenempirismus-und-idealismus/. [zurück]
  7. http://theoriealspraxis.blogsport.de/1996/10/10/pluralismus-und-antagonismus/, S. 23 – 28.
    [zurück]
  8. Lucio Colletti, Von Hegel zu Marcuse, in: alternative H. 72/73: Literatur und Revolution. Beiträge aus Italien Juni/Aug. 1970, 129 – 149 (129 f.): „Alles, was die Philosophie oder der Idealismus behauptet, d.h. daß das Endliche ‚nicht ist’ und das Un­end­li­che ‚ist’, wird vom Verstand um­gekehrt dargestellt. Der Materialismus und die Wissenschaft sind also“ – für Hegel – „die Un­philo­sophie, d.h. die Antithese oder Verneinung der Philo­sophie.“ [zurück]
  9. http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/11/07/konvergenzen-des-wissenschaftstheoretischen-relativismus/. [zurück]
  10. Michael Heinrich, Blase im Blindflug. Hält das „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz, was der Titel verspricht?, in: Konkret März 2000, S. 40 – 41; online unter: http://www.oekonomiekritik.de/600Blase.htm. [zurück]
  11. http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/08/26/gibt-es-ausschliesslich-zwei-geschlechter/ [zurück]
  12. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-70305, S. 81 f. [zurück]
  13. Vgl. zur Verbindung Althusser-Butler: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-127036. [zurück]
  14. http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/10/28/doing-gender-und-die-hergestelltheit-und-variabilitaet-unserer-identitaeten/. [zurück]
  15. Vgl. dazu und den diesbzgl. Ambivalenzen Butlers http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-70305, S. 359, FN 223. [zurück]
  16. Daran ändert auch der steigende Anteil von Single-Haushalten nichts Grundlegendes: „Das Statistische Bundesamt hat 2001 in seinem Mikrozensus nur ermittelt, dass 17 % der Menschen in Ein-Personen-Haushalten lebten. Da in dieser Zahl auch Wohngemeinschaften, die im Mikrozensus als mehrere Ein-Personen-Haushalte erfasst werden, enthalten sind, ist jedoch auch diese Zahl nicht eindeutig. Nach dem Mikrozensus 2005 des Statistischen Bundesamtes leben 26 Prozent aller deutschen Frauen ohne Partner (im Vergleich zu 18 Prozent der Männer): 8,651 Millionen alleinstehende und 2,236 Millionen alleinerziehende Frauen.“
    Von den Alleinlebenden bilden wiederum Witwen, die ihre Ehemänner überleben, einen erheblichen Anteil, während alleinlebende Männer – wegen deren Entlohungsvorteile (s. FN 18) – es sich eher leisten können, die Hausarbeit an andere Personen gegen Bezahlung zu delegieren. In Rechnung zustellen ist auch, daß bei getrennt wohnende heterosexuellen Paaren die Frauen vermutlich einen Teil der Hausarbeit in den Haushalten ihrer Partner erledigen. Für genaue Zahlen zur Hausarbeitsverteilung auf dem Stand von um die Jahrtausendwende siehe: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-70305, S. 113 – 131. „Selbst dort, […], wo der Diskurs der Individualisierung am stärksten geführt wird und der Intimcode ‚Partnerschaft‘ die Gleichberechtigung der Geschlechter vorsieht, also in den urbanen Zentren und in der gebildeten Mittelschicht (individualisiertes Milieu) wird die Praxis der Paarbeziehungen weiterhin durch asymmetrische Geschlechtsnormen […] reguliert, […] während er in den beiden anderen untersuchten Milieus [dem familistischen und dem traditionalen, d. Vf.In] gar nicht erst gestellt wird.“ (Cornelia Koppetsch / Günter Burkart unter Mitarbeit von Maja S. Maier, Die Illusion der Emanzipation. Zur Wirksamkeit latenter Geschlechternormen im Milieuvergleich, Universitäts-Verlag: Konstanz, 1999, 610 – Hv. i.O.) Auch bei jüngeren Paaren ist die Ungleichverteilung der Hausarbeit nur dann geringer, wenn bzw. solange es sich um kinderlose Paare handelt (Erlend Holz, Zeitverwendung in Deutschland – Beruf, Familie, Freizeit –, Metzler-Poeschel: Stuttgart, 2000, 116 f.). Eine OECD-Studie von 2011 (Langfassung), die beansprucht, sämtliche unbezahlte Arbeit (also auch Gärtnern, mit dem Hund Gassi gehen [beides explizit genannt] und vermutlich auch Handwerkeln, Auto reparieren, ehrenamtliche Tätigkeit im Sportverein u.ä.) zu erfassen (S. 10), kommt zu dem Ergebnis, daß in der BRD Frauen ca. eineinhalbmal soviel unbezahlte Arbeit leisten wie Männer (ca. 280 ggü. 180 Stunden/Tag) (S. 15). Der weite Begriff von unbezahlter Arbeit dürfte – im Vergleich mit Haus- und Erziehungsarbeit im engeren Sinne dazu geführt haben –, daß die Ungleichverteilung geringer ausfällt als in anderen Studien (vgl. S. 22 – zusammenfassend für alle OECD-Länder: „Women cook, clean and care while men build and repair“). [zurück]
  17. Die Frauenerwerbsquote lag 2005 in der BRD bei knapp 67 % (http://de.wikipedia.org/wiki/Frauenerwerbsquote), was einer Zahl von rund 16 Mio. erwerbstätiger Frauen entspricht. Von diesen leistet gut die Hälfte normalerweise weniger als 36 Std./Woche Erwerbsarbeit (http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Arbeitsmarkt/Arbeitskraefteerhebung/Tabellen/Content75/ErwerbstaetigeWochenarbeitszeit.psml), sodaß also die Frauenvollzeiterwebsquote gut 30 Prozent beträgt. Auch von diesen 30 Prozent hat – wegen Kindererziehungszeiten und anderer Umstände – ein Teil keine durchgehende Erwebsbiographie, während für Männer eine durchgehende Vollzeiterwerbsbiographie weiterhin der Normalfall ist. [zurück]
  18. Frauen verdienen auch bei gleichen Anforderungen, gleicher Qualifikation usw. 8 Prozent weniger als Männer; oder umgekehrt ausgedrückt: Die Männerlöhne sind um fast 9 % höher als Frauenlöhne.
    Ohne derartige Faktoren herauszurechnen, sind die Frauenlöhne gut 23 Prozent niedriger als die Männerlöhne; bzw. die Männerlöhne gut 30 Prozent höher. [Der Unterschied ergibt sich daraus, ob in der Formel (G-W) x 100 / G = p die niedrigeren Frauen- oder die höheren Männerlöhne als G bzw. W gesetzt werden.]
    Vgl.: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2011/03/PD11__120__621,templateId=renderPrint.psml; http://www.fembio.org/biographie.php/frau/comments/equal-pay-day-23-oder-30-prozent-unterschied/. [zurück]
  19. Und „schlicht schnuppe“ ist das im Rahmen einer sex-gender-Unterscheidung nicht, wenn dabei doch immer eine – wenn auch lockere oder, wie HegelianerInnen sagen würden, ‚vermittelte’ – Beziehung zwischen sex und gender als bestehend angesehen wird. [zurück]
  20. Vgl. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-70305, S. 365, FN 192. [zurück]
  21. In solch einer Perspektive ergibt sich dann wahrscheinlich auch eine Antwort auf die Schöneberger Frage: „Warum eigentlich sollen Opfer von Behindertenfeindlichkeit sich mit einer Rolle im ‚Nebenwiderspruch’ abfinden?“
    Die Behindertenfeindlichkeit dürfte im wesentlichen ein Effekt eines kapitalistischen (auch im ‚Real’sozialismus nur teilweise überwundenen) Leistungs- und machistischen Körperverständnisses sein. [zurück]
  22. http://arschhoch.blogsport.de/2011/07/28/von-quietscheenten-liebesbeziehungen-und-fidelio-zum-stand-der-oekumenischen-initiative-aus-dem-ratskeller-schoeneberg/#comment-47, Abschnitt „3. Rassismus und Patriarchat“. [zurück]
  23. Und auch die Widersprüche zwischen akademisch und berufsschulisch ausgebildeten und entsprechend beschäftigten und prekarisierten Lohnabhängigen sind real. Auch für diese Widersprüche können unter kapitalistischen Verhältnissen bestenfalls produktive Bewegungsformen gefunden werden, während einer Lösung erst unter postkapitalistischen Verhältnissen mit allgemeinem Zugang zu theoretischer Bildung näherzukommen ist. [zurück]
  24. http://maedchenblog.blogsport.de/2010/06/20/dis-identification-means-to-transform-the-imperialist-war-into-revolutionary-civil-war/. [zurück]
  25. http://theoriealspraxis.blogsport.de/andere/monique-wittig-one-is-not-born-a-woman/ [zurück]
  26. Vgl. das Grundsatzpapier von AVANTI: „Sie [Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat] sind miteinander verwoben, unterstützen sich gegenseitig und widersprechen sich auch manchmal.“ [zurück]
  27. http://www.scharf-links.de/90.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=17647&tx_ttnews[backPid]=89&cHash=f148b956d6 – Wenn Gerd Elvers vorschlägt, jene Metaphysik durch Bezugnahme auf eine kommunistische „Utopie“ zu ersetzen, so scheint mir noch nicht viel gewonnen zu sein. [zurück]
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19 Antworten auf „Von der Philosophie zur Politik“


