Archiv für Juli 2011

Von der sozialistischen Frauenfrage zum sozialistischen Feminismus

Im Kontext unseres hiesigen Themas und angesichts der bisherigen Stellungnahmen der Schöneberger, des RSB und von mir selbst (1, 2) zum Geschlechterverhältnis möchte ich ein längeres Zitat aus einem Aufsatz, den Frigga Haug 1981 in der Zeitschrift Argument (H. 129, 649-664) unter der Überschrift „Männergeschichte, Frauenbefreiung, Sozialismus. Zum Verhältnis von Frauenbewegung und Arbeiterbewegung“ veröffentlichte, zur Diskussion stellen. Die fett gesetzten Zahlen in eckigen Klammern im Text bezeichnen den Beginn der jeweiligen Seite des Originaltextes.

[Der folgende Text als .pdf-Datei]

[…] [651] […] Für meine Analyse nehme ich mir jetzt die Politik des Sozialistischen Frauenbundes vor, in dem ich seit 1969 (damals hieß er noch Aktionsrat zur Befreiung der Frau) Mitglied bin. Diese Darstellung wird sehr (selbst-)kritisch und, um verständlicher zu sein, auch noch ein wenig überzeichnet. (Ich bitte die Frauenbundmitglieder, mir die Über­zeichnung nachzusehen. Die Vereinfachung ist notwendig, um die von mir mit zu ver­antwortende Politik in ihrer Fragwürdigkeit darzustellen.) Ich führe also im folgenden nicht vor, was sozialistische Frauenpolitik sein soll, sondern, was wir gemacht haben.
Zurück ins Jahr 1969. Ich war Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbun­des und der Sozialismus galt uns als notwendige Gestalt von Freiheit und Emanzipa­tion; die Abschaffung der Kapitalherrschaft, die Enteignung der Produktionsmittelbe­sitzer, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel – das waren die Ziele, für die wir uns einsetzen wollten. Daß die Frauenfrage älter ist als der Kapitalismus, war uns klar. Daß die Arbeiterbewegung, die Parteien und Gewerkschaften, in denen sie sich organi- [652] satorisch äußert, die Frauenfrage nicht anständig vertraten, daß die Frauen selber nur ungenügend in diesen Organisationen vertreten waren und daher ihre Belange nicht durchsetzen konnten, ja, daß sie, soweit sie nicht Lohnarbeiter waren, gar nicht direkt zur Arbeiterbewegung gehören konnten – das alles bewegte uns, die wir uns zunächst nur »politisch« verstanden, uns zusätzlich in einer Frauenorganisation zu organisieren. Da wir die politischen Ziele nicht aufgeben wollten, mußte es eine sozialistische Frau­enorganisation sein. Wie dachten wir den Zusammenhang von Sozialismus und Frauenfrage? (mehr…)

Termine und andere Hinweise (2)

I. Termin

Tove Soiland wird heute (Mi., 13.7.) in Hamburg den Versuch unternehmen, unter Berufung auf Marx und Foucault zu zeigen, daß „sich gesellschaftliche Verhältnisse nicht dekonstruieren lassen“. Die streitbare Autorin aus der Schweiz hatte kürzlich schon in analyse & kritik (s. die Debatten-Übersicht am Ende) und beim Roten Abend in Berlin (vgl. die Berichte in der jungen Welt und bei indymedia) anregende und angeregte Diskussionen über das Verhältnis von Geschlechter- und Klassenverhältnissen, Feminismus und Marxismus, angestoßen.1

Aus der Hamburger Vortragsankündigung:

„Produktionsverhältnisse und die dazugehörigen Subjektivierungsweisen, so wird der Vortrag argumentieren, lassen sich […] als Bedeutungsfestschreibungen nicht nur nicht beschreiben. Im Rahmen dieser kulturalistischen Umdeutung des historischen Materialismus kann auch nicht mehr verstanden werden, dass das – aus dieser Perspektive subversiv erscheinende – Instabilwerden von Identitäten zu den veränderten Produktionsbedingungen des spätkapitalistischen Akkumulationsregimes gehört. Dieser ‚kultureller Materialismus’ wird deshalb weder Marx Kritik der politischen Ökonomie noch Foucaults Spätwerk, das als Adaption des Marxismus für spätkapitalistische Gesellschaften gelesen werden kann, gerecht, sondern vergibt vielmehr deren gesellschaftskritisches Potential.“

