Geduldig zuhören

Robert Schlosser titelt in einem Beitrag in trend-online 7-8/11 unter „Sortieren oder diskutieren ?“ einen neuen Text zum Papier der Sozialistischen Initiative Berlin-Schöneberg (SIBS). Sein Beitrag hat in mir zwiespältige Empfindungen ausgelöst. Einerseits beeindrucken mich die programmatischen Thesen zum Thema ‚Revolutionärer Bruch’ bzw. ‚Klassenorientierung’ 1 , andererseits bin ich mit seinem Arbeitsstil nicht einverstanden. Dieser Zwiespalt ist Anlaß für folgenden Brief an ihn und die LeserInnen in diesem blog:

Lieber Robert Schlosser,

wenn sich GenossInnen – zumal von der Sorte organischer Intellektueller – zu einer Angelegenheit wie der Anberaumung einer gemeinsamen Organisationsperspektive der antikapitalistischen Linken äußern, wird es spannend. Für mich jedenfalls.
Regelmäßig kommt von der einen Seite das Einfordern eines programmatischen Diskurses, von der anderen die laute Forderung nach gemeinsamer Praxis, nach der man dann sehe, was programmatisch vonnöten ist. Und vor beidem steht allemal sozusagen objektiv das ‚Sich-gegenseitig-suchen/finden’, was auch nicht ganz so einfach ist.

Als 18-jähriger hatte ich Anfang der 1970er Jahre in Berlin oft Gelegenheit solche kommunistischen organischen intellektuellen Genossen davon reden zu hören, was politisch und organisatorisch zu tun sei, um der Degeneration des real existierenden Sozialismus und der Kriegsmaschine des real existierenden Kapitalismus eine gesellschaftliche Alternative entgegensetzen zu können.
Die chinesische Kulturrevolution, als die, wie wir allen Ernstes annahmen, endlich gefundene Form, den realen Sozialismus vor Erstarrung zu bewahren, war seinerzeit ein Hoffnungssignal. Das andere die Septemberstreiks vor allem in NRW, die zu Jahreswechsel 1969/70 so gerade noch im Gespräch waren. Mein drittes Signal war der gerade erfolgte Eintritt von ‚Proletarische Linke/Parteiinitiative’ in die KPD/Aufbauorganisation, aus dem ich schloß, jetzt gehe es voran mit der starken Einheit der Marxisten-Leninisten. Das vierte Signal war die auch in Berlin verbreitete Kenntnis von anderen kommunistischen Gruppen in der Bundesrepublik, die neben einer recht starken Organisationskraft auch sehr interessante Thesen über einen revolutionären Bruch mit den herrschenden Verhältnissen verbreiteten. Gruppen, die sich, wie meine Favoriten von der KPD/AO, in heftigster und für mich überzeugender Kritik an den verkalkten Realsozialisten hinter der Mauer übten. Ich hoffte als junger Mann, diese Strömungsfragmente mögen zu einem starken Block zusammenfinden.

Diejenigen, die sich dafür interessieren, wissen, daß dem nicht so war.

Kulturrevolutionäre Kühnheit und jene die Lenin nachgesagt wurde, galt den Wortführern dieser größeren und bisweilen sehr kleinen K-Gruppen absolut als eine positive Eigenschaft, die gelegentlich höher als Wissen und Solidarität eingeschätzt wurde. Und immer zirkulierte: ‚Erst Klarheit dann Einheit!’ Jene GenossInnen, die damit zuerst kamen, punkteten jeweils in den wechselnden Auditorien. Andererseits. Man bemerkte auch, in den Belegschaften der Großbetriebe machte sehr schnell die Runde: „…die Gruppen kommen und gehen, unser Konzern bleibt bestehen…!“ Indirekt proportional könnte man das nennen: Je lauter die ideologischen Grabenkämpfe, je schwächer die Wirkung unter den Massen der Bedürftigen. Am Ende, von heute aus gesehen, war das leider ein jämmerliches Resultat.

Warum erzähle ich das ?

Als heute 60jähriger finde ich es eben immer noch spannend zu erleben, wie GenossInnen, die kraft ihrer intellektuellen Kompetenz zu wohlfeilen Analysen in der Lage sind, mit Problemstellungen eigentlich ganz praktischer Art oft seltsam ungeschickt umgehen. Das betrifft hier und heute den Umgang mit der SIBS-Initiative.

Es wäre töricht, würde ich heute nicht ähnlich zweifelhafte Arbeitsstile von GenossInnen kritisieren wie die geschilderten der 1970er Jahre. Wem z.B. heute ‚Erst Klarheit dann Einheit!’ über alles gilt und wer dabei vor allem eigene ‚Klarheit’ oder die seines/ihres Grüppchens meint, macht systematisch Fehler.