  1. 1 michael ernst 21. August 2011 um 20:07 Uhr

    „Da in dieser Zahl auch Wohngemeinschaften, die im Mikrozensus als mehrere Ein-Personen-Haushalte erfasst werden, enthalten sind, ist jedoch auch diese Zahl nicht eindeutig.“
    Diese Aussage ist so sachlich nicht richtig!
    Bei der Mikrozensuserhebung werden die Bewohner einer Wohngemeinschaft befragt, ob sie sich als ein gemeinsamer Haushalt verstehen, oder ob sie sich lediglich eine Wohnung teilen. Im ersten Fall wird von einem gemeinschaftlichen Haushalt ausgegangen, in letzterem Fall zählen die einzelnen Bewohner jeweils als „Single-Haushalt“.
    Es hängt also von der jeweiligen Antwort ab!

  2. 2 DGS / TaP 22. August 2011 um 10:15 Uhr

    Vielen Dank für den Hinweis. Hast Du ihn auch bei der Wikipedia gepostet – damit das Unzutreffende nicht von weiteren Leuten abgeschrieben wird?

  3. 3 Frank Braun 22. August 2011 um 23:00 Uhr

    Hallo Detlef Georgia,

    v.a. der letzte Teil von „Von der Philosophie zur Politik“, veranlasst mich zum Widerspruch.
    Wenn es nur, wie du schreibst, aus dem ‚linkssozialistischen und trotzkistischen Spektrum‘ Teilnehmer an unserer Initiative gibt oder geben sollte, haben wir, so glaube ich noch nicht Anlaß, von einem Erfolg unserer Bemühungen auszugehen.
    Nichts gegen linkssozialistische oder trotzkistische Gruppen oder Individuen, aber auch und v.a. die ganz Linken in der PDL und die Linken in der DKP und MLPD und etc.pp. sind für sich genommen politisch am Ende und ohne Perspektive jenseits bloßen Überlebens als label. Aber mindestens zahlenmäßig verbirgt sich dahinter jene Anzahl von Genossinnen und Genossen, die für einen deutlicheren Neustart erforderlich wären.
    Darüber wird im Spektrum der Initiative-Unterstützer noch ausgiebig zu sprechen sein. Auch wird gerade die beständige Agonie der Gescheiterten aufzuklären sein.
    Da dem aber so ist und damit der ‚große Knall‘ eines neuen organisatorischen Impulses so wohl nicht stattfinden kann – alles nabelt sich nur langsam ab – sollte auf politische Kooperation der ‚Überzeugten‘ und ‚Dynamischen‘ gesetzt werden.
    D.h. schon jetzt dürfte klar sein, daß eine antikapitalistische Verständigung quasi organisch wachsen muß, von Regionalkonferenz zu Regionalkonferenz, vielleicht auch von Kampagne zu Kampagne, beharrlich und vor allem klug. Und vielleicht hat R. Schlosser (Bochum) ja doch recht, wenn er vermutet, daß ein neue antikapitalistisches Projekt ein wirklich ganz neues sein muß. Das kriegen wir schon noch ‚raus.

    Es verbleibt hoffnungsfroh mit solidarischen Grüßen
    Frank Braun, SoKo-Köln

  4. 4 DGS / TaP 23. August 2011 um 0:03 Uhr

    Lieber Frank,

    „Wenn es nur, wie du schreibst, aus dem ‚linkssozialistischen und trotzkistischen Spektrum‘ Teilnehmer an unserer Initiative gibt oder geben sollte, haben wir, so glaube ich noch nicht Anlaß, von einem Erfolg unserer Bemühungen auszugehen.“ –

    das ist, glaube ich einfach ein Mißverständnis.

    Als ich schrieb,

    „Insbesondere die Erweiterung des bisher an der Diskussion vor allem beteiligten linkssozialistischen und trotzkistischen Spektrums in Richtung feministischer, autonomer und antirassistischer Zusammenhänge wird noch jede Menge geduldige Gesprächs-, konkreter Beteiligungsangebote und geduldiges Zuhören erfordern.“

    meinte nur, daß die Erweiterung in diese Richtung – aufgrund der bekannten politisch-kulturellen Unterschiede – besonders schwierig ist, nicht, daß es nicht wünschenswert wäre, wenn auch möglichst viele DKP-GenossInnen und Linkspartei-Linke aktiv mitmachen.

    Eine wirkliche Differenz gibt es vielleicht nur in Bezug auf die MLPD:

    Während ich sagen würde, in Bezug auf Feministinnen und – mit erheblichen Einschränkungen auch – Autonomen liegt die ‚Bringeschuld‘ bei ‚uns MarxistInnen‘,

    würde ich sagen, daß im Falle der MLPD die politisch-kulturelle ‚Bringeschuld‘ bei den MLPD-GenossInnen liegt.

  5. 5 systemcrash 24. August 2011 um 9:46 Uhr

    ich weiss nicht, was die NAO unter „neugruppierung versteht. wenn ihr glaubt, die verschiedenen linken gruppen setzen sich an einem tisch und handeln einen tragfähigen kompromiss aus, so ist das eine riesenillusion. erstens was die fähigkeit der gruppen zum wandel betrifft und zweitens GIBT ES KEINEN tragfähigen kompromiss.
    ich spreche da lieber von UMGRUPPIERUNG und meine damit die bildung eines programmatisches pols, der überzeugend genug ist, auf dieser grundlage eine antikapitalistische organisatione aufzubauen (die in meinem verständnis nur eine revolutionär-marxistische sein kann).

    wer da letzten endes alles mitmachen wird, ist jetzt noch gar nicht absehnar. ich persönlich würde da allerdings weniger hoffnungen in die bereits bestehenden organisationsstrukturen (sofern man das überhaupt so nennen kann)setzen, sondern mehr in die sozialen bewegungen, die sich mehr an der selbstorganierung von unten orientieren.
    die gruppen mit parteianspruch sind doch — wir wollen uns da doch nichts vormachen — im wesentlichen „sekten“. wobei ich unter sekten nicht verstehe, dass die mitglieder gehirngewaschen sind. sondern einfach die politisch-gesellschaftliche nichtbedeutung und die marginalisierung der „radikalen linken“.

    darum ist es umso wichtiger, innerhalb der initiatoren der NAO, einen programmatischen rahmen zu schaffen, innerhalb dessen man überhaupt das spektrum des „diskussionwürdigen“ festgelegt. solange dieser schritt nicht vollzogen ist, bleibt alles noch recht schwammig und unkonkret.

    (ich habe in meinem blog bereits ein paar vorschläge für so einen „programmatischen rahmen“ gemacht http://systemcrash.wordpress.com/2011/06/06/thesen-zum-aufbau-einer-antikapitalistischen-organisation-in-deutschland/ )

  6. 6 Richard 24. August 2011 um 18:02 Uhr

    Zu I: Mir ist das alles mit zuviel Bücherstaub bedeckt. Wir reden doch über eine proletarische und daher antikapitalistische Organisation. Oder soll das ein wissenschaftlicher Arbeitskreis werden? Die Kommunisten, falls es diese in Deutschland überhaupt gab und gibt, wissen sehr genau mit welcher Sprache und zu welchen Menschen man gehen muss. Nicht dass die Philosophie keinen Beitrag zur Erkenntnis liefert, aber die Deutung des Erlernten kann man auch in allgemein verständlicher Sprache verfassen. Denn nur so kann der Gegenüber überhaupt die Argumente prüfen. Und es nicht hilfreich mit etwas Komik Legasthenie-Probleme zu irgendwelchen Äußerungen in den Raum zu stellen. Leicht könnte der Gegenüber einen eben solchen Diskurs anfangen, denn eine gewisse Überheblichkeit in den Papieren und den angeblichen Erkenntnissen ist unüberhörbar. Wie soll man so einen bestimmten Kreis in seinem Umfeld zur Einladung auffordern? Dort wo die Musik spielt, auf der Straße, wer würde euch verstehen? Wie soll man also für diese Organisation eintreten, wenn sie nicht die Sprache der Proletarier(innen) spricht?

