Von Quietscheenten, Liebesbeziehungen und »Fidelio« – zum Stand der ökumenischen Initiative aus dem Ratskeller Schöneberg

Ehrlich gesagt, liegt offenbar in uns Deutschen eine gewisse Trägheit und Unbehülflichkeit des Geistes für das praktische Leben und eine grenzenlose Zufriedenheit mit unseren bloßen Theorien und Projekten. Wie der Strauß seine Eier in den Sand, legen wir unsere Ideen auf das Papier, ohne uns darum zu kümmern, ob diese je ins Leben treten werden.
(Frühsozialist Ludwig Gall 1826)

Die Reaktionen auf unser »Na endlich«-Papier haben uns mehrheitlich positiv überrascht, die Debatte hat mittlerweile ganz schön Fahrt aufgenommen und es wird wohl Zeit, dass wir uns mal wieder kollektiv zu Wort melden. Infolge einer Kontroverse mit der »Trend-online«-Redaktion um Karl-Heinz Schubert kam es in Berlin zu einer ersten Veranstaltung. Die Teilnehmerzahl – wir wollen nix schönreden – lag mit knapp 40 Leuten wohlwollend formuliert am unteren Rand der Erwartungen. Die Debatte selbst war teilweise scharf, aber überwiegend konstruktiv. Eine konkrete Folge der Diskussion auf dieser Veranstaltung war die Einrichtung des Blogs »Arschhoch.blogsport.de«, der sich prächtig entwickelt (hier auch noch mal öffentlich ein Danke an Detlef Georgia Schulze für die außerordentlich fleißige und kreative Unterstützung).

Irgendwo zwischen Schlammschlacht, Skepsis und ernsthaftem Anlauf

Die Debatte hat überraschenderweise auch in vorher nicht vermutete Ecken ausgegriffen. So gab es z.B. eine öffentliche Kontroverse zwischen uns »Schönebergern« und dem IL-Aktivisten/-Philosophen Thomas Seibert auf Tom Strohschneiders Blog »Lafontaines Linke« – eine Gegend, in der wir nun nicht gerade die zentralen Zielgruppen unserer Initiative sehen. Aus anderen Ecken kam aber auch weniger als erhofft. Die Gruppe »Avanti« z. B., auf die wir uns in unserem Papier recht exklusiv bezogen hatten, hat sich bislang noch gar nicht geäußert.

Am spannendsten und konstruktivsten ist eine solche Debatte natürlich dann, wenn es nicht mehr nur um das »Ob«, sondern auch schon um das »Wie« geht. Am meisten gefreut haben wir uns deshalb über die Reaktionen des RSB (»Vereinigen statt Spalten«), von Detlef Georgia Schulze (im Folgenden: DGS / »10 Punkte über die wir diskutieren sollten«) und der rheinischen GenossInnen der SoKo (»Dringender Verständigungsbedarf« – Bericht vom SoKo-Sommertreffen in Leverkusen). Und zwar nicht nur deshalb, weil das recht ausführliche Stellungnahmen waren, mit denen wir weitgehend übereinstimmen. Erfrischend fanden wir v. a., dass aus jeder (auch kritischen) Zeile dieser Dokumente der unbedingte Wille spricht, Gemeinsames vor Trennendes zu stellen, um diese Debatte nicht wie so viele vorherige folgenlos enden zu lassen.

Natürlich sind das Ausnahmen. Die Mehrzahl der Reaktionen ist skeptisch, was Realisierbarkeit, Tempo und Zielsetzung der Initiative angeht (zuletzt etwa Robert Steigerwald). Vieles war auch grundsätzlich ablehnend – etwa Robert Schlosser (Bochum) »Endlich eine antikapitalistische Organisation ?« Letzterer lässt nun wirklich kaum ein gutes Haar am Schöneberger Papier (eigentlich gar keins) und zeigt dennoch mit seiner sachlich/solidarischen Art der Argumentation, dass produktive Auseinandersetzung auch über größte Differenzen hinweg möglich ist (auch wenn nicht alle »Schöneberger« die ziemlich wohlwollende Kommentierung von Schlossers Text durch unseren Blog-Administrator so teilen). Auf Schlossers programmatische Vorschläge kommen wir am Ende des Papiers noch zurück.

Wie es gar nicht geht, zeigen eindrucksvoll die (teilweise durchaus witzigen) Pöbeleien eines Meinhard Creydt, die der Autor uns als »Polemik« verkaufen will. Frank Braun und Horst Hilse (beide Köln) sowie DGS haben sich damit auseinander gesetzt – wir lassen das mal, frei nach dem Motto: »Gar nicht erst ignorieren«.

Solche Schlammschlachten waren natürlich auch zu erwarten, bringen uns aber keinen Zentimeter weiter. Voraussetzung auch für die schärfste Kontroverse ist nämlich u. a., dass wir versuchen, uns auf tatsächliche getätigte und nicht auf imaginierte Aussagen zu beziehen. Es ist völlig egal, ob wir zehn oder 100 Mal betonen, die Quietscheenten seien gelb – Leute wie Creydt werden trotzdem fulminante Kritiken verfassen, in denen sie nachweisen, dass die Ursache des opportunistischen Voluntarismus der SIBS in deren Rede von den blauen Quietscheenten zu suchen ist.

Apropos Quietscheenten – eine kurze Anmerkung zu unserem »Schreibstil«. Den halten wir ganz bewusst »locker«, hoffentlich verständlich, vielleicht sogar »erfrischend« (RSB). Sehr viel wichtiger als gnädige Urteile tatsächlicher oder selbsternannter Koryphäen aus dem Athenäum des Marxismus ist uns nämlich, dass möglichst viele der Diskussion folgen können und wollen, die nicht zu den üblichen Verdächtigen (Debattierern, Artikelschreibern, Podiumsgrößen) gehören. Wenn das gelingt, lassen wir uns gerne wegen »Flapsigkeit« (Schubert), »Blauäugigkeit« (Schlosser) oder »Radikalauern« (Creydt) abwatschen.

Es ist völlig unmöglich, auf alle Stellungnahmen einzeln einzugehen (wir wollen nicht schon wieder 35 Seiten produzieren, wer detaillierter interessiert ist, findet alles wichtige auf dem »Arschhoch-Blog«). Stattdessen werden wir zu den aus unserer Sicht strittigsten Punkten der bisherigen Debatte Stellung nehmen.

Lenin als erster Postmoderner?

Die schon erwähnte Kontroverse zwischen den Schönebergern Prütz/Schilwa (»Diversity-Management statt Klassenkampf?«) und Thomas Seibert (»Die Vielheiten der Kämpfe«) kommentierte DGS mit ihrem Beitrag »Noch mal: Diversity-Management statt Klassenkampf?«, in dem so was wie eine »linksleninistische Postmoderne« beworben wird. Der Kunstgriff, Lenins Ökonomismus-Kritik in »Was tun?« zur (ersten) postmodernen Schrift zu erklären, reizt zum Widerspruch.
Aber zunächst mal: Wir glauben uns in voller Übereinstimmung mit DGS in der Fronstellung gegen die politischen Ziele von Seiberts »Institut für eine solidarische Moderne« (ISM), rot-rot-grüne Regierungen neoreformistisch-postmodern-bewegungslinks zu legitimieren.

Deutlich verzwickter wird es bei der Bewertung der zugrunde liegenden Philosophie/Ideologie. Unter den Begriffen »Interesse«/»Identität« und »Dekonstruktion«/»Postmoderne« scheint jede(r) was anderes zu verstehen. Am Aufkommen diesbezüglicher Missverständnisse waren wir – durch unpräzise Formulierungen – wohl nicht ganz unbeteiligt.

DGS kritisiert unser im anti-postmodernistischen Sinne von Ellen Meiksins Wood gebrauchtes Begriffspaar »Interesse« und »Identität«:

»Und für eine Wiedergewinnung revolutionärer Politik ist es auch nicht hilfreich, Identitäten und Interessen entgegen zusetzten, wie es Prütz/Schilwa in schlichter Umdrehung bestimmter Varianten des Postmodernismus machen. Weder sind Identitäten des Reich des Ideellen und Psychischen oder bloß Ausgedachten noch Interessen der Bereich des rein Materiellen und unmittelbar Realen. Wenn ›postmodern‹ heißt, ein quasi naturalistisches Verständnis von Interessen (›Interessen als das unmittelbar und schlicht Gegebene‹) abzulehnen, dann war Lenin der erste Postmoderne. Was Lenin in Was tun? zeigt, ist, dass Interessen nicht einfach gegeben sind, sondern erst im politischen Kampf herausgebildet werden.«

So gesprochen und argumentiert unterschreiben wir das.

