Na endlich? Ein Streit …

… schreibt Freitag-Redakteur Tom Strohschneider heute in seinem Blog Lafontaines Linke über einen publizistischen Schlagabtausch zwischen Michael Prütz und Michael Schilwa von der Sozialistischen Initiative Berlin-Schöneberg und Dr. Thomas Seibert, Vorstandssprecher des Instituts Solidarische Moderne (ISM).

Die Debatte war auf Anregung Strohschneiders zustande gekommen, nachdem Seibert das Schöneberger Papier, das auch den Anstoß für die Diskussion in diesem Blog gegeben hat, mit den Worten kommentiert hatte: „Da sitzen die, die immer da sitzen. Lasst sie sitzen.“

„Seibert ist erkennbar aus auf eine ‚mosaiklinke‘ Arbeitsteilung“, charakterisieren Prütz und Schilwa die Position des „Bewegungsphilosophen“ (Linksparteivizechefin Katja Kipping) in ihrem Beitrag: „Radikale Kapitalismus-Kritik hat durchaus ihre Berechtigung (in der schwersten Legitimationskrise des Kapitalismus seit Jahrzehnten sowieso), ist aber eher was für’s Feuilleton oder die gefühlt 23. Marxismus/Sozialismus/Kommunismus-Konferenz. Richtige ‚Realpolitik‘ machen wir lieber mit Andrea Ypsilanti, Katja Kipping und Sven Giegold.“

Wogegen Seibert setzt: „Eine revolutionäre Organisierung zielt nicht auf Repräsentation, sondern schlägt in den Kämpfen praktisch wie theoretisch eine bestimmte Vorgehensweise vor und richtet sich dabei an die, die dieses besondere Vorgehen zu ihrer eigenen Sache machen wollen.“ Was Prütz und Schilwa wahrscheinlich sogar unterschreiben würden.

Gemeint ist bei Seibert aber am Ende doch etwas anderes: „Gelingen kann so verstandene ‚revolutionäre Einheit‘ nur, wenn die Vielheiten der Erfahrungen und Subjektivitäten, also die Vielheiten der Kämpfe und ihre (bleibend!) unterschiedlichen Logiken so aufeinander bezogen werden, dass keiner der beteiligten Terme (Klasse, gender, race, aber auch Herrschaft, Ausbeutung und Subjektivierung, also Disziplin, Norm, Kontrolle, ‚Mehrheit‘ und ‚Minderheit‘, also Widerspruch der Klassen, Fluchten der ‚Minderheiten‘, Ästhetiken der Existenz, Reform, Revolution, Reformation) die anderen auf Dauer dominiert.“

Nun denn. Wer wie Seibert meint, Herrschaft, Ausbeutung, Klasse – also die Frage, ob ich für mein Geld arbeiten muss oder ob mein Geld für mich ‚arbeitet‘ – seien keine realen gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern „Terme“– also Begriffe, Denkinhalte –, die andere „Terme“ dominieren (was Seibert aber nicht gut findet), der sollte Prütz, Schilwa und „die, die immer da sitzen“, in der Tat sitzen lassen und vor allem selbst am besten da sitzen bleiben, wo er sitzt. Für den Rest dokumentieren wir an dieser Stelle den Beitrag von Prütz und Schilwa. Seiberts Beitrag und die komplette Debatte, inklusive der Moderation von Tom Strohschneider, findet sich hier.

Diversity-Management statt Klassenkampf?

Eine Wortmeldung aus der Traditionalisten-Ecke / Von Michael Prütz und Michael Schilwa (Sozialistische Initiative Berlin-Schöneberg)

Wenn schon der (wahrlich vorsichtige und bescheidene) Versuch, eine Debatte über die Bündelung / (Selbst)organisierung der radikalen Linken in Deutschland anzustoßen und dabei ausgetretenen Pfade zu verlassen (z.B. einen ernsthaften Dialog zwischen „Post-Autonomie“ und „Offenem Marxismus“ wieder zu beleben) beim „Bewegungsphilosophen“ Thomas Seibert zu ganz und gar nicht „diskursiven“, sondern recht rustikalen Reaktionen führt („Da sitzen die, die immer da sitzen. Lasst sie sitzen.“), dann gibt das Anlass zu der Hoffnung, dass wir mit unsere Initiative doch irgendwas richtig gemacht haben.

„Diversity-Management statt Klassenkampf“ – so lautete der Junge Welt-Besprechungstitel über eine Veranstaltung mit Tove Soiland zur „Kritik dekonstruktivistischer Gender-Studys“. „Vielfalts-Management“ – das taugt ganz gut auch zur Beschreibung des Postmodernismus und der Seibert’schen Aktivitäten. Da wird – von „Klasse“ bis „Geschlecht“ – „dekonstruiert“ was das Zeug hält und am Ende haben wir alle unterschiedliche „Identitäten“ statt unterschiedlicher Interessen, was für Freunde „linker Regierungsoptionen“ natürlich praktisch ist, wäre so doch bewiesen, dass der altmodische Klassen- oder Geschlechterkampf ersetzt werden muss durch eine moderne und „abgeklärte“ linke Haltung, die „sich im Plural der Sprachspiele, Diskurse, Interpretationen und Lebensformen zurechtgefunden (hat)“ (Klaus Lederer). Wir halten es da lieber mit Ellen Meiksins Wood: Der Postmodernismus „entwaffnet und zersetzt den Widerstand gegen den Kapitalismus“.