    Zu II. Hier wäre mir lieb, man könnte mal mitteilen, ob dies die gewünschte Art der Kommunikation sein soll. Soll jetzt jeder bevor er hier etwas versteht, sich eine Woche zurück ziehen und alles lesen. Ich vermute leider etwas nicht so Schönes, nämlich dass durch den „wissenschaftliche“ Duktus eine Meinungshoheit hergestellt werden soll. Da kann ich nur sagen, so reißt man die Türen zu, aber hinter sich. Die Leute untern, die wissen nämlich aus ihrem eigenem Leben mehr als in diesen Bücher steht, nur beherrschen sie eben nicht diesen Wissenschaftsslang und den politikel-korrektnisslang. Das ist auch der Grund, warum keine Proletarier im den Deutschen Parlamenten vertreten sind. Da kann doch nun eine neue Organisation nicht das Gleiche machen. Oder etwa doch?

    ZU III.2: Also gewisse Strukturen sind scheinbar noch nicht vorhanden, sowohl in Berlin als auch in anderen größeren Städten. Man muss auch sehen, dass es viele kleinere Gruppen gibt, die sich erstmal mit dieser Initiative auseinander setzen müssen. Schließlich arbeiten diese seit Jahren vor Ort und können sich nicht mal soeben irgendwo einreihen. Schon gar nicht, wenn eben nicht klar ist, ob dieses Projekt nur Zeit und Kraft frisst, oder ob es wirklich zu abgestimmten Handlungen kommen kann. Aus meiner Sicht sollte man zuerst mal die Lampen nicht zu hoch hängen und dann enttäuscht sein, wenn etwas nicht klappt.

    Es gibt genügend Möglichkeiten und bestimmt auch Gelegenheiten sich in verschiedenen Städten zu treffen, (Nord, Ost, West und Süd Deutschland). Zuerst müsste aber der gemeinsame Kampf auf der Straße anfangen, bevor man sich in ellenlangen Diskussionen verausgabt. Es müsste auch jedem klar sein, dass nicht die Kopfarbeit das Wichtigste hier und heute ist, sondern das Kommunikative und das Verbindende – ohne dass es gleich zu einem Happening werden darf. Dort wird man dann auch sehen, ob man zusammen passt. Der Magnet bzw. die Anziehung zu sonst eher misstrauischen, aber sich dennoch links orientierenden Menschen sind nicht Diskussionen und Papiere, sondern das Gemeinsame Handeln auf der Straße. Erst viel später könnte dann wirklich etwas Politisches daraus werden, was auch Erfolg haben könnte. Eine ganze Zeit lang wird man nämlich erstmal die politische Klasse im Lande vor sich her treiben müssen und während dieser Zeit könnte in Ruhe sachlich und wissenschaftlich das Fundament erarbeitet werden. (Meine Meinung)

    (Zum Bsp. sind am 3.9. viele Aktive bereits in Dortmund. Und nach Berlin muss man auch erstmal kommen. Da braucht es mehr Zeit, bevor man von einem Gelingen oder Misslingen sprechen sollte.)

  7. 7 DGS / TaP 25. August 2011 um 15:46 Uhr

    @ Richard:

    zu I. und II. – Bücherstaub

    Wenn Lenin Recht hat (und ich bin überzeugt, er hat Recht), daß es ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Praxis gibt, dann bedeutet „Revolution“ auch jede Menge Bücherstaub aufzuwirbeln.
    Und, wie Lenin, ebenfalls sagte: Eine revolutionäre Organisation aufzubauen, ist etwas anderes als einen Kult der schwieligen Faust zu betreiben.

    „Dies heißt selbstverständlich nicht, daß die Arbeiter an dieser Ausarbeitung [der revolutionären Theorie] nicht teilnehmen. Aber sie nehmen daran nicht als Arbeiter teil, sondern als Theoretiker des Sozialismus, als die Proudhon und Weitling, mit anderen Worten, sie nehmen nur dann und soweit daran teil, als es ihnen in höherem oder geringerem Maße gelingt, sich das Wissen ihres Zeitalters anzueignen und dieses Wissen zu bereichern. Damit aber den Arbeitern dieses häufiger gelinge, ist es notwendig, alles zu tun, um das Niveau der Bewußtheit der Arbeiter im allgemeinen zu haben; ist es notwendig, daß die Arbeiter sich nicht in dem künstlich eingeengten Rahmen einer ‚Literatur für Arbeiter‘ abschließen, sondern daß sie es immer mehr lernen, sich die allgemeine Literatur zu eigen zu machen. Es wäre sogar richtiger, anstatt ’sich nicht abschließen‘ zu sagen: nicht abgeschlossen werden, dann die Arbeiter selbst lesen alles und wollen alles lesen, auch das, was für die Intelligenz geschrieben wird, und nur einige (schlechte) Intellektuelle glauben, ‚für Arbeiter‘ genüge es, wann man ihnen von den Zuständen in der Fabrik erzählt und langst bekannte Dinge wiederkäut.“ [Was tun?, Kap. 2.b)]

    Wer/welche sich an der Ausarbeitung eines revolutionären Programms und einer revolutionären Strategie beteiligen will, muß zweifelsohne lesen – und, wenn etwas unverständlich ist, konkret nachfragen. Das eigene Nicht-Verstehen zu kultivieren, ist keine revolutionäre Praxis.

    Und dieses Lesen und Nachfragen erfordert Offenheit für Neues und Ungewöhnliches:

    „Das Bewußtsein der Arbeiterklasse kann kein wahrhaft politisches sein, wenn die Arbeiter nicht gelernt haben, auf alle und jegliche Fälle von Willkür und Unterdrückung, von Gewalt und Mißbrauch zu reagieren, welche Klassen diese Fälle auch betreffen mögen, und eben vom sozialdemokratischen und nicht von irgendeinem anderen Standpunkt aus zu reagieren. Das Bewußtsein der Arbeitermassen kann kein wahrhaftes Klassenbewußtsein sein, wenn die Arbeiter es nicht an konkreten und dazu unbedingt an brennenden (aktuellen) politischen Tatsachen und Ereignissen lernen, jede andere Klasse der Gesellschaft in allen Erscheinungsformen des geistigen, moralischen und politischen Lebens dieser Klassen zu beobachten; wenn sie es nicht lernen, die materialistische Analyse und materialistische Beurteilung aller Seiten der Tätigkeit und des Lebens aller Klassen, Schichten und Gruppen der Bevölkerung in der Praxis anzuwenden. Wer die Aufmerksamkeit, die Beobachtungsgabe und das Bewußtsein der Arbeiterklasse ausschließlich oder auch nur vorwiegend auf . sie selber lenkt, der ist kein Sozialdemokrat, denn die Selbsterkenntnis der Arbeiterklasse ist untrennbar verbunden mit der absoluten Klarheit nicht nur der theoretischen … sogar richtiger gesagt: nicht so sehr der theoretischen als vielmehr der durch die Erfahrung des politischen Lebens erarbeiteten Vorstellungen von den Wechselbeziehungen aller Klassen der modernen Gesellschaft. Darum eben ist die Predigt unserer ‚Ökonomisten‘, daß der ökonomische Kampf das weitest anwendbare Mittel zur Einbeziehung der Massen in die politische Bewegung sei, so überaus schädlich und ihrer praktischen Bedeutung nach so überaus reaktionär. Um Sozialdemokrat zu werden, muß der Arbeiter eine klare Vorstellung haben von dem ökonomischen Wesen und dem sozialen und politischen Gesicht des Gutsbesitzers und des Pfaffen, des hohen Beamten und des Bauern, des Studenten und des Lumpenproletariers, muß er ihre starken und schwachen Seiten kennen, muß er sich in den landläufigen Phrasen und all den Sophistereien auskennen, mit denen jede Klasse und jede Schicht ihre egoistischen Neigungen und ihr wahres ‚Innere‘ verhüllt, muß er sich darin auskennen, welche Institutionen und welche Gesetze diese oder jene Interessen zum Ausdruck bringen und in welcher Weise sie es tun.“ [Was tun?, Kap. 3.c)]

    Klar, auch das Lesen und das Nachfragen erfordert einen Rahmen – und damit wäre dann auch schon eine erste Aufgabe einer künftigen revolutionären Organisationen benannt: Einen Rahmen für die kollektive Beteiligung an und Weiterentwicklung von revolutionärer theoretischer und darauf gestützter revolutionärer politischer Praxis zu schaffen.