»Erst eine kommunistische (damals von Lenin noch ›sozialdemokratisch‹ genannte) politische Identität bringt die Verschiebung vom Interesse an der Wahrung der eigenen Position im System zum Interesse am Umsturz des Systems.«

Vielleicht würde deutlicher, dass »Schöneberg« und DGS hier gar nicht weit auseinander liegen, wenn wir statt von »Interesse an der Wahrung der eigenen Position im System« und »Interesse am Umsturz des Systems« lieber von elementarem (»trade-unionistischem«) und politischem (»kommunistischem«) Klassenbewusstsein sprächen.

»Das letztgenannte Interesse ist nicht unmittelbar mit der Erfahrung der Ausbeutung in der Fabrik oder im Büro gegeben, sondern erfordert das Eingreifen der Theorie (der ›Sprachspiele, Diskurse, Interpretationen‹) [Lederer von Prütz/Schilwa kritisch zitiert] und die politische Weitung des Horizonts über den ›Bereich […] des ökonomischen Kampfes […]‹«

D’accord – ohne Theorie keine Revolution. Fragt sich nur welche. Für gelinde gesagt kühn halten wir das DGS-Manöver, Lederers (von Lyotard gemopsten) »Sprachspiele, Diskurse, Interpretationen« umstandslos zur »Theorie« machen, ohne auf deren Gehalt auch nur mit einem einzigen Wort einzugehen. Die Lederers und Lyotards dieser Welt haben an allerlei »Interesse«, aber ganz sicher nicht am »Umsturz« ! DGS verkennt bzw. unterschätzt, dass der Schlüsselbegriff der Postmodernisten, nämlich die Rede vom »Ende der großen Erzählungen« auch und vor allem ein Generalangriff ist auf die »Großerzähler« Hegel, Marx und (den von DGS offensichtlich sehr geschätzten) Lenin.

»Das, was unter dem Sammelbegriff ›Postmoderne‹ bzw. ›postmodernes Denken‹ firmiert, ist annäherungsweise als geistig-kulturelle Strömung (…) zu fassen, die ihr Unbehagen ausdrückt gegenüber den klassischen Leitvorstellungen der Aufklärung bzw. der neuzeitlich-abendländischen Rationalität. Entsprechend gelten Wahrheit, Vernunft, Identität, Fortschritt, Emanzipation als ideelle Orientierungsmarken sowie die sich darauf beziehenden ›großen Erzählungen‹ als unrettbar gescheitert und diskreditiert.« (Hartmut Krauss)

DGS meint ferner, »Pluralität« bei der Frage revolutionärer Organisierung sei »kein Drama«. Natürlich nicht, im Gegenteil! Akzeptanz von Pluralität auf der Suche nach einer gemeinsamen revolutionären Perspektive ist sozusagen Grundvoraussetzung der Losung »Raus aus dem Zirkelwesen«. Aber über ein paar Dinge sollten wir uns schon verständigen können. Leben wir nach wie vor in einer (wenn auch veränderten) patriarchalen, rassistischen Klassengesellschaft oder ist die heutige postmoderne Gesellschaft geprägt von Seibert’schen »Termen«, wozu neben »Klasse, gender, race« auch so etwas gehört wie »Ästhetiken der Existenz«?

DGG schreibt weiter:

»Weder der Feminismus noch der Marxismus noch antirassistische Theoriebildung kann heute und auf absehbare Zeit eine umfassende Analyse und Erklärung gesellschaftlicher Verhältnisse und Entwicklungen als Ganzes liefern (…)«

»Heute und auf absehbare Zeit« – na schön. Aber wäre eine »umfassende Analyse und Erklärung der gesellschaftlichen Verhältnisse als Ganzes« denn erstrebenswert, z. B. als praxisleitende Erkenntnis ? Oder ist schon der Versuch begrifflicher Verallgemeinerung eine totalisierende Vergewaltigung des Besonderen und Einzelnen ? Lohnt es nach Zusammenhängen, Ursachen, Wirkungen zu fragen, oder ist das sinnlos (die Welt ist nicht erkennbar) und gefährlich (Aufklärung führt zu Utopien, und die enden in Unfreiheit)?

Wir sind sicher, dass DGS diese Fragen genauso beantworten würde wie wir. Und deshalb sind wir optimistisch, dass wir – nach einem gemeinsamen Blick hinter die »pariserisch-schicke Verkleidung des heimeligen alten Irrationalismus« (Jean Amery) – auch gemeinsam gegen Lyotard feststellen werden: Vernunft und Macht sind nicht eins. Es gibt einen Emanzipationshorizont, eine globale Alternative zum Kapitalismus.

Dekonstruktivistischer Marxismus?

Wer bei Wikipedia den Begriff »queer« eingibt, erfährt als allererstes, dass das bevorzugte Werkzeug der »Queer-Theorie« die »Dekonstruktion« (»nach dem Ausgeschlossenen fragen«) ist. Kein Wunder also, dass unsere queeren GenossInnen Probleme mit dem »PoMo-Bashing« der Schöneberger haben.

Probleme anderer Art haben wahrscheinlich unsere »bolschewistischen« oder einfach nur »traditionalistischen« FreundInnen/KritikerInnen. Wir ahnen den Einwand: Dieser ganze »Queer/Gender/Dekonstruktions-Kram« interessiere »die Arbeiterklasse« nicht die Bohne.
Vielleicht aber beruht dieser Einwand auf einer homogenen Vorstellung von »der« Klasse, die der tatsächlichen Mannigfaltigkeit (»Multitude«) der Gesamtheit aller, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, gar nicht gerecht wird.

Warum nun beschäftigen wir uns so ausführlich damit ?

1. Bei Linken z.B. in reformistischen Massenorganisationen ist das kein Thema, in der radikalen Linken schon. Wir hoffen, dass die Auseinandersetzung mit DGS sozusagen eine exemplarische ist bzw. wird und viele »Queer-Linke« sich nicht mit Gleichstellungspolitik (wogegen wir überhaupt nichts haben) zufrieden geben, sondern nach revolutionären Perspektiven suchen.

2. Wir administrieren zwar den »Arschhoch-Blog«, aber nicht die Diskussion. Die bringt nun mal hervor, was sie hervorbringt – das Thema ist im Moment das eindeutig meist diskutierte.

3. Für die Erneuerung/Weiterentwicklung der marxistischen Theorie reicht das Klassikerstudium alleine nicht. Zu Lenins und Trotzkis Zeiten gab es noch keine Postmodernisten oder Queer-TheoretikerInnen (na gut, vielleicht doch – Magnus Hirschfeld etwa) und also sollten wir dort nicht nach Antworten, sondern höchstens nach Methoden und Herangehensweisen suchen.

DGS bastelt an einer interessanten Argumentationskette: Marxens »Kapital« war »de-konstruktivistische Ent-Naturalisierungsarbeit« bzgl. »Ausbeutung und Klassen«. Dasselbe machten die feministischen und anti-rassistischen TheoretikerInnen nach 68 bzgl. »Rassen und Geschlechter«.

»Im 19. Jahrhundert begann Karl Marx die Arbeit der De-Konstruktion (oder, um hoffentlich meinen FreundInnen im traditionalistischen Lager verständlich zu bleiben: der De-Naturalisierung) im Bereich der der Ökonomie: Er zeigt, dass Ware, Kapital, Wert usw. keine Sachen zum Anfassen, sondern gesellschaftliche Formen sind. Selbst Gold hat nur unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen ›Wert‹, ein Apfel ist nur unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen eine Ware und ein Computer nur unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen Kapital.«

Geht es hier um das gesamte »Kapital« oder um den ersten Band bis zum »Fetisch-Kapitel«? Bis dahin ist nämlich von »Ausbeutung und Klassen« überhaupt nicht die Rede, sondern vom Tausch zwischen vermeintlich Freien und Gleichen. Vielleicht rennen wir bei DGS ja offene Türen ein, aber die ostentative Gegenüberstellung »Sachen zum Anfassen« vs. »gesellschaftliche Formen« hat für uns einen »wertkritischen« Zungenschlag (was ja nicht per se falsch sein muss). Die verdienstvolle »Dekonstruktion« eines »substanzialistischen« (Michael Heinrich) oder (um es mit DGS zu sagen »naturalistischen«) Wertbegriffs verkommt zum »Zirkulationsmarxismus« (G. Hanloser / K. Reitter, 2008), wenn die »Kapital«-Lektüre nach besagtem »Fetisch-Kapitel« eingestellt und/oder der folgende zweifache Perspektivenwechsel unterschlagen wird: Von der Sphäre der Geld-Ware-Zirkulation zur Sphäre der Produktion (erst im Gegensatz von totem Kapital und lebendiger Arbeit findet der Wertbegriff seine Berechtigung) und schließlich von der face to face-Situation Arbeiter-Kapitalist zum Verhältnis Gesamtklasse-Gesamtklasse (also: Ausgleich und tendenzieller Fall der Profitrate).

