Hineintragen kann man einen Sack Kartoffeln, aber kein Bewusstsein …

schreibt jW-Redakteur Jörn Boewe in seinen, Anfang 2011 bei facebook veröffentlichten „Zehn Thesen über dummen und intelligenten Leninismus“. Der Autor schlägt vor, „Lenin sanft vom Sockel zu holen, um ihn wieder handhabbar zu machen für die revolutionäre Praxis von heute“ und plädiert für einen „intelligenten Leninismus“ mit „einer gewissen syndikalistischen oder luxemburgistischen ‚Abweichung‘“.
„(Rosa) Luxemburgs (…) Überlegungen zur Dialektik von Massenstreiks, Partei und Gewerkschaften sowie zum Verhältnis von parlamentarischer und außerparlamentarischer Arbeit (gehören) in den Werkzeugkasten des revolutionären Marxismus, und es ist sinnlos und mechanistisch, sie Lenins Partei- und Revolutionskonzept entgegenzustellen. Es existiert nicht nur keine Schwierigkeit, diese ineinander zu integrieren, sondern im Gegenteil, sogar die Notwendigkeit, das zu tun.“

1. Ein intelligenter Leninismus ist nicht leicht zu finden. Was man normalerweise angeboten bekommt, ist genauso schlecht wie die meisten (egal ob linken oder rechten) Lenin-Kritiken. Falls man zufällig doch mal einem begegnet, erkennt man ihn am ehesten an einer gewissen syndikalistischen oder luxemburgistischen ‚Abweichung‘. Anders ausgedrückt, an einem Leninismus ohne spontaneistische Tendenz stimmt etwas nicht.

2. An einem dümmlichen Vulgärleninismus besteht dagegen in der Linken kein Mangel, auch wenn seine Anhänger das naturgemäß anders sehen. Von diesen Leuten wird (übrigens genau wie von den Lenin-Gegnern) der Gedanke, politisches Klassenbewusstsein müsse von außen in die Arbeiterklasse hineingetragen werden, als Kern von Lenins Parteikonzeption betrachtet. Dies ist ein Gemeinplatz, aber falsch. Zunächst ist die Aussage nicht originell: Lenin hat sie von Adler und Kautsky übernommen, aus dem Hainfelder Programm der SPÖ von 1889. Richtig an diesem Gedanken ist zweifellos, dass der Sozialismus, seit er eine wissenschaftliche Methode ist, auch als solche studiert werden muss. Niemand kann sich den Marxismus ohne eigene intellektuelle Anstrengung aneignen. Auch kollektive Klassenkampferfahrung kann keinem, der es darauf abgesehen hat, diese Kopfarbeit ersparen. Grober Unfug ist aber die verbreitete Lesart, die Arbeiter wären ohne Anleitung radikaler Intellektueller lediglich zu ökonomischem („nur-gewerkschaftlichen“) Klassenbewusstsein fähig. Tatsächlich ist es nicht schwierig, historische oder auch aktuelle Beispiele zu finden, die beweisen, dass lohnabhängig Beschäftigte selbstverständlich auch ohne bzw. trotz Indoktrination durch irgendwelche Sekten in der Lage sind, ein, zumindest elementares, p o l i t i s c h e s Bewusstsein über ihre gemeinsamen Klasseninteressen zu erlangen – sei es durch längere kollektive Erfahrung, sei es intuitiv, angesichts schroffer historischer Wendungen, wie etwa dem Kapp-Putsch 1920 in Deutschland oder General Francos Offiziersrevolte gegen die spanische Republik 1936.

3. Der zentrale Fehler dieses Vulgärleninismus liegt in einer falschen Konzeption dessen, was Klassenbewusstsein ist. Möglicherweise dachten Adler und Kautsky, das „richtige“ Klassenbewusstsein bestünde hauptsächlich in der Zustimmung der breiten Proletariermassen zum sozialdemokratischen Programm und fände seine praktische Kulmination am Wahltag in der Stimmabgabe für ihre Partei. Vielleicht hat Lenin 1902 tatsächlich auch noch so gedacht. Später kann man bei ihm ohne Schwierigkeiten einen deutlichen Bruch mit diesem völlig eindimensionalen Denken nachweisen. Unabhängig davon aber ist diese Sicht der Dinge einfach falsch: Entwickeltes politisches Klassenbewußtsein besteht weder in der Unterstützung dieses oder jenes Programms noch in der allgemeinen Übernahme einer „marxistischen Weltanschauung“, sondern in der Fähigkeit, die historisch-materialistische Sichtweise auf die eigenen kollektiven Erfahrungen anzuwenden.