    Und es ist auch nicht so, daß die Massen durch ein zuviel an ‚komplizierter‘ Theorie gehindert würden, die Revolution zu machen. Wieso sollten sie sich davon hindernlassen, wenn es der Theorie nicht bedürfte?! – Dann würden sie einfach ungeachtetet aller Theorie die Revolution machen. -

    Vielmehr sind es die Massen selbst, die „dem allzu leichten Weg, den glättenden Versprechungen, dem lauten Optimismus de­rer zu mißtrauen, die meinen, die Realität mache mutlos, deshalb müsse sie für die Masse geschminkt werden. Der Arbeiterklasse ist in ihrer Geschichte allzu häufig der Untergang des Kapitalismus, ihre Unbesiegbarkeit oder – in der sozialdemokra­tischen Variante – die friedliche Unterwanderung des Kapitalismus durch Mitbe­stimmung, Gemeinwirtschaft und staatliche Planung vorausgesagt worden.“ (Franziska Wiethold, Die Balance des Widerspruchs, in: Düsseldorfer Debatte 2/1985, 21 ff. [29]).

    An den Komplikationen von Analyse, Theorie und Strategie führt kein Weg vobei!

  8. 8 Richard 25. August 2011 um 22:14 Uhr

    Wenn dieser Artikel „Von der Philosophie zur Politik“ in der gleichen Sprache gefasst wäre wie die Zitate von Lenin, Franziska Wiethold, dann wäre es schon in Ordnung.

    Aber darf ich mal etwas zitieren: „b)) Wenn ich recht sehe, sind die WertkritikerInnen recht frankfurterisch (die SchönebergerInnen weisen in dem Zusammenhang auf Adorno hin) geprägte Hegel-MarxistInnen; Althusser war dagegen Anti-Hegelianer. – Ich vermute mal, daß mein von Althusser (sowie Brecht und der frühsowjetischen künstlerischen Avantgarde – jeweils im Gegensatz zur [post]stalinistischen „Formalismus“-Kritik) geprägter Form-Begriff durchaus anders akzentuiert ist als der hegelianisch geprägte Form-Begriff der WertkritikerInnen.“

    Also da kann man doch wohl einen Unterschied erkennen. Wie lange soll ich da denn lesen, bis ich das verstehe? Zwei Jahre?

    Ich stimme ja deiner Antwort zu, aber das was man dann neu verstehen soll, muss sich nach einem mal lesen, oder spätestens nach, drei mal verständlich sein. Und zwar aus sich selber und ohne viel Zitate.

    Also z.B. „die SchönebergerInnen weisen in dem Zusammenhang auf Adorno hin“ , weil der das und das gesagt hat.
    Oder: „Wenn ich recht sehe, sind die WertkritikerInnen“, mit WertkritikerInnen meine ich diejenigen, die sich nicht auf das Buchwerk als wichtigste Information ansehen. (Oder so ähnlich)

    Man kann echt mehr tun, als der ziertierte Absatz unter b)

    Wir haben ja wirklich auch nicht alle so viel Zeit.

  9. 9 DGS / TaP 26. August 2011 um 11:05 Uhr

    Ja, die von Dir zitierte Passage ist etwas vage – und das ist in den ersten vier Wörtern schon ‚zugegeben‘: „Wenn ich recht sehe, …“. Und am Anfang des nächsten Satzes wird dies unterstrichen: „Ich vermute mal, …“.

    Der Satz ist deshalb vage, weil ich auf eine ihrerseits bereits vage Kritik der SchönebergerInnen antworte. So is das halt manchmal beim Diskutitieren…

    Meine „ostentative Gegenüberstellung ‚Sachen zum Anfassen’ vs. ‚gesellschaftliche Formen’ hat für uns einen ‚wertkritischen’ Zungenschlag (was ja nicht per se falsch sein muss)“, so schrieben die SchönebergerInnen.

    Darauf antwortete ich zunächst: „Ja, meine Betonung der Form mag vorderhand eine gewisse Ähnlichkeit mit der ‚Wertkritik‘ haben. Aber ich kann Euch beruhigen, sowohl mein Marxismus als auch mein (Post)Strukturalismus-/De-Konstruktions-Verständnis geht sehr stark von Althusser aus.“

    Und dann kommt die von Dir bemängelte Passage: „Wenn ich recht sehe, sind die WertkritikerInnen recht frankfurterisch (die SchönebergerInnen weisen in dem Zusammenhang auf Adorno hin) geprägte Hegel-MarxistInnen; Althusser war dagegen Anti-Hegelianer. – Ich vermute mal, daß mein von Althusser (sowie Brecht und der frühsowjetischen künstlerischen Avantgarde – jeweils im Gegensatz zur [post]stalinistischen ‚Formalismus‘-Kritik) geprägter Form-Begriff durchaus anders akzentuiert ist als der hegelianisch geprägte Form-Begriff der WertkritikerInnen.“

    Was auch immer an dem Satz auszusetzen sei mag – folgendes dürfte doch immerhin deutlich werden:

    a) Es gibt HegelianerInnen und Anti-HegelianerInnen.

    b) Ich beziehe auf Althusser, einen Anti-Hegelianer. Die WertkritikerInnen beziehen sich auf den (von Georg Lukács ausgehenden) Hegel-Marxismus der Frankfurter Schule.

    c) Ich vermute, HegelianerInnen und Anti-HegelianerInnen verwenden unterschiedliche Form-Begriffe.

    d) Ich gebe – durch name dropping (der Philosophie-Teil sollte nicht noch länger werden als ohnehin) – einen Fingerzeig worin, mein Formenbegriff besteht.

    Für diejenigen, die mit dem name dropping etwas anfangen können, ergeben sich daraus drei weitere Hinweise (die anderen müssen halt im internet recherchieren [ist ja heute, verglichen mit vor-internet-Zeiten relativ einfach], in Wörterbüchern nachschlagen oder nachfragen – das ist anstrengend, aber jeder Text hat Grenzen und kann nicht ‚alles‘ erklären):
    aa) Die offizielle, auch von Lukács vertretene, realsozialistische (Kunst-)Doktrin geht von der Existenz neutraler Formen aus, die folglich mit beliebigen Inhalten gefüllt werden können. JedeR anti-stalinistische Linksradikale würde das unterschreiben: ‚Was interessieren mich Formen; die Inhalt sind wichtig.‘
    Dies führte dann zu so ’schönen‘ Gegenüberstellungen und Übernahmen wie:

    ‚bürgerlicher Realismus‘ – ’sozialistischer Realismus‘
    ‚bürgerliche Familie‘ – sozialistische Familie‘
    usw.

    bb) Die künstlerische Avantgarde in der frühen Sowjetunion war dagegen – in Übereinstimmung mit Lenin, der die These vertrat, ‚Die Form ist wesentlich‘ (LW 38, 77 – 229 [134]; vgl. dort, S. 4 f.) – der Ansicht, daß Formen nicht inhalts-neutral sind, sondern determinieren, welche Inhalt mit ihnen artikuliert werden können. Die daraus abgeleitete Konsequenz war, nicht nur die Inhalte der bürgerlichen künstlerlischen Formen auszutauschen, sondern die künstlerischen Formen selbst zu revolutionieren.
    cc) Entsprechend war Althusser bzgl. des Umgangs der ArbeiterInnenbewegung mit den bürgerlichen Staatsapparaten der Auffassung:

    Wir sind zwar „ge­zwun­gen […], die Formen der bürgerli­chen Herr­schaft zu be­rücksichtigen und die Bourgeoi­sie in­nerhalb ih­rer eigenen Herr­schaftsformen zu be­kämp­fen“. Aber wir dürfen uns niemals „in die­sen Formen […] ‚verlieren‘“, denn sie sind „keine neutralen ‚Formen‘ […], sondern Apparate, die die herr­schenden Ideolo­gien realisieren.“

    (vgl. zum Ganzen: http://interkomm.so36.net/archiv/2008-08-30/nse.pdf, S. 39 f.).

    Damit liegt der Ball wieder bei den SchönebergerInnen: Wenn sie weiterhin meinen, meine Position habe einen „‚wertkritischen’ Zungenschlag“ und das für ein relevantes Problem halten, das vor eventueller Gründung einer revolutionären Organisation unbedingt ausdiskutiert werden muß (ich vermute mal: sie sind nicht dieser Ansicht), dann müßten sie jetzt genauere Ausführungen machen und sagen, was ihres Erachtens die ‚WertkritikerInnen‘ zum Thema ‚Form‘ und ‚Inhalt‘ sagen und inwiefern das mit dem von mir Gesagten übereinstimmt.