(mehr…)

Wenn You Tube mal nützlich ist

Via Angela Demontis

Termine und andere Hinweise (1)

I. Termine

► Am Samstag, den 16. Juli wird die Sozialistische Kooperation in Leverkusen über die laufende Organisierungs- und Programmdebatte diskutieren. Referieren wird u.a. Edith Bartelmus-Scholich von der täglich mit neuen Artikeln erscheinenden internet-Zeitung scharf-links.

► Jan Ole Arps stellt am Montag, den 11. Juli in Berlin zusammen mit dem ehemaligen Betriebsaktivisten Peter Bach das kürzlich im Verlag Assoziation veröffentlichte Buch „Frühschicht – Linke Fabrikintervention in den 70er Jahren“ vor. Es soll um die damaligen Kämpfe und Lehren für heute gehen. Veranstalter: Internationale KommunistInnen und Für eine linke Strömung (Fels). Auch der Klassenkampfblock kündigt die Veranstaltung an.

► Am Mittwoch, den 3. August wird beim Roten Abend das im ISP-Verlag (Infos zum Buch mit Inhaltsverzeichnis und Rezensionen) erschienene Buch „Indien und die Naxaliten – Agrarrevolten und kapitalistische Modernisierung“ von Lutz Getzschmann vorgestellt. Aus der Ankündigung: „Über die politische Praxis der Naxait_innen, die sich keineswegs auf den bewaffneten Kampf beschränkt, sondern auch soziale und gewerkschaftliche Organisierung umfasst, wird Getzschmann ebenso informieren wie über die staatliche Repression, von der die sozialen Bewegung der ländlichen Region betroffen sind.“ Vgl. zum Thema Klassenkampf in Indien auch den dortigen Beitrag.

II. Hinweise (mehr…)

Was in Bewegung bringen!

Vera Boehmer verlinkte die Stellungnahme der RSB zur Organisierungsdebatte und Louise schrieb bereits am 26.06.: „Thema: Neugruppierung der radikalen Linken. Uiih, uiih. uiih – was wird das denn? Eine neue antikapitalistische Organisation in Deutschland? Mittlerweile gibt es eine website, auf der man bisherige Veröffentlichungen und Debatten ganz gut nachlesen kann, heißt arschhoch (na, ich weiß ja nicht…) […] wer weiß, vielleicht kreiert die arschhoch-Gruppe ja eine neue Partei, die wir mal wählen können. Wollen wir mal nicht überkritisch sein. Vielmehr können wir dankbar sein, dass es Leute gibt, die immer wieder und immer noch was versuchen. Und wenn unsere alten und erfahrenen Polithaudegen nicht so egomanisch wären, dann könnte man vielleicht sogar mal was in Bewegung bringen!“
Damit tatsächlich etwas in Bewegung kommt, müßte es allerdings wohl gerade nicht in erster Linie um ein Angebot zum Wählen, sondern zu aktiver politischer Beteiligung gehen.

Geschlechterverhältnis und Ökonomie

Ein Lesehinweis für AntikapitalistInnen

Gerade erschienen:
Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften
Heft 292, 3/2011:
Care – eine feministische Kritik der politischen Ökonomie?