Bestimmte (nicht alle), »radikale« Strömungen der »Wertkritik« und der »Neuen Marx-Lektüre« ersetzen den Klassenkampf durch Warenfetischismus: Wenn alle Individuen, egal ob Produktionsmittelbesitzer oder Anbieter der Ware Arbeitskraft als Warensubjekte gleichermaßen der »Totalität des abstrakten Werts« unterworfen sind, landen wir bei einem »klassenlosen Marxismus« – also da, wo die Postmodernisten nach ihrer erfolgreichen »anti-totalitären« Dekonstruktionsarbeit schon sind.

Marx ging es sowohl um die ökonomische Wertform, also den gesellschaftlichen Charakter des warenproduzierenden Systems als auch um den konkreten, tatsächlichen Mehrwert, also die Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital. Auch wenn’s unmodern ist: Die Gegenüberstellung des naiven, klassenkämpferischen Marx des »Kommunistischen Manifests« und des reifen, philosophischen Marx des »Kapital« ist erkennbar nicht erkenntnis-, sondern interessengeleitet.

Wahrscheinlich wird uns DGS da zustimmen, aber wir halten (sicher ist sicher) noch mal folgendes fest: Wer den Kapitalismus abschaffen will, darf nicht bei Adornos »totalitärem Tauschprinzip« oder dem »allumfassenden Verblendungszusammenhang« stehen bleiben, sondern sollte – ganz parteiisch – »De-Konstruktion/Ent-Naturalisierung« daraufhin prüfen, ob am Ende des Manövers Frieden mit dem Kapitalismus steht oder nicht.

Zurück zur DGS-Argumentationskette. Der Marxismus zeigt: »Ausbeutung und Klassen sind nicht natürlich, sondern gesellschaftlich hergestellt.« Feministische und antirassistische Theorie zeige: »Auch Rassen und Geschlechter sind keine natürlichen Einheiten, sondern Produkte gesellschaftlicher Konstruktion.«

Da haben wir Diskussionsbedarf und würden zunächst gerne unterscheiden zwischen sozialen Geschlechterrollen (»gender«) und biologischem Geschlecht (»sex«). Was »gender« betrifft gehen wir mit DGS und (ausnahmsweise) mit Foucault: Tradierte Rollenmuster, die Auffassungen über Sexualität und Homosexualität, unseretwegen auch »zweigeschlechtliches Denken« überhaupt beruhen auf sozialen und historischen Gegebenheiten. Was »sex« angeht, würden wir sagen (Achtung, jetzt wird’s »heteronormativ«): Es gibt so etwas wie eine »Materialität binärer Geschlechter.« Weniger vornehm ausgedrückt: Frauen und Männer sind (in der Regel) »untenrum« verschieden und haben (in der Regel) auch kein Problem damit.

Wir betonen aber sofort (und zwar mit drei Ausrufezeichen): Alle, die in dieses »binäre System« nicht hineinpassen oder nicht passen wollen, haben jedes Recht dieser Welt, ihre sexuelle/geschlechtliche Identität selbst zu definieren/zu bestimmen. Nicht nur der Kampf gegen »Sexismus und Homophobie« (wie der RSB zu Recht schreibt), auch der Kampf gegen jede Form der Diskriminierung von Transgendern/Transwesen gehört auf die Agenda revolutionärer Organisierung.

Ähnlich würden wir bzgl. der Kategorie »Rasse« argumentieren. AsiatInnen, AfrikanerInnen, EuropäerInnen sind mehrheitlich ganz offenkundig »verschieden« (der Begriff »Rasse« ist politisch-historisch hochproblematisch, ob er wissenschaftlich überhaupt haltbar ist, wissen wir nicht). Wir halten es aber für keine gute Idee, dem Rassismus (also der Auffassung der Höher-/
Minderwertigkeit verschiedener »Rassen«) mit dem Argument entgegen zu treten, alle Unterschiede zwischen Menschen (also auch physiognomisch-biologische) seien ausschließlich »gesellschaftlich konstruiert«.

Wir wollen ein letztes Mal (großes Barschel-Ehrenwort) fragen, was Dekonstruktion, Poststrukturalismus, Diskursanalyse, Gender Studys etc. zu bieten haben für »die Wiedergewinnung einer revolutionären Perspektive im 21. Jahrhundert« (DGS) und versuchen es mit Judith Butler, eine der bekanntesten Vertreterinnen der »Queer-Theorie«. Sie kritisiert (z. B. in »Das Unbehagen der Geschlechter«) den modernen (also Post-68-Feminismus) als selbst antiquiert, weil er – fälschlicherweise – von den Frauen als einer Gruppe mit gemeinsamen Merkmalen und Interessen ausgehe. Auch (leider nicht primär), weil dabei die Kategorien »Klasse« und »Rasse« hinten runterfallen, sondern vor allem, weil das zu einer Tradierung des binären System der Geschlechterbeziehung führe und damit zur Festigung der patriarchalischen Kultur. Stattdessen, so Butler, sollten wir »Geschlechterverwirrung« stiften. Was daran »subversiv« ist, erschließt sich uns (noch) nicht – wir sind aber gespannt auf den wahrscheinlich heftigen und hoffentlich solidarischen Streit mit den queeren FreundInnen.

Kapitalismus- und Patriarchatskritik wieder zusammenbringen …

Oft und stark kritisiert wurde unser »Na endlich«-Papier wegen der dortigen Exkurse I »Triple Oppression« und II »Hausarbeitsdebatte«.

Zu I: Wir geben zu, dass hier eine gewisse (leichte) Tendenz in Richtung »Haupt/Nebenwiderspruch« zum Ausdruck kam. Dass z. B. nicht immer dann, wenn von »Kapitalismus« die Rede ist, automatisch-selbstverständlich auch von »Patriarchat« und »Rassismus« gesprochen wird, ist auch, aber natürlich nicht nur der Faulheit geschuldet, sondern Ausdruck oben genannter Tendenz. Was – nebenbei bemerkt – auch »in Schöneberg« zu einer kleinen Kontroverse führte.

Zu II: Wir schlagen vor, diesen Punkt nicht zu hoch zu hängen. Am Anfang stand eine sehr begrenzte Fragestellung, nämlich ob Hausfrauen als Produzenten der Ware Arbeitskraft dem Wertgesetz unterliegen (Mehrwert schaffen) und also deshalb Teil der Lohnabhängigenklasse sind. Wir stellten verschiedene feministisch-marxistische Positionen hierzu vor, wobei erneut eine (verneinende) Tendenz unsererseits zu erkennen war. Uns ging und geht es in dieser ganzen Debatte um Hausarbeit und Care-Ökonomie zunächst mal um klare und nachvollziehbare Begrifflichkeiten (wäre z.B. die Herstellung eines Produkts das entscheidende Kriterium, wäre auch der Bauer Proletarier). Am Ende stand jedenfalls keine Festlegung (schon gar keine »unverhandelbare«), sondern eine Frage: Brauchen wir eine Kritik der politischen Ökonomie der Hausarbeit ? Wir finden nach wie vor: Ja.

Auch die GenossInnen des RSB reiben sich in ihrer Stellungnahme (»Vereinigen statt spalten«) an diesen beiden Exkursen. Wir kommen sofort darauf zurück, wollen vorher aber kurz festhalten, dass wir ansonsten – wenn überhaupt – nur graduelle oder taktische Meinungsverschiedenheiten sehen. Die Furcht vor zu starkem Schielen auf die »Wahlebene« ist schon aus praktischen Gründen übertrieben, denn bevor unser Projekt sich mit Wahlaussagen oder gar Kandidaturen befasst, dürfte noch viel Wasser die Spree runter fließen. Unterschiede bzgl. der Einschätzung der LINKEN (Ausmaß, Zeitpunkt, Tempo von Differenzierungen in der LINKEN, Charakter, Potenzial, Entschlossenheit der Linken in der LINKEN) sehen wir allenfalls in Nuancen. Und ob die LINKE »reformistisch« oder »linksreformistisch« ist, werden wir bei unseren gemeinsamen Debatten schon noch rauskriegen.

Zu Beginn Eures Abschnitts 3 (»Anti-Sexismus ist zentral«) steht die Frage, ob hier nur »fehlende Klarstellungen« unsererseits nötig sind, oder ob es sich doch um »wirkliche, nennenswerte Differenzen« handelt. Wir hoffen und glauben ersteres.

»Wir wollen aber betonen: Für uns ist eine bestimmte Unterdrückung nicht erst dann relevant, ›wenn sie die gesamte Gesellschaft durchzieht‹«.