    Ich kann dazu nicht mehr sagen, weil ich mich mit ‚Wertkritik‘ nur am Rande befaßt habe, mich diese nicht angesprochen hat, und ich folglich nicht den Eindruck habe, daß meine Position viel mit ‚Wertkritik‘ zu tun hat. Wenn welche meinen, daß ich da einer Selbsttäuschung unterliege, müßten diejenigen das mal ausargumentieren. (Ich werde jetzt nicht angefangen, ausführlich ‚Wertkritik‘ zu lesen [um sie anschließend ausführlich zu kritisieren], nur weil bei den SchönebergerInnen der Eindruck eines meinerseitigen problematischen Zungenschlags entstanden war. – Ich denke, die SchönebergerInnen werden mir diese ‚Wertkritik‘-Lektüre-Unlust nachsehen.)

  10. 10 systemcrash 26. August 2011 um 11:17 Uhr

    solche debatten bekommen schnell einen „esoterischen“ charakter, weil man einfach nicht voraussetzen kann, dass jeder mit namen wie hegel und althusser was anfangen kann oder mit begriffen wie wertkritik oder frankfurterismus. und selbstreferenzielle zitatenhuberei kann zwar vlt schlichte gemüter beeindrucken, eine fruchtbare debatte erwächst daraus nicht. insofern müsste man im prinzip jeden begriff (und jeden namen) so erklären, dass es in dem jeweiligen kontext einen nachvollziehbaren sinn ergibt. die texte werden dann zwar lang (und auch nicht unbedingt lesbarer), aber zumindest könnte man sich dann den vorwurf des „elitismus“ ersparen ;)

  11. 11 DGS / TaP 26. August 2011 um 11:32 Uhr

    Ja; mache ich viele, ausführlich erklärende Fußnoten, wird wieder über den ‚Fußnoten-Terror‘ gestöhnt…

    Begriffe und Namen dienen nunmal als Abkürzungen, und es gibt Wörterbücher, um sie zu ‚entschlüsseln‘. Hyperlinks können die Sache etwas erleichtern (bin ich – denke ich – im Grundsatz ja nicht sparsam mit…).

    Aber am Ende bleibt nichts anderes übrig als das, was schon Friedrich Engels sagte: „stets im Auge zu behalten, daß der Sozialismus, seitdem er eine Wissenschaft geworden, auch wie eine Wissenschaft betrieben, d.h. studiert werden will.

    Und eine revolutionäre Organisation muß sicherstellen, daß sich alle ihre Mitglieder und SympathisantInnen an diesem ‚Studium‘ beteiligen können – nur muß die Organisation dafür, daß sie das machen kann, erst einmal existieren.

  12. 12 DGS / TaP 26. August 2011 um 15:17 Uhr

    Tja,

    vielleicht wäre das Thema ja auch mal eine Veranstaltung oder ein Treffen Wert:

    Wie müssen die Entscheidungs- und Schulungsstrukturen einer revolutionären Organisation aussehen, damit nicht die einen die Flugi und Programme schreiben und die anderen sie verteilen, sondern alle die Linie der Organisation effektiv mitbestimmt können?

    Denn das, was Gramsci als Problem des „verstärkten Belagerungszustand“ im Übergang zum Faschismus beschrieb, ist auch in ‚normalen‘ Zeit eine Frage der inner-organisatorischen Demokratie:

    „Damit die Partei lebt und Kontakt zu den Massen hat, ist es nötig, daß jedes Parteimitglied ein aktives politisches Element, ein Führungselement ist. Gerade weil die Partei stark zentralisiert ist, ist eine breite propagandistische und organisatorische Arbeit in ihren Reihen erforderlich, ist es notwendig, daß die Partei ihre Mitglieder in organisierter Weise erzieht und ihr ideologisches Niveau hebt. Zentralisierung heißt vor allem, daß alle Mitglieder der Partei in jeder Situation – auch im verstärkten Belagerungszustand und auch, wenn die leitenden Komitees für eine bestimmte Zeit nicht funktionieren oder nicht mit der gesamten Peripherie der Partei verbunden sein sollten – in ihrer Umgebung in der Lage sein müssen, sich zu orientieren und aus der Realität die notwendigen Elemente zu entnehmen, um eine Richtlinie zu erarbeiten, damit die Arbeiterklasse nicht entmutigt wird, sondern spürt, daß sie geführt wird und noch kämpfen kann. Die Ausbildung der Massen auf ideologischem Gebiet ist also eine Notwendigkeit des revolutionären Kampfes, sie ist eine der unumgänglichen Voraussetzungen für den Sieg.“ (http://web.archive.org/web/20070708152308/http://www.marxistische-bibliothek.de/gramscischulung.html)

  13. 13 Richard 26. August 2011 um 17:38 Uhr

    Ich denke, man kann sich treffen irgendwo in der Mitte bei dem Schreibstil. Und vielleicht können sich auch paar Leute von „sol-online.tk“ sich hier bzw. woanders treffen.

    Schönes weekend.

  14. 14 Michael Schilwa 15. September 2011 um 16:12 Uhr

    Von der Philosophie zur Politik – Kommentar zu Detlef Georgia Schulzes Antwort auf das „Quietschenten“-Papier der SIB

    Zunächst mal muss ich zugeben, dass ich von Georgias Belesenheit und Produktivität nicht nur beeindruckt, sondern auch etwas eingeschüchtert bin.
    Insofern geht’s mir wie Richard, der sich über zuviel „Bücherstaub“ beklagte.
    Trotzdem stimme ich Georgias Antwort auf Richard vollkommen zu:

    „Wer / welche sich an der Ausarbeitung eines revolutionären Programms und einer revolutionären Strategie beteiligen will, muss zweifelsohne lesen – und, wenn etwas unverständlich ist, konkret nachfragen. Das eigene Nicht-Verstehen zu kultivieren ist keine revolutionäre Praxis.“

    Die Ideologisierung der eigenen (Lese)faulheit in der Linken geht mir auch schon länger auf die Nerven.

    Allerdings muss das „konkrete Nachfragen“ (oder „nachschlagen“ – im Internet heutzutage nun wirklich kein Problem mehr) auch erleichtert statt erschwert werden.
    Also nicht: „Ein verKURZter Blick…“
    Sondern: „Ein Blick ähnlich Robert Kurz / Neue deutsche Wertkritik…“
    Nicht: „Die Wertkritiker scheinen mir ‚frankfurterisch‘…“
    Sondern: „Das erinnert an die Frankfurter Schule“ etc., pp.

    Ich sehe auch die Gefahr, dass dieser Blog zum Philosophie-Forum „degeneriert“.
    Dieser Gefahr sollten wir aber nicht dadurch begegnen, dass keine langen und anspruchsvollen Beiträge mehr gepostet werden, sondern mehr kürzere und verständlichere
    hinzukommen.

    Frei nach dem Motto „Keine Angst vor großen (Theorie)Tieren“ nun ein paar Widerworte zu Georgias Einlassungen.

    Junger und alter Marx, westlicher und Moskauer Marxismus

    Ganz und gar nicht einverstanden bin ich mit ihrer Gegenüberstellung des jungen (philosophischen) Marx der Frühschriften und des späten (klassenkämpferisch-politökonomischen) Marx.
    Das ist genauso willkürlich und erkennbar interessengeleitet wie den „plumpen“ Engels des „Anti-Dühring“ gegen den abgeklärten Entfremdungskritiker Marx in Stellung zu bringen.
    Diese Sichtweise haut schon chronologisch nicht hin, denn das „Kommunistische Manifest“ datiert von 1848, weswegen ein Teil der post-68er – Anhängerschaft des „jungen Marx“ dem „Manifest“ wegen seines „programmatischen Charakters“ eine „Sonderstellung“ im Marxschen Werk zuweisen musste.
    Die radikale Linke sollte den „ganzen“ Marx zu verteidigen – nicht auf die Art des „Moskauer Marxismus“, die den „Marxismus-Leninismus“zur Staatsreligion verballhornte, sondern in permanent-kritischer Neuaneignung.

    Ich sehe auch kein „Missverständnis“ zwischen „Westlichem Marxismus“ und Postmodernismus, sondern handfeste Differenzen.
    Der „westliche Marxismus“ eines Perry Anderson (gerichtet auf eine revolutionäre Wiedergewinnung des Marxismus gegen seine stalinistische Verflachung) ist was anderes als der „westliche Marxismus“ eines Michael Heinrich, der von Hanloser / Reitter zu Recht und treffend als „Zirkulationsmarxismus“ beschrieben wird.