Argument, Heft 292, 3/2011 (mehr…)

…jeder Schritt wirklicher Bewegung

They stone you, when you’re trying to be so good(…)
I would not feel so all alone
Everybody must get stoned

Bob Dylan, ‘Rainy Day woman #12 & 35’

Eine Replik zum Artikel von Meinhard Creydt 1 anläßlich der Debatte um das Berlin-Schöneberger Papier.
Dieser Beitrag nämlich wirkt nicht ehrlich und auch nicht dessen Impetus. Die darin geäußerte Kritik trifft das Anliegen des Papiers der Autorengruppe aus Berlin-Schöneberg nicht, und zwar systematisch nicht.
Creydt argumentiert gegen zuvor selber aufgebaute Pappkameraden (=Positionen), die im Berliner Text nicht zu finden sind. Ganz ähnlich übrigens wie zuvor die seltsame Attacke von Karl-Heinz Schubert (trend-online) 2, der doch tatsächlich vor dem Versuch warnen will, jetzt an den Aufbau einer, wie er titelte, ‚revolutionär-proletarischen Partei’ zu gehen. Dabei reicht doch eine begrenzt intensive Lektüre, um festzustellen, daß von einer ‚revolutionär-proletarischen Partei’ im Berliner Papier gar nicht die Rede ist.

Ich ahne also bezüglich der besagten Repliken von Creydt und Schubert, daß sich da wer sträubt, einem ganz einfachen, ganz naheliegenden Gedanken zu einer praktischen Dimension zu verhelfen: In einer für die antikapitalistische Linke sehr schwierigen Situation fortschreitender Marginalisierung auf Dauer angelegte gemeinsame politische Schritte zu organisieren. (mehr…)

Lassen sich die Dinge wirklich nie klären?

Thomas Seibert, Vorstandsprecher des Instituts Solidarische Moderne (ISM) hat in Tom Strohschneiders Blog Lafontaines Linke noch einmal Bezug auf den Schöneberger Vorschlag genommen. „Zum (…) Pflichtteil der politischen Arbeit (…) gehört, dass sich die Dinge nie wirklich klären lassen, man also immer im Unklaren weiterwursteln muss“, schreibt er dort. Nun gut. Leider handelt es sich dabei schon um einen seiner klareren Sätze. (mehr…)

Langsam, langsam …

… nimmt die Debatte Fahrt auf und mitunter auch seltsame Formen an. Wie könnte es in Deutschland, dem Land der hochentwickelten Philosophie und unterentwickelten Klassenkämpfe, anders sein. In kurzen Wortmeldungen erfahren wir überwiegend Zustimmung, während uns in langen Ausarbeitungen mit umfangreichen „wissenschaftlichen Apparaten“ nicht nur, aber überwiegend, die Leviten gelesen werden.
(mehr…)

Noch mal: Diversity-Management statt Klassenkampf?

Detlef Georgia Schulze schreibt zur Kontroverse Prütz/Schilwa vs. Seibert:

Kein Zweifel: „Diversity-Management statt Klassenkampf“ – das wäre kein Mottto, das Zustimmung verdienen würde. Doch trotzdem impliziert die von Prütz/Schilwa aus der jungen Welt übernommene Überschrift eine gewisse Schieflage: Sie scheint einen exklusiven Widerspruch zwischen „Diversity-Management“ einerseits und „Klassenkampf“ andererseits zu implizieren. Prütz/Schilwa sprechen dann zwar auch vom Geschlechterkampf, der durch die Rede über Identitäten „ersetzt“ werde. Schließlich zitieren sie aber doch wieder zustimmend Ellen Meiksins Wood mit den Worten: Der Postmodernismus entwaffne und zersetze „den Widerstand gegen den Kapitalismus“ (meine Hervorhebung), womit dann erneut der Klassenkampf bzw. Kapitalismus als Hauptgesichtspunkt behauptet ist.

Mal abgesehen von der Frage, ob das, was Prütz/Schilwa zurecht kritisieren, – ohne nähere Differenzierung – treffend als „Postmodernismus“ zu bezeichnen ist: Jene laxe Haltung, die sich m.E. in der Tat besser als diversity management bezeichnen läßt, steht nicht nur revolutionärer antikapitalistischer, sondern auch revolutionärer feministischer und antirassistischer Politik entgegen. (mehr…)




ORGANISIERUNGSDEBATTE: