Noch mal: Diversity-Management statt Klassenkampf?

Detlef Georgia Schulze schreibt zur Kontroverse Prütz/Schilwa vs. Seibert:

Kein Zweifel: „Diversity-Management statt Klassenkampf“ – das wäre kein Mottto, das Zustimmung verdienen würde. Doch trotzdem impliziert die von Prütz/Schilwa aus der jungen Welt übernommene Überschrift eine gewisse Schieflage: Sie scheint einen exklusiven Widerspruch zwischen „Diversity-Management“ einerseits und „Klassenkampf“ andererseits zu implizieren. Prütz/Schilwa sprechen dann zwar auch vom Geschlechterkampf, der durch die Rede über Identitäten „ersetzt“ werde. Schließlich zitieren sie aber doch wieder zustimmend Ellen Meiksins Wood mit den Worten: Der Postmodernismus entwaffne und zersetze „den Widerstand gegen den Kapitalismus“ (meine Hervorhebung), womit dann erneut der Klassenkampf bzw. Kapitalismus als Hauptgesichtspunkt behauptet ist.

Mal abgesehen von der Frage, ob das, was Prütz/Schilwa zurecht kritisieren, – ohne nähere Differenzierung – treffend als „Postmodernismus“ zu bezeichnen ist: Jene laxe Haltung, die sich m.E. in der Tat besser als diversity management bezeichnen läßt, steht nicht nur revolutionärer antikapitalistischer, sondern auch revolutionärer feministischer und antirassistischer Politik entgegen.
Auch, wenn es meine queeren GenossInnen genauso wenig hören wollen wie Prütz/Schilwa – revolutionäre Politik läßt sich unter heutigen Bedingungen nur in doppelter Opposition gegen ‚traditionalistischen’ Klassenreduktionismus und ‚postmodernes’ diversity management wiedergewinnen.
Und für eine Wiedergewinnung revolutionärer Politik ist auch nicht hilfreich, Identitäten und Interessen entgegenzusetzen, wie es Prütz/Schilwa in schlichter Umdrehung bestimmter Varianten des Postmodernismus machen. Weder sind Identitäten das Reich des Ideellen und Psychischen oder bloß Ausgedachten noch Interessen der Bereich des rein Materiellen und unmittelbar Realen. Wenn ‚postmodern’ heißt, ein quasi naturalistischen Verständnis von Interessen (‚Interessen als das unmittelbar und schlicht Gegebene’) abzulehnen, dann war Lenin der erste Postmoderne. Was Lenin in Was tun? zeigt, ist, daß Interessen nicht einfach gegeben sind, sondern erst im politischen Kampf herausgebildet werden. Und in diesem Sinne sind Interessen und Identitäten unmittelbar miteinander verknüpft. Interesse ist, etymologisch betrachtet, ein Dazwischensein (lat. inter = zwischen; esse = sein); ein Dabeisein. Damit geht es bei Interessen also immer schon um den subjektiven (individuellen und kollektiven) Bezug zu den gesellschaftlichen Verhältnissen. Und in diesem Sinne geht es bei Interessen immer auch um Identitäten.
Eine Identität als Teil der (Lohnabhängige und Bourgeoisie umfassenden) „arbeitenden Klassen“ im Gegensatz zum vermeintlich müßiggängerischen Adel impliziert auch andere Interessen als eine schlichte Lohnabhängigen-Idenität und diese wiederum andere als eine kommunistische Identität.
Für Lohnabhängige geht es nur darum „sich in Verbänden zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die Arbeiter notwendigen Gesetze abzutrotzen u.a.m.“ – „trade-unionistisches Bewußtsein“ nannte Lenin das. Nur-Gewerkschafter-tum.
Etwas qualitativ anderes ist die „Gegensätzlichkeit [d]er Interessen zu dem gesamten gegenwärtigen politischen und sozialen System“. Erst eine kommunistische (damals von Lenin noch „sozialdemokratisch“ genannte) politische Identität bringt die Verschiebung vom Interesse an der Wahrung der eigenen Position im System zum Interesse am Umsturz des Systems. [1] Das letztgenannte Interesse ist nicht unmittelbar mit der Erfahrung der Ausbeutung in der Fabrik oder im Büro gegeben, sondern sie erfordert das Eingreifen der Theorie (der „Sprachspiele, Diskurse, Interpretationen“ [Lederer von Prütz/Schilwa kritisch zitiert]) und die politische Weitung des Horizonts über den „Bereich […] des ökonomischen Kampfes, […] der Sphäre der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern“ hinaus. [2] Mehr noch: Es erfordert die eigene Lohnabhängigen Rolle nicht hinzunehmen, sondern überwinden zu wollen.
Und in der Tat sind diese „Sprachspiele, Diskurse, Interpretationen“ plural, und das ist, solange es um linke revolutionäre Organisierung geht, auch kein Drama. Weder der Feminismus noch der Marxismus noch antirassistische Theoriebildung kann heute und auf sehbare Zeit eine umfassende Analyse und Erklärung der gesellschaftlichen Verhältnisse und Entwicklungen als Ganzes liefern (und die Schlagwörter von Empire und Multitude können dies schon gar nicht). Die drei erstgenannten Theorien können nur dann produktiv zu einander in Beziehung gesetzt werden, wenn sie ihre jeweilige eigene Endlichkeit anerkennen; wenn sie anerkennen, daß ihr Gegenstand und Kampfgebiet nicht ‚alles’ ist, sondern, daß sie mit jeweils Spezifischem befaßt sind: den Geschlechterverhältnissen, den Klassenverhältnissen, den Rassenverhältnisse – und daß diese nicht nach einer einzigen Logik funktionieren.