    Postmoderne und Gegenaufklärung

    Zum Streit um die „Postmoderne“.
    Schon deren Existenz würde ich mit Alex Callinicos bestreiten – nicht in Kunst oder Architektur, sondern als Gesellschaftsform- / periode.
    Der „postfordistische“ Kapitalismus ist nicht automatisch auch „postmodern“.
    Damit unser Streit nicht immer an denselben Stellen stecken bleibt, sollten wir uns darüber verständigen, welchen „Postmodernismus“ wir denn jeweils meinen.
    Beziehen wir uns z.B. auf Lyotard, sind Georgias feinsinnige Unterscheidungen zwischen „anti-materialistisch“ und „anti-empiristisch“ wenig zielführend.
    Denn die (meisten) Fans von „Sprachspielen, Diskursen, Interpretationen“ sind in Wahrheit und zuallererst anti-aufklärerisch.
    Das SIB-Diktum im Quietscheenten-Papier „Vernunft und Macht sind nicht eins“ ist doch nur die Umdrehung eines Lyotard-Zitates „Vernunft und Macht sind eins“.
    Können wir uns denn wenigstens darauf verständigen, dass MarxistInnen das Vernunftideal der Aufklärung hoch halten ?
    Wohin dieser ganze gegenaufklärerische Furor nämlich führt, können wir ebenfalls bei Lyotard besichtigen:

    „Brutal gesprochen möchte ich sagen, dass ein Wort das Ende des modernen Vernunftideals ausdrückt, das ist: Auschwitz.“
    (Lyotard,J.-F. ‚Postmoderne für Kinder, Briefe aus den Jahren 1982 -1985’, zit. nach Steigerwald)

    Das muss mensch erstmal sacken lassen !

    „Das Wort ist ungeheuerlich: Da werden alle Grundverbrechen des Kapitalismus aufgezählt, er selbst aber als Ursache verschwiegen und dafür die Aufklärung, der beste Beitrag des Bürgertums zur Weltkultur, als Ursache der abscheulichsten Verbrechen ausgegeben.“

    (Steigerwald, Robert, ‚ Postmoderne ist neue Melodie zu altem Text’, in: ‚Gescheiterte Moderne? Zur Ideologiekritik des Postmodernismus’)

    Gut gebrüllt, alter Löwe – genauso isses, diese „Denke“ führt sehr schnell und zwangsläufig zur Totalitarismus-Theorie, zur Abkehr vom „totalitären“ Marx, zu den Glucksmanns und Fukujamas dieser Welt.
    Oder eher umgekehrt: Der neue, „pariserisch-schicke“ Anti-Totalitarismus (einfach nur
    rot =braun wäre für echte Philosophen zu plump) muss gegen-aufklärerisch untermauert werden.

    Aber vielleicht meint Georgia andere „postmoderne Tendenzen“ – Foucault ? Althusser ?
    Dass letzterer „Anti-Hegelianer“ war, ist mir neu, ihn bei den „PoMos“ einzugemeinden wäre sicher falsch (wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben als mich auch damit mal zu beschäftigen – stöhn…)
    Auch wenn diese Debatte bestimmt weitergeht, in einem hat Georgia natürlich recht:

    „…über all diese philosophischen Fragen…müssen wir uns wohl nicht einigen, um ggf. eine Organisation von RevolutionärInnen in der BRD zu gründen.“

    Sex und gender

    Mit dem Kapitel „sex und gender“ stimme ich weitgehend überein, sehe aber nicht, wo die großen Differenzen zu den entsprechenden Passagen im „Quietschenten-Papier“ liegen bzw. finde auch in Georgas Replik kein plausibles Argument gegen die begriffliche Unterscheidung von „sex“ und „gender“.
    Ihren Abschluss-Absatz kann ich unterschreiben:

    „Was bei der De-Konstruktion von Geschlecht, bei der Geschlechterverwirrung auf dem Spiel steht, ist also die gleiche Bewegung, die Marx vornahm, als er vorschlug, die Parole
    „ Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk!“ durch die Parole „Nieder mit dem Lohnsystem!“ zu ersetzen. Der Übergang von trade-unionistischem zu revolutionärem Bewusstsein ist die Ent-Identifizierung von der ‚Rolle’ als ‚guteR ArbeiterIn, ‚gute Mutter’ und ‚gute Hausfrau’. Und der Geschlechterverrat liegt darin, sich von der ‚Rolle’ als „Familienernährer“, der weil er ‚seine’ Familie ‚gut’ ernährt, vom Kloputzen freigestellt ist, und der, weil er einen Penis hat, derjenige ist, der dem(sic, M.S.) Sex aktiv penetriert, zu
    ent-identifizieren.“

    Allerdings: Wenn ich als alte Traditions-Hete nicht mal wieder alles falsch verstanden habe, geht’s hier vor allem um GeschlechterROLLEN (Georgia spricht selbst mehrfach davon, wenn auch im Apostroph), also um Aufgaben im Feld von „gender“.
    Sei’s drum – was ich an Georgia schätze und spannend finde (und weshalb sie ein Gewinn für die SIB ist):
    Als „leninistische Feministin“ hat sie immer tatsächliche Veränderung und also auch
    Anti-Kapitalismus im Blick, statt sich mit (in Wahrheit) längst angepassten und kommerzialisierten „queeren Spielwiesen“ zufrieden zu geben

    Haupt-, Neben-, Grundwidersprüche

    Ob die in der Tat „schiefgelaufene (…) Debatte über Haupt- und Nebenwidersprüche“ ausgerechnet dadurch einem produktiverem Verlauf zugeführt wird, dass wir ihr noch Mao und „Grundwidersprüche“ hinzufügen, wage ich zu bezweifeln.
    Das führt eher zu einer weiteren Verzettelung, was mensch schon daran sehen kann, dass Georgia im Gefolge ihrer Einführung von Grundwidersprüchen gleich drei neue Hauptwidersprüche „entdeckt“ hat (mit – wenn ich richtig mitgezählt habe – mindestens zwei weiteren Haupt(?)widersprüchen innerhalb der Hauptwidersprüche).
    Von den Neben und „Nebenneben“-Widersprüchen mal ganz abgesehen.

    So wird das nix, vielleicht sollten wir es für’s erste doch mal mit dem im Quietscheenten-Papier vorgeschlagenen Begriff der Verschränkung versuchen.

    Etwas ausführlicher eingehen möchte ich auf einen „wunden Punkt“ (nicht nur „bestimmter linkstrotzkistischer Tendenzen“), den Georgia mit zielsicherem politischen Instinkt vorbringt:
    War der Hauptwiderspruch während des 2. Weltkrieges der zwischen Faschismus und Anti-Faschismus oder – auch in den kriegsführenden kapitalistischen Ländern – der zwischen Lohnarbeit und Kapital, zwischen Bourgeoisie und Proletariat ?

    „Theoretisch“ würde ich sagen Letzteres, denn der Faschismus war keine eigenständige Gesellschaftsform, sondern (wenn auch in brutal zugespitzter Form) kapitalistische Herrschaft.
    „Praktisch“ würde ich auch eher zu Ersterem neigen, denn für die ArbeiterInnenbewegung und für jede(n) Einzelne(n) ist es ein Unterschied von Leben oder Tod (individuell-physisch wie politisch), ob in einem bürgerlich-parlamentarischen oder in einem faschistischen Kapitalismus gelebt, gearbeitet, gekämpft werden muss.

    Wobei bedacht werden muss, dass nach „Dünkirchen“ und vor „Stalingrad“ / Landung der Alliierten in der Normandie ein faschistisches Europa durchaus denkbar war.

    Der entscheidende Knackpunkt in dieser Frage ist für mich, dass es auch in solch extrem schwierigen Perioden möglichst nicht zu einem Bruch zwischen Theorie und Praxis kommen sollte.
    Wenn der zweite Weltkrieg ebenso wie der erste als imperialistischer Krieg zwischen imperialistischen Staaten eingeschätzt wird, muss das natürlich Konsequenzen für die politische Praxis haben.
    Dann wäre ohne wenn und aber „revolutionärer Defätismus“ angesagt gewesen, „der Hauptfeind steht im eigenen Land“.

    Aber hätten englische Rekruten wirklich desertieren oder amerikanische Soldaten „Wehrkraftzersetzung“ betreiben sollen ?
    Hätten Hafenarbeiter Waffenlieferungen an England (geschweige denn an die SU) blockieren sollen ?
    Wohl kaum.

    Die grundsätzlich richtige Linie „Die Waffen umdrehen“ / aus dem imperialistischen einen revolutionären Krieg machen war auf anglo-amerikanischer Seite gerade aufgrund der faschistischen Bedrohung völlig unrealistisch und die deutsche Arbeiterbewegung war zerschlagen.