Relevant für was oder wen? Wenn z. B. ein Schwuler von homophoben Schlägern verprügelt wird, dann ist das für ihn, sein Umfeld und natürlich auch für organisierte RevolutionärInnen in diesem Kiez absolut relevant. Nochmal: Unsere (womögliche) Differenz ist nicht, dass revolutionäre Politik antikapitalistisch und antisexistisch und antirassistisch sein muss. Aber beim Versuch, Klassen/Geschlechter/Rassen-Verhältnisse auf den Begriff zu bringen, also bei der Frage nach welcher Logik (einer einzigen, mehreren oder gar keiner) funktioniert der (auch sexistische und rassistische) Kapitalismus, sollten Fragen wie: »Durchzieht diese Form der Unterdrückung die gesamte Gesellschaft?« oder: »Ist sie konstitutiv für Herrschaft des Kapitals« erlaubt sein. Wir geben zu, dass zumindest die erste der beiden Formulierungen irgendwie unpräzise ist und machen deshalb im folgenden Kapitel einen anderen, neuen Vorschlag.

»Spätestens da, wo es im SIBS-Text heißt, dass es ›bei z.B. ‚abweichenden’ sexuellen Orientierungen nicht‹ um Unterdrückung gehe, um die sich eine revolutionäre Organisation ›vernünftigerweise‹ kümmern sollte, wollen wir klarstellen, dass für uns die Übel außerhalb des ›Hauptwiderspruchs‹ weder unbedeutend noch unwichtig für die Politik einer revolutionären Organisation sind.«

Natürlich sind »Übel« außerhalb des »Hauptwiderspruchs« nicht »unbedeutend« oder »unwichtig« – schon gar nicht für revolutionäre Organisationen. Aber das ist doch nicht das, was Ihr an uns kritisiert. Der (nur halb ausgesprochene) Vorwurf lautet: Ihr denkt noch immer in der Kategorie »Haupt-/Nebenwiderspruch« (und liegt damit ja gar nicht so daneben). Wir fragen zurück (und zwar nicht als Provokation, sondern ganz ernsthaft): Warum eigentlich sollen Opfer von Behindertenfeindlichkeit sich mit einer Rolle im »Nebenwiderspruch« abfinden? Dann wären wir nicht bei Triple-, sondern »Quadro-Oppression« – die Liste ließe sich fortführen, aber wir widerstehen der Versuchung des Zynismus, weil wir – ganz ehrlich – in dieser Frage selbst »auf der Suche« sind und also großes Interesse an einer offenen, seriösen und solidarischen Debatte haben.

… aber wie ?

Natürlich könnten wir es uns einfach machen, z. B. mit der klassischen »Traditionalistenfrage«, mit wem die schwarze Arbeiterin mehr gemeinsam hat – mit dem weißen männlichen Kollegen am Band oder mit dem schwarzen Personalchef oder der weißen Aufsichtsratsvorsitzenden. Auch wenn das für uns eine wichtige Frage bleibt, glauben wir, dass die Debatte auf diesen ausgetretenen Pfaden nicht mehr vorwärts kommt.

Ein vorletztes Mal zurück zu DGS:

Feminismus, Marxismus und anti-rassistische Theoriebildung »können nur dann produktiv zu einander in Beziehung gesetzt werden, wenn sie ihre jeweilige eigene Endlichkeit anerkennen; wenn sie anerkennen, dass ihr Gegenstand und Kampfgebiet nicht ›alles‹ ist, sondern, dass sie mit jeweils Spezifischem befasst sind: den Geschlechterverhältnissen, den Klassenverhältnissen, den Rassenverhältnissen – und dass diese nicht nach einer einzigen Logik funktionieren.«

Wir sollten bei der Frage ansetzen, was diese »drei Verhältnisse« denn miteinander zu tun haben (wenn sie nicht nach einer einzigen Logik funktionieren) bzw. wie sie (für eine revolutionäre Perspektive) »produktiv zueinander in Beziehung gesetzt werden« können. Denn dass sie einfach beziehungslos nebeneinander existieren, wird ja auch DGS nicht behaupten.

Hierzu sechs Annäherungsversuche:

1. Basis und Überbau

Der Verwertungsmaschine Kapitalismus sind Geschlecht und Hautfarbe grundsätzlich-systemisch schnuppe. Aber für die Herrschaftssicherung, für die Herstellung gesellschaftlicher Hegemonie ist die Spaltung der Klasse insbesondere entlang der Linien Geschlecht und Ethnie das beliebteste Mittel der Herrschenden seit es Kapitalismus gibt und ihm insofern wesenseigen (ganz abgesehen davon, dass die Extra-Profite durch Über-Ausbeutung – etwa in »Leichtlohngruppen« – auch gern mitgenommen wird).

2. »Dual«- oder Triple-Oppression?

In der vorherigen Kapitelüberschrift »Kapitalismus- und Patriarchatskritik wieder zusammen bringen…« fehlte der »Antirassismus«. Nicht (zum wiederholten Mal), weil Anti-Rassismus für revolutionäre Politik »unwichtig« wäre (das Gegenteil ist der Fall). Wir zitieren noch mal das AVANTI-Grundsatzprogramm, in dem die AVANTIS selber von zwei Tendenzen in ihrer Gruppe hinsichtlich dieser Frage sprechen:

»Die eine Position begreift Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus als grundlegende Strukturen, die unsere heutige Gesellschaft wesentlich organisieren (…) Alle drei Unterdrückungsformen sind gleichwertig. (…)

Die andere Position sieht in Kapitalismus und Patriarchat die beiden Grundwidersprüche unserer Gesellschaftsordnung. Dabei bildet das Patriarchat eine gemeinsame Grundstruktur aller Klassengesellschaften von der antiken Sklavenhaltergesellschaft bis zum modernen Kapitalismus.«

Wir neigen zur zweiten Position. Der Kapitalismus bzw. bestimmte Kapitalfraktionen können durchaus »anti-rassistisch« sein, wenn die Verwertungsinteressen es erfordern, wie die Diskussion um »Computer-Inder« in Deutschland eindrucksvoll gezeigt hat. Insofern können wir uns – im Gegensatz zum RSB – schon einen Kapitalismus vorstellen, der »ohne Rassismus auskommt«.
Natürlich gibt es dieses »gegenläufige« Moment auch bzgl. der Unterdrückungsform »Patriarchat« (Gendermainstreaming, Quoten). Der Unterschied zwischen »Patriarchat« und »Rassismus« liegt für uns auf der analytischen Ebene, nämlich der strukturellen Bedeutung der unbezahlten (weiblichen) Hausarbeit für den Kapitalismus.

3. Tendenz kapitalistischer Vergesellschaftung

Allerdings erleben wir gerade die zunehmende Ersetzung unbezahlter (weiblicher) Hausarbeit durch schlecht bezahlte (überwiegend weibliche) Arbeit in der »Care-Ökonomie« (Pflege-, Kinderbetreuungs-, medizinische Einrichtungen), also nichts anderes als »Professionalisierung und Vergesellschaftung der Hausarbeit« (»Na endlich«-Papier) – nur eben unter kapitalistischen Vorzeichen. In diesem Sinne würden wir »Unzeit-gemäß« auf dem Blog »Entdinglichung« zustimmen:

»Der Kapitalismus hat die Tendenz, alle anderen Ungleichheiten durch die Ungleichheit von Verwertbar und Nicht-verwertbar zu ersetzen.«

Unsere Betonung liegt auf Tendenz.

4. Kombinierte und ungleichzeitige Entwicklung

Weniger seminaristisch ausgedrückt: »Neues« und »Altes« können real, »lebensweltlich« ziemlich brutal aufeinander krachen. Der Berliner Bezirk Schöneberg z. B. ist ja nicht nur seit kurzem ein Synonym für »Voluntarismus«, sondern v. a. seit Jahren eine Hochburg des schwul/lesbischen Mainstreams. Keine zwei Kilometer weiter, im Bezirk Wedding, musste vor etwa einem Jahr eine schwule Beratungsstelle schließen, weil sie immer wieder von homophoben migrantischen Schlägern angegriffen wurde. Derartige Vorfälle wiederum werden von »etablierten« Schwulen/Lesben-Verbänden für eine teilweise offen rassistische Propaganda missbraucht.