4. Allenfalls kann man Theorie und Programm „von außen“ in die Arbeiterklasse tragen. Das macht aber noch kein Klassenbewußtsein. Hier fehlt immer noch die eigentliche Substanz, die bewußte Erfahrung, die mithilfe der Theorie reflektiert und durchdrungen werden kann und muß, ohne die aber die Theorie nur graue Scholastik und das Programm auf alle Zeit ein phantastisches Weltverbesserungspapier bleiben wird. Ein politisches Programm seinerseits ist vor allem theoretisch durchdrungene Erfahrung, es ist mehr ein Produkt des Klassenkampfes als der Philosophie. Deshalb z. B. sieht das sozialistische Programm nach der Pariser Commune ganz anders aus als vorher. Hineintragen kann man einen Sack Kartoffeln oder eine Kiste Bücher. Aber Bewusstsein? Das geht einfach nicht, weil Bewusstsein immer Funktion von Subjekten ist. Man kann die Bildung von Bewusstsein befördern, indem man bestimmte Ansichten, Erkenntnisse, Theorien „in die Massen“ hineinträgt, aber ein Bewusstsein kann man ihnen nicht verpassen, jedenfalls kein „richtiges“, und das ist auch besser so.

5. Im Kern ist Lenins Parteitheorie keine Antwort auf die Frage, wie man den Arbeitern das „richtige“ Klassenbewußtsein einimpft. Im Kern ist sie eine Revolutionstheorie. Es geht allein um die Frage, wie die Arbeiterklasse in einer kommenden revolutionären Krise die Macht des ancien régimes brechen und durch eine revolutionäre Macht ersetzen kann. Lenin sieht Anfang des 20. Jahrhunderts eine solche schwere gesellschaftliche und Staatskrise als kurzfristig unvermeidlich an, zunächst nur für Rußland, später für die wichtigsten europäischen und asiatischen Länder. Was genau der soziale und politische Inhalt dieser kommenden Revolution sein wird, ist Lenin 1902 noch nicht sehr klar, er wird diese Frage später vertiefen, z. B. in den Aprilthesen und in „Staat und Revolution“. Klar ist aber bereits, und das ist der Kern seiner Parteitheorie, dass eine revolutionäre Krise mit der Restauration oder Rekonsolidierung der alten Klassenherrschaft enden muss, wenn in einem solchen Moment nicht die Mehrheit der natürlichen Vorhut der Arbeiterklasse um ein revolutionäres Programm organisiert ist und dieses von der Mehrheit oder wenigstens der aktiven Minderheit der Klasse als reale Option begriffen wird. Insofern löst sich die Frage der Partei auf in die Frage nach der Verbindung zwischen natürlicher Avantgarde der Arbeiterklasse und marxistischer Intelligenzija. Verbindung, Synthese, Verhältnis – das ist ein Ding mit zwei Seiten und etwas ganz anderes als dieses Subjekt-Objekt-“Hineintragen“ der Vulgärleninisten.

6. Lenins Ausgangspunkt ist die „Aktualität der Revolution“. Dieser Gedanke unterscheidet ihn fundamental nicht nur von den „Revisionisten“ um Bernstein u. a., sondern vor allem vom orthodoxen „marxistischen Zentrum“ um Kautsky – also der Strömung, aus der Lenin selbst kommt und mit der er im Laufe der Entwicklung bricht – genau wie dies übrigens auch, mit teilweise anderen Schwerpunkten Luxemburg, Trotzki, Gramsci und ein bedeutender linker Flügel (Zimmerwald) der Sozialdemokratie tut.
Mit der Entwicklung eines neuen kapitalistischen Stadiums um die Jahrhundertwende steht die proletarische Revolution welthistorisch auf der Tagesordnung. Das heißt zwar nicht, dass man sie jederzeit „vom Zaun brechen“ kann, wohl aber dass in der Tat heute oder morgen revolutionäre Krisen möglich und mittelfristig sogar unvermeidlich sind, und zwar in der gegenwärtigen Epoche, nicht in einer kommenden. Dies ist der zentrale Punkt, an dem auch deutlich wird, dass Lenin und Luxemburg bei allen Differenzen ein und derselben Hauptrichtung des Marxismus angehören.

7. Es ist oft kritisiert worden, dass Luxemburgs politökonomische Versuche kein großer Wurf waren und sie die Notwendigkeit des Aufbaus einer revolutionären Partei im Gegensatz zu Lenin unterschätzte, was die Aussichten des deutschen Proletariats in der Revolution 1918 sicher schmälerte. Nichtsdestotrotz gehören ihre Überlegungen zur Dialektik von Massenstreiks, Partei und Gewerkschaften sowie zum Verhältnis von parlamentarischer und außerparlamentarischer Arbeit in den Werkzeugkasten des revolutionären Marxismus, und es ist sinnlos und mechanistisch, sie Lenins Partei- und Revolutionskonzept entgegenzustellen. Es existiert nicht nur keine Schwierigkeit, diese ineinander zu integrieren, sondern im Gegenteil, sogar die Notwendigkeit, das zu tun. Im Übrigen ist die Frage auch durch die Geschichte der russischen Revolution selbst entschieden, denn was war diese anderes als eine anhaltende Welle von Massenstreiks (verbunden mit Zersetzungserscheinungen in der Armee, Landbesetzungen etc.) die über die Herausbildung von Organen der Doppelmacht schließlich zum Aufstand geführt hat?