    Andererseits ist ein „Burgfrieden“ mit der eigenen Bourgeoisie gerade in Kriegszeiten eine echte Todsünde für jeden Revolutionär.
    Darüber hinaus kriegt mensch einmal geöffnete Türen manchmal nur schwer wieder zu.
    Wenn in einer bestimmten extremen historischen Situation sozusagen „Menschheitsstandpunkt“ vor Klassenstandpunkt gehen kann und soll, dann vielleicht auch in anderen:
    Den 500.000 Abgeschlachteten in Ruanda wäre es scheißegal gewesen, wer das Gemetzel stoppt.
    Muss mensch nach Fukushima nicht vielleicht die „grüne Bourgeoisie“ gegen die Atommafia stützen ?

    Ich jedenfalls bin in der Frage „Haltung von RevolutionärInnen im / zum zweiten Weltkrieg“ noch zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen und habe meine Schwierigkeiten mit der diesbezüglichen (eben nicht nur links-)trotzkistischen Position.

    Berlin, 14.9.11 Michael Schilwa

  15. 15 DGS / TaP 18. September 2011 um 9:46 Uhr

    „Geschlechterrollen“?

    Ich fange mal mit dem Punkt an, der sich vielleicht am kürzesten behandeln läßt:

    „ich […] finde auch in Georgas Replik kein plausibles Argument gegen die begriffliche Unterscheidung von ’sex‘ und ‚gender‘. […]. Wenn ich als alte Traditions-Hete nicht mal wieder alles falsch verstanden habe, geht’s hier vor allem um GeschlechterROLLEN (Georgia spricht selbst mehrfach davon, wenn auch im Apostroph), also um Aufgaben im Feld von ‚gender‘.“

    Was mich an den ‚Rollen‘ stört, ist die Theater-Metaphorik – eine Geschlechter‘rolle‘ oder auch eine andere gesellschaftliche ‚Rolle‘ (z.B.: Funktion im Produktionsprozeß / Klassenzugehörigkeit) läßt sich eben nicht so leicht wechseln, wie einE SchauspielerIn eine neue Rolle lernen kann.

    Und dieses Problem der metaphorischen Rede von „Rolle“ prägt wohl nicht nur die alltagssprachliche Verwendung des Ausdrucks, sondern auch die soziologische – die deutsche Wikipedia schreibt:

    „In akteurbezogenen, oft mikrosoziologisch fokussierten soziologischen Theorien wird das Konzept der ’sozialen Rolle‘ in aller Selbstverständlichkeit angewandt […]. Distanziert bis ablehnend stehen ihm hingegen kollektivbezogene Theorien […] gegenüber. […]. Wo ‚Theorien der Gesellschaft‘ von ’soziologischen Theorien‘ unterschieden werden, etwa im Marxismus oder in der Systemtheorie, da wird ‚Rolle‘ entweder als gefährlicher Konkurrenzbegriff vehement zurückgewiesen, oder er wird einfach übergangen: Frigga Haug beanstandete als Marxistin, dass sowohl die Geschichte der Gesellschaft und ihre ökonomischen Bedingungen als auch das dialektische Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft mit dem Begriff ‚Rolle‘ in das Individuum verlegt werden; […]. Eine systemtheoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff der ‚Rolle‘ steht noch aus. Die australische Männerforscherin Raewyn Connell bemängelt am kulturellen Rollenbegriff, dass gerade ‚Männlichkeit‘ gar kein Rollenverhalten, sondern eine gesellschaftliche Praxis sei. In ähnlicher Weise spricht auch Pierre Bourdieu von einer ‚Geschlechter-Praxis‘ (einem geschlechtsspezifischen Habitus).“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Rollentheorie#Kritik_des_Rollen-Begriffs)

    Das Buch von Frigga Haug:
    Frigga Haug, Kritik der Rollentheorie, Argument-Verlag: Hamburg, 1994 (ISBN 3-88619-222-9) (Erstauflage 1973),

    das ich aber nicht so eingängig fand, als ich es vor längerer Zeit mal gelesen hatte. Das mag auch daran liegen, daß ich ihren zweiten Kritikpunkt etwas anders akzentuieren würde:

    „Rollenforderungen stellen demnach [nach Frigga Haugs kritischer/kritisierender Lesart] eine äußere Übermacht dar, bei der die Gefahr besteht, dass das Individuum sich in die ‚innere Emigration‘ zurückzieht – siehe dazu Rollendistanz.“ (Wikipedia)

    -- In Bezug auf Geschlechter‘rollen‘, würde ich sagen, erleben die meisten Leute die Geschlechter‘rollen‘ nicht als ‚äußere‘, unangenehme Anforderungen, denen sie mit innerer Distanz gegenüberstehen, sondern sie identifizieren sich mit der ihnen zugewiesenen Geschlechter‘rolle‘. Sie sind überzeugt nicht nur einem Drehbuch gemäß zu spielen, sondern wirklich Männer bzw. Frauen ‚zu sein‘.
    -- Und in Bezug auf die Klassenverhältnisse liegt die Sache noch einmal ein bißchen anders: Von einer Lohnabhänigen-Rolle spricht wohl niemandE. Was eher als „Rolle“ thematisiert wird, sind Differenzierungen innerhalb der Klassen bzw. ‚unterhalb‘ des Klassenbegriffs (‚Die Rolle eines „Mittelschichts“kindes spielen‘; ähnlich in Bezug auf das ‚Prekariat‘ und ’stolze Handarbeiter‘). Das Problem ist also weniger, daß die Klassen‘rolle‘ übermächtig ist, als daß die Relevanz von Klasse durch andere ‚Rollen‘-Unterschiede verwischt wird.

    Bliebe die Frage: Was sind die marxistischen Alternative-Begriffe zum soziologistischen Terminus „Rolle“? Ich würde sagen:
    Stellung (bspw. im Produktionsprozeß); (Subjekt)position (bspw. im Produktionsprozeß) und die der Stellung/Position gemäße – konforme – oder unkonforme – revolutionäre – Praxis und die Struktur der gesellschaftlichen Verhältnisse, die diese Stellungen/Positionen definiert, – und schließlich die – widersprüchlichen – Verhältnisse (selbst), die – wegen ihrer Widersprüchlichkeit – niemals eindeutig (niemals ‚linear‘) determinieren, ob sich ‚die Leute‘ konform oder widerständig verhalten.

    Die beiden anderen von der Wikipedia genannten Bücher:
    Raewyn (Robert) Connell, Der gemachte Mann, 1999, S. 39 ff.
    Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, Frankfurt a. M. 2005.

  16. 16 DGS / TaP 18. September 2011 um 10:56 Uhr

    Widersprüche / Antifaschismus / ‚Menschenheitsfragen‘

    1.

    „Georgia [hat] im Gefolge ihrer Einführung von Grundwidersprüchen gleich drei neue Hauptwidersprüche „entdeckt“ […] (mit – wenn ich richtig mitgezählt habe – mindestens zwei weiteren Haupt(?)widersprüchen innerhalb der Hauptwidersprüche).“

    Es ist schon ein bißchen einfacher: Ich habe die drei von der triple oppression-Theorie ausgemachten „Hauptwidersprüche“ (Klasse/Kapitalismus, Rasse/Rassismus, Geschlecht/Patriarchat) in „Grundwidersprüche“ umbenannt und unterhalb von diesen oder vielleicht auch quer-liegend zu diesen (neue) Haupt- und Nebenwidersprüche ausgemacht.
    Der wichtige Punkt daran scheint mir die Unterscheidung zwischen solchen Widersprüchen, die auf der Ebene der Gesellschaftsstruktur angesiedelt sind (von mir bzw. Mao „Grundwidersprüche“ genannt), und solchen, die in konkreten historischen Situationen auftreten (Haupt- und Nebenwidersprüche), zu sein.

    2.

    Und mir scheint, daß wir mit dieser Differenzierung vielleicht auch einer Lösung des von Michael angesprochenen Problems näher kommen:

    „War der Hauptwiderspruch während des 2. Weltkrieges der zwischen Faschismus und Anti-Faschismus oder – auch in den kriegsführenden kapitalistischen Ländern – der zwischen Lohnarbeit und Kapital, zwischen Bourgeoisie und Proletariat?“

    Ich würde sagen: Der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital war weiterhin einer der Grundwidersprüche, es war aber – sei es wegen subjektiver Unfähigkeit der KommunistInnen oder objektiv schlechter Lage – nicht möglich, ihn auch aktuell zum Hauptwiderspruch zu machen.