5. Verschränkung

Der letzte Punkt steht für eine »Überlagerung« von Widersprüchen und Unterdrückungsformen im Kapitalismus. Wir schlagen vor, nicht noch weitere 15 Jahre die alte Debatte »Haupt-/Nebenwiderspruch« versus »dual/triple/quadro-Oppression« zu führen, sondern es mal mit dem Begriff/der Kategorie der »Verschränkung« zu versuchen. Ein Beispiel, um zu verdeutlichen, was wir damit meinen: Sexarbeit gilt gemeinhin als Paradebeispiel für Unterdrückung der Frau (nicht nur) im Kapitalismus. Es lässt sich aber empirisch leicht nachweisen, dass die Rollenverteilung in der Sexarbeit im heutigen Kapitalismus nicht vom Geschlecht, sondern vom sozialen Status abhängt. Auf Bali oder Jamaika kaufen/mieten weiße Mittelschichts-Europäerinnen/Australierinnen/Amerikanerinnen einheimische junge männliche Sexarbeiter. Dass diese umgedrehte Rollenverteilung weltweit die Ausnahme ist, liegt an der ungleichen Verteilung von Geld und Macht zugunsten der Männer/zuungunsten der Frauen und nicht an biologischen oder sonstigen Geschlechterunterschieden.

Dieses Beispiel zeigt sozusagen eine »Verschränkung« kapitalistischer, geschlechtlicher, rassischer und (post)kolonialer Verhältnisse. Im gemeinsamen Kampf gegen diese (Gesamt)verhältnisse sind wir dann doch (vielleicht) wieder bei DGS:

»Auch im Bereich der Geschlechter und Rassen geht es nicht mehr um Gleichheit und Pluralität, sondern um Überwindung dieser Formen des Funktionierens der gesellschaftlichen Verhältnisse.«

6. Wenn’s konkret wird, werden wir uns schon einigen !

Apropos »gemeinsamer Kampf«: Eine noch zu entwickelnde politische Praxis unseres andiskutierten Projekts wird u. E. sehr schnell und deutlich zu großer Übereinstimmung führen. Kein Mensch (jedenfalls nicht im Rahmen derjenigen, die diese Diskussion führen) wird etwa vorschlagen, die Quotierung der Vorstände von DAX-notierten Unternehmen zur Hauptlinie unserer anti-patriarchalischen Politik zu machen.

Viel eher werden wir uns z.B. auf die »Schnittstelle Prekariat« (»Immer mehr Niedriglöhner verdienen immer weniger«) einigen können, weil das nicht nur eine Frage der Empathie oder Moral ist, sondern v. a. eine klassenpolitische (je größer die Reservearmee…) und feministisch-antirassistische (Prekarität ist überwiegend weiblich und migrantisch) Notwendigkeit.

Parallel sollten wir versuchen, in der Frage der »strukturellen Gleichrangigkeit (oder Nicht-Gleichrangigkeit) von Klasse/Geschlecht/Rasse« theoretisch weiterzukommen, ohne uns (zum gegenwärtigen Zeitpunkt) in dieser hochkomplexen und sehr umstrittenen Frage programmatisch festzulegen.

Kompromisse und Schmerzgrenzen

Unsere Initiative läuft ja auf den Vorschlag raus, dass die diskussions- und verständigungsbereiten Fraktionen der radikalen Linken die Möglichkeit des Ausbruchs aus dem Zirkelwesen und also die gemeinsame Organisierung prüfen.

Dabei kann es nicht um einen »Wohlfühl-Club« von möglichst vielen gehen. Ohne Prinzipien/Grundsätze, um die wir uns organisieren (wollen), macht die ganze Veranstaltung keinen Sinn.

Bzgl. dieser Prinzipien/Grundsätze halten wir dreierlei für wichtig:

1. Es sollte zuallererst um Fragen gehen, die den Klassenkampf/revolutionäre Politik in Deutschland betreffen. Nach unserer festen Überzeugung können wir einen solchen Versuch wagen, ohne uns z. B. (von vorneherein) auf eine bestimmte Einschätzung von Chavez oder Morales zu einigen. Vieles Identitätsstiftende für das Zirkelwesen (war die spanische POUM »zentristisch« oder nicht etc. pp.) muss zunächst außen vor bleiben.

2. Ohne wenigstens Teile der eigenen Programmatik und Tradition zur Disposition zu stellen, geht’s nicht (was nicht heißt, dass für diese Teile von nun an nicht mehr geworben werden darf, nur können sie nicht Voraussetzung eines Zusammengehens sein).

3. Gleichzeitig müssen alle Beteiligten ihre »Schmerzgrenzen« definieren und artikulieren. Wir hatten die unseren in fünf »unverhandelbaren« Punkten zusammengefasst. Weil es in den Reaktionen auf unser Papier auch hier (teilweise schwerwiegende) Missverständnisse gab, wollen wir versuchen, diese fünf Punkte noch einmal zu »übersetzen«.

(1) Konzept des revolutionären Bruchs

Es geht nicht darum, »rrrichtig rrrevolutionär« (Seibert) zu sein – ein »r« tut’s auch. Allerdings sollten AntikapitalistInnen in Zeiten, in denen selbst das Finanzkapital nicht mehr an den Kapitalismus glaubt und stattdessen lieber auf seinen Untergang wettet (die Investitionen in so genannte »Black-Swan-Fonds« boomen wie nie), vielleicht doch ohne Fracksausen zu der Auffassung stehen, dass dieses Monster nicht zu reformieren ist.

Wir stimmen Robert Steigerwald zu, eine Grenze nach »rechts« für einen neuen Anlauf sind z. B. bestimmte Vorstellungen von »Wirtschaftsdemokratie«. Wer glaubt, dass so was im Kapitalismus funktioniert, ist bei der LINKEN besser aufgehoben.

(2) Keine Mitverwaltung der kapitalistischen Krise

Mit einigem, was Robert Schlosser an unserem Papier kritisiert, rennt er bei uns offene Türen ein.
Etwa, was die »sozialistischen Tendenzen« in »bürgerbewegten Protesten« angeht oder den doppelten Hinweis, »so was wie die SUD in Frankreich würde der Entwicklung einer klassenkämpferischen Gewerkschaftsbewegung in Deutschland ausgesprochen gut tun«, sei aber »nicht einfach durch strategische Sichtung von Kräften und toleranten Umgang mit Richtungen herbeizuführen«.

Neben grundsätzlichen Differenzen (Einschätzung der Bolschewiki und der Oktoberrevolution) gibt es abseitiges, etwa unseren »Hausarbeits-Diskurs« u. a. mit der Bemerkung, »Essenszubereitung kann eine sehr kreative und lustvolle Beschäftigung sein« zu kommentieren.

Manches ist polemisch. »Eure Ordnung ist auf Sand gebaut« und »Etwas besseres als den Tod finden wir überall« (also das erste unserer »8 Gebote«) konnte – bei nur etwas gutem Willen – als das erkannt werden, was es ist: Nicht Analyse der Klassenlage (an der wir uns ausführlich versuchten), sondern »flapsig«-optimistisch-selbstironischer Abschluss eines längeren und ernsthaften Dokuments.

Ein Missverständnis lohnt es ausführlicher ausgeräumt zu werden.

»Die große Masse der LohnarbeiterInnen hat einiges zu verlieren und sofern sie erneut anfangen sich größerem Umfang zusammenzurotten und zu kämpfen, geschieht dies gerade in der Absicht der Verteidigung dessen, was Staat und Kapital ihnen einst zugestanden haben und was sie ihnen jetzt nehmen wollen.
Das beweisen gerade die Massenproteste in Frankreich, Griechenland und Spanien.
Ein neues, zeitgemäßes Klassenbewusstsein wird sich nur in diesen Verteidigungskämpfen entwickeln lassen.
Die Frage lautet nicht, wie die Autoren meinen, ›Reform oder Revolution‹, sondern sie lautet: Wie kann aus dem Kampf für soziale Reform eine sozialrevolutionäre Massenbewegung werden und was könnte eine antikapitalistische politische Organisation tun, um diese Prozess zu unterstützen und zu fördern ?
Bei diesem Kampf um soziale Reform geht es nicht um Dinge wie die ›Neugestaltung eines Jobcenter-Eingangs‹, sondern um grundlegende soziale Interessen aller Lohnabhängigen wie etwa die Länge der Arbeitszeit etc. Der Kampf um soziale Reform ist Klassenkampf (…).«

Gegen wen glaubt Schlosser das verteidigen zu müssen ?
Natürlich ist der »Kampf um soziale Reform Klassenkampf«. Natürlich sind auch die am weitesten entwickelten Kämpfe in Europa »Verteidigungskämpfe«. Unsere Alternative lautet mitnichten »Reform oder Revolution« – wir zitieren zustimmend die AVANTIS:
»Wer kein Sozialticket durchsetzen kann, braucht nicht in Träumen von Kommunismus zu schwelgen.«
Das alles hätte Genosse Schlosser unschwer rauskriegen können, durch Lektüre unserer Ausführungen zum Klassenbewusstsein in Deutschland (»Welche Krise ?«), zur Klassenlage (»Klasse, Prekariat, soziale Bewegung«) und zum Reformismus (»Die LINKE in Deutschland« und »Konkurrenz belebt das Geschäft«).