8. Gibt man den Gedanken auf, dass zur imperialistischen Epoche des Kapitalismus (im Gegensatz zum 19. Jahrhundert) die „plötzlich“ hereinbrechende schwere gesellschaftliche Krise gehört (mit Massensstreiks, die die politische Herrschaft der Bourgeoisie in objektiv Frage stellen – insofern „revolutionär“) wird die Konzeption einer „leninistischen Avantgardepartei“ zu einem bürokratischen Popanz. Sehr unterschiedliche kommunistische Parteien in verschiedenen Ländern geben dafür ebenso lehrreiche wie abschreckende Beispiele.

9. Lenins Wirken als Theoretiker und revolutionärer Politiker ist selbstverständlich nicht unproblematisch (auch wenn das für die Lenin-Gläubigen ein Sakrileg sein mag). Die Crux dabei ist nicht so sehr, dass es in seinem Werk einige Defizite gibt, die z. T. aus dem Kautskyschen Erbe erklärt werden können: So z. B. seine Unterschätzung der Risiken, die von der Bürokratisierung der Arbeiterorganisationen ausgingen (bis 1914 z. B. der SPD, aber auch nach der Revolution der Sowjetmacht und der Russischen KP). Das eigentliche Problem ist vielmehr, dass er zu oft Formulierungen verwendete, die den zeitgenössischen und mehr noch den späteren Protagonisten von Bürokratisierung und Apparatherrschaft in die Hände spielten. Ganz schlimm etwa: „Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist.“ Mit viel gutem Willen kann man das gut hegelianisch lesen (der Marxismus ist insoweit allmächtig, als er wahr ist). Die naheliegende und allgemein verbreitete Lesart ist das aber nicht. Tatsächlich handelt es sich hier um verkappte Religion, wie auch der (erst nach Lenins Tod eingeführte) Begriff des „Marxismus-Leninismus“ nichts anderes als ein Analogie zum Alten und Neuen Testament ist, die revolutionäre Sozialisten schleunigst aus ihrem Vokabular streichen sollten, sofern sie das noch nicht getan haben.

10. Grundsätzlich plädiere ich dafür, Lenin sanft vom Sockel zu holen, um ihn wieder handhabbar zu machen für die revolutionäre Praxis von heute. Das Problem scheint aber zu sein, dass die Geistesgeschichte im großen Maßstab anders läuft. Wenn man so lange soweit oben auf einem Sockel stand, muß man entweder dort oben bleiben oder man wird gestürzt und in Stücke geschlagen. Irgendwann kommt eine neue Generation und setzt vielleicht nicht die Scherben zusammen (hier im Bild zu bleiben würde mir nicht gefallen), aber findet einen neuen, unverstellten Zugang zu den alten Schriften. Dies könnte noch fünf, zehn oder zwanzig Jahre, aber wohl nicht viel länger dauern. Ein Revival kommunistischer Klassiker wie Lenin, Luxemburg, Gramsci, Trotzki, Lukacs ist durchaus wahrscheinlich, auch wenn sie vorläufig alle noch mit gewissen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Luxemburg und Gramsci sind durch die Sozialdemokratie verwässert, Trotzki teils dämonisiert, teils durch diverse Sekten suspekt gemacht, Lenin liegt einbalsamiert im Mausoleum (nicht nur sein Leichnam, sondern leider auch seine Gedanken) und Lukacs wird meist nur als Wegbereiter eines praxisfernen „westlichen Marxismus“ wahrgenommen. Zugleich aber verdichten sich an der Basis der Gesellschaft Elemente eines spontan sozialistischen Bewusstseins. Es gibt wieder, wenn auch diffuse und (noch) unorganisierte, Mehrheiten für gesellschaftliches Eigentum von Schlüsselsektoren wie Verkehr, Kreditwesen, Energie. Dies ist auch der eigentliche Grund, warum die herrschende Klasse auf jede Verwendung des Reizwortes „Kommunismus“ so bemerkenswert hysterisch reagiert. Nach aller historischer Erfahrung muss man davon ausgehen, dass die seit zwei Jahrzehnten forcierte, neurotische Dämonisierung des Kommunismus nicht mehr lange anhalten kann und der Bourgeoisie und ihrem ideologischen Apparat – gerade auch wegen ihres irrationalen, völlig überzogenen Charakters – schmerzhaft auf die Füße fallen wird. (Jan. 2011)

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