    Das Ergebnis war:

    „der Kommunismus unfähig war, sich auf seiner eigenen Klassenbasis dem Nazismus entgegenzustellen (d.h. als nicht-sektiererische proletarische Bewegung) […]. Der europäische Kommunismus (einschließlich des sowjetischen) hat den Nazismus bekämpft, indem er ein ununterscheidbarer, wenn auch wegen seines Namens, seiner Organisation, seines Opfergeistes unverzichtbarer Bestandteil der Front der demokratischen und patriotischen Kräfte wurde.“
    (Etienne Balibar, Europa nach dem Kommunismus, in: Das Argument, H. 191, Jan./Feb. 1992, 7 – 26 [konkrete Seitenzahl habe ich gerade nicht zur Hand]; online dort http://www.scribd.com/doc/48989234/Balibar-Die-Grenzen-der-Demokratie, S. 185).

    Und es hätte – da sind wir uns vermutlich einig – auch nicht anders laufen können, indem einfach voluntaristisch zum Zwei- oder Drei-Fronten-Krieg gegen faschistischen und demokratischen Imperialismus (und gegen Stalinismus) aufgerufen worden wäre.
    Vielmehr gab es große Leerstellen in der marxistischen Faschismusanalyse (auch wenn die der linken und ‚rechten‘ Opposition besser war, als die der StalinistInnen), es gab Lücken in der Klassenanalyse, es gab strategische Defizite und hinsichtlich der Konzeption des Organisationsaufbaus usw. – Alldiese Defizite und Leerstellen konnten nicht einfach übersprungen werden, sondern hätten bearbeitet werden müssen.

    Und wir sind heute als MarxistInnen nicht wirklich weiter – nur, daß ‚wir‘ heute nicht einmal eine Rote Armee haben und von den stalinistischen KPen kaum etwas übrig geblieben ist -
    und entsprechend unklar laviert die Linke heute entweder zwischen ‚humanistischem Imperialismus‘ und reaktionärem Antiimperialismus abwiegelend hin und her oder geht die kuriosesten Bündnisse ein…

    PS.:
    Demnächst kommt dann vllt. noch etwas zu ‚Marx als mulipler Persönlichkeit‘ (‚der junge Marx‘ – ‚der alte Marx‘ / ‚Marx als Radikalliberaler‘ und ‚Marx als Marxist‘) und zur Postmoderne.

  17. 17 systemcrash 18. September 2011 um 11:10 Uhr

    das scheint mir in der tat das zentrale problem zu sein. man postuliert eine „klassenbasie“ für eine als revolutionär eingeschätzte politik, ohne dass es real eine soziale BEWEGUNG der klasse gibt. in der BRD kann man nicht einmal mehr von einem ökonomischen kampf sprechen, seit die gewerkschaften teil der 4hartzer-front sind.
    natürlich bleibt unter allen umständen der hauptfeind immer im eigenen land und das prinzip lautet „klasse gegen klasse“. nur wenn man damit zum propheten wird, der in der wüste den kakteen predigt, trennt sich die marxistische theorie/programmatik von der praxis. genau das geschah mit der trotzkistischen bewegung nach dem zweiten weltkrieg (neben dem umstand, dass ihre kader physisch liquidiert wurden). die folge davon sind hunderte von sektengründungen. und da sich kleine propagandagruppen nur auf ihr programm stützen können, führt die geringste inhaltliche abweichung bereits zur „spaltung“ und gründung einer weiteren sekte.
    wie man dieses dilemma zwischen programmatischem anspruch und sozialer wirklichkeit des nicht-klassen-bewusstseins überwinden will — dies wird die grosse frage sein, die auch die NAO akteure heftigst umtreiben wird.
    bislang gibts dafür wohl noch keine antwort ….

  18. 18 systemcrash 18. September 2011 um 11:17 Uhr

    Organisation und soziale Bewegung

    die debatte, die die Sozialistische Initiative Berlin (SIB) angestossen hat, einen „neugruppierungsprozess“ der radikalen linklen anzustossen ist sicher wichtig und begrüssenswert. es hat sich auch bereits einiges getan auf diesem gebiet. aber natürlich noch immer viel zu wenig im vergleich zu den realen politischen aufgaben.

    die idee für so ein projekt liegt sicher schon länger in den schubläden, aber die tatsache, dass es in frankreich mit der NPA eine existierende organisation gibt, die sich genau aus diesem grunde gebildet hat, hat sicher dazu geführt, diesen prozess jetzt auch in der BRD einzuleiten.

    in diesem artikel möchte ich die französische erfahrung aber nur als referenzpunkt verwenden, der eigentliche schwerpunbkt liegt auf der mehr theoretischen frage, nach der natur und der problematik der organisationsfrage in der linken und arbeiterbewegung generell.

    Avandgarde oder „breite sammlung“?

    in der hauptsache stehen sich in der organisationsfrage zwei hauptströmungen gegenüber: die verfechter der leninistischen avantgardepartei und die vertreter der breiten sammlungsbewegung.

    um es gleich vorneweg zu sagen: theoretisch haben die vertreter des avantgardekonzepts in meinen augen die besseren argumente, in der praxis hat dieses konzept aber zu sehr rigiden organisationstrukturen und hunderfachen sektenbildungen geführt. es ist daher die aufgabe, die eigenschaft der programmatischen härte mit einem organisationskonzept zu verbinden, dass es auch einer alleinerziehenden krankenschwester im schichtdienst ermöglicht, sich politisch zu betätigen (um ein beispeilbild der SIB aufzugreifen).

    diesen anspruch umzusetzen, wird nicht leicht werden. vor allem — wir wollen es ehrlich aussprechen — die initiative der SIB fällt ja nicht vom himmel und die akteure haben selbst eine politische geschichte. sie sprechen zwar von ergebnisoffener diskussion, aber es ist völlig klar, dass der politische rahmen der ist, dem die vorgängerorganisation der NPA — die LCR –angehörte, nämlich das sog. Vereinigte Sekretariat der Vierten Internationale. diese organisation hat eine lange geschichte des opportunismus bis hin zum verrat. und obwohl wir die initiative der SIB grundsätzlich begrüssen, werden wir diesen hintergrund der angelegenheit gewiss nicht vergessen. die Gruppe Arbeitermacht hat in ihrer stellungnahme zum NAO projekt darauf hingewiesen, dass man nicht so tun dürfe, als ob die beteiligten politisch unschuldige neulinge sind. diesen punkt kann ich vollauf unterstützen.

    Was also muss getan werden?

    zunächst einmal müssen die hauptakteure des NAO projekts klären:

    1) welche punkte sollen zunächst einer klärung zugeführt werden. also eine art prioritätenliste

    2) mit welchen politischen gruppen, initiativen und einzelpersonen soll diese klärung herbeigeführt werden?

    3) ab einem gewissen punkt der programmatischen annäherung muss ein verbindliches konzept festgelegt werden, in welchen schritten eine gemeinsame organistion aufgebaut werden soll und welches ihre dringensten aufgaben sind.

    solange dieser rahmen der diskussion nicht abgesteckt ist, solange bleibt alles unkonkret und schwammig und eine chance wird vertan werden, die radikale linke als wirklich ernstzunehmenden faktor auszubauen.

    die viel schwierigere frage wird sein, wie ein „richtiges programm“ auch eine grössere soziale verankerung erreicht. denn selbst eine organisation mit ein paar tausend mitgliedern wäre ja immer noch eine „kleine“ organaisation im verhältnis ihren selbst gestellten historischen aufgaben. und grösse allein ist auch kein garant für programmatische qualität. und sicher wird es dann auch fraktionsbildungen und flügelkämpfe geben. also das ganze programm parteiinternen lebens.

    und eine frage bleibt dann immer noch: wird die existenz einer solchen organisation auch den klassenkampf in der BRD vorantreiben?

    diese frage scheint mir — um es mit der SIB zu sagen– tatsächlich „ergebnisoffen“ zu sein …

    http://systemcrash.wordpress.com/2011/09/17/organisation-und-soziale-bewegung/

  19. 19 DGS / TaP 20. September 2011 um 18:21 Uhr

    PS. @ „Geschlechterrollen“:

    Auch Marx meinte, daß das, was wir tun, nicht nur eine ‚Rolle‘ ist, sondern daß wir das sind, was wir tun:

    Die „Weise der Produktion ist […] eine bestimmte Art [der Individuen], ihr Leben zu äußern, eine bestimmte Lebensweise derselbe [der Individuen]. Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie.“
    (MEW 3, 21; http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_017.htm#I_I_A – erste Hv. i.O.; zweite von mir).

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