»Keine Mitverwaltung der kapitalistischen Krise« heißt für uns (vielleicht haben wir uns auch hier missverständlich ausgedrückt) zuerst und vor allem: Frontstellung gegen linke Regierungsbeteiligung unter kapitalistischen Vorzeichen/Bedingungen. An dieser Frage (und nicht an reformistischen oder revolutionären »Bekenntnissen«) entscheidet sich nämlich der Charakter aller »neuen linken Formationen« in Europa (wie wir ausführlich darlegen).

Unser Spott über »neu gestaltete Jobcenter-Eingänge« ist kein pseudo-revolutionäres Sich-Erheben über »den Kampf um’s Teewasser«, sondern nimmt die peinlich-dürftigen Verrenkungen zur Rechtfertigung linker Regierungsbeteiligungen auf’s Korn.

In diesem Sinne begrüßen wir Schlossers auch von Edith Barthelmus-Scholich beworbenes »Minimalprogramm« von »Rente mit 60« bis »Ganztagsschule«, ebenso wie die Ergänzungen von Wal Buchenberg zu »Kommunalisierung und Demokratisierung« der Daseinsvorsorge.
(Wo wir gerade bei Daseinsvorsorge sind: wenn wir mal keine »theoretischen« Pamphlete schreiben, versuchen wir es auch mit politischer Praxis, z. B. am neu gegründeten »Berliner S-Bahn-Tisch«).

Allerdings: Die Quadratur des Kreises kriegen selbst wir »Voluntaristen« nicht hin – eine Diskussion vorsichtig, nicht dominierend anstoßen und gleichzeitig ein komplettes Programm vorlegen. Das wird anderswo durchaus verstanden und begrüßt. (»Mir erscheint es sinnvoll, dass die Schöneberger dazu nicht zu fünft im Alleingang einen Vorschlag gemacht haben.« – DGS)

(3) Klassenorientierung

Das ist ein Punkt, bei dem wir uns weitgehend richtig verstanden fühlen. Die »Schwachstelle« des Kapitalismus (private Aneignung des gesellschaftlich produzierten Reichtums und die Klasse, die diesen produziert) im Auge haben, aber ohne »Klassenreduktionismus« im DGS-Sinne und ohne klassische »Arbeitertümelei«.

(4) Einheitsfront-Methode

Eine der »FAQ’s« zu unserem Papier: Was denn der Unterschied sei zwischen »Aktionseinheit« und »Einheitsfront(methode)«. »Aktionseinheit« ist wie der Name schon sagt »Einheit in der Aktion« (von »Stuttgart 21« bis zu Anti-Nazi-Demos), bei der – im Gegensatz zu »Volksfronten«/linken Regierungsbeteiligungen – die Zusammenarbeit mit (links)bürgerlichen Kräften möglich bis wünschenswert ist.

»Einheitsfront(methode)« hingegen fußt einerseits auf dem Prinzip der Klassenunabhängigkeit und beschreibt andererseits eine generelle Herangehensweise von RevolutionärInnen an reformistische Massenorganisationen und Gewerkschaften. Im Kern bedeutet sie nichts anderes, als »Reformismus« nicht nur in der Kategorie von »Verrat« zu denken und also die politische Praxis (wie wir finden ganz im Schlosser’schen Sinne) nicht auf »Entlarvung« der reformistischen Führer zu beschränken.

Dass das konkret in Berlin oder Dresden mit den dortigen neoliberalen »Regierungssozialisten« weder einfach noch vergnügungssteuerpflichtig ist, darauf weist der RSB zu Recht hin.
Aber auch hier gilt es Differenzierungen/Brüche innerhalb der LINKEN wahrzunehmen und zu bearbeiten, also z.B. nicht jedes einfache Mitglied zum »kleinen Harald Wolf« zu machen.

(5) Eine (gewisse) organisatorische Verbindlichkeit

Auch hier glauben wir, das rüberkam, was wir meinen. Verwirrung, Skepsis, Ablehnung provozierte der Terminus »demokratischer Zentralismus«. Wichtig ist uns nicht das Etikett, sondern der Inhalt.

Eine Organisation ist etwas anderes als ein Bündnis oder ein Netzwerk (was nicht heißt, dass nicht genau dies das Ergebnis unseres Diskussionsprozesses sein kann). Sie braucht eine gewisse Verbindlichkeit (also eine gemeinsam vertretene politische Linie) und nach unserer Überzeugung auch transparente Strukturen (jederzeit wählbare und abwählbare Leitungen). Unabdingbare Voraussetzung hierfür ist umfassende demokratische Kontrolle (freie Diskussion, Minderheiten- / Tendenzrechte).

Verabreden wir uns verbindlich …

… lautete die Überschrift des Referats von Walter Schumacher auf dem SoKo-Sommertreffen.
Das geht genau in unsere Richtung.

Sehr ernst nehmen sollten wir allerdings die Kritik, die der ganzen Initiative mehr oder weniger wohl gesonnen ist, aber die Wahl des Zeitpunkts für falsch hält.

Robert Steigerwald etwa warnt mit Rocco, dem Kerkermeister aus »Fidelio«:

»Wenn sich Nichts mit Nichts verbindet, ist und bleibt die Summe klein.«

Wohl war. Aber am Ende – es lebe die (in diesem Fall sogar bewaffnete) geschichtliche Tat – jubelt Eleonore, die Frau des Gefangenen:

»Liebend ist es mir gelungen,
dich aus den Ketten zu befrein.
Liebend sei es hoch besungen,
Florestan ist wieder mein.«

Das hatten wir ja selbst schon mehrfach betont: Die bloße Addition bestehender Zirkel (selbst wenn das klappte, was sehr unwahrscheinlich ist) allein wird keine Dynamik auslösen, die zu einer wirklichen Überwindung des linksradikalen Zirkelwesens in Deutschland führt.
Wahr ist aber auch: Nur wer nichts macht, macht auch nichts verkehrt (und ist dann natürlich beim Kritikastern in der Pole-Position).

Schon auf der eingangs erwähnten Berliner Veranstaltung hatten wir die (provokante) Position vertreten, dass es einen »richtigen Zeitpunkt« für die Gründung einer revolutionären Organisation gar nicht gibt. Selbst die Gründung einer späteren Massen-Internationale wie der Komintern (deren politisch-historische Notwendigkeit ungeachtet ihrer weiteren Entwicklung nur die wenigsten bestreiten werden) fand 1919 unter geradezu haarsträubenden Bedingungen, also zum »falschen Zeitpunkt« statt. Allerdings: Diese Gründung konnte sich stützen auf die Oktoberrevolution, also eine geschichtliche Entwicklungstendenz. Wie es mit den heutigen Entwicklungstendenzen aussieht und in welche Beziehung eine organisationspolitische Initiative dazu gesetzt werden kann, wird die weitere Debatte hoffentlich zeigen. Steigerwald bringt das auf den Punkt:

»Das hängt mit der ›Ruhe‹ in der Klasse zusammen: Erst wenn der Riese aufwacht, werden sich grundsätzlich neue Arbeitsbedingungen herausbilden.«

Unsere Frage lautet: Was machen wir bis dahin ?

Bevor sich die Spötter gleich zu Dutzenden in die Startlöcher begeben (»Die Schöneberger Schwadroneure vergleichen sich mit Lenin und ihre lächerliche Initiative mit der Oktoberrevolution«): Es geht uns hier nur um den Hinweis, dass wir (alle, die diese Diskussion führen, nicht nur die Schöneberger) uns in einem Spannungsverhältnis von Voluntarismus und Determinismus befinden. Eine »Gründung« (von was auch immer) ohne genaue Untersuchung der Umstände und Bedingungen unter denen diese stattfindet, wäre absurd und verantwortungslos.
Genauso falsch ist aus unserer Sicht aber die Vorstellung eines »Geschichtsfahrplans«, aus dem sich alles andere (z.B. »richtige« Zeitpunkte für Organisationsdebatten) quasi naturwüchsig ergibt.

Subjektives Handeln und objektives Bedingungen, Zufall und Notwendigkeit stehen eben nicht in einem »gleichgültigen, neutralen Nebeneinander (…), diese beiden Reiche (durchdringen) sich nach Engels gegenseitig, so dass das Notwendige sich stets im Zufälligen äußern muss, und das Zufällige nur eine Form, Manifestation des Notwendigen darstellt.« (Roman Rosdolsky)

Im Übrigen sind die heutigen »objektiven Bedingungen« alles andere als in Stein gemeißelt.
Sowohl ökonomisch (Beispiel Griechenland) als auch politisch. Sollte es sich z. B. als wahr herausstellen, dass prominente LINKE-PolitikerInnen tatsächlich einen Auschlußantrag gegen Hermann Dierkes (Duisburg) vorbereiten, rückte eine finale Auseinandersetzung zwischen Rechten und Linken in der LINKEN zumindest näher, was die Ausgangsbedingungen unserer Debatte selbstredend verändern würde.