Ein Pluralismus wird aber dann zum Problem, wenn es nicht mehr um das Innere revolutionärer Organisierung geht, sondern wir über das Verhältnis zum jeweiligen Feind reden. Ein „Pluralismus“ oder eine „Diversität“ von Kapital und Arbeit, ein „Pluralismus“ oder eine „Diversität“ von Männern und Frauen, ein „Pluralismus“ oder eine „Diversität“ von Weißen und Schwarzen – das ist nicht die revolutionäre Agenda; das ist aber auch nicht die politische Konsequenz des De-Konstruktivismus – das ist grüner Multikulturalismus!

Im 19. Jahrhundert begann Karl Marx die Arbeit der De-Konstruktion (oder, um hoffentlich meinen FreundInnen im traditionalistischen Lager verständlich zu bleiben: der De-Naturalisierung) im Bereich der Ökonomie: Er zeigt, daß Ware, Kapital, Wert usw. keine Sachen zum Anfassen, sondern gesellschaftliche Formen sind. Selbst Gold hat nur unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen „Wert“, ein Apfel ist nur unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnisse eine Ware und ein Computer nur unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen Kapital. Marx de-konstruierte das, was Mao als kapitalistische Metaphysik verspottete: „Die Metaphysiker glauben, daß die kapitalistische Ausbeutung, die kapitalistische Konkurrenz, die individualistische Ideologie der kapitalistischen Gesellschaft usw. – daß das alles auch in der antiken Sklavenhaltergesellschaft, ja sogar in der Urgesellschaft anzutreffen sei, daß es ewig und unverändert existieren werde.“ [3]

Ausbeutung und Klassen sind nicht natürlich, sondern gesellschaftlich hergestellt. Das ist diese de-konstuktivistische Einsicht des Marxismus. Und die revolutionäre politische Konsequenz des Marxismus daraus ist – der alte Engels brachte es so deutlich auf den Punkt: Es geht nicht um eine Gleichheit der Klassen, nicht um einen Pluralismus der Klassen, sondern um die Überwindung der Klassen. [4]

Und die entsprechende de-konstruktivistische Ent-Naturalisierungsarbeit leisteten im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts feministische und anti-rassistische TheoretikerInnen: Auch Rassen und Geschlechter sind keine natürlichen Einheiten, sondern Produkte gesellschaftlicher Konstruktion. Und auch aus dieser de-konstruktivistischen Einsicht folgt eine revolutionäre politische Konsequenz: Auch im Bereich der Geschlechter und Rassen geht es nicht mehr um Gleichheit und Pluralismus, sondern um Überwindung dieser Formen des Funktionieren der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Unterhalb dieser Einsichten wird die Wiedergewinnung einer revolutionären Perspektive im 21. Jahrhundert nicht möglich sein.

Und was das Thema „Organisierungsdebatte“ anbelangt: Einstweilen bin ich optimistischer, daß politische RevolutionärInnen ihre Aversion gegen den De-Konstruktivismus in der Philosophie abzulegen bereit sind, als daß Linke, die auf „eine rot-rot-grünen Wahloption“ und „ein Mitte-Links-Regierungsprojekt“ als ihr eigenes Projekt zielen, bereit sein werden, die revolutionären politischen Implikationen, die de-konstruktivistische Philosophie hat, zur Kenntnis zu nehmen – zumal ich starke Zweifel habe, daß es Thomas Seibert leicht fallen wird, Klaus Ernst, Gesine Lötzsch und Siegmar Gabriel den De-Konstruktivismus auch nur als Philosophie nahezubringen. Und ich fürchte, auch Renate Künast und selbst Katja Kipping werden, wenn Thomas Seibert „De-Konstruktion“ sagt, lieber diversity management verstehen.

Detlef Georgia Schulze

[1] http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1902/wastun/kap2a.htm#parta.

[2] „Um den Arbeitern politisches Wissen zu vermitteln, müssen die Sozialdemokraten in alle Klassen der Bevölkerung gehen, müssen sie die Abteilungen ihrer Armee in alle Richtungen aussenden.“ (http://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1902/wastun/kap3e.htm).

[3] http://www.infopartisan.net/archive/maowerke/wi2.htm.

[4] „Von dem Augenblick an, wo die bürgerliche Forderung der Abschaffung der Klassenvorrechte gestellt wird, tritt neben sie die proletarische Forderung der Abschaffung der Klassen selbst“ (http://www.mlwerke.de/me/me20/me20_032.htm#Kap_X, S. 99).

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1 Antwort auf „Noch mal: Diversity-Management statt Klassenkampf?“


  1. 1 Termine und andere Hinweise (3) « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! Pingback am 31. Juli 2011 um 11:57 Uhr
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