Wir unterstellen Seibert keineswegs alles, was zum Postmodernismus so dazugehört (vom „Ende der großen Erzählungen“ über gegen-aufklärerischen Irrationalismus und den allgegenwärtigen „Differenz-Kult“ bis zu einem gespenstischen Neo-Nietzscheanismus), dafür haben wir viel zu wenig von ihm gelesen. Aber die zentrale Denkfigur im Gründungsaufruf für das von Seibert mit gegründete Institut Solidarische Moderne (ISM), nämlich die Versöhnung von „Industrie-Moderne“ und „Postmoderne“ zur „Solidarischen Moderne“ geht schon analytisch in die oben angesprochene und aus unserer Sicht falsche Richtung: Die alte „Industrie-Linke“ war zuständig für das Materielle (Erkämpfung „breiten Wohlstands“), die neue postmoderne Linke kümmert sich um das Immaterielle (Erkämpfung „individueller Entfaltungsfreiheit und Selbstbestimmung“). Wen das näher interessiert, den verweisen wir auf unser Papier „Crossover-Welle in Postmodernien – auch der Reformismus erfindet sich immer wieder neu“.

„Der dritte Schnitt unter die Oberfläche gilt deshalb dem >Jenseits von Reform und Revolution< selbst. Fasst man dieses in positiver Form, ist es als konfliktives Spiel unterschiedlicher Modi des Politischen zu formalisieren – und zu bejahen: als konfliktives Spiel der Spontaneität, des Kalküls und der Autonomie des Politischen.“ (Thomas Seibert, „Spontaneität, Kalkül und Autonomie. Strategie und Organisationsfragen der Mosaiklinken“) Das ist in seiner gewollten oder ungewollten Unverständlichkeit zunächst mal Herrschaftssprache, eben nicht Aufforderung zur „Selbstermächtigung“, sondern zum Diskurs von „Profi-Philosophen“. Derartigen Ergüssen das Label „Elfenbeinturm“ zu verpassen, wird der Sache aber nicht gerecht. Denn die politischen Ziele des ISM sind weitaus weniger nebulös als etwa Seiberts Versuche „die Krise zu denken“ oder „dem Ereignis aufzulauern“. Seibert ist erkennbar aus auf eine „mosaiklinke“ Arbeitsteilung: Radikale Kapitalismus-Kritik hat durchaus ihre Berechtigung (in der schwersten Legitimationskrise des Kapitalismus seit Jahrzehnten sowieso), ist aber eher was für’s Feuilleton oder die gefühlt 23. Marxismus/Sozialismus/Kommunismus-Konferenz. Richtige „Realpolitik“ machen wir lieber mit Andrea Ypsilanti, Katja Kipping und Sven Giegold. Seibert macht auch gar kein Geheimnis daraus, worum es dem ISM geht. Neben „Debatten“ und „Zivilgesellschaft“ (klar, gehört heute einfach dazu) um „die Herausbildung einer rot-rot-grünen Wahloption“, um „ein Mitte-Links-Regierungsprojekt“ (siehe ak 547).

Was wir gar nicht kritisieren. Uns geht’s um das „Segeln unter falscher Flagge“, wir sind dagegen (links)bürgerliche Regierungen (scheinbar) „bewegungslinks“ zu flankieren. Es spricht doch nichts dagegen, alten (sozialdemokratischen) und neuen (postmodernen) Reformismus zu versöhnen, aber bitte ohne dem Projekt „ein radikales Mäntelchen“ (Florian Wilde in ak 548) umzuhängen.

Zu unserer Initiative: Die Argumentationsweise mancher Debatten-Kontrahenten (wir gehen davon aus, dass auch Seibert dem Gebrauch dieses „Holzhammers“ nicht wird widerstehen können) erinnert uns an einen köstlichen Titanic-Titel: „Buddhismus bizarr – Kohl droht mit Wiedergeburt“. Also für alle noch mal ganz langsam und zum Mitschreiben: Die Wiedergeburt der K-Gruppen/Avantgarde-Gründerzeit steht nicht auf der Tagesordnung! Gegründet wird erstmal gar nichts, uns geht es darum, mit möglichst vielen anderen auszuloten, ob ein (natürlich schlussendlich auch organisatorisches) Angebot für „Kapitalismus-Abschaffer“ (Angebote für „Kapitalismus-Zähmer“ gibt es ja mehr als genug) heute notwendig, nützlich und möglich ist.

Dabei sind wir gar nicht grundsätzlich gegen „Dekonstruktion“. Ein wirklich lohnendes Objekt diesbezüglicher Begierde wäre das deutsche radikal-linke Zirkelwesen, leider eines der widerstandsfähigsten in ganz Europa. Unser (gebetsmühlenartig wiederholtes) Credo für diesen gerade in Gang gekommenen Diskussionsprozess lautet: (ergebnis)offen und zielgerichtet. Bei Kontroversen mit Zeitgenossen wie Thomas Seibert muss die Betonung eindeutig auf „zielgerichtet“ liegen.

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1 Antwort auf „Na endlich? Ein Streit …“


  1. 1 Termine und andere Hinweise (3) « Neue antikapitalistische Organisation? Na endlich! Pingback am 31. Juli 2011 um 11:29 Uhr
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