Und schließlich: »(Ergebnis)offen« heißt selbstverständlich auch, ein mögliches Scheitern mit zu denken. Sollten wir am Ende des Tages zu dem Schluss kommen, dass ein solches Projekt zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinen Sinn macht, sehen wir die Folgen weitaus weniger dramatisch als etwa Karl-Heinz Schubert: Eine neue »K-Gruppen-Gründungswelle« ist sicher nicht zu erwarten und eine noch zersplittertere und desolatere radikae Linke als heute ist kaum vorstellbar. Im Gegenteil: Auch wenn wir gar nichts gründen, war die geführte Auseinandersetzung ein Schritt in die richtige Richtung und ist das strömungsübergreifend gewachsene Vertrauen zwischen den Akteuren vielleicht ein Pfund für künftige Diskussionen/Initiativen.

Der RSB hatte uns in’s Stammbuch geschrieben:

»Zwar will die SIBS nicht ›Moderatorin‹ dieses Prozesses sein und wartet erstmal ab, wie sich andere zu ihrem Vorschlag und ihren Ausführungen positionieren, aber eine gewisse Verantwortung kommt ihr doch zu. Da sie bisher den am meisten strömungsübergreifenden Beitrag geleistet hat, ist sie auch in der besten Position, zumindest in dieser Phase den Prozess weiter zu fördern, indem sie aktiv Stellungnahmen einfordert (eventuell auch auf einzelne Beiträge antwortet) und bestimmte Vorschläge für das weitere Verfahren macht. Wir hoffen, dass sich möglichst viele Kräfte der radikalen, revolutionären Linken tatsächlich einklinken.«

Nun denn – hier unser »Vorschlag für das weitere Verfahren«:

Wir orientieren auf eine größere Konferenz aller ernsthaft Interessierten im Spätherbst, vielleicht bei den rheinischen GenossInnen der SoKo (vorausgesetzt es gibt nicht nur Kölsch, sondern auch richtiges Bier).
Um zu verdeutlichen, dass wir es ernst meinen ohne größenwahnsinnig geworden zu sein, versuchen wir gemeinsam bis dahin einen möglichst strömungsübergreifenden Aufruf von 20 – 40 Leuten hinzukriegen.
Keinen »Gründungsaufruf«, sondern sozusagen einen Appell zur »Prüfung der Organisationsfrage«.
Die Konferenz hätte dann zwei Aufgaben: Einerseits eine »Heerschau« (wie viele sind wir, wie viele können wir realistischerweise in absehbarer Zeit werden), andererseits eine programmatische Sortierung des Gemeinsamen und Trennenden der bis dahin geführten Debatte.

Auch für das weitere Vorgehen favorisieren wir unser Mantra »(Ergebnis)offen und zielgerichtet«, welches die GenossInnen des RSB in folgende schöne Worte übersetzten:

»Wie in einer Liebesbeziehung schlagen wir vor, auf einer Ebene zu beginnen, die allen die meiste Freiheit lässt. Wir können dann sehen, in welcher Form der Vereinigung wir unser Glück finden.«

So machen wir es!

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Sozialistische Initiative Berlin-Schöneberg, Ende Juli 2011

www.arschhoch.blogsport.de

Kontakt: Michael-Pruetz@gmx.de

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5 Antworten auf „Von Quietscheenten, Liebesbeziehungen und »Fidelio« – zum Stand der ökumenischen Initiative aus dem Ratskeller Schöneberg“


  1. 1 DGS / TaP 29. Juli 2011 um 17:09 Uhr

    Ein paar unsystematische Rückfragen
    (eine systematische Antwort auf die großen Linien des Papiers kommt sicherlich bei Gelegenheit auch noch)

    1. Hausfrauen und Lohnabhängigenklasse

    Ihr schreibt: „Am Anfang [Eurer diesbzgl. Überlegungen in Eurem ersten Papier] stand eine sehr begrenzte Fragestellung, nämlich ob Hausfrauen als Produzenten der Ware Arbeitskraft dem Wertgesetz unterliegen (Mehrwert schaffen) und also deshalb Teil der Lohnabhängigenklasse sind.“
    Wie schon an anderer Stelle [Anm. 5.e)aa)] erwähnt, würde ich den ersten Teil der Frage – in Übereinstimmung mit Euch und anscheinend im Widerspruch zu AVANTI – verneinen.
    Jetzt interessiert mich aber: Impliziert der zitierte Satz Eures Erachtens den Umkehrschluß: „Falls Hausfrauen nicht die wirklichen Mehrwertproduzentinnen sind, so sind sie auch kein Teil der Klasse der Lohnabhängigen.“?
    Dieser Umkehrung würde ich nun allerdings auch widersprechen. Denn sofern Hausfrauen über kein ausreichendes eigenes Vermögen verfügen, erhalten sie ihren Unterhalt von ihren üblicherweise lohnarbeitenden (oder im Einzelfall große Mengen an Produktionsmitteln besitzenden Ehemännern). Die Reproduktionsbedingungen der großen Mehrheit der Hausfrauen hängen also von den Entlohnungsbedingungen (oder den etwaigen Lohnersatzleistungen [ALG, Rente, Krankengeld]) ihrer Ehemänner ab – und in diesem Sinne ist die große Mehrheit der Hausfrauen Teil der Lohnabhängigenklasse, was heißt, daß die Arbeitskampfforderungen der Lohnabhängigen, die Perspektive von Hausfrauen bzw. von Frauen, die nicht mehr Hausfrauen seien wollen, einbeziehen sollten (was allerdings in der fordistischen Kompromißkonstellation von Kapital und weitüberwiegend männlicher Facharbeiterschaft nicht der Fall war und sich auch heute allenfalls erst in Ansätzen geändert hat). (Daß Lohnarbeiterinnen, die außerdem – ebenfalls den weitüberwiegenden Teil der jeweiligen familiären – Hausarbeit leisten, zur Lohnabhängigenklasse gehören, dürfte eh unstrittig sein, oder?)

    2. Frauenlohndiskriminierung

    „Der Verwertungsmaschine Kapitalismus sind Geschlecht und Hautfarbe grundsätzlich-systemisch schnuppe. Aber für die Herrschaftssicherung, für die Herstellung gesellschaftlicher Hegemonie ist die Spaltung der Klasse insbesondere entlang der Linien Geschlecht und Ethnie das beliebteste Mittel der Herrschenden seit es Kapitalismus gibt und ihm insofern wesenseigen (ganz abgesehen davon, dass die Extra-Profite durch Über-Ausbeutung – etwa in ‚Leichtlohngruppen’ – auch gern mitgenommen wird).“
    Dem Teil vor der Klammer stimme ich, wie ebenfalls schon an anderer Stelle (FN 1) erwähnt, zu – allerdings mit dem Zusatz, daß diese Kapitalfunktionalität der Spaltung „entlang der Linien Geschlecht und Ethnie“ nicht die ursächliche bzw. historische Erklärung der Existenz dieser Spaltung ist, was sich schon daran zeigt, daß das Patriarchat weitaus älter ist als die Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise.
    Und eine Nachfrage habe ich zu den Extra-Profiten: Stimmt das denn – marxistischen gesehen (auch, wenn das üblicherweise gerade MarxistInnen behaupten)? Nach Marx ist der Lohn so hoch, wie historisch-kulturell notwendig, um die Ware Arbeitskraft zu reproduzieren – also Nachschub für die Rente gehenden Arbeitskräfte aufzuziehen und, soweit die Erziehungs- und Hausarbeit an eine Hausfrau delegiert wird, auch diese zu unterhalten.