Oder was soll, lieber Robert Schlosser, ein Hinweis wie:

„Mein jetziger Eindruck ist: die Schöneberger anerkennen die Notwendigkeit programmatischer Klärung von Zielen sozialer Emanzipation, sie verweigern aber fast jede konkrete Einlassung auf die Thematik…“2

Mein Eindruck ist, du vergißt, daß diese inzwischen sieben GenossInnen aus Berlin-Schöneberg sich die Aufgabe setzten, gefühlte zweiundvierzig Zentralkomitees und mindestens neunzehn Politbüros sowie etliche frei schwebende basisdemokratische Vereine und deren Vorstände für die vergleichsweise einfach erscheinende Idee einer gemeinsamen antikapitalistischen Perspektive zu interessieren und dafür ein Art Angebot zu materialisieren.
Jenes Angebot aber mußte angesichts des auch von dir festgestellten desolaten Zustandes der antikapitalistischen Linken wohl anders aussehen als z.B. jenes mit einer Exegese zur Verfassung der SU von 1923 im Fokus. Wobei: Es mag für kommunistische GenossInnen inzwischen wohl unstreitbar sein, daß diese Verfassung eine ganz passable Angelegenheit ist – aus jenen Gründen, die du überzeugend dargelegt hattest. Für die GenossInnen aber z.B. aus anarcho-syndikalistischen oder links-kommunistischen Zusammenhängen ist das eher nicht so.
Wohlgemerkt, die Berliner zielen auf eine ‚Neue antikapitalistische Organisation’ nicht auf eine KP, ja, noch nicht einmal auf eine Partei. Das ist eine Festlegung auf ein ziemlich weites Feld mit ideologischer und politischer Breite. Aber du schreibst ja selbst:

„Positiv an dieser negativen Überfliegerei in selbst grundlegenden theoretischen Streitfragen der
Kritik von politischer Ökonomie ist, dass die Schöneberger mit dieser „lockeren“ Art den Zustand
der radikalen Linken in diesem Land geradezu idealtypisch demonstrieren.“
3

Das sehe ich auch so. Na und !?

Keine/r von den Schönebergern hat meines Wissens behauptet, mit der 30-Seiten-Ausarbeitung das theoretische Rüstzeug für die Einheit antikapitalistischer Grüppchen und Einzelpersonen in Deutschland entwickelt, gar ein Programm abgeliefert zu haben. Und ich bin nicht dafür, sie ausgerechnet dafür abzuwatschen und sich dann angeekelt abzuwenden. Sie, die Berliner, haben sozusagen als eine Art Impulsgeber gehandelt, um etwas anzuschieben. Das nenne ich sehr verdienstvoll.

Können wir in der Folge u.a. der Diskussion dieses Berliner Papiers in demselben ein Angebot entdecken, annehmen und weiterentwickeln ? Können wir uns auf regionaler oder lokaler Ebene treffen und einen gangbaren Weg beratschlagen, der neben wesentlichen Essentials in strategischen und wichtigen taktischen Fragen auch Elemente gemeinsamer politischer Praxis zu entwickeln und die auch zu überprüfen in der Lage ist ?
Können wir dies tun, ohne das Ergebnis wie du es tust, Genosse Schlosser, sich selbst und den eigenen Anteil von vornherein ausnehmend, bereits zu präjudizieren:

„Aber was reg’ ich mich auf! Eigentlich ist es genau das, was ich erwartet hatte: theoretische Beliebigkeit, „postmoderner“ Eklektizismus, die eine der wesentlichen Grundlagen des Sektenwesens bilden. Dann aussitzen und dicht machen. Mit solchen Grundlagen gibt es nicht einmal theoretisch die Chance, das moderne deutsche Sektenwesen zu überwinden.“ 4

Ausdrücklich will ich eine zuvor schon ergangene Einladung an dich an dieser Stelle wiederholen, zu uns, zur SoKo nach Köln zu einem Arbeitstreffen zu kommen, um deine Überlegungen zu den Themen ‚Revolutionärer Bruch’ bzw. ‚Klassenorientierung’ vorzustellen. Du hattest ja bereits eine Art wohlwollendes Interesse signalisiert. Gleichwohl können wir bei der Gelegenheit auch unsere unterschiedliche Wertung der SIBS-Initiative vergleichen.

Abschließend ein Bonmot, welches Anfang 1970 verbreitet wurde: Als sich zur Jahreswende 1969/70 in Berlin die KPD/AO begründen wollte, drang diese Nachricht auch in den Mannheim/Heidelberger-Raum, wo seinerzeit das ‚Neue Rote Forum’, einer der Vorläufergruppen des KBW, mit ihrer Führungscrew um J. Schmierer beheimatet war. Schmierer und die Seinen wollten das mit der Gründung irgendwie zu Gunsten eines größeren und später auszurollenden Projekts aufhalten und machten sich nach Berlin auf den Weg. In Berlin ließen sich Ch. Semler und J. Horlemann aus der Führungscrew der KPD/AO aber irgendwie beleidigt nicht auf ein Treffen ein, feierten statt dessen Sylvester in einer Pizzeria am Kudamm… und so nahm alles (Vieles !) seinen bekannten Lauf…

Hören wir uns gegenseitig geduldig zu, verabreden wir uns verbindlich.

Frank Braun, Köln, Sozialistische Kooperation (SoKo)

  1. Vgl. dazu auch die wertvollen Gedanken, die Schlosser in den Texten seiner website unter dem Obertitel ‚Bedingungen sozialer Emanzipation’ unter http://www.rs002.de/Soziale_Emanzipation/Start.htm äußert. [zurück]
  2. Vgl. dazu R.Schlosser unter „Von der Organisations- zur Programmdebatte: Sortieren oder diskutieren ?“ unter http://www.trend.infopartisan.net/trd7811/t767811.html [zurück]
  3. ebenda [zurück]
  4. ebenda [zurück]
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1 Antwort auf „Geduldig zuhören“


  1. 1 Neues und altes zum Verhältnis von Feminismus und Marxismus: « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! Pingback am 21. August 2011 um 10:18 Uhr
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