Langsam, langsam …

… nimmt die Debatte Fahrt auf und mitunter auch seltsame Formen an. Wie könnte es in Deutschland, dem Land der hochentwickelten Philosophie und unterentwickelten Klassenkämpfe, anders sein. In kurzen Wortmeldungen erfahren wir überwiegend Zustimmung, während uns in langen Ausarbeitungen mit umfangreichen „wissenschaftlichen Apparaten“ nicht nur, aber überwiegend, die Leviten gelesen werden.

Dies tut auch, wenngleich in sympathischer Kürze, Karl Müller im Editorial der trend onlinezeitung. In deren Beirat kam man – warum auch immer, aber so steht es dort – zu der Einschätzung, „dass die Schöneberger Initiative offensichtlich einen Sammelversuch fürs eigene trotzkistische Spektrum darstellt, wo es ja bekanntlich mehr Gruppen, Projekte, Zirkel und Internetpräsenzen gibt, als ein Hund Flöhe haben kann“ – entschied dann aber „dennoch, die Debatte um den Schöneberger Vorschlag weiterhin aufmerksam publizistisch zu begleiten – getragen von der Hoffnung, dass die Debatte zur Erosion der trotzkistischen Traditions- und Brauchtumspflege führt, so wie viele maoistische MLerInnen sich beim Auseinanderfallen ihrer Organisationen in den 80er gezwungen sahen grundlegend Bilanz zu ziehen und sich durch Hinwendung zu den tatsächlichen Klassenverhältnissen ideologisch zu öffnen“. Nun, ja – danke, gleichfalls, Genossinnen und Genossen. Wir nehmen Euren Wunsch wohlwollend zur Kenntnis.

Tatsächlich wird der Schöneberger Vorschlag in der aktuellen Nummer nicht nur aufmerksam, sondern auch umfangreich gewürdigt. Kein gutes Haar lässt Meinhard Creydt am „Voluntarismus“ der Schöneberger. Schon der „Ausgangspunkt des Papiers“ sei eine „Fehleinschätzung“, nämlich „der für linke Stammtische charakteristische Evergreen, ‚der‘ Kapitalismus befinde sich in einer ‚tief greifenden Legitimationskrise‘“. Nachdem der Autor mehrer Absätze lang über „unsere Einheitsstifter“ und ihre „Fantasien aus dem Schöneberger Ratskeller“ schimpft, kommt er zu dem Schluss: „Die Frage ist falsch gestellt“.

Also gut: Wir räumen ein, dass unseren Thesen etwas gemäßigt Voluntaristisches anhaftet. Gemäßigt. Nochmal, ganz langsam: Hier und jetzt soll nichts „gegründet“, sondern eine Debatte angestoßen werden, eine Debatte über ein mittelfristiges Zusammenführen der antikapitalistischen Kräfte in der Bundesrepublik Deutschland, ähnlich, wie es dies in anderen europäischen Ländern nicht nur „gäbe“, wie Creydt schreibt, sondern gibt. Nicht mehr, nicht weniger.

Interessanter aus unserer Sicht, der zweite Diskussionsbeitrag in derselben trend-Ausgabe. Der Text von Robert Schlosser aus Bochum enthält mehr kluge und kritische Punkte, als an dieser Stelle erwähnt werden können und die eine differnzierte Beantwortung verdienen. So etwa sein Hinweis, dass in unserem Papier, „die sozialistische Tendenz“ in demokratischen Bewegungen „vollständig übersehen wird“, wenn „Hunderttausende auf die Straße gehen, um Kapital und Staat die Entscheidungsmacht über die Frage, welche Energie produziert werden soll, streitig machen oder wenn sie Landesregierung und Bundesbahn die Entscheidungsmacht über eine bestimmte Investition (Stuttgart 21) streitig machen“. Auch wenn Schlosser moniert, die Forderung des Schöneberger Papiers, „Hausarbeit gehört abgeschafft und vergesellschaftet, sprich ausgelagert und professionalisiert“, greife zu kurz, ist das zweifellos berechtigt. Gleiches gilt für seine Kritik an unserer (vermeintlich) starren Orientierung auf die DGB-Gewerkschaften: „‚Sowas wie‘ die SUD in Frankreich, würde der Entwicklung einer klassenkämpferischen Gewerkschaftsbewegung in Deutschland ausgesprochen gut tun, nämlich dann, wenn man die Inhalte von Gewerkschaftspolitik höher bewertet, als deren einheitliche Form“, schreibt Schlosser, wohl ohne zu ahnen, dass er damit auch bei uns offene Türen einrennt. Anders als Creydt kommt er zu dem Schluss: „Trotzdem und trotz aller inhaltlichen Differenzen finde ich es gut, dass die ‚Sozialistische Initiative‘ diesen Vorstoß gewagt hat, weil er mindestens die Gelegenheit bietet innerhalb der antikapitalistischen Linken zu klärende Fragen zu benennen, zu diskutieren und vielleicht etwas mehr Klarheit über die Gründe unserer Schwäche zu schaffen.“

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1 Antwort auf „Langsam, langsam …“


  1. 1 Wow, Bochumer Programm-Vorschlag! « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! Pingback am 19. September 2011 um 13:39 Uhr
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