    a) Im Fordismus

    Danach war es in fordistischer Zeit völlig logisch, daß der lohnarbeitende Mann einen sog. Familienlohn erhielten (was ökonomische Abhängigkeit von Frauen von Männern bedeutet[e] und deshalb zurecht von Feministinnen kritisiert wurde). Ging nun eine Frau nach oder vor ihrer Schicht im Haushalt noch einer Erwerbsarbeit nach, so war ihre historisch-kulturell übliche Reproduktion ja schon durch den Familienlohn des Ehemanns gesichert. Allerdings stiegen ihre Reproduktionskosten durch die Erwerbstätigkeit (Fahrtkosten, außer-Haus-Verpflegung, keine Zeit, lange nach Sonderangebote zu suchen, vielleicht auch etwas erhöhter Kalorienbedarf). Daß eine Hausfrau nicht ihrerseits auch noch einen vollen Männer-Familienlohn erhielt, war danach ja völlig logisch (wenn auch wiederum aus feministischer Perspektive zu kritisieren).
    Ich würde also jedenfalls nicht sagen, daß das Kapital für die Frauenlohndiskriminierung verantwortlich war oder daraus einen besonderen Vorteil zog. Vielmehr war die Frauenlohndiskriminierung Teil des patriarchalen Arrangements in der Lohnabhängigenklasse, die Frauen für Haus- und Erziehungsarbeit verantwortlich (und sie sind es heute zumeist immer noch) und von Männern ökonomisch abhängig machte. Auf der Lohnseite war also alles – kapitalistisch bzw. wertgesetzlich betrachtet – völlig in Ordnung.
    Läßt sich also allenfalls sagen, daß das Kapital in fordistischer Zeit Arbeitskraftleistung ‚geschenkt’ bekam, die ihm nach der fordistischen Kompromißkonstellation (die Frauen für die Haus- und Erziehungsarbeit freistellte) eigentlich ‚nicht zustand’. Und insofern – da würde ich Euch zustimmen – kann dann von einem Extra-Profit gesprochen werden.
    Allerdings gab es auch Single-Männer, die trotzdem einen Familienlohn, also quasi – nach der damaligen Kompromißkonstellation ‚zuviel’ erhielten (da ihre Arbeitskraft nicht ausschließlich im Betrieb zur Verfügung stand, sondern auch Hausarbeit erledigen mußte, und auch nicht von einer fürsorgliche Ehefrau psychisch reproduziert wurde), was also so eine Art ‚Minus-Profit’ für das Kapital bedeutete.
    Unterm Strich würde, ich sagen, war die Frauenlohndiskriminierung dem Kapital damals egal. Es war ein Männervorteil und ein Frauennachteil.

    b) Im Neoliberalismus

    In neoliberalen Zeiten ist es nun so, daß die Frauenerwerbsquote (wegen des Fraueninteresses an ökonomischer Unabhängigkeit und des neoliberalen Drucks auf die Männerlöhne) steigt. Wenn nun Frauenerwerbstätigkeit – langsam – zum Normalfall wird, so ist kapitalistisch logisch, daß der Familienlohn für Männer nicht mehr gerechtfertigt ist, sondern sich Frauen- und Männerlöhne in der Mitte annähernd müssen. Trotzdem ist diese Situation für das Kapital von Vorteil, weil es dadurch viel mehr Arbeitskraft bei gleicher Lohnsumme bekommt.
    Die einzige Antwort, die darauf sowohl vom Klassenstandpunkt aller Lohnabhängigen als auch vom Frauenstandpunkt aus richtig ist, ist, nicht über die steigende Frauenerwebsquote und die sinkenden Männerlöhne zu jammern, sondern für Arbeitszeitverkürzung (mit Lohnausgleich) mindestens im Umfang der steigenden Frauenerwerbstätigkeit und eine Gleichverteilung der Haus- und Erziehungsarbeit auf Frauen und Männer zu kämpfen. Falls dieser Kampf erfolgreich ist, wäre das Resultat:
    ++ wie gehabt eine Angleichung von Frauen- und Männerlöhne auf mittlerem Niveau
    ++ wie gehabt eine gleichbleibende Gesamt-Lohnsumme,
    ++ nun aber auch ein gleichbleibendes Erwerbsarbeitszeitvolumen
    und
    ++ eine Gleichverteilung von Haus- und Erziehungsarbeit.
    Dies bedeutet: In dem Maße, in dem lohnabhängige Männer auf ihre (ökonomischen) Vorteile gegenüber Frauen verzichten, in dem Maße steigt die Einheit der Klasse der Lohnabhängigen und wäre es dann vielleicht auch möglich, Arbeitsverkürzungen über das genannte Mindestmaß hinaus oder aber Lohnerhöhungen für Männer und Frauen durchzusetzen.

    3. Rassismus und Patriarchat

    Ihr schreibt: „Der Unterschied zwischen ‚Patriarchat’ und ‚Rassismus’ liegt für uns auf der analytischen Ebene, nämlich der strukturellen Bedeutung der unbezahlten (weiblichen) Hausarbeit für den Kapitalismus.“
    M.E. gibt es keinen logischen (sondern allenfalls einen historischen) Grund, warum der Kapitalismus nicht auch mit weitgehend kommerzialisierter Haus- und Erziehungsarbeit existenzfähig sein sollte. Das ist ja die Tendenz, die wir gerade erleben und von kapitalistischer Seite massiv gepusht wird: die Rückkehr von häuslichen Putzkräften und Kindermädchen.
    Damit wird zwar das Patriarchat nicht abgeschafft, sondern ‚unbezahlte’ (bzw. in Form von Unterhalt schlecht bezahlte) Haus- und Erziehungsarbeit von Ehefrauen auf andere schlecht bezahlte – v.a. migrantische – Frauen verlagert. Aber ich sehe ebenfalls keinen logischen (sondern allenfalls einen historischen) Grund, warum der Kapitalismus nicht auch ganz ohne geschlechtliche Arbeitsteilung existieren können sollte.
    Alldies heißt freilich nicht, daß es nicht sinnvoll sei, trotzdem sowohl Kapitalismus als auch Patriarchat zu bekämpfen. Nur sollte klar sein, daß das nicht von vornherein eine geschwisterliche Sache ist, sondern mühseliger Bündnisanstrengungen von allen an einer solchen doppelten Stoßrichtung Interessierten bedarf.

    4. Hauptlinien der Programmatik und Mobilisierung

    Und dafür ist das von Euch Geschriebene sicherlich nützlich: „Kein Mensch (jedenfalls nicht im Rahmen derjenigen, die diese Diskussion führen) wird etwa vorschlagen, die Quotierung der Vorstände von DAX-notierten Unternehmen zur Hauptlinie unserer anti-patriarchalischen Politik zu machen.
    Viel eher werden wir uns z.B. auf die ‚Schnittstelle Prekariat’ (‚Immer mehr Niedriglöhner verdienen immer weniger’) einigen können, weil das nicht nur eine Frage der Empathie oder Moral ist, sondern v. a. eine klassenpolitische (je größer die Reservearmee…) und feministisch-antirassistische (Prekarität ist überwiegend weiblich und migrantisch) Notwendigkeit.“ (‚Nicht zur Hauptlinie machen’ heißt allerdings nicht, daß eingangs genannte Forderung falsch wäre, sondern sie hätte m.E. schlicht und ergreifend Teil einer generell Quotierungsforderung zu sein.)

    5. Reform und Revolution

    Themenwechsel: „Allerdings sollten AntikapitalistInnen in Zeiten, in denen selbst das Finanzkapital nicht mehr an den Kapitalismus glaubt und stattdessen lieber auf seinen Untergang wettet (die Investitionen in so genannte ‚Black-Swan-Fonds’ boomen wie nie), vielleicht doch ohne Fracksausen zu der Auffassung stehen, dass dieses Monster nicht zu reformieren ist.“
    Auch, wenn einzelne KapitalistInnen und FunktionärInnen des Kapitals pessimistisch sind – ich denke: die kapitalistische Produktionsweise enthält weiterhin jede Menge Überlebenschancen und auch Reformmöglichkeiten. – In diesem Sinne würde ich sagen: Der Kapitalismus ist zwar (weiterhin) reformierbar, aber nicht durch Reformen zu überwinden.
    Und auch wenn wir für dessen Überwindung sind, sollten wir keine Reformen verschmähen. Diese sollten wir aber nicht im Namen eines ‚besseren Kapitalismus’ fordern, sondern als Verbesserung unserer Lebens- und Arbeitsbedingungen hier und heute und als notwendige Kampfschritte und -erfahrungen auf dem Weg zur Revolution (und entsprechend in Bezug auf Patriarchat und Rassismus).

    PS. – schon mal als Vorgriff auf eine systematischere Antwort: Mit den Vorschlägen im Abschnitt „Verabreden wir uns verbindlich…“ bin ich einverstanden.

  2. 2 noname 02. August 2011 um 0:19 Uhr

    Also erstmal gut, dass man hier jetzt auch was posten kann.

    Aber zur Themaik ein Wort von der Straße. Ich muss mal ganz kräftig rüpslen? Warum? Weil ich eben von der Straße komme und dort redet man direkt. Nicht so in ford-taschenbüchern oder Hanbuch zum Marxkoch.

    Wo ich bin da denkt man zum Beispiel (ich habe hier ein Kommentar gelesen): Ist doch egal, ob da in der Spitze von Telekom eine Frau sitzt oder ein Mann. Oder Eon oder …

    Da fruz ich drauf. Und jede Frau die es ernst meint, furzt mit mir.

    Sind wir uns da einig.

    Ob Mann oder Frauen wir furzen alle!

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